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Helen schob uns förmlich bei der Türe raus. "Kinder, ich habe noch viel zu tun. Ich hoffe auf eure Erfahrung, dass ihr ordentlich miteinander umgeht. Bekommt euch nicht gegenseitig in die Haare und wenn, dann kommt bitte nicht zu mir, damit ich eure Seelenklempnerin spielen soll. Ihr schafft das schon. Ich vertraue euch. In einer Woche möchte ich euch hier wiedersehen und ein Update erhalten. Okay?"
Noch bevor einer von uns die Möglichkeit bekam, ein Wort an sie zu richten, verschloss sie bereits die Türe hinter uns wieder.

Verwirrt standen wir nun davor und wussten nicht, was wir tun sollen. Wie begossene Pudel, die keinen Plan hatten, wie es weiter gehen soll.
"Tja." Unentschlossen griff sich Lucas an den Hinterkopf. "Das habe ich nicht kommen sehen. Und ich dachte, ich wäre nur aus Informationszwecken hier."
"Mhm" Ich stand ebenfalls noch halb im Schockzustand daneben. "So schnell ändern sich die Dinge. Auf einmal Boom, zack und wir sind Kollegen. Krass."
"Krass?" Belustigt drehte er seinen Kopf zu mir um. "So etwas sagen doch nur alte Leute."
Ich schnaubte entrüstet. "Ey. Das ist überhaupt nicht altmodisch."
"Doch. Krass sagt höchstens meine Oma." Ich blickte ihn skeptisch an.
"Was hast den du für eine junge Oma?"
"Meine Oma ist nicht jung. Sie sagt nur die Wörter ihrer Altersklasse."
"Soll das heißen, ich spreche in der Altersklasse deiner Oma?" Erstaunlicherweise blieb ich völlig ruhig. Ich war nicht aufgekratzt oder verärgert. Eher belustigt.
"Mhm, ja schon."
Ich schnaubte wieder. Mittlerweile waren wir schon ein Stück vom Büro entfernt. Während dem Reden, haben wir begonnen uns Richtung Freizeittrakt zu bewegen.
"Was würdest den du sagen? Wie würdest du die Situation in einem modernen Wort beschreiben?" Wobei ich modern besonders betonte.
Nachdenklich tippte er sich an sein Kinn. Ich musste zugeben, dass dies auf eine verdrehte Weise sexy war.
"Ich würde sagen die Situation ist stringe."
Perplex hob ich die Augenbrauen. "Stringe? Was soll das sein? Das ist nicht einmal ein Wort."
"Striingee", er zog das Wort unnötig lang auseinander. "Es ist eine Mischung aus strange und cringe."
"Noch nie gehört. Wetten du hast es dir eben erst ausgedacht."
Theatralisch griff er sich an die Brust. "Niemals. Wie kannst du nur? Das Wort wurde bei uns sogar Wort des Monats."
"Ach ja?" Irgendwie machte es Spaß sich so mit ihm zu unterhalten. "Und in welcher Kategorie? Dümmster Einfall des Monats?"
"Ich bitte dich. Meine Einfälle sind niemals dumm."
"Also gibst du zu, dass du dir das Wort einfallen hast lassen?"
"Natürlich. Genau deswegen wurde es auch Wort des Monats."
Grinsend schüttelte ich meinen Kopf. "Dein Ego möchte ich haben."
Lucas lachte auf. Wenn er lachte, bekam er wieder seine Grübchen. Schnell blickte ich wieder nach vorne und konzentrierte mich auf die halb vertrocknete Zimmerpflanze im Gang. Ein Traumexemplar. Ich ermahnte mich, mich nicht in ihm zu verlieren. Es würde erstens überhaupt nicht Zustandekommen und zweitens wenn, dann nicht funktionieren können. Und warum zum Teufel überhaupt darüber nach?

"Nein. Mein Ego gebe ich nicht her. Das ist mein persönliches seelisches Eigentum."
"Glaub ich dir." Wenn ich ein so starkes Auftreten vor anderen Menschen hätte, würde ich es auch nicht weggeben. Ich bin gut im Kombinieren und im zielgenauen Treffen, aber sozial gesehen verkrieche ich mich lieber. In diesem Fall hatte Helen recht. Ich wusste, dass ich mehr rausgehen sollte, mich mehr unter die Menge mischen, aber es fühlte sich einfach nicht richtig an. Es fühlte sich richtig an, im Zimmer zu sein mit einer Tasse Tee in der Hand, eingekuschelt auf dem Sofa und sich The Vampire Diaries zum fünften Mal anzuschauen. Das fühlte sich richtig an, aber keine Empfänge, Sitzungen oder Gemeinschaftstrainings.

Aus diesem Grund wunderte es mich, dass ich mit Lucas so frei reden konnte. Normalerweise hab ich immer nur: mhm, ja, nein, kann schon sein gesagt oder gebe mein Kommentar zu dem Thema ab. Es überraschte mich echt. Ich war von mir selbst überrascht. Wieso fiel es mir so leicht mit ihm zu reden? Lag es an seiner Ausstrahlung? Seinem Charakter? Seinem Ego? Von dem Gedanken musste ich kurz auflachen.
"Wieso lachst du? Etwa über mein Ego?" Dramatisch legte er sich eine Hand auf die Brust.
Ich beschloss nicht weiter darüber nachzudenken.
"Hast du schon einmal überlegt Schauspieler zu werden? Ich denke, es würde dir gut liegen."
"Hm. Nein, eigentlich nicht. Aber mir gefällt der Gedanke." Mit seinen Händen malte er einen imaginären Schriftzug in die Luft. "Lucas Konstany, der neue Star in Hollywood. Klingt gut."
"Mhm, ja es hat was. Vielleicht würde ich mir die Filme sogar anschauen."
Er stieß mich mit dem Ellbogen an. "Hey, meine Entdeckerin muss schon zu meinen Filmen kommen. Sonst bin ich beleidigt." Er verzog gespielt beleidigt seinen Mund. Ich lachte auf. Schon wieder. Wie oft hatte ich bereits gelacht in dem Gespräch?
Zweimal? Dreimal? Öfter? Wieso bin ich auf einmal so frei? So offen? Ein Rätsel.

Er war echt akzeptabel.
Er war witzig. Humorvoll.
Vielleicht würde die Zusammenarbeit doch nicht so schlecht werden. Wieso war er mir am Anfang überhaupt so unmöglich vorgekommen?
Richtig, er hatte genervt.

Beim Ausgang des Controlltraktes kamen wir zu stehen. Hier gab es einen Übergang zum Jungstrakt. Der Durchgang sah wie jede andere Türe aus. Schlicht weiß. Allein der dunkelblaue, dünne Rahmen verriet, dass der Gang wie ein Portal in eine andere kleine Welt führte. Der Rahmen flimmerte immer wieder auf, was ihm eine mystische Erscheinung gab. Nur befugte Menschen durften die Türe beschreiten. Allein an gemeinsamen Festen wurden sie für alle geöffnet.

"Tja. Also wie werden wir jetzt weiter vorgehen?" Lucas' Frage riss mich aus meinen Gedanken. Die Hände in die Hosentaschen gesteckt, stand er mir gegenüber.
"Ach ja. Ich werde erstmal mit meinem Team darüber sprechen. Danach würde ich dir schreiben, wann wir unser erstes Training haben. In welcher Schicht seid ihr?"
"Abwechselnd. Am ersten Tag in der ersten Schicht und am zweiten in der dritten." Mir entkam ein Schnauben. "Die haben aber echt an alles gedacht. Sie haben sogar auf unsere Schichten Rücksicht genommen. Wir arbeiten nämlich im selben Schichtrhythmus. Faszinierend."
"Ganz ehrlich, aber das wäre eines der ersten Dinge, auf die ich in ihrem Fall achten würde. Sonst müssten sie die ganzen Schichten neu ausrichten. Das würde nur weitere Komplikationen auslösen. Also ist das eigentlich logisch." Er klang wie ein super toller Schlaumeier.
"Sag mal, bist du immer so siebenmal gescheit?"
"Absolut. Ich teile meinen Mitmenschen gerne meine schlauen Gedanken mit."
"Dann haben dir deine Mitmenschen bestimmt schon erzählt, dass du nervst, oder?"
"Bis jetzt waren alle begeistert von meiner Schlauheit."
"Hmpf. Glaube ich dir nicht."
"Wieso denn?" Er gab sich verwundert.
"Weil das, was du von dir gibst, nervt?"

Hatte ich vorhin nicht gemeint, dass er akzeptabel sei? Okay, ich nahm alles wieder zurück.
Der Typ nervte. Echt.
Egal ob er ein Halbgott war oder ob er ein guter Athena war. Sein Ego konnte wirklich nerven.
"Aah, ich sehe schon." Er grinste und sein Gesicht hellte sich auf. "Du bist eine von der ganz skeptischen Sorte. Aber keine Sorge, spätestens beim Fest bist du meinem Charme erlegen."

Ich merkte, wie ich mich bei seinen Worten anspannte. Seinen Charme erlegen. Das kam sowas von nicht in Frage. Ich zwang mich zu einem schmalen Lächeln.
"Ja, wir werden sehen."
Lucas veränderte seine Haltung.
Er musste meine Angespanntheit mitbekommen haben.
Meine Abweisung ihm gegenüber. Ich ließ meinen Blick bewusst wandern. Bemüht, ihm nicht in die Augen schauen zu müssen. Konzentrierte mich auf die Umgebung. Die weißen Wände. Der glänzende Boden. Die flimmernden Bilder. Das Lachen aus dem Freizeittrakt. Der Geruch von der naheliegenden Bäckerei. Croissants. Knuspriges Brot. Apfelkronen. Erdbeermuffins. Herrlich.

"Hey, Erde an Anabel." Lucas fuchtelte mit den Händen vor meinem Gesicht herum. Ich blinzelte erschrocken.
"Was ist los?"
Lucas grinste. "Du warst wieder mal woanders kleine Träumerin. Ich hätte dich gefragt, wann ich mit einer Nachricht von dir rechnen kann. Damit ich ein wenig Bescheid weiß."
"Äh, ach so." Ich sortierte meine wirren Gedanken. Erdbeermuffins schwebten immer noch zwischen Lucas herum. "Ich werde dir spätestens morgen schreiben." Meine Gedanken wurden wieder klarer. "Und nenn mich nie wieder kleine Träumerin." Das war schon das zweite Mal heute, das ich abdriftete. Und bei beide Male war Lucas in der Nähe. Es machte mir jetzt schon Angst, dass er eine zu große Wirkung auf mich hatte. Wenn das so weiterging, würde er noch zu meiner Schwäche werden. Ich würde nie mehr in einen Einsatz gehen können.
Aber wie machten es dann andere, die zum Beispiel verliebt waren? Gab es hierfür einen Trick, um konzentriert zu bleiben?

Zum Glück war ich weit davon entfernt, in ihn verliebt zu sein. Ich hoffte, dass die Zusammenarbeit mit ihm, das nicht verändern konnte. Weil sonst müsste ich mir in der Bibliothek wahrscheinlich ein Handbuch für verliebte Athena ausborgen. Und das wäre echt peinlich.
"Ja, wir werden sehen." Er wiederholte meine Worte von vorhin. Machte er sich über mich lustig? Wusste er, dass ich irgendwann seinen Charme verfallen müsste? Denn der rational denkende Teil von mir wusste, dass ich bereits Anzeichen des Verliebtseins aufwies. Er sah verdammt gut aus. Und seine Grübchen gaben meinem Gehirn den Rest.

Tief durchatmen, Ana. Konzentrier dich auf den logisch denkenden Teil des Gehirns. Blende einfach den kitschig, verträumten Teil aus.

"Nix, wir werden sehen. Ich bin keine kleine Träumerin, okay?"
"Nix? Wie Nixe?"
"Äh sorry. Ich meinte nichts. Tut mir leid, war ein umgangssprachlicher Ausdruck."
"Ach so." Er legte seine Stirn leicht in Falten. "Von wo kommst du eigentlich?"
Eine nicht mal so unübliche Frage. Hier kam ganz Europa zusammen. Wenn man entweder Deutsch, Englisch oder Französisch sprach, kam man hier allerdings gut zurecht.
"Österreich. Du?"
Mit deutlichem Akzent sprach er: "Nederland".
"Ah, daher also der Akzent. War das gerade niederländisch?"
"Jap. Meine Muttersprache." Aus seiner Stimme hörte man unverkennbar Stolz heraus.

Mir fiel wieder ein, worüber ich mit ihm noch reden wollte.
"Du, also, ich weiß nicht wie ich es am besten sage" Fragend blickten seine braunen Augen mich an. "Aber...?"
"Naja, du weißt schon. Also du musst echt nicht auf dem Fest meinen Aufpasser spielen. Ich komme gut alleine zurecht und ich denke, du würdest bestimmt auch lieber Party machen."
Der Trick dabei ist, wenn man den anderen Menschen zu etwas bewegen will, man muss ihr Unterbewusstsein ansprechen. Bei Lucas war es klar. Er war einfach der typische Typ, der immer auf Party aus ist. Die Hinweise waren ziemlich eindeutig. Erstens: er hatte eine kräftige, laute Stimme. Zweitens: er ging aufrecht und zielgerichtet. Drittens: Statistisch gesehen, gehen zwei Drittel aller Jugendlichen im Alter von 16 bis 21 Jahren mehrmals oder oft aus.
Und die Statistik lügt nie. Das war eine fixe Variable, auf die man sich verlassen konnte.
Auf jeden Fall sagte mir mein Gefühl, dass Lucas unterbewusst einfach nur Party machen will und Spaß haben. Etwas was mit mir an der Seite schwierig sein könnte. Immerhin hatte er ebenfalls gegen Helens Vorschlag protestiert.

Er zuckte nur mit den Schultern. "Ms Grest ist durch die Zusammenführung gewissermaßen jetzt auch meine Chefin. Deshalb werde ich ihre Anweisungen ausführen."
Das konnte nicht sein. Ich dachte fieberhaft nach. Was könnte ihm⁸⁸v wichtig genug sein, dass er nicht bei mir war?
"Außerdem bist du schon mit Isabell verabredet. Mit ihr wird es bestimmt witziger als mit mir."
"Isabell hat mich eingeladen, ja. Aber das bedeutet nicht, das ich immer bei ihr sein muss. Ich kann auch nach 23 Uhr noch Zeit mit ihr verbringen." Zwinkernd fügte er hinzu. "Ich denke, dass wir auch Spaß haben können. Mit mir wird es nie langweilig."
Ich unterdrückte einen Seufzer und zwang mich einem Lächeln.
Gute Miene zum Spiel. Wenn andere Spaß haben konnten, dann konnte ich das aus. Und mit Lucas wird das wohl noch am besten funktionieren. Zudem wollte ich mir nicht noch mal eine Belehrung von Helen über mein nicht vorhandenes Sozialleben anhören müssen.
"Okay, aber ich warne dich, ich hasse Partys."
Er musste meinen skeptischen Blick gemerkt haben. Sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an.
"Hey, alles gut. Es sind nur drei Stunden. Ich wette, du hast bestimmt schon schlimmeres überlebt. Wenn du willst, bin ich einfach nur im Hintergrund und passe auf, dass du nicht abhaust."
Konnte er nicht einfach ein hirnloser BadBoy sein? Warum musste er auch noch nett sein?
"Nein, es passt schon. Es macht mir nichts aus, wenn du im Vordergrund bist."

Er fing wieder an, zu grinsen. "Das habe ich mir schon gedacht. Ich wette, ich werde dich sogar noch zu einem Tanz überreden können."
Die Vorstellung, wie wir eng umschlungen langsam im Takt wiegen, ließ meinem kitschig, verträumten Teil meines Gehirns schon wieder Fantasien ausmalen.
Bevor mein Gehirn zu übermütig wurde, verschob ich den Gedanken schnell und dachte an etwas anderes.
Erdbeermuffins.
Ganz viele Erdbeermuffins.
Fluffiger Teig mit frischen Erdbeeren.

Am besten würde es sein, überhaupt nicht zu tanzen. Dadurch wich man solchen Situationen automatisch aus.
"Mhm, wir werden sehen."
Er fing wieder an zu grinsen.
"Niet Misschien. Komm schon, Anabel. Ein Tanz. Ich werde dich schon noch überreden können, kleine Träumerin."

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Ich schätze ihr wisst schon was jetzt kommt😅

Da die Handlung sich im Grunde nur um Ana und Lucas dreht, stellen sich für mich nur zwei Fragen.
Erstens: -Was sagt ihr zu den Beiden?
Zweitens: -Wie findet ihr dir Unterhaltung?

Danke🥰 und viel Spaß beim Weiterlesen📖

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