11

Zach hatte schon immer seinen eigenen Kopf. Wenn ich gesagt habe: „Mir geht es noch immer nicht so gut, wir sehen uns morgen", hat er prinzipiell: „Beweg deinen süßen Hintern hier her und kuschle mit deiner kranken Freundin", verstanden.

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„Was machst du denn hier?", fragte ich am nächsten Tag gegen vier Uhr nachmittags, als Zach vor meiner Türe stand und mich anlächelte.

„Du hast gesagt, es geht dir nicht gut, aber ich wollte dich sehen." Er nahm mein Gesicht in seine Hände und küsste mich. Sofort überschwemmte mich eine Welle aus Glückseligkeit und vollkommener Ruhe. Zumindest, bis mir einfiel, dass er noch nie in meinem Haus gewesen und meine Geschwister noch nicht kennengelernt hatte. Sie wussten nicht einmal etwas von uns. Außerdem war ich immer noch ziemlich gerädert von der gestrigen Nacht. Ich musste schließlich mit dem Kater und den Schuldgefühlen fertig werden, auch wenn ich mir immer wieder einzureden versuchte, dass ich ihn nicht betrogen hatte.

Das hatte ich auch nicht.

Oder doch?

Mein Schädel!

Nicht zu vergessen, war Beth nach der ganzen Aktion so müde gewesen, dass sie vergessen hatte ihre Kontaktlinsen zu entfernen. Meine Augen hatten wie Feuer gebrannt, als ich heute Morgen aufgewacht war, und sie waren rot und trocken gewesen. Nachdem ich mir einen gefühlten Liter Augentropfen auf meine geschundene Hornhaut geträufelt hatte, hatte ich mir von Beth Anweisungen zum Entfernen der Dinger geben lassen. Ich hatte es noch nie gemacht, und hatte mit den Kontaktlinsen auch nicht sonderlich viel sehen können, also hatte es gute dreißig Minuten gedauert, bis ich sie endlich beide heraus gehabt hatte.

Es wäre wirklich unhöflich gewesen, Zach wieder nach Hause zu schicken. Und wenn ich ehrlich war, hätte ich das auch gar nicht gewollt.

„Wie geht es dir?", fragte er sanft.

„Kopfschmerzen. Und mir ist schlecht", lächelte ich matt, schüttelte den Kopf und umarmte ihn. Er drückte mich an sich und hob mich dabei ein Stück vom Boden. Natürlich hatte er keine Ahnung, dass ich gestern fort gewesen war. Dass Beth meinen Körper nach draußen gezwungen, zum Sex benutzt und erst um fünf wieder in den Bus geschleppt hatte. Also schob Zach meinen Zustand auf das Wetter.

„Komm rein", forderte ich ihn auf, als er mich wieder losgelassen hatte und schloss die Türe hinter ihm. Er sah sich neugierig in dem offenen Bereich um. Links war die geräumige Küche, und die Treppe, die in den zweiten Stock führte. Rechts lag das Wohnzimmer mit offenem Kamin, einer großen Couch und dem Fernseher. Es war nicht Zach-Luxus, aber für vier Leute trotzdem komfortabel. Früher waren wir immerhin zu sechst gewesen.

Jed saß an der Kücheninsel vor seinen Spagetti und starrte uns mit offenem Mund an, als ich Zach zu meinem Zimmer führen wollte. „Whow", staunte er mit großen Augen. „Du datest Zachary Parsons?" Er starrte meinen Freund an. „Kannst du mir tausend Dollar leihen?" Zach lachte auf, aber ich fand es nicht witzig.

„Nein, kann er nicht, denn die würde er nie wieder sehen", knurrte ich.

„Aber sind wir jetzt nicht Familie?", fragte Jed.

„Wenn du anfängst, dich wie mein Bruder zu verhalten, können wir drüber reden." Ich schob Zach die Treppen nach oben in mein Zimmer und zog ihn zu meinem Bett. Wenn er schon hier war, dann konnte er sich auch als Kuschelbär betätigen.

„Wenn wir bei mir wären, würde ich dir Hühnersuppe kochen", behauptete er und breitete die Decke über uns aus.

„Stimmt gar nicht." Ich kuschelte mich an seine Brust. „Du würdest deiner Köchin sagen, sie soll Hühnersuppe kochen."

„Ja, aber ich würde sie dir auf mein Zimmer bringen, ist das nichts?"

Ich lachte. „Doch." Aber mir war nicht danach, mich in sein teures Auto zu setzen und in seine superteure Villa kutschieren und verwöhnen zu lassen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich das verdient hatte.

„Weißt du, was ich richtig schade finde?", fragte er und streichelte meinen Arm in gleichmäßigen Bewegungen.

„Hm?"

„Dass wir uns nicht früher kennengelernt haben."

„Gott, ich kotz gleich", meinte Beth.

„Ich auch, aber wegen dem Alkohol, den du mir eingeflößt hast!" Ich sah zu Zach auf. „Warum?"

„Weil ich verdammt gerne deine Begleitung auf dem Abschlussball gewesen wäre." Er drückte mir einen Kuss auf die Stirn.

„Ich meins ernst, ich kotz gleich."

„Ruhe auf den billigen Plätzen!"

Ich kletterte auf Zach und umschloss sanft mit meinen Händen sein Gesicht. „Erzähl mir von unserem Abschlussball."

Meiner war nämlich scheiße gewesen. Unter anderem, weil Beth diesen Abend erleben durfte.

Ich hatte kein Date gehabt, aber das war nicht nötig gewesen. Beth hätte überall jemanden gefunden. Ich hatte schon ein Kleid gehabt. Ein hübsches, unauffälliges, dunkelblaues Kleid. Aber Beth war nochmal in die Stadt gefahren und hatte ein Knallrotes mit tiefem Ausschnitt gekauft und war in meinen schwarzen High-Heels auf dem Ball herumstolziert, als wäre sie die Ballkönigin gewesen. Sie hatte sich Sam, einen der Eishockeyspieler, geangelt und mit ihm im Geräteraum der Sporthalle geschlafen.

Da hatte sie uns die Syphilis eingehandelt.

Zach strich mir meine Haare aus dem Gesicht und küsste mich, bevor er die Frage beantwortete. „Naja, als erstes hätte ich dich von der Schule abgeholt und wäre mit einem riesigen Rosenstrauß vor dir niedergekniet, um dich zu fragen, ob du mit mir auf den Ball gehen willst."

Ich verzog das Gesicht. „Jetzt bin ich froh, dass wir uns nicht schon vor einem Jahr getroffen haben."

„Magst du keine Blumen?"

„Ich liebe Blumen", stellte ich klar. „Aber ich liebe Blumen nicht, wenn sie von einem Kerl kommen, der ohnehin schon mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht als ein Dinosaurier auf dem Timesquare! Ich wäre von jedem auf dem Schulhof angestarrt worden."

Er zog amüsiert die Augenbrauen zusammen. „Hab ich was verpasst? Ich dachte, Mädchen mögen Aufmerksamkeit."

„Manche Mädchen." Ich nickte. Schon immer hatte ich es gehasst, im Mittelpunkt zu stehen. Auch, wenn ich nur in der Klasse aufgerufen worden war, hatte ich zu stottern begonnen und mich unwohl gefühlt. Irgendwann hatte Beth aufgehört, wie ich zu agieren und ihre Seite ab und zu raushängen lassen. Die einen Schüler hatten sie geliebt, die anderen hatten sie gehasst. Es hatte keine Grauzone gegeben.

Aber aus irgendeinem Grund hatte mir das ein bisschen mehr Selbstbewusstsein gegeben, besonders, weil Beth mit den heißesten Typen meiner Schule geschlafen hatte und alle geglaubt hatten, dass ich es gewesen war. Ich, die graue Stottermaus. Das hatte jeden recht irritiert zurückgelassen. Meine Geschwister hatten davon zum Glück nie etwas mitbekommen, denn Owen hatte bereits seinen Abschluss gehabt, Brielle war auf eine andere Schule gegangen und Jed war zu jung gewesen, um das Gerede der Oberstufenschüler mitzubekommen.

Mittlerweile hätte ich mich nicht mehr unbedingt als schüchtern bezeichnet, sondern eher als zurückhaltend.

Beth bezeichnete mich immer noch als langweilig.

„Ich will nur Aufmerksamkeit von dir, das reicht mir vollkommen", lächelte ich sanft.

„Ich flehe dich an!", stöhnte Beth. „Hör. Auf."

Zach lachte. „Also, wenn ich einzig und allein wegen meines Namens angestarrt werde, ist es nur fair, wenn ich mit einem Blumenstrauß vor dir auf die Knie falle und mein Schicksal mit dir teile."

„Nein, das sehe ich überhaupt nicht so! Aber springen wir zum eigentlichen Abend vor."

„Ich hätte dich von zu Hause abgeholt. Welche Farbe hatte dein Kleid?"

„Rot."

„Meine Lieblingsfarbe", bemerkte er und lächelte. „Dann hätte ich eine rote Fliege getragen. Du wärst die Treppen von der Veranda heruntergekommen und mir wäre die Luft weggeblieben. Dann hätten wir uns in mein Auto gesetzt. Ich hätte einen Fahrer organisiert, damit wir auf der Rückbank rummachen können."

„Das klingt nach einem Plan, den ich unterstütze", schaltete sich Beth ein, aber ich ignorierte sie.

„Am Ball hätten wir die komplette Aufmerksamkeit auf uns gezogen, weil wir das hinreißendste Paar der Stadt sind. Wir hätten Fotos schießen lassen. Wir hätten zu jedem Song getanzt. Und am Ende des Abends wären wir zum Ballkönig und zur Ballkönigin gekrönt worden." Er küsste mich wieder.

Für manche mag die Vorstellung eines solchen Abschlussballs kitschig sein, aber ich liebte sie. Vielleicht auch deshalb, weil ich nie etwas mit Romantik am Hut gehabt und diese vollkommene Neuheit ihren Reiz hatte. Und, weil meine Schulzeit seit knappen zwei Jahren vorbei war und ich sie mir irgendwie zurück wünschte. Ich war kein Teenager mehr. Es war Zeit, erwachsen zu werden und dafür war ich nicht bereit. Aber daran wollte ich nicht denken. Ich hatte einen Job, ein Dach über dem Kopf und einen tollen Freund. Mehr brauchte ich momentan nicht.

„Und dann wären wir zu dir nach Hause gefahren", hauchte ich lächelnd gegen seine Lippen.

„Wären wir."

„Und was hätten wir dort gemacht?"

„Ich hätte dich hochgehoben, wie das erste Mal, als du bei mir warst", raunte er und strich mit seinen Lippen zart über meine.

„Naja, eigentlich hat er mich hochgehoben", bemerkte Beth und zerstörte das aufgeregte Kribbeln in meinem Bauch.

„Okay, wenn du nicht sofort die Klappe hältst, leg ich mir einen Keuschheitsgürtel um und spüle den Schlüssel das Klo runter, das schwöre ich dir!" Jetzt hielt sie die Klappe, und ich gab mir Mühe, mit meinen Gedanken wieder bei Zach zu landen.

„Und dann?", flüsterte ich. Er streichelte über meine Wange.

„Dann hätte ich dich geliebt", entgegnete er, bevor er seine Lippen wieder auf meine legte.

Es wäre perfekt gewesen, in diesem Moment mit ihm zu schlafen, oder? Es hätte auf jeden Fall in das bestehende Klischee unserer kitschigen Geschichte gepasst, und ich hatte es wirklich gewollt.

Aber in dem Moment wurde die Türe zu meinem Zimmer aufgerissen. 

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