10
Es hat keine zwei Wochen gedauert, bis wir zusammen gekommen sind. Und obwohl ich mir immer geschworen habe, niemals jemanden so nah an mich ranzulassen, hat mir die Liebe den Kopf verdreht. Ich habe Zach nur ansehen müssen, um zu wissen, dass ich ihn nicht mehr verlieren wollte. Um zu wissen, dass das, was wir hatten, absolut richtig und einfach nur wunderschön war.
Den kompletten Sommer über haben wir jede freie Minute zusammen verbracht, wenn ich aufgewacht bin und nicht Beth, versteht sich. Wenn sein Vater nicht zu Hause gewesen ist, haben Zach und ich uns nicht von dort wegbewegt. Manchmal war sein Vater eine Woche nicht da. Dann habe ich mich nach meinen Schichten im Biscotti&Cie am Pool im Garten gesonnt und darauf gewartet, dass Zach nach Hause kam.
Mr. Parsons wusste zwar recht bald davon, dass Zach und ich zusammen waren, aber er hat wohl nur noch versucht, mich hinter meinem Rücken schlecht zu machen und es mir nicht mehr ins Gesicht gesagt.
Meine Geschwister hingegen wussten nicht, dass wir ein Paar waren, und ich habe auch keinerlei Intentionen gehabt, das zu ändern. Sie fragten zwar immer mal wieder nach, warum ich kaum noch zu Hause war, aber ich tat diese Fragen immer mit einem Schulterzucken ab.
Nur musste ich ein verdammt großes Geheimnis vor Zach verstecken.
Beth und ihr Leben.
-
„Dir ist klar, dass ich einen Freund habe, oder?", fragte ich an einem herbstlichen Samstagabend, an dem sie unbedingt fortgehen wollte und sich bereits das silberne Top und den schwarzen Minirock angezogen hatte.
„Tja, und ich hab nicht einen, sondern mehrere", entgegnete Beth und trug einen knallroten Lippenstift auf. „Wir hatten eine Abmachung. Ich halte mich aus deinem Liebesleben raus und du dich aus meinem."
„Also, meinen Körper für dein Liebesleben zu verwenden ist ja wohl weit entfernt von aus dem Leben raushalten!", blaffte ich. „Und Zach und ich haben noch nicht miteinander geschlafen, also kann von Liebesleben auch nicht wirklich die Rede sein."
Beth nickte. „Ich weiß, ich bin jedes Mal dabei, wenn ihr euch seht."
Der Grund für unser enthaltsames Leben war jedoch nicht der, dass ich nicht gewollt hätte, oder nicht bereit dazu gewesen wäre. Nein, der Grund war, dass ich nicht glaubte, seine Erwartungen erfüllen zu können. Die Erwartungen, die Beth bereits gelegt hatte. Zach hatte mich auch schon gefragt, was mit mir los war und warum ich ihn immer abwies, wenn wir kurz davor waren, miteinander zu schlafen. Einmal hatte ich es auf meine Tage schieben können. Einmal hatte ich Kopfschmerzen vorgeschoben. Er glaubte vermutlich immer noch, dass ich nicht nur ein Sexobjekt für ihn sein und das mit Sexentzug demonstrieren wollte.
Alles war besser als die Wahrheit und solange er es akzeptierte, hatten wir kein Problem.
Aber jedes Mal wünschte ich, ihm genau diese Wahrheit sagen zu können. Wenn ich einen Moment ungeschehen machen könnte, wäre es der Sex zwischen Beth und ihm gewesen. Er war heiß, wild, verlangend und ein bisschen zu versaut für meinen Geschmack gewesen. Und so war ich nicht. Ich musste keinen Sex gehabt haben, um zu wissen, dass ich so nicht war.
Vielleicht würde ich es irgendwann werden.
„Kannst du bitte nicht mit irgendwelchen Typen rummachen?", bat ich Beth.
Sie seufzte tief. „Hör zu. Ich hab deinetwegen schon Sebastian abgeschoben. Mir fehlt der Sex. Und wenn du nicht bereit bist mit Mr. Perfect zu schlafen, dann machen wir es eben so rum."
„Ich will aber nicht, dass er es rausfindet", murmelte ich. Ich fand zwar nicht, dass ich Zach betrog, wenn es Beth war, die mit jemandem rummachte, aber die Schuldgefühle würden mich trotzdem ersticken, weil es mein Körper war.
„Wird er schon nicht. Die Clubs liegen alle außerhalb der Stadt, da kennen die Leute nur mich. Beth. Nicht Anna. Mach dich locker. Er wird es nie erfahren. Und du betrügst ihn ja nicht."
Trotzdem fühlte ich mich alles andere als wohl, als Beth an diesem Abend das Haus verließ. Sie hatte Zach geschrieben, dass ich mich nicht gut fühlte. Er hatte gefragt, ob er vorbeikommen sollte, aber sie hatte abgelehnt. Mittlerweile war es fast elf, und die Wahrscheinlichkeit, dass er jetzt noch nach mir sehen würde, war gering.
Sie setzte sich in einen praktisch leeren Bus und wir fuhren knapp eine Stunde, bis wir aus der Stadt draußen waren. Ich mochte es nicht, nachts herumzuwandern. Es war unheimlich. Aber Beth machte es nichts aus, auch nicht, wenn sie wie eine Nutte angezogen war. Beth hatte nie Angst, denn sie wusste sich zu wehren.
Sie ging durch ein paar Seitenstraßen und kam schließlich an einem Club an, in dem wir schon einige Male gewesen waren. Sie musste dem Türsteher nicht einmal mehr meinen Ausweis zeigen.
Drinnen war es stickig und die Musik vermischte sich mit dem Stimmengewirr. Es roch nach Alkohol, Zigarettenrauch und Erbrochenem. Noch nie hatte ich verstanden, was Beth daran gefiel, aber es machte ihr gute Laune, und ich wollte mich nicht in ihr Leben einmischen. Solange sie nicht rauchte und meine Lungen verschandelte, konnte sie gerne meine Leber missbrauchen.
Sie drängte sich zwischen den Menschen mit ihren Gläsern hindurch und kam an dem Tisch an, an dem sie und ihre Freunde üblicherweise abhingen. Zur Begrüßung schob Jaspar ihr erst einmal fünf Shots hin, die sie alle nach einander runterkippte als sei es Wasser.
Ich hätte das nie gekonnt.
Dann beschlossen sie, dass sie eine Runde Big King's Cup spielen wollten. Michelle hatte ihr Kartendeck dabei. Alex holte ein Glas von der Bar und stellte es in die Mitte des großen Holztisches. Zwei lösten sich von der Gruppe und kamen nach etwa fünf Minuten mit bestimmt fünfzig Shots zurück. Normalerweise waren wir nur zu acht, aber Alex hatte ihren Freund mitgebracht, also setzte Beth sich auf Jaspars Schoß, der seine Arme um meine Taille schlang.
„Ich fang an!", rief Beth und zog eine Karte vom Stapel. Sie drehte die Karte um, damit die anderen sie sehen konnten. „Kreuzdame. Cheers, Mädels!" Sie und die anderen Mädchen am Tisch stürzten einen Shot hinunter. Jaspar zog ein Herzass, woraufhin alle trinken mussten. Auf Alexes Karte war ein Pikkönig, und sie goss Whisky aus ihrem Glas in das in der Mitte.
Die Gespräche waren recht wirr und ich konnte keinem so recht folgen. Alexes Freund hielt einen Herzkönig hoch, und goss einen Schluck Scotch zu dem Whisky dazu.
Michelle zog eine Herzsieben und musste selbst trinken.
Knapp eine Stunde spielten sie, bis das Glas in der Mitte genauso voll war, wie seine Spieler und von Chris getrunken werden musste. Danach waren alle betrunken genug, dass es sie auf die Tanzfläche zog. Nur Beth blieb mit Jaspar und Chris am Tisch zurück, aber Chris bekam gar nichts mehr mit. Er lag mit geschlossenen Augen gegen den Jackenhaufen gelehnt und würde es vermutlich nicht mehr alleine nach Hause schaffen.
„Kannst du nicht auch tanzen gehen?", fragte ich Beth.
„Unsere Abmachung", erinnerte sie. „Mein Leben." Jaspar streifte meine Haare zur Seite und begann, meinen Nacken und meine nackte Schulter zu küssen.
„Ich will Zach nicht betrügen!"
„Tust du nicht, wie oft noch?" Beth rollte mit den Augen. „Ich bin ich. Und du bist du. Du betrügst ihn nicht, nur weil wir im selben Körper stecken."
„Doch, irgendwie schon!"
Aber sie ignorierte mich. Sie drehte sich zu Jaspar und küsste ihn. Er schmeckte nach Alkohol und Zigaretten und ich fand es unfassbar ekelhaft und wünschte, ich hätte es irgendwie ausblenden können. Der Kuss war nicht annähernd so schön für mich, wie wenn Zach mich küsste. Es widerte mich an.
Beth hatte sich in den letzten Wochen wirklich zurückgehalten und mir meine Zeit mit Zach gegeben. Sie hatte sogar Sebastian abgeschoben, wofür ich ihr wirklich dankbar war.
Aber das hier war einfach nicht okay.
Nur leider ignorierte sie meine Proteste gekonnt, rutschte von Jaspars Schoß und zog ihn an der Hand zu den Toiletten. Anders als in den meisten Clubs, in die Beth mich ab und an schleppte, waren die Toiletten hier beinahe sauber. Keiner war da und Beth und Jaspar waren schon immer risikobereit gewesen.
Er hob sie auf die Ablage neben den Waschbecken und schlang sich ihre Beine um die Hüften, bevor er ihr wieder die Zunge den Rachen hinunterdrückte.
Beth hatte schon Dinge mit meinem Körper machen lassen, die ich niemals getan hätte, aber es war nicht unbedingt schlecht gewesen. Aber das hier -der Club-Toiletten-Fick mit Jaspar- der war schlecht und falsch, und ich wusste, dass ich Beth diese Nummer nicht verzeihen würde.
Er zog sie vor bis zur Kante der Ablage und schob ihren Tanga hinunter. Sie öffnete seinen Gürtel und zog ihm eilig die Hose runter.
„Kondom!", erinnerte ich Beth entnervt.
„Sei keine Spaßbremse!", entgegnete sie und drückte sich ihm entgegen. Ihr Stöhnen ging im Bass der Musik unter. Sie klammerte sich abwechselnd an der Wand neben sich, der Ablage, auf der ihr nackter Hintern saß und Jaspars Schultern fest. Ich war überrascht, dass er, so betrunken wie er war, überhaupt einen hochbekommen hatte.
Gegen Ende des Akts wollte ein Mädchen die Toiletten benutzen, flüchtete aber mit hochrotem Kopf sofort wieder, als sie sah, was Beth und Jaspar da trieben.
Beth lachte und stöhnte gleichzeitig in sein Ohr.
-
Diese Nacht habe ich Beth immer noch nicht verziehen. Sie ist zwar zufrieden nach Hause gefahren und hat gemeint, dass dieses kleine Abenteuer für ein oder zwei Wochen vorrätig dienen würde, aber ich habe mich am nächsten Tag nicht mit Zach treffen wollen, weil ich es nie fertig gebracht hätte, ihm in die Augen zu schauen.
Aber kann ich mich für etwas schuldig fühlen, das ich nie getan habe?
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top