24.

Als ich am Montag in die Schule gehe, fühle ich mich unwohl. Das gesamte Wochenende über habe ich wieder nichts von Faith gehört und meine Nachrichten hat sie unbeantwortet gelassen. Jeder einzelne blaue Hacken hat mir einen weiteren Stich in mein Herz versetzt, jedoch habe ich mich irgendwann zwischen Weinen und Süßigkeiten essen dazu entschlossen, ihr erstmal etwas Zeit und Raum zu lassen. Immerhin hat sie an dem Abend auch eine wirklich gemeine Abfuhr erhalten und ich habe versucht, mich in sie hineinzuversetzen und mir eingestanden, dass ich vermutlich auch so verletzt gewesen wäre und nicht mit mir geredet hätte, wenn ich sie wäre.

Also habe ich die zwei Tage so gut es ging mit Lernen verbracht, das Konzentrieren hat jedoch nicht so geklappt wie ich es gerne wollte. Neben meinen Gedanken über Faith kamen dann noch die Gedanken über meine schlechten Noten und die anstehenden Prüfungen dazu und plötzlich wurde mir eins klar - ich versage, und das maßlos. Zu Beginn des Schuljahres war mir nicht klar, dass mein letzter Jahr so laufen würde.

Ich schlurfe den Schulflur entlang zu meinem Spind, stets dabei bedacht nach Faith Ausschau zu halten, während meine Mitschüler sich lachend um mich herum unterhalten und ihre Unterrichtsmaterialien holen. Als mein Kopf in meinem Spind steckt, um nach meinem Englischbuch zu suchen, tippt mir jemand auf die Schulter. Ich drehe mich um und blicke auf meinen Peiniger.

„Hallo", sagt Riley und schenkt mir dabei ein kleines Lächeln. Ich merke, wie ich leicht erröte, da ich ihm nicht mehr auf seine Nachrichten geantwortet habe. „Was willst du?", frage ich kraftlos und bemühe mich nicht mal dabei freundlich zu klingen. Ich hätte einfach gerne wieder einen einzigen Tag ohne Riley und das Drama um ihn herum.

„Wie geht es dir? Hattest du ein schönes Wochenende?", fragt er nun und bringt mich dabei völlig aus meiner Fassung. Verwirrt sehe ich ihn an, während ich meinen Spind zuknalle. „Komm schon, Riley. Als ob du gekommen bist um mit mir Smalltalk zu führen."

Er lacht leise und streicht sich nervös eine Strähne aus dem Gesicht. „Da hast du Recht. Eigentlich finde ich Smalltalk wirklich beschissen, aber ich wusste nicht, wie ich sonst das Gespräch beginnen soll. Eigentlich wollte ich dir nur zeigen, dass ich es wirklich Ernst meine", sagt er und schaut mich gespannt an. Ich muss zugeben, wäre ich ein normaler Teenager, der gerade von einem normalen Kerl angesprochen wird, dann wäre das jetzt ein wirklich süßer Moment gewesen. Aber ich bin weder normal, noch stecke ich in einer normalen Situation und das vor mir ist auch kein normaler Kerl, sondern immer noch Riley.

Sprachlos schultere ich meinen Rucksack und laufe los, ohne sein Gesagtes zu kommentieren. Mir fehlt die Kraft dazu, mit ihm zu diskutieren.

„Weglaufen bringt nichts, Ava. Ich werde dir nachlaufen. Bis zum Klassenzimmer. Und dann werde ich neben dir Platz nehmen, und das für ganze sechs Stunden. Schon vergessen?", schelmisch grinst er mich an, während er neben mir herläuft und sich nicht mal dabei Mühe geben muss, bei meinem Tempo mitzuhalten. Meine Frustrationstoleranz wurde in dieser Sekunde überschritten und während ich schnellen Schrittes zu meinem Klassenraum laufe, bin ich so überfordert, dass ich am liebsten heulen würde.

Und als hätte der Tag nicht bereits schlimm begonnen, sehe ich in meinem Blickfeld einen blonden, kurzen Bob vorbeilaufen. Der Blick, den Faith erst mir und dann Riley zuwirft, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren und ich bleibe ruckartig stehen. Ich würde am liebsten zu ihr hinrennen, ihr erklären, dass ich überhaupt nichts dafür kann, dass Riley gerade neben mir steht und mich bei ihr dafür entschuldigen, dass ich so eine schlechte Freundin war. Aber genauso schnell, wie sie an mir vorbeigelaufen ist, ist sie auch wieder weg. Mein Herz pocht, denn das sie mich komplett ignoriert ist noch nie vorgekommen. Genau genommen hatten wir auch noch nie Streit. Die Situation, in der ich mich befinde, ist für mich komplett neu und während ich auf dem Schulflur stehe und meine Klassenkameraden sich an mir vorbeiquetschen, schiessen mir die Tränen ins Auge. Riley schaut mich mit einem mitleidigen Blick an.

„Mach dir nichts draus", sagt er ruhig und bringt mich damit endgültig auf die Palme.

„Mach dir nichts draus?", frage ich wütend und gehe einen Schritt auf ihn zu. „Ich habe Streit mit meiner besten Freundin und das wegen dir. Weil du sie seit Beginn des Schuljahres völlig daneben behandelst. Und um dem Ganzen noch das Sahnehäubchen aufzusetzen, gehst du mir auf die Nerven um ihr eins auszuwischen. Seitdem ich dich kenne, habe ich nichts als Drama in meinem Leben. Bitte, lass mich doch endlich in Ruhe. Du ziehst mich ständig in diesen Mist mit rein und ich werde die ganze Zeit dafür beschuldigt, obwohl ich es dir doch schon mehrfach gesagt habe. Ich kann dich nicht mal leiden und werde für das Gegenteil beschuldigt, das ist nicht fair", bricht es aus mir heraus, während ich einen Schritt auf ihn zugehe und in einer Lautstärke spreche, dass meine Worte auf dem mittlerweile leeren Flur hallen.

Er legt den Kopf schief und mustert mich kritisch. „Du kannst mich nicht leiden?", wiederholt er meine Worte fragend und ich nicke energisch.

„Ich mag dich nicht, Riley. Um genau zu sein hasse ich Typen wie dich! Deine arrogante Art, dein dämliches siegessicheres Grinsen. Du bist nicht so toll, wie du das von dir denkst oder wie es Andere behaupten. Ich weiß wirklich nicht, wieso Faith so besessen von dir ist. Mir fällt keine einzige Sache an dir auf, die ich mag", antworte ich wütend und merke, wie mir eine Träne über das Gesicht fließt. In mir liegt eine Wut und eine Trauer, die ich nicht mal in Worte fassen kann.

Er blinzelt ein paar Mal verwirrt, bevor er tief Luft holt. „Okay", sagt er, dreht sich um und geht einfach. Er geht den leeren Flur entlang zum Ausgang und plötzlich stehe ich alleine da, als ich den Klang des Schließens der breiten Tür höre und mich schlagartig noch einsamer fühle als davor.

Wütend wische ich mir die Tränen aus dem Gesicht und hole mehrmals tief Luft. Es ist mir noch nie passiert, dass ich jemanden so angegangen bin und in dem Moment, indem er die Schule verlässt, spüre ich einen kleinen Stich im Herzen und bereue sofort, was ich gesagt habe. Denn wenn ich so darüber nachdenke, dann stimmt es garnicht, dass Riley arrogant ist. Im Gegenteil, er ist oft sehr zuvorkommend und höflich, bringt mich zum Lachen, lässt mich seine Klausur abschreiben. Wenn mein Kugelschreiber während dem Abschrieben der Hausaufgaben wieder mal den Geist aufgibt, reicht er mir sofort wortlos seinen und wenn ich im Unterricht vor mich hin träume, stupst er mich immer an wenn der Lehrer meinen Namen aufruft. Sein siegessicheres Lächeln hat er sich verdient, denn neben den guten Noten, die er kassiert, beantwortet er meine dämlichsten Fragen ohne zu Zögern so, dass ich es auch verstehe. Eigentlich ist er wirklich ein toller Sitznachbar und so kam es, dass ich alleine im Flur stehend mit einem von Tränen verschmierten Gesicht nachdenke und mir zum ersten Mal eingestehe, dass ich Riley Carter vielleicht doch ein bisschen mag.

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