ich bleibe
eigentlich will ich ohne dich nirgends hingehen

📍Köln
FLORIAN
Vor meiner Haustür steht ein elendig aussehender Jamal. Seine Augen sind total rot und angeschwollen, als würde er seit Stunden weinen. Er sieht kleiner und verletzlicher aus als nach der letzten Europameisterschaft. Sein Körper ist in einem viel zu großen Hoodie eingepackt, als würde er darin flüchten wollen, seine Hände tief in seinen Hosentaschen vergraben.
„Alles okay?", frage ich sichtlich schockiert. „Was machst du hier? Müsstest du nicht beim Training sein? In München?"
„Du willst wechseln?", ist das Erste, was schniefend aus seinem Mund kommt. Auf meine Frage bekomme ich keine Antwort.
„Ich – hä?" Mit verschränkten Armen lehne ich mich gegen den Türrahmen. Als würde mein Körper bereits wissen, wo dieses Gespräch hinführen wird und mich schützen will.
„Du gehst." Er fährt sich mit dem Handballen über die Augen, stellt sich aufrechter hin. „Die ganzen Schlagzeilen über deine Zukunft, dass du schon weißt, dass du Leverkusen verlässt und mit Xabi nach Madrid gehst. Warum hast du mir nichts gesagt?"
Ich atme tief durch. Lasse meine Arme wie Säcke an mir fallen. „Komm rein." Dann trete ich einen Schritt zur Seite. Ich könnte fragen, warum er deswegen weint, da es recht normal ist, dass erfolgreiche Spieler früher oder später ins Ausland gehen. Aber etwas in mir kennt die Antwort bereits. Und will sie nicht hören. Will nicht, dass Jamal es ausspricht, weil es dann Realität wird.
Jamal geht vorsichtig an mir vorbei in die Küche, ohne mich anzugucken. Sein Blick ist starr auf den Boden gerichtet. Wir stehen uns zwar gegenüber – aber die Kücheninsel trennt uns. Die Stille ist laut.
„Jamal, ich gehe nicht." Meine Stimme zittert. „Weder zu Real noch zu ManCity oder sonst wohin."
Zum ersten Mal an diesem Abend schaut er mich an. Richtig an. Seine großen glasigen Augen treffen direkt auf meine. Hoffnung liegt in ihnen. „Nicht?"
„Nein", erwidere ich fest. „Ich bleibe in Leverkusen."
Ich sehe an Jamals Reaktion, dass gleich etwas passieren wird. Etwas, das vielleicht alles verändern wird. Und da trifft es mich mit voller Wucht, was sich die ganze Zeit angedeutet hat: das hier ist kein Gespräch zwischen zwei besten Freunden mehr. Ich wollte nie, dass es so weit kommt.
Sein Blick bleibt weiter an mir haften, aber diesmal weicher. Offener. „Weißt du – ich – ich hab meinen Vertrag bei Bayern nicht nur verlängert, weil ich mich dort so wohl fühle. Sondern auch, weil ich gehofft hab, dass du ebenfalls bleibst." Seine Stimme ist kaum lauter als das Summen des Kühlschranks.
Ich hebe meine Augenbrauen. So gefühlvoll und ehrlich kenne ich in gar nicht. Aber irgendwie... macht es was mit mir. Und wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, war Jamal ein sehr großer Grund, nicht mit nach Madrid zu kommen, sondern in der Bundesliga zu bleiben. Ich würde die Spiele gegeneinander und vor allem ihn vermissen. Ich hab es nur nicht gemerkt. Oder nicht merken wollen.
Also antworte ich so ehrlich wie noch nie: „Die Wahrheit ist: ich wollte mit Xabi gehen, weil wir wirklich gut harmonieren und ich unter ihm zu dem geworden bin, der ich jetzt bin. Er hat immer an mich geglaubt und mich gefördert. Aber in Spanien gibt es keinen Jamal."
Seine Augen werden größer. „Das heißt –"
„Das heißt, ich werde niemals ohne dich ins Ausland gehen. Eigentlich will ich ohne dich nirgends hingehen." Meine Stimme wird immer dünner. „Ich bleibe noch bisschen in Leverkusen, aber... aber meinen nächsten Vertrag unterschreibe ich bei Bayern. Oder wo auch immer du dann gerade bist."
In Jamal bricht etwas. „Oh Gott du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet." Er reißt sich aus seiner Starre, rennt um die Kücheninsel auf mich zu und zieht mich in eine feste Umarmung. Mein Kopf lehnt sich gegen seine starke Brust und meine Arme legen sich wie selbstverständlich um seine Taille. In meinem Bauch machen sich die Schmetterlinge breit. Ich wusste nicht, wie viel mir eine einzelne Umarmung bedeuten könnte.
Als wir uns etwas lösen, schaut Jamal mich eindringlich an. „Flo, ich will nicht, dass du gehst. Ich will dich nicht verlieren. Niemals. Ich – ich bin verliebt in dich."
Das ist er: der Satz, vor dem ich die ganze Zeit Angst hatte. Es hat sich schon über eine längere Zeit angebahnt, dass zwischen uns mehr ist als Freundschaft. Spätestens als wir uns nach dem verlorenen EM-Spiel nachts in den Armen liegend ausgeheult haben und wir kuschelnd eingeschlafen sind, hat sich etwas gewaltig verändert. Aber wie immer war ich gut im Verdrängen. Nur geht Verdrängen nicht für immer gut.
Aber jetzt hämmert mein Herz nicht mehr vor Angst, sondern weil es endlich Platz hat.
„Du – du musst das nicht erwidern – ich – ich wollte einfach nur, dass du's weißt", schiebt er noch hinterher, aber sein Blick bleibt.
„Nein – ich – nein." Ich bin zwar nicht mehr mit meinen Gefühlen überfordert, aber mit meinen Worten. Wie sagt man jemanden, dass man ihn liebt, sodass er es auch fühlt? Ohne dass es sich nur nach leeren Floskeln anhört. „Ich bin genauso in dich verliebt. Seit der EM. Oder vielleicht auch schon viel länger. Keine Ahnung. Hab's verdrängt. Wollte nicht, dass es real wird. Aber es ist mehr real denn je. Ich bin so verliebt in dich, dass ich sogar diesen verdammten Vertrag unterschreiben würde, wenn du in Freiburg wärst."
Jamal zieht mich sofort wieder in eine feste Umarmung. Noch fester als vorhin insofern das überhaupt möglich ist. „Ich kann es immer noch nicht glauben."
Durch das Gespräch und die Geständnisse hat sich so viel Adrenalin in mir aufgebaut, dass ich mutiger denn je bin. „Dann mach was, dass es sich realer anfühlt."
Jamal löst sich etwas, sieht mich eindringlich an, legt eine Hand vorsichtig an mein Gesicht. Leicht nicke ich.
Und dann küsst er mich. Zögerlich, fast tastend. Als würde er noch prüfen, ob ich das hier wirklich will. Aber als ich meine Hand in seinen Nacken lege, um ihn noch näher an mich zu ziehen, um den Kuss zu vertiefen, wird alles klar. Seine andere Hand findet zum Glück an meiner Taille Platz, sonst würde ich wahrscheinlich zusammenrechen, weil meine Beine so wackelig sind.
„Jetzt fühlt es sich real an", flüstert er außer Atem, als wir uns lösen. „Aber nur für's Protokoll: mich ziehen keine 10 Pferde nach Freiburg."
Ich sage nichts, grinse ihn nur schief an. Die kommende Zeit wird gut.
── ☀️ ──
hoffen wir mal, dass Flo wirklich in Leverkusen oder zumindest in Deutschland bleibt haha 🥲
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