20

MJ versteckte sich hinter den anderen. Sie wusste nicht, was es zutun galt. Sollte sie ihnen das Tagebuch geben? Würden sie nicht so oder so sterben? Sie hatte keine Zeit Antworten zu finden, denn die muskulöse Frau betrat den kleinen Raum. 

"Ich hoffe, du hast das mitgebracht, was du solltest", rief sie. Ihre eiskalten Augen fanden den Weg zwischen der Gruppe und musterten nur MJ. Das Funkeln fesselte Mina und jagte ihr einen Schauer nach dem anderen durch den gesamten Körper, dieser Blick war etwa tausendmal schlimmer, als der von Tés Mutter. 

"Gib es mir und vielleicht kommt ihr lebendig hier raus",knurrte die Frau und um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, hob sie eine kleine schwarze Waffe. Mina blickte direkt in den Lauf der Pistole und musste Schlucken. Jetzt würde sie sterben, für nichts und danach würde man das Tagebuch aus ihrer Jacke holen, welche dann noch immer an ihm leblosen Körper hängen würde.

"Ja!", schrie sie verzweifelt, "Ich gebe es ihnen." Das Mädchen griff in ihre Tasche, die Pistole und der Blick der Fremden verfolgten jede ihrer Bewegungen. "Keine falsche Entscheidung", warnte sie der Mann aus dem anderen Tunnel. 

Langsam, in Zeitlupe, holte sie das Büchlein aus ihrer Tasche und hob es in die Höhe. MJ konnte sehen, wie die Fremde ihren Atem anhielt, sie spürte, wie ihrer Fingerspitzen kribbelten und sie sich nichts sehnlicher wünschte, als dieses Buch in ihrem Händen zu halten.

"Hol es!", blaffte die Frau hysterisch. Der Mann setzte sich langsam in Bewegung und MJ drehte sich ihm zu. Sie streckte ihre Hand aus, um ihm das Tagebuch zu reichen, da bemerkte sie etwas. Hinter ihm leuchtete ein Paar Augen im Dunkeln. 

MJ schrie, als ein Pfeil die Brust des Mannes durchbohrte und eine in schwarz gehüllte Person, hinter ihm ins Licht trat. Ohne jegliches Zucken, zog der Neuling der Pfeil von hinten aus dem Mann, welcher mittlerweile, mit dem Bauch nach unten, auf dem kalten Boden lag. Er rührte sich nicht mehr und Mina konnte auch kein Senken und Heben seines Oberkörpers feststellen. Konnte er Tod sein?

Erneut spannte sich die Sehne des Bogens und diesmal richtete sich die silberne Spitze auf die Frau. Verdattert blickte diese zu dem Neuankömmling. "Wie kannst du es wagen?", kreischte sie und hob ihre Pistole. Sie zielte und ...

"Renn!", schrie TJ. Er stupste die Brünette von hinten an und trieb sie durch den nun freigewordenen Gang. MJ stolperte beinahe über den Mann, doch dann nahm sie an Schnelligkeit auf. Ohne sich noch einmal umzusehen, rannte sie. Vor sich konnte sie nur die Silhouette von Pou ausmachen, der immer weiter im Dunkeln verschwand. Kannte er den Weg überhaupt? Was wenn ihnen jemand folgte?

Sie wusste nicht, wie lange sie schon gerannt waren, aber es kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Sie hatte das Gefühl, als ob sie durch ein Labyrinth liefen, immer wieder in Sackgassen endeten und dann zurücklaufen mussten. Ihr Herz pochte so schnell, dass sie dachte, es würde ihr aus der Brust springen. Doch dann spürte sie die frische Luft in ihrer Nase. Pou stieß die alte und klapprige Tür auf und sie kamen ins friere.

Ohne zu Stoppen rannte sie weiter. Der Boden unter ihren Füßen war schlammig und rutschig, was das Laufen erschwerte. Die Blätter der umherstehenden Bäume peitschten ihr ins Gesicht und verfingen sich in ihren Haaren. Sie konnte den Atem ihres Begleiters auf ihrem Nacken spüren, was ihr noch mehr Energie gab. Doch auch der neue Energieschub half nicht lange. Nach einem Moment, spürte sie wie ihre Beine schwer wurden und sie kaum noch einen Meter trugen. Sie stützte sich an den Oberschenkeln ab und atmete tief durch. 

Jetzt konnte sie noch nicht aufgeben. Sie mussten den Ausgang finden und schnell verschwinden, denn heute wollte sie noch nicht sterben. Sie sah Pou immer noch vorauslaufen und sie wusste, dass er der Einzige war, der vielleicht ein bisschen wusste, wo sie hinmussten.

Sie spürte TJ's Hand auf ihrem Arm, die sie noch stärker zog und sie schneller laufen ließ. Sie spürte, wie ihre Lungen brannten und sie keuchte nach Luft, aber sie durfte nicht aufhören.

Die Bäume wurden dichter und die Umgebung wurde dunkler. Sie konnte kaum noch etwas sehen, außer den Schatten der Bäume, die an ihnen vorbeiflogen. Plötzlich sah sie eine Lichtung vor sich und Pou lief darauf zu, oder zumindest war es ein Baumloser Ort. MJ spürte, wie ihr Herzschlag noch schneller wurde. Würden sie es schaffen? Das hinter war hinter dieser Lichtung, dass wusste sie noch. So weit reichte der Garten, des alten Hauses.

Sie betrat den Boden. Er war anders und um einiges weicher. Ihre Beine sackten ein und die Schuhe blieben im Schlamm hängen. MJ hatte diese überraschende Wendung nicht kommen gesehen, kopfüber fiel sie zu Boden. Unbeholfen rappelte sie sich ab und wischte mit bloßen Händen den Dreck von ihrem Gesicht.

Sie stockte. Panisch griff sie in ihre Taschen und als sie dort das Tagebuch nicht finden konnte, tastete sie umher. "Nein!", flüsterte sie verzweifelt. Sie spürte wie zwei Arme sie an den Schultern packten und versuchten sie hochzuziehen. "Das Tagebuch!", erklärte sie und spürte wie Tränen über ihr Gesicht liefen, "Ich muss es finden!"

"Lass das Tagebuch, Tagebuch sein. Komm", vernahm sie die Stimme von TJ. War das alles umsonst? War das Buch, was so viele Menschen begehrten nun für immer im Schlamm versunken. "Nein!", rief sie und wehrte sich noch ein letztes Mal, um nicht gewaltsam zum Auto gezogen zu werden. 

"Mina bitte", zum ersten Mal, seit Stunden sprach jemand sie bei ihrem richtigen Namen an und das, riss sie zurück in die Realität. "Ja", stotterte sie. "Ich komm schon, das Tagebuch ist scheiß egal", wiederholte das Mädchen wie ein Manta und ließ sich von TJ ziehen. Sie spürte wie er ihre Schulter um sich legte und sie voranzog

Als sie die Lichtung überquert hatten, sah sie das Auto, das auf sie wartete. Sie sah, wie Pou die Tür aufmachte und sie einlud einzusteigen. Sie rannte so schnell sie konnte und stieg ins Auto ein. TJ folgte ihr und schloss die Tür.  Té und Lily, welche nur ein kurzes Stückchen hinter ihnen liefen, sprangen keuchend ins Innere des Wagens und rollten sich zwischen den zwei Bänken zusammen. Pou gab Gas und das Auto fuhr davon.

MJ lehnte sich gegen die Rückenlehne und versuchte, ihren Atem zu beruhigen. Sie spürte, wie ihr Körper vor Anstrengung zitterte. TJ sah sie an und lächelte. "Das war knapp", sagte er. "Aber wir haben es geschafft." Er setzte sich neben sie. Das Auto schaukelte hin und her und trotz der nervenberaubenden Aktion, fuhr Pou relativ langsam und sicher,

MJ nickte und schloss die Augen. Sie waren weg, diese Frau war entweder Tod, oder auf sich gestellt. Diese andere Person war entweder Tod, oder alleine. Doch jemand verfolgte sie wahrscheinlich noch. Jemand würde sie umbringen, um an das Tagebuch zu kommen, welches sie nicht mehr hatten. 

"Keine Abenteuer mehr", seufzte Té und atmete tief durch. Dreck hatte sich auch auf seinem Gesicht gesammelt und verlieh ihm einen schon fast frischen Teint. Sie lächelte gezwungen. Das wäre schön, dachte sie sich für sich und doch wusste Mina, dass es wohl kaum der Zukunft entsprach. Sie sah aus dem Fenster in die Nacht und zum Mond hinauf. 

"Naja, Abenteure will ich jetzt nicht unbedingt erleben, aber wenn ihr mich aufklären könntet, was genau in den letzten Stunden passiert ist ...", Lily beendete den Satz nicht, sondern musterte nur ihre Freunde. Mina musste lachen, natürlich, es gab nie eine Minute Ruhe. 

Sie waren gerade kaum dem Tod aus den Klauen geflohen, schon musste Lily in der Vergangenheit rumstochern, so als es keine Minute mehr warten konnte. 

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