18

"Hey Mama", begrüßte Té die Frau, welche ihnen die Tür aufmachte. Ihre blonden Haare fielen ihr zerzaust ins Gesicht. Sie verdeckten das grüne Paar Augen, das dennoch durch die blonden Strähnen MJs Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Sie trug eine dünne und übergroße Jacke und hatte ihre Arme um sich geschlungen. "Morgen Schatz, hast du Lily gesehen?", antwortete die Frau und schaute hinter Té, offenbar auf der Suche nach ihrer Tochter. 

Das fing ja wunderbar an, dachte MJ sich und schluckte. Inzwischen erkannte sie das Leuchten in den Augen als müdes und kränkliches Glänzen. Gesund war diese Frau gewiss nicht. "Können wir rein?", fragte TJ und nickte ins Innere des Hauses. Verdattert zuckte sie zusammen, als hätte sie sich von seiner lauten Stimme erschrocken. "Natürlich, Lilys und Theodors Freunde sind bei uns immer willkommen", murmelte sie und wich einen Schritt zurück, "Übrigens könnt ihr mich Jessy nennen." 

Theodor? Mina warf ihm erstaunten Blick zu, er war eigentlich eher The als Té?!  Doch die restlichen zwei Mitglieder der Gruppe wirkten nur wenig erstaunt, wobei eigentlich gar nicht. "Hier lang", sagte Té. Er ergriff seine Mutter an ihrer Schulter und zog sie mit rein,  hinter ihr schloss er die Tür. Alle folgten ihm bis ins Wohnzimmer und ließen sich neben ihn auf die zerfledderte Couch fallen. 

"Wann hast du Lily zuletzt gesehen, Mama? War sie heute zum Frühstück da?", Tés Stimme klang sanft und leise, als er mit seiner Mutter sprach. Die Frau sah raus zum Fenster und war ganz in ihre eigenen Gedanken vertieft. "Mama?", fragte ihr Sohn erneut und legte eine Hand auf ihre Schulter. Irritiert musterte sie ihn, so als würde sie ihn nicht mehr erkennen. 

"Was", fragte sie ihn mit gebrochener Stimme und blinzelte müde. "War Lily heute frühstücken?", erkundigte er sich erneut und sprach jedes einzelne Wort langsam aus. Jessy schüttelte ihren Kopf. "Nein", antwortete die Frau und sah zu MJ. Ein Schauder lief über ihren Rücken, als sich ihre Blicke kreuzten. Im schwachen Licht, wirkten sie dunkel und halb Tod. 

MJ fühlte sich unwohl und versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken. Sie sah sich im Wohnzimmer um und bemerkte, dass es drinnen genauso düster und trist aussah wie draußen. Der Raum war spärlich eingerichtet und wirkte sehr leer. Es gab nur eine Couch, die in schlechtem Zustand war, und einen alten Fernseher, dessen schwarzer Bildschirm das restliche Licht verschluckte. Die Wände waren kahl und zeigten Anzeichen von Feuchtigkeit und Schimmel.

Als Jessy anfing, über Lily zu sprechen, spürte MJ eine Gänsehaut auf ihrem Arm. "Wir haben sie gestern Abend gesehen", sagte Té und sah seine Mutter besorgt an. "Sie ist seitdem verschwunden. Wir haben schon überall gesucht, aber wir haben sie nicht gefunden." Jessy seufzte und sah auf den Boden. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll", sagte sie leise. "Ich habe sie seit gestern Abend nicht mehr gesehen."

Sie schwiegen. 

Die Gruppe verbrachte noch eine Weile im Wohnzimmer, in der Hoffnung, dass Lily doch einfach durch die Tür hereinspazieren würde und dabei schelmisch Grinsen würde. "Na, hat ihr euch Sogren gemacht? Ich wusste doch, ich krieg euch!", hätte sie gesagt und gelacht. Doch als die Zeit verging und es immer dunkler wurde, wurde allen bewusst, dass sie etwas tun mussten.  MJ spürte, wie sich ihre Magengegend verkrampfte, als sie daran dachte, was alles passiert sein könnte. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es sein musste, jemanden zu vermissen und nicht zu wissen, ob er oder sie jemals wieder auftauchen würde.

"Wir sollten gehen", murmelte Pou. Er hatte seinen Blick bisher nicht vom Boden gehoben und MJ vermutete, dass er Test Mutter bereits kannte und somit auch ihren gruseligen abwesenden Zustand. Das Haus wurde in einer traurigen Stille gewogen und jede weitere Sekunde, welche sie hier verbrachte, erschwerte jeden einzelnen Schritt, Atemzug und selbst den Schlag ihres Herzes. 

Dankbar folgte sie Pou durch den Hausflur, sowieso würden sie hier nicht viel schlauer werden. Offenbar war Lilys Mutter nicht gerade gesprächsfreudig und Wissen über den Aufenthalt ihrer Tochter, besaß sie auch nicht. Sie stolperten aus der Tür. Mina hörte, wie Té mit seiner Mutter sprach. Leise drang das Murmeln der Worte bis zu ihnen hinaus. Es klang als würde er sie beschwichtigen und beruhigen. 

So lebte also Lily? So gestaltete sich ihr Alltag? Sie sah über die Fassade zu den zerbrochenen Fenstern im zweiten Stock. Welches davon wohl ihrer besten Freundin gehörte? Sie atmete tief aus und verstaute die kalten Hände in den Jackentaschen. 

Unruhig wippte sie von dem einem auf den anderen Fuß, als sie draußen in der frischen Luft standen. Die Abenddämmerung lag über der Stadt und die Straßen waren von den letzten Sonnenstrahlen in ein goldenes Licht getaucht. Die Gruppe stand auf dem Gehweg vor dem Haus und überlegte, wie sie weiter vorgehen sollten. Eigentlich war es eher sehr ungewöhnlich, das der Tag schon so früh in die Nacht überging. Doch die grauen Wolken verschluckten das restliches Sonnenlicht und boten nichts Gutes. 

"Bin da", ließ Té sie wissen. Leise fiel die Tür hinter ihm zu und er drehte den Schlüssel im Schloss. Erneut erblickte MJ seine Mutter hinter den Gardinen, wie sie sie beobachtete. Die Härchen stellten sich auf ihren Armen auf und sie schlotterte am gesamten Körper. 

Wieder dachte sie an ihren Traum. Lily in einem dunkeln Raum aus kaltem Gestein und feuchten Wänden. Lily, die versuchte MJ einen Weg nach Außen zu zeigen. Wie viel Wahrheit wohl hinter diesen Bildern steckte? Dann widmete sie ihre Gedanken dem Haus. Es war eingefallen, eigentlich nur noch eine Ruine und trotzdem war dort eine Gestalt. 

"Ich glaube, ich weiß wo Lily sein könnte", murmelte sie. Bisher hatten die Jungs miteinander diskutiert, sie kaum beachtet und doch drehten sie ihr nun ihre Köpfe zu. "Was?", fragte TJ irritiert und zog seine Augenbrauen so nah an sich zusammen, dass sie sich fast berührten. 

"Dieses Haus mit eingefallenem Dach. Wir sind daran vorbei gefahren", erklärte sie und deutete wage in die Richtung. Es war einfach so ein Gefühl und sie hatten sowieso nichts besseres. Mina sah zu den anderen und blickte sie beinahe flehentlich an. 

"Argh", knurrte Té und trat mit einem Fuß gegen die alte Karre. "Nicht Betsy!", fauchte Pou zurück. Offenbar waren alle angespannt und jeder machte sich Sorgen. Vielleicht wurde ihnen erst jetzt der Ernst der Lage bewusst. 

"Wir haben doch sowieso nichts besseres", versuchte die Brünette es noch einmal und rang sich sogar ein leichtes Lächeln ab. "Sie hat ja recht", seufzte TJ und musterte seine Jungs. "Aber warum denkst du es überhaupt?", fragte er, während er mit einem Fuß schon fast im Auto stand. 

"Einfach ein Gefühl."

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top