Kapitel 26

Wenig später traten wir nach draussen, um die Weihnachtsbeleuchtung anzubringen. Was ich jedoch nicht durchdacht hatte, war, dass sein Haus drei Stockwerke hoch und es somit ziemlich unmöglich war, die Weihnachtsbeleuchtung daran aufzuhängen. Also beschlossen wir sie, um das hohe Gittertor zu hängen. Dort würden die Leute die Beleuchtung immerhin sehen.

Wir wanderten die Strassen entlang, da ich unbedingt die Weihnachtsbeleuchtung der anderen Häuser sehen würde.
«Lass mich raten», sagte er, als wir bei meinem Haus angelangt waren.
«Das ist deine Lieblingsbeleuchtung.»
«Natürlich!», sagte ich lachend und blickte auf Rudolph und die anderen Rentiere.
Ich lief zu ihm hin und streichelte sein Plastikfell.
Wir schlenderten noch etwas weiter, bis mir plötzlich eine Idee kam.

Wir liefen in den Wald hinein, bis wir plötzlich bei einem kleinen See angekommen waren. Der Ort hatte etwas verstecktes, etwas Unberührtes. Fast hätte ich erwartet, dass kleine Feen in den Bäumen versteckt auf uns herabblickten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass wir hier die Eindringlinge waren, dass wir hier gar nicht hingehörten. Und doch hatte das Ganze etwas Bezauberndes an sich, was mich in den Bann zog.
Die Dämmerung brach ein und der Schnee wurde dadurch auf eine magische Weise vom Sonnenlicht berührt und in ein Meer aus Glitzer verwandelt.
Ich wusste nicht, weswegen ich es tat, aber aus einem plötzlichen Impuls heraus rannte ich auf einen Berg Tiefschnee zu und liess mich rückwärts hineinfallen.
«Marianne, was machst du denn da?», fragte Dominik lachend.
Glücklicherweise hatte ich einen dicken Mantel angezogen, aber meine Beine waren dort, wo das Kleid endete, ungeschützt und nun, da sie in Kontakt mit dem Schnee gekommen waren, waren sie nicht nur nass, sondern auch eiskalt. Trotzdem lachte ich laut.
«Komm auch hierhin. Leg dich neben mich in den Schnee!»
«Marianne, ich bin nicht wahnsinnig...»
«Komm schon! Es ist Weihnachten!»
«Und das soll eine Erklärung sein, warum du grundlos in den Schnee hineingesprungen bist?»
«Dominik, komm schon!»
Er seufzte.
«Na gut. Aber wenn ich krank werden und ich die ganzen Ferien ans Bett gefesselt bin und...»
«Blabla, ja, das ist dann meine Schuld, versprochen und ich werde jeden Tag zu dir kommen und dir eine Suppe kochen...»
«Du wirst dich in die Nähe der Herdplatte begeben?», fragte er, gespielt erstaunt.
«Ach, sei still und komm endlich.»
«Na gut. Aber wenn schon, dann richtig», sagte er, nahm Anlauf und sprang mit dem Gesicht dem Schnee zugewandt hinein.»
Nachdem er gelandet war, war es für ein paar Sekunden still, aber dann rief er, durch den Schnee gedämpft «mir ist kalt».
Dann erhob er sich, wie ein riesiges Schneemonster und blickte mich schelmisch an.
«Dominik, nein. Nein. Das machst du nicht. Das machst du ganz bestimmt...»
Aber mein Satz wurde unterbrochen, denn er Sprang ohne Vorwarnung auf mich drauf.
Ich musste mindestens einen halben Meter tief eingesunken.
«Dominik, du bist so ein Arsch, du bist so ein...»
Während ich sprach, formte ich mit meinen Händen, die glücklicherweise in dicke Handschuhe verpackt waren, da sie ansonsten mittlerweile wahrscheinlich halb tot waren, einen Schneeball und schoss ihn ihm ins Gesicht.
«Hey!», rief er laut, wälzte sich aber glücklicherweise von mir ab.
Nun lagen wir beide nebeneinander im Schnee und starrten in den nun dunklen Nachthimmel hinauf.
«Das dort», sagte er und deutete mit seiner einen Hand in den Himmel hinauf, «ist der grosse Wagen.»
«Kennst du dich aus mit Sternzeichen?», fragte ich ihn, während ich versuchte, den Wagen ausfindig zu machen.
«Ein bisschen. Als Kind habe ich sie alle auswendig gekonnt.»
Ich drehte meinen Kopf zur Seite.
«Warum hast du als Kind so viel gemacht? Du hast gelernt zu kochen, du hast Sternzeichen auswendig gelernt...»
«Ich glaube, ich bin im Sandkasten gesessen und habe Sand gegessen und wahrscheinlich auch noch etwas Katzenscheisse. Ich sage dir, die einte Katze hat dort immer ihr Geschäft gemacht.»
«Hast du das Meer mal gesehen?», fragte er mich.
«Wie genau kommst du jetzt darauf? Es ist Winter, es ist arschkalt und ich glaube, dass meine Nase sich demnächst in eine Eisskulptur verwandelt.»
Er zuckte mit den Schultern.
«Und? Hast du es mal gesehen?»
«Ja. Du etwa nicht?»
Er schüttelte den Kopf.
«Früher bin ich oft mit meinem Vater an den Strand gefahren. Es ist wunderschön gewesen. Das Meer ist so weit, dass du kein Land, sondern nur irgendwann den Horizont erblickst. Das Rauschen des Meeres ist das entspannteste, was du je in deinem Leben gehört hast. Und am Abend hat sich der Mond auf eine wundersame Weise im Wasser gespiegelt.»
Ich machte eine kurze Pause.
«An eine Szene mag ich mich besonders gut erinnern. Ich war dort vielleicht acht oder neun Jahre alt.
Es war ein sehr windiger Tag gewesen und somit hatte es im Wasser etwas grössere Wellen gegeben wie üblich. Freudig bin ich in die Wellen gerannt und die ersten paar Minuten war es toll gewesen, bis eine ganz grosse Welle gekommen ist. Diese hat mich fest zu Boden gedrückt und anfangs hatte ich es ganz lustig gefunden. Der Sand wurde überall um mich herum wie in Zeitlupe aufgewirbelt, es sah so aus, als ob so etwas wie Schwerkraft nicht existierte und der Sand einfach im Weltraum herumschwebte. Fasziniert davon hatte ich einige Momente zugesehen und dann hatte ich wieder auftauchen wollen. Jedoch war die Kraft der Welle so stark, dass sie mich immer noch nach unten drückte, ohne dass ich an die Oberfläche gelangen konnte. Panik hatte mich erfasst, meine Augen hatten sich geweitet und ich hatte mit aller Kraft gekämpfte damit ich wieder hinaufgelangen konnte. Doch ich war immer noch unaufhörlich hinabgedrückt worden. Meine Wange hatte den rauen Sand berührt und meine Finger hatten sich tief in jenen gegraben. Ich erinnere mich, wie ich auf einmal meine Augenlider geschlossen hatte und alles um mich herum plötzlich schwarz und ruhig wurde. Ich weiss noch, wie ich in diesem Moment gedacht hatte, dass ich sterben würde. Natürlich war das völlig übertrieben gewesen, ich war erst wenige Sekunden unter Wasser gewesen und gleich darauf hatten die Welle den Druck auf mich verringert und ich konnte auftauchen. Aber trotzdem hatte ich diesem Moment nie mehr in meinem Leben vergessen können, diese Panik und Hilflosigkeit.»
«Bist du danach nie wieder ins Meer gegangen?»
«Nein, kaum war ich wieder zu Atem gekommen, war ich sofort zurück in die Wellen gerannt.»
Er blickte mich verwirrt an.
«Ja. Ich war ein komisches Kind...»
«Stimmt, weil jetzt bist du überhaupt nicht mehr komisch», sagte er und versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken.
«Ach, halt die Klappe.»

Ich erhob mich wieder aus dem Schnee und klopfte ihn von meinem Körper ab, so gut es ging. Auch Dominik stieg wieder heraus.
«Gehen wir wieder zurück? Sonst holen wir uns wirklich eine Erkältung!»
«Gleich! Aber... warte, ich will etwas nachschauen.
Von Weitem war ich mir nicht ganz sicher gewesen und vor allem jetzt, wo es dunkel war, war es schwer zu erkennen. Aber als ich direkt vor dem See stand,hatte sich meine Hoffnung erfüllt.
Er war gefroren!
«Als Kind bin ich hier immer gewesen und da das Eis genug dick ist, kann man sogar darauf stehen!»
Kritisch beäugte er das Eis.
«Bist du dir sicher, dass das Eis hält? Dass du nicht einstürzt?»
«Ja, ich bin mir sicher.»

Zum Glück war ich nicht auf die Idee gekommen, hohe Schuhe anzuziehen, weil ansonsten hätte ich jetzt nicht aufs Eis gehen können. Vorsichtig betrat ich mit einem Fuss den gefrorenen See und wie ich vorausgesagt hatte, hielt das Eis.Nun nahm ich auch noch den zweiten dazu. Immer noch hielt es. Ich blickteDominik triumphierend an, doch er blickte mich immer noch voller Unsicherheit und Sorge an.
«Marianne, das Eis sieht wirklich nicht so dick aus. Bitte, riskiere es nicht.Es ist gefährlich.»
Aber ich machte nur eine wegwerfende Handbewegung.
«Ach was, mir passiert schon nichts! Glaube mir, als Kind bin ich hier immer herumgesprungen und es ist nie etwas passiert.»
Mit vorsichtigen Schritten lief ich nach vorne. Da erst gerade Schnee gefallen war, war es glücklicherweise nicht so rutschig. Das hatte aber auch zur Folge,dass das Eis leider nicht klar war und ich konnte nicht hinabsehen. Aber trotzdem stellte ich mir vor, wie direkt unter mir Fische vorbeischwammen. Die Bäume um den See herum waren alle in einen weissen Mantel gepackt und es sah prächtig aus.
Ich ging immer weiter, bis Dominik schliesslich rief:
«Komm wieder zurück!»
Ein leichtes Echo hallte durch den Wald.
«Warum? Das Eis hält! Es ist sicher! Du kannst ruhig auch kommen, glaube mir,es hält wirklich!»
In diesem Moment hörte ich ein Knacken und kurze Zeit später stürzte ich ein.

Ein leiser Schrei entfuhr mir, bevor ich in das kalte Wasser stürzte. Meine Glieder wurden sofort stocksteif und im ersten Moment konnte ich mich nicht bewegen.Die schwere Kleidung zog mich unausweichlich und erstaunlich schnell in dieTiefe hinab. Als ich realisierte, was passierte, versuchte ich verzweifelt, wieder an die Oberfläche zu gelangen.
Mit grösster Kraft schaffte ich es schliesslich, gegen die Kälte und die schweren Kleider anzukommen und mich zurück an die Oberfläche zu kämpfen.
Jedoch war dort kein Einsturzloch mehr, es gab kein Loch, das mich aus diesem eisernen Wasser befreien konnte. Es war, als ob ich nie gefallen wäre.
Verzweifelt tastete ich mich an dem dicken Eis voran, um das Loch zu finden.Aber ich fand es nicht. Ich hämmerte an das Eis, um es einzuschlagen und um so hinauszugelangen, aber nichts passierte, es war, als ob ich gegen Granitschlagen würde. Von draussen drang helles Sonnenlicht durch die Eisscheibe hinein, es war so qualvoll, das Licht, die Rettung, schien so nah und doch sofern.

Meine Lungen schmerzten, sie schrien nach Sauerstoff. Aber ich bekam keinen.Nach einem letzten Schlag, der nichts brachte, liess ich mich, schon halbbewusstlos, hinab in die Dunkelheit gleiten.
Langsam drehte ich meinen Kopf zur Seite und dort unten sah ich das dunkelblaueAuto, welches wie eine Oase im Wasser stand.
Am Lenkrad entdeckte ich meinen Vater, wie er versuchte, sich von der Schnalle zu befreien.
Meine Augen weiteten sich. Das war meine Chance, nun würde ich ihn endlich ein für alle Mal befreien können!
Automatisch wurde ich immer weiter nach unten getrieben, bis ich zum Autogelangte. Mein Vater entdeckte mich, ich kroch durch das Fenster hindurch zumAuto und griff nach der Schnalle. Wir zogen gemeinsam daran, doch sie liess sich nicht lösen.
«Ich liebe dich», formte mein Vater mit den Lippen.
Luftblasen stiegen auf.
Gerade wollte er mich aus dem Auto hinausstossen, aber ich hatte das schonerwartet und hielt seine Hände so lange fest, bis er es aufgegeben hatte.
Nein. Dieses Mal nicht. Dieses Mal würden wir entweder beide leben. Oder wir würden beide sterben.
Ich widmete mich erneut dem Gurt zu und zog und rüttelte wie eine Wilde daran.
Ich würde nicht aufgeben. Ich würde nicht aufgeben. Ich würde nicht aufgeben.
«Geh auf! Lös dich, du verdammte Schnalle! Ich werde das Schicksal ändern!Ich werde nicht zulassen, dass mein Vater stirbt! Wir werden beide aus diesem verdammten Auto hinauskommen!»
Die Worte schwebten in den Luftblasen hinauf, wo sie die Oberfläche, das Leben,erreichen würden. Ich jedoch vielleicht nie wieder.
Immer noch rüttelte ich an dem Gurt, ich hatte das Gefühl, dass er sich nun jeden Moment öffnen lassen musste.
Um mich herum wurde alles immer dunkler und meine Bewegungen träger.
Irgendwann gab ich es auf und zog nicht mehr länger daran. Ich hatte keineEnergie und kein Sauerstoff mehr.
Ich setzte mich neben meinen Vater und lehnte mich an seine Schulter. Ich blickte ihn an, sein gutherziges, freundliches Gesicht.
So hätte ich sterben sollen. Das war vonAnfang an für mich vorhergesehen gewesen. Und nun würde sich mein Schicksal erfüllen. Ich hätte nie ohne ihn leben sollen, nicht auf dieser Welt sein,während er schon in eine nächste abgedriftet, war.
Gerade wollte ich einschlafen, die Kälte hatte schon fast Besitz über meinen Körper ergriffen. Aber dann sah ich, verschwommen in der Ferne, plötzlich, wie sich etwas bewegte.
Eine Hand!
Einen Moment wurde das Leben wieder mit voller Wucht in mich hineingepumpt, sogar die Lungen vergassen, sich zu beschweren. Aber dann sank ich wieder in mich zusammen. Denn:
Ich wollte nicht gerettet werden! Nicht ohne meinen Vater!
Erneut blickte ich in sein Gesicht. Immer noch war es freundlich und sanft,aber so etwas wie Traurigkeit und Verzweiflung hatte sich hinzugemischt. Mit seiner Hand berührte er sanft meine, er öffnete seinen Mund und die Lippen formten die Worte «geh».
Einen Moment starrte ich meinen Vater an. Sanft berührte ich seine Wange und blickt ein seine gütigen Augen. Er lächelte mich an und drückte meine Hand. Auch wenn er es nicht aussprach, so wusste ich doch, was diese Geste bedeuten sollte.
Alles wird gut.

Ich wandte mich von ihm ab und stieg aus dem Auto. Mit der allerletzten Kraft,welche ich noch aufbringen konnte, schwamm ich der Hand entgegen. Immer weiter,immer weiter. Hinter mir, mit einem Stich im Herzen, stand der Wagen mit meinemVater. Und dieses Mal schwamm ich freiwillig weg davon. Denn nun erinnerte ich mich an Dominik. Dass ich eine Person gefunden hatte, die mich verstand. Welche sich ähnlich wie ich fühlte. Welche mir Trost spenden konnte. Welcher ich mich anvertrauen konnte. Und nun, wo ich das gefunden hatte, konnte ich es nicht wieder aufgeben. Ich konnte nicht! Jetzt, wo das Leben endlich wieder begann,lebenswert zu werden.
Fast hatte ich es geschafft! Fast war ich dort! Fast war ich zurück bei Dominik! Zurück im Leben!
Aber wenige Zentimeter, bevor ich seine Hand erreicht hatte, ich hätte sie fastgestreift, liess mich alle Kraft auf einen Schlag los, nicht einmal meinen kleinenFinger hätte ich noch bewegen können. Meine Augen schlossen sich und ich driftete in die Dunkelheit zurück. Zurück zu meinem Vater. Zurück zum Wagen.

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