5. Druidenblut
Es war so dunkel, dass man nicht die Hand vor Augen sehen konnte, als Löschi erwachte. So dauerte es auch einen Moment bis er realisierte, dass er nicht mehr schlief. Er blickte sich um, versuchte sich in der Dunkelheit zu orientieren, doch außer der Schwärze sah er gar nichts. Weder von seinem Gastgeber Silvan, noch sonst etwas von der Höhle. Für einen Moment ergriff ihn wieder die blanke Panik. Wo war er? Und hatte Leshy wieder Besitz von ihm ergriffen? Er vergrub seine Hände in seiner Jackentasche und knetete nervös das Innenfutter. Er legte den Kopf in den Nacken, atmete ein paar Mal kontrolliert ein und aus.
Dann blickte er wieder in die Dunkelheit. Langsam gewöhnten sich seine Augen daran, doch außer groben Umrissen sah er nicht weit. Frustriert ließ er die Schulter hängen, als er auf einmal einen grünen Schimmer aus den Augenwinkeln ausmachte.
Er drehte den Kopf und versuchte das Grün zu fokussieren. Es war wie das Licht einer schwachen Lampe. Nur war es auf eine größere Fläche verteilt.
Verwundert stand er vorsichtig auf und ging auf das Licht zu. Nur zwei Schritte näher und er konnte erkennen, dass dieses Licht den Umriss eines Menschen darstellte. Wie eine grüne Aura umgab es Silvan, der im Schneidersitz auf dem Boden saß. Was war das?
Die Neugier packte ihn und er ging auf den Anderen zu. „Du solltest schlafen", sagte Silvan ruhig, als er ihn erreicht hatte. „Warum sollte ich schlafen?", fragte Löschi verwirrt. Statt einer Antwort legte Silvan den Kopf schief. „Deine Augen leuchten grün", stellte er fest. Wie durch einen Reflex senkte Löschi diese und blickte zu Boden. „Du auch", meinte er dann.
„Ich leuchte grün?", hakte sein Gastgeber nach. „Ja. Es ist...", Löschi brach ab, als er etwas Neues spürte. Von der Aura ging ein Gefühl aus, eine Ahnung, eine...
Entsetzt stolperte er rückwärts. „Leshy!", keuchte er und rannte blindlings in die Dunkelheit. Dabei stolperte er wohl über irgendeine Kiste, denn kurz darauf fand er sich am Boden wieder. Panisch versuchte er sich aufzurichten, doch er kam nicht weit. Leshy hatte sich erhoben und hielt ihn am Fußgelenkt fest. „Hier wird nicht geflohen", stellte er nüchtern fest, beugte sich über Löschi und drückte ihm sein Knie auf die Brust und pinnte dessen Arme mit einem Klammergriff am Boden fest. Flucht war aussichtslos.
„Warum glaubst du, dass ich Leshy bin?", wollte er nun sachlich wissen, doch Löschi spuckte ihm nur ins Gesicht. „Lass mich los! Lass mich augenblicklich los!", rief er panisch und wand sich in dem Griff. Doch er hatte keine Chance. Er spürte nur, wie die Angst nach ihm griff. All die angestaute Panik über die letzten Monate entlud sich nun über ihm wie ein Tsunami. Er keuchte, versuchte der Attacke seines eigenen Körpers zu entgehen, doch konnte nicht. Er fühlte sich auf einmal wahnsinnig eingeengt, bekam kaum Luft und konnte nicht verhindern, dass ihm die Tränen ungehemmt über die Wange liefen. „Lass mich los!", versuchte er es wieder, schrie es dieses Mal. Mit all seiner Kraft wehrte er sich gegen Leshy, der aber nicht locker ließ.
„Das ist ja nicht auszuhalten!", erwiderte er stattdessen genervt und legte blitzschnell, damit er Löschi gar keine Chance hatte, sich zu befreien, seine Hand auf dessen Brust. Sofort wurde Löschi ruhig, das blanke Entsetzen stand ihm zwar noch ins Gesicht geschrieben und er atmete schwer, aber er wurde sichtlich ruhiger.
„Woran hast du es erkannt?", wiederholte er seine Frage und blickte den wehrlosen Mann unter ihm gelassen an. Löschi verzog das Gesicht. Zwar hatte es der Waldgeist irgendwie geschafft das Gefühl der Panik von ihm zu nehmen, doch fühlte er sich trotzdem alles andere als wohl. „Aura", sagte er schließlich einsilbig, vielleicht ließ er ihn dann endlich frei.
Tatsächlich wurde er kurz darauf freigegeben. Leshy rutschte von ihm runter, hielt ihn aber noch am Fußgelenk fest, sodass er sich zwar aufsetzen, aber nicht fliehen konnte. „Ich will dir nichts Böses!", sagte er und drehte sich zur Seite, um mit einem Fingerschnipsen eine an der Wand hängende Fackel zu entzünden.
Leshy sah immer noch so aus wie Silvan. „Hast du seinen Körper auch besetzt? So wie du es damals mit meinem getan hast?", wollte Löschi misstrauisch wissen. „Nein. Also... nicht wirklich. Kann man nicht vergleichen", wich er aus.
„Wenn du mir nichts Böses willst, warum hältst du mich dann fest?"
„Weil du mir sonst keine Chance zum Erklären gibst... Dumme Menschen. Ihr denkt immer, alles und jeder ist Böse, nur weil ich ein wenig Spaß hatte!"
„Und meine Freunde anzugreifen war etwa auch nur Spaß?!", fuhr Löschi ihn wütend an und holte zum Schlag aus. Wenn er sich freikämpfen müsste, dann würde er das tun. Er ließ sich doch nicht zum Narren halten von der Kreatur, die ihn seit einem halben Jahr terrorisierte.
Geschickt fing Leshy die Faust noch in der Luft auf. „Ich habe deine Freunde nicht angegriffen, ich habe nur ein bisschen Cernunnos geärgert. Der hat es verdient. Zu einem Gleichgewicht gehören immer Zwei, aber der nervige Pelzträger lässt mir absolut keinen Freiraum".
Jetzt hatte er in Löschi doch die Neugierde geweckt. „Gleichgewicht? Welches Gleichgewicht?"
„Die Natur. Dieser Wald. Alles basiert auf einem ewigen Gleichgewicht zweier Kreaturen. Dem Weißen und dem Schwarzen, dem Guten und dem Bösen, wenn du es so sagen willst. Oder wie drückt ihr Menschen das auch aus? Ying und Yang? Wie auch immer, wir sind dafür zuständig, dass das Gleichgewicht der Energie im Wald nicht auseinanderfällt. Dass es nicht zu viele Tiere auf zu wenig Pflanzen gibt. Dass das System funktioniert. Cernunnos ist für alles zuständig was sich bewegt, ich bin für die Bäume, Sträucher und alles Andere zuständig. Aber weißt du, so über die Jahrtausende, es wird langweilig. Gerade in letzter Zeit, die Menschen gehen kaum noch in die Natur oder wenn, dann machen sie sich ihre eigenen Wege, sie spielen nicht mehr. Sie greifen in unser Gleichgewicht ein. Ich finde, wir sollten sie von Zeit zu Zeit zumindest ein bisschen ärgern, um sie an unsere Anwesenheit zu erinnern. Aber Cernunnos lässt mich nicht. Dummer, alter Hirsch", erklärte Leshy.
Löschi verschränkte die Arme vor der Brust. Er wusste nicht, in wie weit er dem Fremden trauen durfte. Obwohl seine Erklärung schlüssig klang. „Und wieso hast du dann meinen Körper befallen? Warum hast du mich benutzt für deine kranken Spielchen?", fuhr er ihn wütend an.
„Warum nicht? Du warst da. Du hast dich angeboten, es war fast zu leicht. Was hättest du an meiner Stelle gemacht?", erwiderte Leshy und gab Löschi nun endgültig frei. Allerdings nur, um ihn am Handgelenk zu greifen. Löschi wollte es entziehen, doch kam wieder nicht gegen den Klammergriff an. „Es war zu leicht...", wiederholte Leshy nun leise und fuhr nachdenklich mit den Fingerspitzen über die Innenseite des Handgelenks.
„Hast du eigentlich eine Ahnung, wie es mir dabei gegangen ist?", fauchte der Andere sauer. „Nein...", erwiderte Leshy abweisend und rammte plötzlich seinen Fingernagel in die dünne Haut. „Au! Spinnst du!?", Löschi konnte nun sein Handgelenk entreißen und sprang auf. Wütend stapfte er in Richtung Höhleneingang. „Dein Blut ist blau, nicht?", ertönte es fragend hinter ihm. „Mein Blut ist nicht...", setzte Löschi an und blickte automatisch auf sein Handgelenk, wo sich ein kleiner Tropfen Blut abzeichnete, der schwach blau leuchtete.
„Hast du mich jetzt auch noch vergiftet?", erhob er die Stimme wieder gegen den Waldgeist und drehte sich wieder um.
„Nein. Aber eine Vermutung bestätigt. Du trägst Druidenblut in dir", wurde ihm erklärt. „Ich trage was in mir?", keifte er zurück.
„Druidenblut. Leshy, lass ihn endlich gehen. Du bist unmöglich!", meldete sich plötzlich eine weitere Stimme. „Verzieh dich, Cernunnos. Ich habe hier genauso ein Recht wie du, das zu machen was ich will", knurrte Leshy, wich aber schon zurück zu seiner Matratze, die am Boden lag.
Aus der Dunkelheit vor der Höhle, die nicht von der Fackel erleuchtet wurde, löste sich eine weitere Gestalt. Ein hochgewachsener Mann, mit dunkelbraunem, von silbernen Strähnchen durchzogenem Haar, einem gepflegten kurzen Bart und dunklen Augen.
Das war also Cernunnos. Auf Löschi wirkte er nicht ansatzweise so beeindruckend wie ihn die Anderen beschrieben hatten. Er wirkte eher wie ein ruhiger, vom Leben gezeichneter mittelalter Mann. Dennoch besaß er eine Ausstrahlung, die gleichzeitig tröstend und machtvoll erschien.
„Kommst du mit? Ich denke, ich kann dir einiges erklären, was die hohle Eiche da hinten nicht kann", bot er an und streckte Löschi auffordernd eine Hand hin. Irgendwie verhielten sich die beiden übernatürlichen Wesen auch nur wie zwei Brüder, die sich gegenseitig einfach nur ständig provozierten. Sie sahen sich in ihren menschlichen Gestalten auch gar nicht so unähnlich, dennoch machte Cernunnos den mächtigeren Eindruck auf ihn. Er musste nicht überlegen, ob er mitkam. Von dem Gott hatte er nur Gutes gehört, während Leshy ihn gefangen genommen hatte, seinen Körper benutzt und missbraucht hatte. Ohne die ihm angebotene Hand zu ergreifen lief er auf ihn zu.
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