Wildunfall
Den Rest des halbjährlichen Urlaubs genießt Nicole so gut es geht. Lange Schlafen ist zwar kaum drin da Alucard sie immer noch aus dem Bett schmeißt, aber sie macht das Training schon um einiges lieber und merkt die Fortschritte. Bessere Ausdauer, erhöhte Muskelkraft, bessere Schussqualifikationen und selbst beim Nahkampf hat sie ein bisschen was mitbekommen. Klar ist sie jetzt nicht Chackie Chan, aber sie könnte sich schon um einiges besser verteidigen wenn es um einen normalen Kampf geht. Die Reaktion wurde ebenfalls verbessert und ihre Sinne so ein wenig verfeinert. In der Arbeit ist Doktor Humphry nun doch ein wenig froh, dass sie wieder zurück ist und ihre Arbeit fortführen kann. Sie hat ihn natürlich aufgrund des Umzugs kontaktieren müssen und darf auch offiziell und mit Lady Integras Erlaubnis erzählen, um wen es sich bei Jenny wirklich gehandelt hatte. Das kam für ihn wie ein Schock, denn das hätte er von der stillen und zurückgezogenen jungen Frau nicht gedacht. Aber stille Wasser sind tief und auch das merkt der Dok recht schnell. Was er allerdings auch recht schnell merkt sind die Besuche von Alucard, der oftmals einfach nur vorbei kommt um zu sehen ob es ihr gut geht oder er bringt Kaffee. Anfangs hat man sich noch gewundert und man hat ihn skeptisch beäugt! Schnell hat man sich aber an die Besuche gewöhnt und beachtet ihn schon gar nicht mehr. Sie hat zwar so oder so ihr eigenes Labor und arbeitet an den speziellen Fällen die sie in das Labor bekommen, aber man muss trotzdem durch das Gebäude durch, um dort hin zu kommen. „Hast du gesehen was ich dir auf den Schreibtisch gelegt habe?" Nici sieht sich gerade ein paar der Platten an und ändert den Winkel der Platte um einen besseren Eindruck der Kolonien zu bekommen. „Habe ich und Danke. Der Kaffee schmeckt um einiges besser als die vorherige Sorte." Zufrieden lächelt sie, schließt die Schale wieder und legt sie unter den Abzug. „Perfekt. Brauchst du noch was?" Alucard denkt kurz nach und stellt sich hinter sie. „Eine Kompensation dafür, dass ich dir deinen Double-shot Vanilla Macchiato mit Sahne gebracht habe?" Lächelnd legt sie den Kopf in den Nacken, bevor er sich einen Kuss klaut und sich wieder aufrichtet. „Wir sollten diese Art der Bezahlung bei uns immer machen." Die braunhaarige hebt ihren Kopf und schnaubt amüsiert. „Tun wir das nicht schon lange?" Das stimmt auch wieder. „Ich bin unterwegs. Wenn was ist, dann schreib mir oder- Nein. Schreib mir." Seras ist im Augenblick am Schlafen da sie eine extra Schicht hatte antreten müssen, die Lady ist genervt weil irgendwas mit dem Balkon nicht stimmt und die Söldner haben eine interne Fortbildung. Der Pater ist wieder in seinem Waisenhaus und somit kann sie ihn vielleicht anrufen, aber Alucard ist um einiges schneller da wenn es Probleme geben sollte. Mit ihr über Telepathie zu reden, das vermeidet er so gut es geht. Sie kennt das zwar mittlerweile, aber gern haben tut sie es nicht. „Fahr nachher vorsichtig nach Hause, klar? Die Lady fand die Post mit dem Bußgeld jetzt nicht so prickelnd. Du kannst froh sein, dass sie es irgendwie geschafft hat damit du deinen Wisch da behalten kannst."
Die Nacht ist ruhig. Nici fährt nach ihrer Schicht mit der ‚Schrottkarre' der Lady nach Hause und biegt schon bald von der viel befahrenen Straße auf die weniger bis kaum befahrene Verbindungsstraße ab. Wenn sie zurück ist, dann wird sie sich erst einmal was Gemütliches anziehen und sich an den PC setzen. Ja gut, vielleicht wird sie auch einmal in der Küche vorbeisehen und sich da was schnappen. Hat sie großen Hunger oder eher nicht? Auf was hätte sie gerade Lust? Da die Straße frei ist, schaltet sie einfach das Fernlicht an, um mehr Sicht zu haben. Ganz wohl fühlt sie sich so oder so nicht, wenn sie in der Dunkelheit fahren muss. Liegt aber daran, dass sie in ihrer Fahrschule nie wirklich eine Nachtfahrt hatte und bei ihr eine gewisse Art der Angst nie genommen wurde. Nie ist etwas passiert und sie ist schon öfters im Dunkeln gefahren wenn es keine andere Möglichkeit gab, dennoch vermeidet sie es so gut es geht. Mit so einer Arbeitsstelle, die an sich 24/7 besetzt sein muss, ist es aber vielleicht ein wenig schwierig. Ein wenig in Gedanken verloren, fährt sie weiter und hat die Musik eher so im Hintergrund laufen, als sie etwas aus dem Augenwinkel aus dem Feld rennen sieht und abrupt abbremst. Ein Aufprall ist zu hören und so schnell es geht kommt sie zum Stehen. Den Motor lässt sie laufen, bevor sie sich schnell und mit einer gewissen Angst abschnallt. Die Handbremse ist angezogen und sofort steigt sie aus, bevor sie sich umsieht. Zuerst vor dem Wagen, aber da ist nur etwas Blut an der Motorhaube und dem Kühlergrill. „Scheiße... scheiße!" Das Adrenalin pumpt durch ihren Körper und sie läuft um das Auto herum, kann aber nichts finden. Irgendetwas muss sie ja angefahren haben, das Blut ist frisch! Vielleicht ein wenig weiter hinten? Der Bremsweg war jetzt nicht gerade kurz, wenn man die Geschwindigkeit bedenkt. Mit leicht zitternden Händen holt sie ihr Handy raus, schaltet die Taschenlampe ein und hat im nächsten Augenblick Alucards Gesicht auf dem Display. Dieser hat die Veränderung natürlich gespürt und will sich versichern dass entweder alles gut ist, oder sicherstellen dass sie wirklich in Gefahr ist. Sie nimmt an und stellt ihn auf laut. „Hey! Alles in Ordnung? Du bist total in Panik! Wo bist du genau?" Nici sieht mit der Handytaschenlampe umher. „I-Ich war auf der Straße nach Hause. Irgendwas ist mir vor den Wagen gelaufen und ich finde es nicht!" Alucard ist augenblicklich beruhigt. Ihr ist nichts Schlimmes passiert. „Okay, alles ist gut. Beruhig dich, atme tief durch und komm wieder runter. Ist der Wagen noch fahrtüchtig?" Sie braucht einen Moment bis sie antworten kann. „Ja. Ja, ich denke schon! Ich konnte zumindest normal bremsen und alles und es kommt kein Rauch raus." Stille. „Gut. War es was Kleines wie ein Hase, oder-" „Ein Fuchs!" Sie sieht das kupferfarbene Fell des Tieres, welches in ungefähr 50 Metern Entfernung auf der Straße liegt. „Lebt das Vieh noch?" Vorsichtig nähert sich die junge Frau und leuchtet mit der Taschenlampe dort hin. „I-Ich... Es liegt ziemlich still da." Langsam aber sicher kommt sie wieder runter und beruhigt sich, was Alucard wiederum mitbekommt und zufrieden nickt.
Langsam kniet sich Nici neben dem Fuchs hin und seufzt. „Was für ein schönes Tier... Tut mir echt leid, kleiner." Füchse sind zwar nicht ihre Lieblingstiere, aber sie sind eben doch schöne Tiere mit diesem Fell und den süßen kleinen Pfoten. „Fass es nicht an, wer weiß welche Krankheiten es hat.", brummt Alucard und bekommt ein kurzes Schnauben. „Der liegt mitten auf der Fahrbahn, natürlich schaffe ich den auf die Seite! Ich habe noch Desinfektionsmittel im Rucksack, ich kann mir gleich die Hände desinfizieren." Mitten auf der Straße kann sie das Tier nicht liegen lassen, auch wenn es schon tot ist. Kurzerhand packt sie das Handy in ihren Ausschnitt und kann somit noch leuchten, während das Telefonat weiterhin läuft. „Gib mir einen Moment." Vorsichtig schiebt sie ihre linke Hand unter das überraschend warme Tier und legt die andere Hand auf die Oberseite, um es hochheben zu können. Das Fell ist unglaublich weich und sie streicht durch, ehe sie es hoch hebt. Urplötzlich, als wäre es von den Toten auferstanden, gibt das Tier einen bellenden Laut von sich und versenkt die Zähne in ihrer rechten Hand. Überrascht gibt Nici nur ein: „FUCK!", von sich, ehe sie den Fuchs los lässt. Dieser landet wie eine Katze auf allen vieren und verschwindet sofort in der Dunkelheit. Der Schmerz kommt erst ein paar Sekunden nach dem Schock und sie presst die Hand an ihren Bauch. „Au, au, au... Fuck! Scheiße..." Alucard spürt den Schmerz und kneift die Augen leicht zusammen. „Nici, Kätzchen? Was ist los?" Sie zischt vor sich hin und flucht immer wieder. „Das Vieh war nicht tot! Gebissen hat mich der Bastard, das ist los!" Scheiße. Weg kann er im Augenblick nicht, die Mission von der Lady ist dann doch wichtig. „Fahr ins nächste Krankenhaus, ich kann grad nicht weg. Die Viecher können einiges übertragen und ich kann dir mein Blut später zur Heilung geben. Ab mit dir!" Na ganz toll. Nici brummt zustimmend, legt auf und drückt das Blut soweit es geht aus der Wunde. Wenn es blutet, kann es die ersten Krankheitserreger schon einmal ausschwemmen. Erst dann geht sie zur Beifahrerseite und flucht leise, während sie sich gefühlt die halbe Flasche Desinfektionsmittel drüber haut. Sie verbindet sich das alles mit ein paar desinfizierten Taschentücher, legt sich einen Verband um und ist zum ersten Mal froh, dass sie so viel Zeug in ihrer Tasche hat. „Wusste doch, dass der Mist irgendwann nützlich wird!" Nici steigt wieder in den Wagen, dreht um und fährt so gut es mit der verletzten Hand geht zurück in Richtung der Hauptstraße. Dort biegt sie ab und fährt zum Krankenhaus, in dessen Notaufnahme sie fast sofort drangenommen wird aufgrund des Infektionsrisikos. Sie muss den Hergang schildern, sich eine Belehrung darüber anhören dass man sich zuerst versichern sollte das es tot ist bevor man es wirklich für tot hält und bekommt die Hand erstversorgt. Zusätzlich bekommt sie eine Tollwut-Impfung, damit man auch wirklich auf der sicheren Seite ist. Was für ein beschissenes Glück sie doch hat. Eine AU für eine Woche ist drin, obwohl sie gerade erst wieder angefangen hat. Das wird dem Dok gar nicht gefallen. Sie bedankt sich bei den Leuten in der Notaufnahme, wünscht noch einen ruhigen Dienst und wird mit der Anweisung entlassen, dass sie das alle zwei Tage kontrollieren muss. Antibiotika hat sie mitbekommen, die aber an sich für sie komplett nutzlos sind. Nähen hat man es zum Glück nicht müssen.
„Ich hoffe dass du jetzt gelernt hast, dass du-" „Das ich was. Langsamer fahre? Ich war sogar ein wenig unter der erlaubten Geschwindigkeit weil ich Probleme habe im Dunkeln zu fahren. Tote Tiere nicht anfassen? Tut mir leid, dass ich das Ding nicht mit meinen Schuhen habe auf die Seite schieben wollen. Was genau soll ich gelernt haben?" Nici sieht Alucard mit hochgezogenen Augenbrauen an, der vor der Notaufnahme gewartet hat. Nichts sagend blickt er nur auf die Seite und sie seufzt. „Aber danke, dass du angerufen hast. Ich... Ich hatte noch nie einen Wildunfall und ich hatte echt Angst. Und danke, dass du jetzt da bist." Beruhigend legt er ihr einen Arm um die Schulter und bringt sie zum Auto. „Dafür bin ich da, Kätzchen. Wie geht's mit deiner Hand?" Entgeistert hebt sie die eingebundene Hand und sieht auf sie. „Sagen wir es so. Es pocht schlimmer als mein Herz bei euch beiden in dem Hasenoutfit, ich weiß jetzt zum Teil wie sich eine Mumie anfühlt, die Schmerztabletten wirken verdammt gut und es juckt jetzt schon. Danke der Nachfrage." Ein wenig besorgt sieht er von ihr zu dem Wagen. „Und du willst noch fahren?" Gelassen winkt sie ab. „Du hast keine Ahnung wie oft ich schon betrunken Auto gefahren bin. Oder Traktor. Oder aufm Dorf Schubkarre!" Nachdenklich verstummt sie. „Zählt Bobbycar auch?" Nein, er sollte sie eigentlich nicht wirklich fahren lassen! Aber sonst bekommen sie den Wagen nicht zurück. „Traust du dir das zu?" Schon zieht Nici die Schlüssel raus und sperrt den Wagen auf. „Klaro. Willst du mitfahren?" Als ob er sie in dem Zustand jetzt allein lässt! Also steigen sie beide ein und ein wenig unsicher sieht er ihr dabei zu, wie sie losfährt. Ein wenig taub fühlt sich die Hand schon an, aber die Fahrt sollte sie überstehen. „Eine Woche bin ich krankgeschrieben. Bist du ein Schatz und bringst es noch zur Arbeit? Zugegebenermaßen will ich jetzt einfach nur nach Hause." Alucard stimmt brummend zu und die Fahrt läuft überraschend ruhig ab. Den Wagen stellt sie neben dem Anwesen ab, sperrt zu und beide gehen rein. „Du kriegst mein Blut gleich. Lass mich erst einmal zur Lady gehen und den Bericht abgeben. Geh du schonmal ins Zimmer." Stumm nickend trennen sich die beiden und während Alucard die Mission damit wenigstens abschließen kann, zieht sich Nici erst einmal etwas Gemütliches an und legt sich ins Bett. Dort informiert sie Anderson mit einem Bild von der eingebundenen Hand was passiert sei, dass es ihr gut gehe, der Fuchs noch lebe und sie gleich das Blut bekäme damit das alles richtig verheilen kann. Der schwarzhaarige gibt auch noch bescheid was mit dem Fuchs passiert wäre und dass sie erst einmal das Training aussetzen wird. Er solle ihr gute Besserung ausrichten und das macht er auch, während er ihr wieder ein wenig von seinem Blut gibt. „Hast du schon gegessen?" Ihr Blick geht zu der leeren Chipspackung, ehe sie entschuldigend grinst. Sie hatte einfach Heißhunger und jetzt? „Egal. Geh schlafen, lass das Blut wirken und du bist für eine Woche ab jetzt vom Training befreit. Egal ob du jetzt dann geheilt bist oder nicht. Die AU bringe ich schnell beim Labor vorbei. Gute Nacht!" Ein kurzer Kuss, ehe sie ihm auch noch eine Gute Nacht wünscht und er abhaut. Müde ist sie überraschenderweise schon, aber das kommt wegen der Aufregung.
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