Zwei
Es war einer der heißesten Sommer seit vielen Jahren, an dessen Anfang Viktor auftauchte. Es war so heiß, dass der Asphalt draußen schmolz und die Erwachsenen am liebsten drinnen blieben, bei heruntergelassenen Jalousien. Ich ging nach draußen, denn ich liebte die Hitze. Dann pflückte ich wundervolle Sträuße aus verdorrten Blumen, die am fehlenden Wasser zugrunde gingen.
Später kam mir einmal in den Sinn, dass Viktor wie jener Sommer war. So anders als alles je dagewesene, so viel gefühlvoller, kochender und doch so verheerend, dass die anderen ihn mieden. Er war niemand, den man einfach aus dem Gedächtnis streichen konnte, sondern blieb einem fast schmerzhaft in Erinnerung.
Schon damals.
»Warum glauben Menschen, dass sie anderen sagen dürfen, was sie tun sollen?«, waren seine ersten Worte, die sich mir einprägten. Er war neun Jahre alt und der Blick aus seinen kalten Augen voller Ablehnung.
Ablehnung, die nicht erst auftauchte, als die Lehrerin von ihm verlangte, sich wieder hinzusetzen. Nicht erst, als die anderen Kinder ihn mit neugierigen Fragen bombardierten und nicht lockerließen, auch dann nicht, als er keine einzige beantworten wollte. Sondern die schon im ersten Moment zu sehen war, als er in die Klasse trat und sich mit rauer, leicht heiserer Stimme vorstellte.
Viktor Kolesnikow.
Ein Name, der so fremdländisch klang wie der Akzent, mit dem er sprach. So schön, dass ich ihn mir auf der Zunge zergehen ließ und so interessant wie derjenige, der ihn trug.
»Wir machen jetzt mit dem Unterricht weiter, das gilt auch für dich, Viktor«, sagte die Lehrerin und griff nach der bunten Kreide, die sie in dem Fach an der Tafel abgelegt hatte. »Ist jemand schon mit Aufgabe drei fertig?«
Unbeirrt von ihren Worten ging Viktor auf die Tür zu. Wahrscheinlich verschwendete er keinen einzigen Gedanken daran, was ihm für Strafen drohte, würde er einfach gehen.
Ich schaute nicht in mein Mathebuch mit den langweiligen Aufgaben, sondern beobachtete den Neuen. Er hatte braune Haare mit einem kastanienfarbenen Schimmer, blass hob sich seine Haut darunter ab. Seine Augen waren ziemlich hell, ob grün oder blau konnte ich aus der Entfernung nicht sagen.
»Du wirst hier bleiben, ist das klar?« Meine Klassenlehrerin stapfte ihm hinterher, dieses Mal sagte sie es in einem schärferen Tonfall.
»Warum?« Viktor drehte sich um und sah sie an. Einen Schulranzen hatte er keinen dabei, nur ein dickes, bereits zerfleddertes Buch, das er in seinen Händen hielt. »Sie können mich nicht zwingen!«
Die Mädels in der ersten Reihe tuschelten aufgeregt, ein paar andere musterten ihn neugierig. Er ertrug all das, ohne seinen Blick zu senken. Nur flüchtig glitt der über uns, als würde er sich gar nichts draus machen, dass alle nur auf ihn schauten.
»Du darfst nicht einfach gehen, das ist verboten«, erklärte sie und stemmte die Hände in ihre Hüfte, über die der Stoff ihres bunten Sommerkleids fiel. Sprach darüber, wie wichtig der Unterricht doch sei und andere Kinder dankbar wären.
Viktor interessierte all das das nicht. Mit fester Entschlossenheit marschierte er nach draußen, ohne sich noch einmal umzuwenden.
Unsere Lehrerin ihm hinterher.
»Jetzt warte doch!«, hörten wir sie noch rufen, dann fiel die Tür ins Schloss und der Raum wurde erfüllt von den Diskussionen der anderen. Ich senkte meinen Blick auf mein Heft und beobachtete sie durch den dunklen Haarschleier.
»Spinnt der voll?«, fragte Freja und deutete sich an die Stirn. »Voll der Freak.«
Die anderen stimmten zu und auch ich musste ihr insgeheim rechtgeben. Irgendetwas hatte der Neue an sich, das ihn unheimlich wirken ließ. Und doch zog er mich in seinen Bann. Waren es seine abgetragenen Klamotten, die nicht so wirkten, als wären es seine eigenen? Oder seine auffällig hellen Augen, die damals so kalt schienen, keines seiner Gefühle erahnen ließen?
Die Lehrerin kam ohne Viktor zurück und fuhr sich durch ihre Haare, zerzauste ihre Hochsteckfrisur ein wenig. Sie wirkte gestresst, als sie sich über das Pult beugte und das grüne Klassenbuch aufschlug.
»Ruhe jetzt! Wir machen weiter«, verkündete sie. Mir gelang es noch weniger als sonst, mich auf den Matheunterricht zu konzentrieren.
Wieso ging Viktor schon am ersten Tag in unserer Klasse einfach, versuchte nicht einmal, sich mit den anderen anzufreunden? Schüttelte nur abweisend mit dem Kopf, als sie ihn fragten, ob er mit ihnen mitspielen wolle?
Als ich am nächsten Morgen zur Schule lief, begegnete ich Viktor, der auf den vermoosten Steintreppen am Hintereingang saß und mit konzentrierter Miene etwas auf einen Papierzettel schrieb. Neben ihm lag ein Buch. Ich wollte schnell weitergehen. Mit meinen Klassenkameraden hatte ich nicht viel zu tun, verkroch mich lieber in meinen Traumwelten. In den Geschichten, in denen ich sein konnte, wer ich wollte, in denen ich nicht rot anlief und herumstammelte, sobald ich mit den anderen sprach.
Da sah er auf.
Unsere Blicke trafen sich und für wenige Sekunden fühlte ich mich wie nackt, völlig entblößt, als er mich musterte. Sein kalter Blick brannte wie Seife in einer Wunde und trotz dass seine Augen so undurchdringlich schienen, waren sie aufgewühlt.
So voller Gefühle.
Man konnte nichts und letztendlich alles aus ihnen herauslesen.
»Hallo. Du gehst in meine Klasse, oder?«, sprach er mich an, die Worte klangen bei ihm härter, aber gleichzeitig auch melodischer. Woher er wohl kam? Und lebte er schon länger in Deutschland?
»Ja«, murmelte ich, so leise, dass er mich kaum gehört haben konnte. Ich wollte weitergehen, hielt dann aber doch inne.
»Wieso bist du gestern eigentlich gegangen?«, fragte ich ihn und sah auf den Boden, wich seinem intensiven Blick aus.
»Das alles ist doch voll unnötig. Wozu denn auch, wenn wir eh sterben werden?«, hörte ich ihn sagen. Vorsichtig schaute ich wieder auf.
Seine Worte mit ihrem irgendwie verletzten Klang hallten noch lange in mir nach.
Schon damals stand er dem Tod nah wie kein anderer und riss letzten Endes auch mich mit in seinen Abgrund.
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