Prolog

Eine leere Schachtel Tabletten, die achtlos auf den Boden fallengelassen worden war. Ein Haufen weißer Tabletten in der zitternden Hand des blonden Mädchens, das an einer Wand auf dem Boden saß. In ihrer anderen Hand ein Blatt Papier, mit hastig geschriebenen Buchstaben bedeckt. Leise Musik, traurig und melancholisch, die das Mädchen anzufeuern und den Takt ihres Zitterns vorzugeben schien. Die blonden, halblangen Haare des Mädchens fielen ihr ins Gesicht und verdeckten es wie ein schützender Vorhang, Tränen tropften aus ihren blauen Augen auf den Holzboden und sie wurde von heftigen Schluchzern geschüttelt. Der Vollmond schien ins Zimmer und beleuchtete ihr blasses Gesicht und ihre ungekämmten Haare, die Augenringe und das von Tränen durchnässte Oberteil. Der Zettel fiel ihr jetzt aus der Hand, als hätte sie nicht mehr genug Kraft um ihn festzuhalten. Sie hob den Kopf und betrachtete den Vollmond ein letztes Mal, als würde er ihr Kraft schenken, sie in ihrem Vorhaben bekräftigen. Die Musik erreichte jetzt ihren Höhepunkt, dröhnte durch die Nacht und erzählte von ewigem Winter und Leid, von Dunkelheit und Tod.

Das Mädchen hörte jetzt auf zu schluchzen und starrte auf die Tabletten in ihrer Hand. Vergewisserte sich noch ein letztes Mal, dass ihr Zettel gut sichtbar vor ihr auf dem Holzboden lag. Strich sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, während Tränen weiter ihre Wangen hinabliefen wie zwei aus Seen gespeiste Flüsse. Dann hob sie die Hand mit den Tabletten zum Mund und schluckte. Alle. Augenblicklich trat die Wirkung ein, ihr Körper sank zur Seite, bis sie wie ein schlafendes Baby auf dem kalten Boden lag. Friedlich. Ihre Augen fielen zu, eine erleichterte Mine breitete sich auf ihrem Gesicht aus bevor ihre Muskeln erschlafften und ihre Atmung immer langsamer wurde. Sie war nun eingeschlafen, kaum merklich versagte ihre Atmung und schließlich auch ihr Herz. Keine Schreie, kein verzweifelter Todeskampf. Sie war eingeschlafen, friedlich und leise und fast unbemerkt. Nur der Vollmond hatte ihren Tod bemerkt, ein stiller Beobachter in dieser Welt voller lärmender Blinder und stummer Sehender. Denn sie hatten ihren Tod nicht erwartet, hatten nicht damit gerechnet. Hatten nicht damit gerechnet, dass sie es wirklich tun würde. Doch sie hatte es getan. Hatte es ihnen allen gezeigt. Nun war sie fort und mit ihr all ihre Gedanken und Erinnerungen und unausgesprochenen Träume, ihre Stimme für immer verstummt.

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