Monster oder der Junge mit der Zigarette
Die Wiese unter meinen Füßen war sehr uneben, sodass ich mehrmals stolperte und mich gerade noch fangen konnte. Noch nicht mal laufen konnte ich. Schon traurig. Vielleicht sollte ich mich in meinem Zimmer einsperren, bis ich alt war und graue Haare hatte. Dann konnte ich wenigstens keine Fehler mehr machen. Oder wenigstens nicht mehr so viele. Auch wenn ich das vermutlich niemals aushalten würde. Erst als die ersten dunkelgrünen Blätter sich in meinen Haaren verfingen, nahm ich meine Umgebung wieder richtig war. Sah mich um. Grauer Beton, von einem Skatepark. Genau wie ich vermutet hatte. Dunkle Umrisse der Bäume, die ihn beschatteten und zu einem ziemlich düsteren Ort machten. Raue, geriffelte Baumrinde unter meinen Fingern. Und dort, irgendwo in der Mitte zwischen einer alten Halfpipe und einem rostigen Metallgeländer, saß das Mädchen von eben. Das Mädchen mit den zerzausten Haaren. Mit dem Rücken zu mir. Aber sie war nicht alleine, sondern saß mit ein paar weiteren Jugendlichen auf dem Boden. Im Schneidersitz. Stumm. Es waren zwei weitere Jungen, die mit ihr dort saßen.
Der erste Junge war sehr groß, seine ehemals wohl blonden Haare waren grün gefärbt. Doch die Farbe wirkte nicht frisch und schrill, sondern ausgebleicht, als hätte er sich nicht die Mühe gemacht, sie neu zu färben. Sie waren kurz geschnitten, so kurz, dass ihm keine einzige Strähne in die Augen fallen konnte. Ziemlich stoppelig. Aber wahrscheinlich mochte er es so. Jedenfalls lehnte er an einer graffitibeschmierten Betonwand und tippte fieberhaft auf seinem Handy herum. Uninteressant. Der zweite Junge war das genaue Gegenteil von ihm. Lange, wirre, braune Haare, die bis zu seinen Schultern gingen und ihm immer wieder in die Augen fielen. Er hockte auf einer Stufe, die schmalen Arme um die Knie geschlungen. Um seine Knie, die in einer zerschlissenen schwarzen Jeans steckten. Mit Löchern, die so groß waren, dass sie beim Kauf unmöglich schon vorhanden sein konnten. Und er war klein. Sehr klein. So klein, dass er neben dem großen Jugendlichen fast wie einer dieser Fünftklässler wirkte. Und hager. Obwohl, vielleicht konnte man es nicht wirklich als hager bezeichnen. Eher schmal und verhärmt, als hätte sein Körper irgendwann einfach vergessen zu wachsen. Oder keine Lust mehr darauf gehabt.
Sein linker Fuß wippte unablässig auf und ab, als könnte er einfach nicht stillhalten. Konnte er ja vielleicht auch nicht. Er schüttelte jetzt den Kopf. Vielleicht hatte einer der anderen mit ihm gesprochen und ich hatte es einfach nur nicht bemerkt, vielleicht sprach er mit jemandem in seinem Kopf. Denkbar war alles. Ein paar Haarsträhnen fielen ihm ins Gesicht. Sein Arm schoss hoch um sie hinters Ohr zu klemmen. Jetzt zog er seine Kapuze über den Kopf, wieder fielen die Haare in seine Augen, wieder schob er sie gedankenverloren unter die Kapuze. Unwillkürlich musste ich lächeln, weil ich doch nicht die einzige war, die gerne Kapuzen trug und weil ihn dieser Tick auf Anhieb sympathisch machte. Irgendwie schon dumm, dass ich mich darüber freute. Und irgendwie traurig. Ich starrte jetzt das Mädchen an, auch wenn sie mit dem Rücken zu uns saß und man nicht viel erkennen konnte. Bescheuert. Diese ganze Situation war einfach bescheuert. Ich stand irgendwo im Schutz der Bäume und beobachtete drei Jugendliche, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Warum starrte ich sie eigentlich immer noch an? So spannend waren sie nun auch wieder nicht. Warum stand ich immer noch hier, warum hatte ich mich nicht schon längst umgedreht?
Irgendwelche Jugendliche. Es waren nur irgendwelche Jugendliche, ungefähr in meinem Alter, die sich in irgendeinem blöden Skatepark trafen, um...Ja. Warum eigentlich? Reden taten sie schließlich nicht sehr viel. Geschweige denn Skateboard fahren oder irgendetwas anderes eben, dass man normalerweise in einem Skatepark tat. Es sah so aus, als würden sie so ziemlich nichts tun, einfach nur dasitzen. Aber halt, nicht ganz. Der große Junge hatte sein Handy jetzt weggelegt und sich eine Zigarette angezündet, der Rauch stieg in kleinen Kreisen empor und die Spitze glühte. Na schön. Dann eben drei Jugendliche, von denen zwei nichts taten und einer rauchte. Und? Langweilig, müsste es jedenfalls eigentlich sein. Aber ich beobachtete sie gerne. Warum auch immer. Der rauchende Junge sah immer wieder in meine Richtung. Eigentlich ein Wunder, dass er mich noch nicht bemerkt hatte. Ich sollte jetzt einfach gehen. Punkt. Keine Wiederrede. Also drehte ich mich um, warf noch einen letzten Blick in ihre Richtung. Und hatte das Gefühl, ihm genau in die Augen zu schauen. Dem Jungen mit der Zigarette.
Zufall. Er hatte bestimmt nur zufällig in meine Richtung geschaut. Solche Zufälle passierten ständig. Ich ging ein oder zwei Schritte vor. Dann blieb ich stehen. Denn warum wollte ich jetzt eigentlich gehen? Ich konnte genauso gut hier stehen bleiben, hatte ein genauso großes Recht hier zu sein wie sie. "Sturkopf" Ihre Stimme. Ich musste schlucken, doch der Kloß in meinem Hals wurde nicht kleiner, im Gegenteil. Er schien mit jeder Sekunde größer zu werden, wie ein Luftballon, der langsam aufgeblasen wurde. In meinem Kopf kicherte sie hämisch. Doch ich hatte sie nie, niemals so kichern hören. Nicht ein einziges Mal, das passte einfach nicht zu ihr. Passte nicht zu der Hanna, die ich gekannt hatte. Die ich glaubte gekannt zu haben. Das beschrieb es wohl eher. Das Kichern wurde lauter. Sie verspotteten mich, diese fiesen Gedanken. Verspotteten mich, weil es mir nicht gelang sie abzuschütteln. Noch nicht mal hier war ich vor ihrem Spott sicher. Denn sie verfolgten mich. In der nächsten Sekunde wusste ich, dass ich gleich weinen würde. Sah die Schluchzer vorraus, die mich im nächsten Moment durchschüttelten. Und hatte es doch nicht geschafft, sie aufzuhalten.
Immernoch kamen keine Tränen. Ob das wohl für immer so bleiben würde? Ein leises Knacken brachte mich dazu, mich umzudrehen. Vermutlich weil ich zu viele Bücher gelesen hatte, weil ein zerbrechender Stock in so vielen Büchern das Auftauchen irgendeines Monsters ankündigte. Aber in der echten Welt gab es keine Monster. Das einzige Monster an diesem Ort in irgendeinem Park in Köln wohnte in meinem Kopf. Und doch war es dadurch nicht weniger gefährlich. Erst jetzt bemerkte ich den Jungen hinter mir. Nur einen klitzekleinen Moment später roch ich die Zigarette in seiner Hand. Und dann begann er zu sprechen. "Willst du dich nicht zu uns setzen?" Überrascht starrte ich ihn an. Damit hatte ich nicht gerechnet. Er warf mir einen fragenden Blick zu und nahm einen tiefen, gierigen Zug aus seiner Zigarette, blies mir den Rauch regelrecht entgegen. Er stieg mir in die Nase, stinkend und ekelhaft und brechreizerregend. Ich hasste Zigaretten, weil sie absolut scheiße für den Körper waren. Doch noch mehr hasste ich ihren Geruch. Diesen Geruch, der vermutlich schon jetzt in meinen Klamotten klebte, sodass man ihn noch den ganzen Tag riechen können würde.
Es kitzelte in meiner Nase. Und dann begann ich zu husten. Ein paar Mal nur. Der Junge grinste. Ich schwieg, grummelnd. Es war ja sehr schön, dass er sich über mich lustig machte. Weil es ja so super lustig war, jemandem beim Husten zuzusehen. Ich wusste nicht, ob er meine finstere Mine bemerkt hatte. Wenn ja, ignorierte er sie jedenfalls gekonnt. "Kommst du jetzt oder was?" Er klang jetzt leicht genervt. Als würde ihm gerade klar werden, dass er nur seine Zeit verschwendete. Ich zuckte die Schultern und verfluchte mich im nächsten Moment dafür. Schön, dass ich es noch nicht mal schaffte zu reden. Auch wenn ich sowieso nicht gewusst hätte, was ich sagen sollte. "Heißt das ja?" Er drückte seine glimmende Zigarette an einem Ast neben ihm aus. "Oder nein?" Prüfende Blicke aus seinen braunen Augen, während ich immer noch schwankte. Allein die Tatsache, dass ich ernsthaft darüber nachdachte, überraschte mich. War das jetzt ein gutes Zeichen? Ein Zeichen dafür, dass ich mich endlich wieder für etwas interessieren konnte? Bestimmt. Es musste einfach ein gutes Zeichen sein. Was konnte es schon schaden, mich zu ihnen zu setzen? Nichts. Genau. Und vielleicht könnte ich endlich wieder jemanden kennenlernen. Richtig kennenlernen. Ein Stück Normalität zurückgewinnen. Ich klammerte mich an diese Hoffnung, auch wenn sie zugegebenermaßen ziemlich dürftig war. Und nickte.
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