Falsch
Mit meinem Kopf immer noch voll rastloser Gedanken ging ich zügig zur Haustür und klingelte. Ein sehr mulmiges Gefühl hatte sich in meinem Bauch ausgebreitet. Irgendwie hatte ich Angst davor, was als nächstes passieren würde, was sie sagen würden. Schließlich hatte ich sie heute Mittag einfach am Tisch sitzen lassen. Egal. Sollten sie sich doch beschweren. Sich beschweren über mich, ihre Tochter, die eh schon lange nicht mehr ihrer Vorstellung entsprach. Wie eine Larve, aus der nach Jahren des Wartens kein Schmetterling sondern ein hässlicher Käfer geworden war. Aber vielleicht war es besser, ein grauer trauriger Käfer zu sein, als ein bunter oberflächlicher Schmetterling. Und sicherer. Immerhin hatten Käfer, so hässlich sie auch sein mochten, einen harten Panzer aus Chitin, der sie vor Feinden und dem Gewicht der Welt schützen konnte. So einen Panzer hätte ich auch gerne gehabt. Akiras Gesicht trat mir wieder vor Augen. Ja, so einen Panzer hätte ich auch gerne gehabt. So einen wie sie. Denn ihr Panzer schien so stabil, so verdammt unzerstörbar. So kalt.
Aber im Gegensatz zu meinem glänzte er. Er glänzte im Licht, wie eine Rüstung aus poliertem Metall. Kalt und gefährlich und wunderschön. Wenn ich so darüber nachdachte, war sie vielleicht doch eher ein Schmetterling. Ein schöner bunter mit feinen Mustern, die man kaum verstehen konnte, weil sie so komplex waren. Nein, nicht bunt. Tintenschwarz. Aber trotzdem wunderschön.
Ein leises Knarren erklang, als sich die Tür vor mir plötzlich öffnete und mich aus meinen unsinnigen Gedanken riss. War auch besser so, wenn man genauer darüber nachdachte. Sie waren viel zu wirr und durcheinander, als hätten sich mehrere Gedanken wie Fäden miteinander verknotet. Ein kaotischer Wirrwar ohne sichtbaren Anfang oder Ende. Mein Vater stand in der Tür und sah mich mit einem seltsamen Blick an. Dann schloss er mich in seine Arme und hielt mich ganz fest, als wolle er mir damit zeigen, dass er für mich da war und dass er mich gern hatte. Vielleicht.
Vielleicht umarmte er mich aber auch einfach nur, weil er dachte, dass es das war, was ein guter Vater tun würde. Fast genauso schnell ließ er mich wieder los.
"Mach das nie wieder, hörst du?"
"Wir haben uns Sorgen gemacht".
"Warum bist du nicht an dein Handy gegangen?"
"Was war denn los?"
Seine Fragen regneten auf mich hinab wie ein Hagel spitzer Pfeile auf ein Heer feindlicher Soldaten. Jeder einzelne erreichte sein Ziel, bohrte sich tief in die Körper der Soldaten. Oder eher in meinen Kopf. Da war dieses Vorwurfsvolle in seiner Stimme, das mir wehtat. Aber gleichzeitig machte es mich auch wütend, weil ich schließlich nur einen Nachmittag weggewesen war, nicht drei Tage, und weil er doch eigentlich wissen sollte, was los war. Einen kurzen Moment lang lieferten sich Schuldgefühle und Wut einen stillen Kampf in meinem Kopf. Die Wut gewann. Aber ich wollte ihn nicht noch wütender machen, wollte nicht noch mehr Vorwürfe in seiner Stimme hören. "Ich hab mein Handy vergessen, tut mir Leid. Kommt nicht wieder vor". Meine eigene Stimme kam mir so fremd vor, dass ich mir sicher war, sogar er müsse es hören können. Doch er nickte nur nachsichtig, mit einem seltsam gezwungenen Lächeln auf den Lippen. "Denk beim nächsten mal dran, ja?"
Er hatte es nicht gehört. Ein fragender Ausdruck lag auf seinem Gesicht. Ich nickte mechanisch. Er hatte es wirklich nicht gehört. Wahrscheinlich war das gut so. Keine Ahnung. Meine Gedanken verknoteten sich schon wieder zu einem einzigen riesengroßen Knäul. Vielleicht hatte sich der Knoten von eben auch einfach noch nicht gelöst. Jedenfalls tat es irgendwie weh, dass er es nicht bemerkt hatte. Wie falsch meine Entschuldigung geklungen hatte oder eher, wie falsch sie gewesen war. Denn irgendwie tat es mir kein bisschen Leid. Sie hätte das gemerkt. Hanna hatte immer gewusst, wenn ich etwas nicht so gemeint hatte, wie ich es gesagt hatte. Aber er war eben nicht wie Hanna. Vielleicht kannte er mich nicht gut genug, was seltsam wäre, schließlich war er mein Vater und sie nur meine beste Freundin. Gewesen. Sie war meine beste Freundin gewesen.
Ich holte tief Luft. Die Erkenntniss schmerzte. Sie kam ganz plötzlich und doch fühlte es sich an, als hätte ich es tief in mir drinnen schon immer gewusst. Ich hätte gerade eben viel lieber Hanna umarmt als ihn. Hätte sie jetzt viel lieber bei mir gehabt als ihn. Hanna. Ein riesiger Kloß bildete sich in meinem Hals. Er tat weh. Hanna. Ich würde sie nie mehr wiedersehen. Vielleicht hatte sie nicht mal gewusst, wie wichtig sie mir gewesen war. Weil ich so verdammt dumm gewesen war und es ihr niemals gesagt hatte. Ich war immer davon ausgegangen, dass sie es wusste. Aber was, wenn das nicht stimmte, wenn sie es eben nicht gewusst hatte? Der Schmerz in meinem Hals wurde immer stärker. Hanna. Wie sehr ich sie vermisste. Ich konnte gar nicht in Worte fassen wie sehr ich sie vermisste. Ich hob den Kopf und starrte meinen Vater an. Er starrte zurück.
Dunkelgrün. Seine Augen waren grün, genau wie meine. Nicht blau. Sie waren kein bisschen so wie ihre, denn seine sahen eher nach einem geheimnissvollen Märchenwald aus anstatt nach zwei unendlich tiefen Bergseen.
Falsch. Alles war so falsch. Das alles hier war falsch. Ich sollte jetzt bei ihr sein. Bei Hanna. In ihre tiefblauen Augen schauen. Ihr Lachen hören. Ihre Stimme. Ich hätte so gerne nochmal ihre Stimme gehört, wie sie ihre Lieder sang, die von Schmerz und Verlust handelten und gleichzeitig wütend und friedlich wirkten. Eigentlich wütend, aber wenn ich sie auf dem Klavier begleitete, klangen sie irgendwie auch seltsam friedlich.
Falsch. Der Druck in meinem Kopf wuchs so schnell an, dass er fast zu explodieren schien. Der Vergleich mit den Käfern und Schmetterlingen fiel mir wieder ein. Und mit den Panzern, den Schutzschilden. Vielleicht hatte ich ein Schutzschild. Aber es hatte nur ein paar Sekunden gebraucht, um es kaputt zu brechen. Wie immer. Denn mein Schutzschild, meine Rüstung, glänzte nicht. Sie war alt und kaputt und verrostet.
Falsch.
So, ich hab es heute auch mal wieder geschafft. Ich hab mal ein bisschen mit kleineren Absätzen experimentiert, findet ihr das so besser oder schlechter? Außerdem mehr Vergleiche, wie findet ihr das? Über Kommentare würde ich mich riesig freuen :D
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