13

Shelby

Es war immer komisch, wenn man eine fremde Schule betrat. Ich konnte dieses Gefühl nicht beschreiben, aber dieses Fremdsein woanders war im ersten Augenblick immer etwas unangenehm.

Ich trank den letzten Schluck aus dem Becher, warf ihn in einem Mülleimer am Zaun, ehe ich den Schulparkplatz überquerte. Währendessen inspizierte ich die vielen teuer aussehenden Autos, die hier kreuz und quer abgestellt wurden. Hier gingen wohl mehr Schnösel auf die Schule als auf meine.

Ein Gong ertönte und kündigte wohl diese Mittagspause an. Fast parallel zu ihm wurde die Glastür des Eingangs aufgestoßen und die unterschiedlichsten Schüler strömten wie Ameisen aus dem Schulgebäude. Manche hatten einen Hefter unter dem Arm, andere Essen in der Hand, andere telefonierten oder unterhielten sich in ihren Gruppen.

Aber alle taten trotzdem noch etwas gemeinsam gleich.

Blicke fielen viele auf mich und nichtmal, dass ich sagen würde, dass sie eher etwas versteckt zugeworfen wurden. Nein, die Mehrzahl machte kein Hehl daraus, dass sie mich von oben bis unten musterten.

Viele Hinweise würden sie nicht erkennen. Ich hatte auch nur eine Jeansjacke an wie die meisten hier, dazu eine schwarze Jeans kombiniert und weiße Converse an den Füßen. Meine gefärbten Haare hatte ich heute nicht offen, sondern zu einem lockeren Dutt hochgesteckt, sodass sie sich diesmal nicht in den Trägern meiner Tasche verfingen. Das einzige, was bei mir, außer, dass ich nicht hierher gehörte, Fragen aufwerfen könnte, war dieser Karton unter meinem Arm.

Deswegen machte ich mich nicht allzu groß bei der Aufmerksamkeit verrückt.  Auf den Weg zum Eingang hielt ich nebenbei noch nach einer halbwegs nett aussehenden Person Ausschau, die ich fragen konnte, wo es denn hier zur Mensa ging... jedoch verschob ich das lieber auf später.

Selbstbewusst zog ich die Tür auf und betrat das Innere der Schule. Einen Unterschied zu meiner gab es beim ersten Eindruck nicht wirklich, es sah größtenteils alles gleich aus. Auch hier machten die anderen Leute keinen Halt mich neugierig anzuschauen. Ich setzte wieder einen Schritt vor den anderen und war schon kurz davor auszuzählen, wen ich denn nach den Weg fragen konnte, als ich an den Schließfächern vorbeikam, an denen ziemlich trainierte Typen standen und die wahrscheinlich das gleiche Ansehen wie Kieron und seine Gruppe genossen. Bestimmt waren das hier ein paar Mitglieder der Footballschulmannschaft.

Die dei schauten mich ebenfalls interessiert an, weshalb ich spontan stehenblieb und entschied, dass ich die einfach fragte.

Überrascht, dass ich ausgerechnet bei ihnen anhielt, hoben sie leicht ihre Augenbrauen an.

Ich muss zugeben, ich war auch selbst von mir überrumpelt, schließlich hätte ich auch einfach ein Mädchen fragen können. Aber das zeigte mal wieder, dass mir Jungs mehr geheuer als Mädchen waren, weil ich bei ihnen nicht so große Hemmungen hatte.

Derjenige mit den schwarzen Haaren, die zu einem Undercut frisiert waren, trat schmunzelnd dicht zu mir hervor. "Shelby, du hier an unserer Schule?" Seine grauen Augen musterten mich nochmal gründlich. "Wie kann ich dir denn helfen?"

Wie kam es dauernd, dass Menschen, die ich noch nie gesehen hatte, meinen Namen kannten? War das wirklich immer durch Luison und seinem Club? Und wenn das so ist, warum sprach sich alles über mich so herum? Kann es dann wirklich sein, dass die Leute mich nicht verwundert angsehen hatten mit der Frage, wer ich bin, sondern meinen Namen schon längst mit reichlich Hintergrundwissen wussten und sich eher fragten, was ich hier machte?

"Ja, ähm", räusperte ich mich erstmal. "Hi..."

"Ryke", kam er mir lächelnd zu Hilfe.

"Ryke", lächelte ich nun auch. "Ich möchte zu meiner Schwester Sharret. Könntest du mir sagen, wo eure Mensa ist?"

Seine Grübchen vertieften sich. "Klar. Wenn du dir so viel Wegbeschreibung merken kannst? Ist nämlich noch ein bisschen Weg bist du dort hin kommst." Wissend fuhr er sich durch seine Haare und griff nach einer auf den Boden stehenden Tasche, verlor mich aber dabei die ganze Zeit nicht aus den Augen.

Belustigt verdrehte ich die Augen. "Du kannst auch gleich sagen, dass du mich unbedingt dahin begleiten möchtest."

"Ups, ertappt", gab er grinsend zu. "Na dann, lass uns gehen." Ryke verabschiedete sich noch mit Handschlägen von seinen beiden Freunden, bevor er sich zu mir drehte und wir gemeinsam den Gang herunterliefen, reichlich Treppen hoch- und wieder herunterstiegen, sowie um viele Ecke gingen.

Ich tippte stark darauf, dass er die Sachen nur eingebaut hatte, um seine Aussage von vorhin wenigstens noch ein bisschen Wahrheit zu schenken.

Wenigstens war er kein unangenehmer Typ, ich konnte mich ziemlich gut mit ihm unterhalten, das Hauptthema war natürlich Sport und er fragte mich viel über Parcours aus, bis der Essensgeruch stärker wurde und wir letztendlich vor meinem Ziel standen.

"Weißt du, ob Sharret so etwas wie einen Stammtisch hat, an dem sie immer sitzt?", fragte ich Ryke und versucht in dieser Menge den blonden Haarschopf meiner Schwester zu finden.

"Sie kommt doch da schon an", meinte Ryke und zeigte mit dem Arm nach links.

Tatsächlich lief meine Schwester lächelnd zu mir, aber irgendetwas an ihrer Verfassung störte mich. Sie wirkte mehr als nur verunsichert und so... ach, ich wusste auch nicht.

"Hier, dein Karton. Was auch immer darin ist", lachte ich, während ich ihn ihr hinhielt.

Ihr Gesicht hellte sich auf, als sie den Karton entgegennahm. Danke, Shelby. Und da sind Sachen, die ich Zuhause für Kunst machen sollte, drin", murmelte sie leise und klemmte sich die Box nun unter ihrem Arm.

Ich verschob es gedanklich auf später, sie nochmal zu fragen, was sie denn hier so beschäftigte. Es sah alles komplett normal hier aus und hinten erkannte ich an einem Tisch ihre beste Freundin Melissa sitzen, die sich noch mit vielen anderen Mädchen, die dort auch saßen, unterhielt.

Es lag also schonmal nicht an der Gesellschaft. Vielleicht an einem Lehrer?

"Kein Problem", antwortete ich nur. "Ich muss jetzt auch wieder los, sonst verpasse ich meinen Bus nochmal." Passend dazu erklang auch der Schulgong und Ryke fluchte.

"Scheisse, ich muss zur Sporthalle. Wir sehen uns doch bestimmt nochmal, oder Shelby?", fragte mich Ryke gestresst und ich nickte, worauf er mich noch kurz angrinste und dann den Gang weiter herunter joggte.

"Tschüss, Sharre-" Ich hielt inne und drehte mich verblüfft umher. Sharret stand nicht mehr bei mir.

Tzz.

Was sollte das jetzt? Da war Ryke freundlicher als meine Schwester gewesen und hatte sich wenigsten noch von mir verabschiedet, obwohl wir uns fast noch gar nicht kannten.

Was war mit der nur los?

Genervt wartete ich ein paar Minuten, bis die Schülermengen nicht mehr so groß waren und man im Gang wieder vernünftig laufen konnte. Auf dem Weg aus der Schule merkte ich, dass Ryke gute Arbeit geleistet hatte. Normalerweise ließ mich meine Orientierung nie im Stich, aber nach diesem zehnmal gefühlt im Kreisgedrehe war es echt fast schon unmöglich für mich den Weg hier wieder herauszufinden. Nebenbei hatte ich mich mit ihm auch noch unterhalten, weswegen ich mir die Umgebung erst recht nicht eingeprägt hatte.

Ratlos blieb ich zum dritten Mal vor der Mensa stehen.

Tja. Erst findet man die nicht und plötzlich kommt man von der nicht mehr weg. Karma, ich vergöttere dich.

Seufzend und dabei realisierend, dass ich an diesem Tag schon zu oft geseufzt hatte, lehnte ich mich an die Wand und starrte den nun mittlerweile völlig leeren Gang herunter. Und nach rechts wieder herauf.

Wird wohl nichts mit dem Vorhaben, dass ich pünktlich an meiner Schule wieder aufkreuzte.

"Shelby."

Geschockt hielt ich die Luft an.

Ich wollte mich zu dieser tiefen Stimme nicht hindrehen. Zu sehr hatte ich auf den Moment widerwillig hingefiebert, sie jemals wieder zu hören und nun aufeinmal in dieser Schule sollte ich ihn wiedertreffen.

"Shelby?" Er kam näher, sein betörender Duft kündigte ihn schon an und wenige Sekunden später stand er vor mir. Unverändert im Aussehen, die einzigen Ausnahme war, dass er natürlich andere Sachen trug. Zu dieser hellgrauen zerwetzten Hose klebte regelrecht, in meinen Augen, an seinem trainierten Oberkörper ein weißer Pullover, deren Ärmel er lässig bis zu den Ellbogen hochgekrempelt hatte. Die dunkelbraunen Haare lagen aber immer noch etwas unordentlich und Strähnen hatten sich wieder den Weg zu seiner Stirn gesucht.

Mein Herz pochte lautstark.

Ich freute mich so ihn wiederzusehen.

Er ist ein Player, er ist ein Player! Jetzt freu dich doch nicht so wie sein persönliches Schoßhündchen!

Seine Gesichtszüge wurden weicher, bevor dieses Lächeln, dass mir die Beine wortwörtlich wegschlug, seine Lippen kontrollierte.

Diese verdammten Lippen, auf die er sich kurz biss.

Gleich bekam ich in seiner Gegenwart noch Schnappatmung und hyperventillierte noch bestenfalls. Meine Reaktionen konnte ich erneut nicht nachvollziehen, normalerweise brachte mich ein Typ nicht so aus der Fassung. Sicherlich, mein erster Freund hatte auch diese gewisse Ausstrahlung gehabt, aber sie hatte Wärme ausgestrahlt.

Und er strahlte Kälte, Arroganz und Leidenschaft gleichzeitig aus.

Ohne davor Angst zu haben, dass ich ihm möglicherweise ausweichen könnte, schloss er das letzte Stück auf und blieb noch dichter vor mir stehen.

Wenige Zentimeter trennten uns nur noch.

Sein Blick glitt zu meiner Unterlippe, die ich angespannt etwas durch meine Zähne zog, worauf sich diese fesselnden goldenen Augen verdunkelten. "Verdammte Scheisse", fluchte er darauf fixiert leise, stützte eine Hand neben meinem Kopf an der Wand ab und schloss tief luftholend seine Augen.

Aber nur kurz.

Ehe sich seine Augen wieder auf meine konzentrierten. "Ich vermute, du brauchst mal wieder Begleitung?", fragte er rau, dennoch klang die Frage auch wie eine Feststellung.









Bald gehts weiter... Habt ihr es so erwartet?

Ich habe Tyran und Dark Room bei den Wattys2018 getaggt. Mal schauen, ob wir es vielleicht in die Shortlist schaffen haha. Wer macht auch mit?

♡

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top