Speechless
TW: Non-con, Erwähnung von sexuellen Missbrauch, Somnophilia, Nekrophilie
Narrativ
Azul hatte es sich zur ehrenhafte Aufgabe gemacht Jamils Overblot mit ihm aufzuarbeiten. Immerhin hatte er seinen eigenen selbst erst frisch hinter sich. Er schloss die anderen aus, besonders Kalim, da er nicht glaubte, dass es etwas bringen würde, wenn sie als Gruppe auf den verstörten Vizen einredeten. Er kochte eine Kanne Tee und brachte sie mit zwei Tassen in Jamils Zimmer.
,,Algentee, ist gut für die Nerven. Und als netter Nebeneffekt ist er zudem ein ziemlicher Fettverbrenner. Nicht, dass du das nötig hättest", erklärte Azul und schüttete den leicht grünlichen Tee in die Tassen. Allein der Geruch ließ Jamil eine Grimasse ziehen.
,,Ah... Danke, ich hatte heute schon Algentee."
,,Na, versuchst du dich etwa um die Ashengrotto Hausapotheke zu schleichen? Komm, jetzt trink. Ich will dich nichts Böses und das weißt du auch."
Jamil trank nur einen Schluck, um Azul zufrieden zu stellen. Dann stellte er die Tasse weg und schaute demonstrativ in eine andere Richtung. Azul wusste, dass er ihm das mit dem Live Stream übel nahm.
,,Findest du mich wirklich so furchtbar?"
,,Furchtbar ist gar kein Ausdruck!", rief Jamil. Dann rückte er unter der Decke ein Stück zur Seite und klopfte auf die freie Betthälfte. ,,Und jetzt leg dich schon endlich hin!"
Das ließ der Geschäftsmann sich nicht zweimal sagen. Er streifte eilig seine Schuhe ab und kletterte dann neben Jamil ins Bett.
,,Wow. Das ist normalerweise der Moment in dem ich aufwache."
,,Du wärst wirklich mein Typ, aber immer wenn du den Mund aufmachst, fühle ich mich maximal abgeturnt."
Azul blickte an Jamils Zimmerdecke und zwickte sich. Er wachte nicht auf. Er schlief nicht. Das hier war kein Traum!
,,Ich... ich bin dein Typ?"
,,Du bist nicht blöd, du durchschaust mich mit jeden deiner Blicke, du gibst mir das Gefühl eine Daseinsberechtigung zu haben... aber alles was du sagst ist totaler Mist. Nicht du. Wieso ausgerechnet du? Ich hasse mich so sehr dafür, wie anfällig ich für deine Zustimmung bin!"
Azul schluckte den überflüssigen Speichel, der sich vor lauter Nervosität angesammelt hatte und zog an seinem auf einmal furchtbar beengend wirkenden Hemd Kragen. Die Situation war zu viel. Auf eine positive Art, aber immer noch zu viel.
,,Was erzähle ich dir das überhaupt? Es ist egal was ich für irgendwen empfinde. Mein Leben liegt so oder so in Scherben."
,,Rede nicht so einen Unsinn! Du bist talentiert, begabt und gutaussehend. Ich kann mir nur vorstellen wie es ist in Kalims Schatten zu stehen, aber dann pfeif' auf deine Eltern und verlass' diesen Schatten"
Einfacher gesagt als getan, das war Azul selbst klar, doch ihm fiel auf die Schnelle nichts besseres ein. Der Overblot ist erst wenige Stunden her und er weiß nich wie er sich nach seinem eigenen Overblot gefühlt hat. Nachdem er mit jeder seelischen Wunde konfrontiert wurde, die er mit sich trug.
,,Soll ich dich alleine lassen?", bot er also an, denn als er an Jamils Stelle war, wollte er bloß in Ruhe gelassen werden.
,,Nein", antwortete Jamil trocken.
,,Soll ich bleiben?"
,,...Mach doch was du willst."
Azul rückte etwas näher und öffnete einladend seine Arme. Jamil zögerte, dann lehnte er sich an seine Schulter und ließ die Umarmung zu.
Vil
Keinen Alkohol zu mögen ist ein regelrechter Fluch, wenn man bei einer Aftershow Party den Wunsch verspürte seinen Kummer zu ertrinken!
Ich versuchte es mit Apfelschorle, so gut es ging. Unbestreitbar machte der prickelnde, süße Geschmack mich wieder etwas glücklicher, doch dann kam Neige und machte alles zu Nichte.
,,Hallo Vil! Na, hattest du einen schönen ersten Tag?", fragte er lächelnd. Genau, der erste von drei Tagen. Dieses dämliche Event zog sich etwas und ich hatte jetzt schon keinen Bock mehr. Der Medientrubel, das Rampenlicht, die Interviews, ich war absolut tot.
,,Ehrlich gesagt bin ich froh, wenn ich auf meinem Hotel Zimmer bin. Ich warte nur darauf, dass die ersten gehen, damit ich mich auch aus dem Staub machen kann", antwortete ich und nippte an meiner Schorle.
Neige lachte auf. Er schob sich mit den Oberkörper voran zwischen mich und mein Glas. Dämlicher Idiot, lass mich meine Apfelschorle trinken. ,,Natürlich, das ist typisch Vil. Erschöpft sein, aber dennoch nicht vom Protokoll abweichen. Würden alle so denken wie du, würde die Party doch nie enden. Wollen wir?"
Okay. Wie bringe ich diesem Idioten bei, dass ich zwar abhauen wollte, aber nicht mit ihm zusammen?
Gar nicht. Ich trank meine Apfelschorle aus und ließ mich von Neige von der Party führen. Dann verbringe ich halt ein Stündchen mit ihm, immerhin hätte ich dann einen Grund Rook anzurufen und zu lästern... Also ich würde lästern. Rook würde den Tea über Neige begeistert aufsaugen.
,,War ein aufregendes Schuljahr, was? So viele Tote auf unserer beschaulichen Insel", begann Neige das empfindliche Thema, kaum dass wir die Location verlassen hatten. Ich lachte bitter auf.
,,Hoffentlich hat dich das nicht zu sehr angeturnt."
,,Hach, ärgerst du mich immer noch deswegen. Die sind mir alle zu blutig gestorben. Was mich an Leichen fasziniert ist... na ja, wenn sie noch nicht verwesen und aussehen, als würden sie schlafen. Wenn optisch nur die gläsernden Augen und die blasse Haut auf ihren Tod hindeuten. Wenn sie sich nicht rühren, sondern einfach nur still da liegen... Es ist als würde ich mir einen toten Schmetterling ansehen, der in einem Bilderrahmen festgenagelt wurde. Gefangen im Moment, wunderschön wie zu lebzeiten, doch tot und und reglos, so wie es jeden von uns eines Tages ergehen wird. Verstehst du?"
Nein, das tat ich nicht und in dem Moment hatte ich auch beim besten Willen andere Sorgen. Mir wurde schummrig und ein stechender Schmerz zog sich durch meine Schläfen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen ich wäre betrunken. Hat der Barkeeper mir Apfel Wein untergejubelt? Quatsch, den Alkohol hätte ich doch raus geschmeckt.
Als ich nur noch torkelte, statt gerade zu gehen, umklammerten schneeweiße Finger meinen Oberarm und zogen mich in die Hotel Lobby. Ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Ich wollte Neige anschreien, die Frau an der Rezeption um Hilfe bitten, irgendwas, doch ich rang mich nicht dazu durch. Mein Hals fühlte sich trocken an.
Neige brachte uns in den Aufzug und ich stützte mich an dem Fahrstuhl Spiegel ab. Meine eigene Reflektion sah verschwommen aus, aber dennoch erkannte ich mich, mit den lila blonden Strähnen, die sich aus meiner Hochsteckfrisur lösten und den Pupillen, die so geweitet waren, das ich das violet meiner eigenen Augen kaum noch erkennen konnte.
Hinter mir stand Neige, nach wie vor eine Hand an meinem Arm, als ob er Angst hätte ich könnte abhauen. Ich versuche sie von mir weg zu schütteln.
,,Was..."
,,Party Regel Nummer eins", hörte ich seine glockenklare Stimme, doch er hörte sich furchtbar weit weg an, ,,Niemals das Glas unbeobachtet lassen."
Vor meinem geistigen Auge sah ich Neige, der sich mit den Oberkörper zwischen mich und meine Apfelschorle warf. Im nächsten Augenblick sah ich mich selbst, wie ich die Apfelschorle trank. Ich packte mir an die Stirn und versuchte rational zu bleiben. Schwarze Punkte sprengelten mein Blickfeld, als der Fahrstuhl mit einen Ping in der richtigen Etage ankam.
Mein Kopf schrie meine Beine an sich zu bewegen, doch ich rührte mich nicht. Ich ließ mich von Neige mitziehen, einfach so, als ob ich in diesem Moment nicht Todesangst hatte. Wie weit ging Neiges Obsession? Wer sagte mir, dass ich nicht ein Messer in den Rücken gerammt kriegen würde, sobald wir sein Zimmer betreten hatten, nur damit ich in seinen Augen so schön wäre wie der festgenagelte Schmetterling?
Das Messer hätte ich lieber im Rücken gehabt als das weiche Hotelbett. Die schneeweißen Laken waren eine makabare Symbolik für das, was mich vermutlich erwarten würde und die bequeme Matratze half nicht unbedingt dabei die aufkommendene Müdigkeit abzuwehren.
In dem Moment in dem mein Kopf das Kissen berührte, schlief ich ein.
Meine Träume in dieser Nacht waren reiner Nonsense. Ich träumte aus der Sicht der dritten Person und sah mich selbst als Gast einer Trauergemeinde. Ehrlich gesagt sah ich eher aus wie die humoristisch übertriebene Klischee Version einer trauernden Witwe aus den zwanziger Jahren. Mit schwarzen Jumpsuit und einem dazu passenden Fascinator. Ich zog ein Taschentuch aus der Gold-schwarzen Clutch auf meinen Schoß und tupfte mir das Tränen überströmte Gesicht ab. Ich kann es nicht glauben. Neige machte in der Realität Gott bewahre was auch immer mit mir und mein Verstand zeigte mir sowas. Es war lächerlich, beleidigend gar. Ich wollte schreien, mich selbst aufwecken, doch irgendwas hielt mich am Schlafen.
Nun, die Drogen vermutlich.
Traum-Ich stand auf und schritt langsam und elegant an den offenen Sarg, am Ende der Trauerhalle. Wollte ich hinein sehen? Eigentlich nicht, doch mein Unterbewusstsein zwang mich dazu. In dem Sarg lag, in einem Anzug gekleidet, mit auf dem Bauch gefalteten Händen, niemand anderes als Jack.
Traum-Ich schlug sich eine Hand vor dem Mund und hätte ich in dem Moment die Kontrolle über mich gehabt, hätte ich es ihm vermutlich nachgetan.
Jack, wieso? Wieso zeigte mein Unterbewusstsein mir das? Sollte das eine Art Warnung sein?
Ich glitt über in einen traumlosen Schlaf und vielleicht hätte ich an irgendeinen Punkt geglaubt tot zu sein. Abgestochen von meinem verrückten Kollegen.
Doch leider Gottes wachte ich auf.
Ich blinzelte gegen die Sonnenstrahlen an die in das Hotelzimmer schienen und presste mir eine Hand auf die pochende Stirn. Erinnerungen an den Vorabend überkamen mich schnipselartig und je mehr ich versuchte die Schnipsel zu einem vollständigen Bild zusammen zu setzen, umso übler wurde mir.
Ich setzte mich aufrecht hin und warf einen Blick unter die Decke. Mein Herz blieb stehen, mein Blut gefror und ich kämpfte dagegen an zu schreien.
Ich hatte nichts an. Gar nichts. Ich lag splitterfaser nackt in einem Bett, das nicht meins war, am Morgen nachdem mir etwas ins Getränk gemischt wurde.
Wo war Neige? Wie schnell käme ich hier weg und zur Polizei, bevor er wieder käme? Erst als ich richtig wach wurde, hörte ich nebenan das Wasser plätschern. Dass er die Dreistigkeit hatte danach duschen zu gehen...
Ich stand eilig auf und hob meine Klamotten vom Boden auf. Mein Gesicht verzog sich, als ich den Riss an meinem Outfit bemerkte. Das konnte nicht sein, das konnte alles nicht wirklich passiert sein! Wir reden hier von Neige! Klar, dass er etwas komisch ist, mit seiner nekrophilen Veranlagung, darüber brauchen wir nicht reden, aber niemals hätte ich ihm DAS zugetraut.
'Das'. Wie witzig. Mir ist ein Unrecht angetan worden und ich schaffe es nicht Mal mich dazu durchzuringen das Kind beim Namen zu nennen.
Gut, nächster Versuch. Ich bin vergewaltigt worden. Es ist raus, ich habe es es gesagt. Es auszusprechen macht es wahr.
Die Übelkeit in mir kämpfte mit meinem Überlebensinstinkt. Ich zog mich eilig an, doch als ich meine Schuhe überzog, öffnete sich die Badezimmertür und Neige trat ins Zimmer, nur in einem Bademantel gekleidet und mit tropfend nassen Haaren. Dennoch war er schön wie eh und je und das kotzte mich nur noch mehr an.
,,Entschuldige, Vil. Hab ich dich geweckt?", fragte er mit einen unschuldigen Grinsen. Ich will ihm eine reinhauen, hier und jetzt, sofort!
,,Ich muss weg!", rief ich. Würde ich das Geschehene alleine mit Neige aushandeln, würde ich wegen Selbstjustiz in den Knast gehen und das wollte ich nun wirklich nicht. Eilig lief ich auf die Zimmertür zu, doch Neige stellte sich mir in den Weg.
,,Jetzt schon? Ich dachte wir frühstücken noch zusammen."
,,Okay, hör mal zu, du Giftspritze. Ich weiß nicht wie lange die Droge in meinem Blut nachweisbar ist, aber auch ohne Beweise werde ich Anzeige erstatten. Ich habe einen Mitschüler, der dich zum Gestehen bringen kann und jetzt geh mir aus dem Weg!"
Neige lächelte, die Arme über die Brust verschrenkt. ,,Du hast wunderschön ausgesehen. Fast tot."
,,Neige, zu deinem eigenen Wohl, halt die Schnauze und lass mich hier raus!", schrie ich. Ihn so gleichgültig über das reden zu hören was er mir angetan hat, brach etwas in mir noch mehr, als es ohnehin schon gebrochen war.
Neige trat einen Schritt auf mich zu und lächelte breit. ,,Du wirst niemanden hiervon erzählen."
,,Ach und wieso denkst du das?!"
,,Weil ich sonst allen erzähle, dass Eric Venue schon vor Jahren verstorben ist und das wollen wir doch nicht, oder?"
Das ist unmöglich. Woher wusste diese Ratte das?! Niemand weiß, dass mein Vater tot ist, nicht Mal Rook! Woher weiß Neige es? Nicht weinen, nicht weinen, nicht weinen! Ich kann weinen, wenn ich alleine bin, aber sicher nicht vor Neige!
,,Tote sprechen nicht, Vil. Sei eine gute Leiche und halt' den Mund, ja?"
Bei meinem nächsten Versuch das Zimmer zu verlassen, hielt Neige mich nicht auf. Ich rannte in mein eigenes Hotelzimmer, schlug die Tür hinter mir zu und erlaubte mir endlich meinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Ich schrie, weinte und schlug auf meine Kissen ein. Stellte mir vor sie wären Neige.
Dann, als mein Anfall langsam in eine Panik Attacke überschwang, glitt ich mit den Rücken die Wand hinunter, setzte mich auf den Boden und raufte mir duch die Haare. Ich traute mich kaum in den Spiegel zu gucken, sicher sehe ich erbärmlich aus.
Wie konnte das wirklich passiert sein? Wie konnte ich so unvorsichtig sein? Ich holte mit dem Bein aus und trat vor die Kommode.
Mein Leben lag in Scherben und ich konnte niemanden bitten mir beim wieder zusammensetzten zu helfen.
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