71. Kapitel
Erst als ich dann wieder ins Wohnzimmer zurück komme, merke ich, dass die Uhr schon sechs Uhr zeigt. Ich war die ganze Nacht wach? Ich schicke Miss Tremblay die Artikel, wünsche ihr frohe Weihnachten und schalte meinen Laptop aus. Danach gehe ich kurz ins Bad, ziehe mir andere Klamotten an und schnappe mir alles, was ich brauche, bevor ich mich auf den Weg zum Buckingham Palast mache.
Die Tube ist voll wie immer, stickig und viel zu warm ist es auch hier drin. Den Korb halte ich mit beiden Händen fest, als ich doch noch einen Sitzplatz erwische und dann auf mein Handy sehe. Es ist viertel vor sieben, um kurz nach sollte ich also da sein. Auch, wenn ich mir selbst sage, dass es dumm ist, gebe ich anschließend Harrys Namen in die Suchleiste ein. Schlagzeilen, eine nach der anderen, alle über die Hochzeit.
Es dauert viel zu lange, bis ich endlich wieder aus der Tube aussteige. Ich werde mit jedem Schritt nervöser. Dann sehe ich endlich den Eingang zur Garage. Neben dem normalen Tor ist eine Tür, für alle die, die nicht mit dem Auto kommen. Wie Liam mir erklärt hat, lege ich die Karte darauf. Es ertönt ein leiser Piep-Ton und sie lässt sich öffnen. Ich schlüpfe hindurch, schließe sie hinter mir wieder und gehe weiter. Die Tiefgarage ist sehr groß, irgendwie kam sie mir kleiner vor, als ich im Van gesessen habe.
Dann sehe ich, was Liam gemeint hat; es ist wirklich voll! Die Mitarbeiter unterhalten sich leise, gehen nach und nach durch die Tür und so unauffällig wie möglich Reihe ich mich ein. Mit dem Korb geht das nur leider sehr schlecht. Es sind einige Leute vor mir, sodass ich mehrmals zusehen kann, wie es genau abläuft und was ich tun muss. Okay, nur nicht die nerven verlieren. Ich lege mein Handy, Portemonnaie und alles andere in eine kleine Schale, die mir Sicherheitsbeamter legt und sehe dann auf den Korb.
Kritisch mustert der Mann mich. „Der ist für Molly." sage ich spontan und lächle ihn an. „Molly?" - „Die Köchin? Es ist ihr Weihnachtsgeschenk." entgegne ich ruhig und er nickt. „Geben Sie ihn mir." Ich komme seiner Anweisung nach und dem Himmel sei dank, nichts passiert, als ich durch die Schleuse gehe. Er gibt mir den Korb wieder, ich nehme meine Sachen an mich und gehe weiter, als wäre alles ganz normal. Ich bin wirklich drin!
Der Gang kommt mir unglaublich lang vor. Dann endlich stehe ich an der großen roten Treppe. Ab hier weiß ich, wo es lang geht. Tief atme ich ein und wieder aus. Es ist jetzt halb acht und ich habe keine Ahnung, ob Harry noch schläft oder nicht. So leise wie möglich, aber auch so zügig, wie es geht, ohne, dass ich renne, mache ich mich auf zu Harrys Gemächern. Einige der Sicherheitsleute hier schauen mich verwirrt an, sagen aber nichts. Der Sicherheitsausweis baumelt festgeklemmt an der Brusttasche meines Shirts. So habe ich es bei den anderen Angestellten gesehen.
Dann stehe ich vor Harrys Tür. Zwei Sicherheitsleute stehen wie immer davor, mustern mich, aber bei den beiden weiß ich, dass sie mich vom Sehen kennen. Ich wünsche ihnen einen guten Morgen und klopfe dann an die Tür. „Komm rein." höre ich kurz darauf, atme tief durch und drücke die goldene Klinke herunter.
Harry sitzt an seinem Schreibtisch, er trägt einen Morgenmantel und sieht nicht einmal auf, als ich die Tür wieder schließe. „Ich bin gleich fertig." murmelt er und ich mache einen Schritt auf ihn zu. „Ich gehe davon aus, du willst die Rede sowieso noch einmal lesen?" fragt er dann, als er sich umdreht und stockt. Sein Blick spricht Bände. „Was machst du hier?"
„Dich besuchen?" entgegne ich, etwas getroffen von seiner Reaktion, mich hier zu sehen. Irgendwie hatte ich mir ja doch erhofft, dass er sich zumindest ein bisschen freut, dass ich es geschafft habe, zu ihm zu gelangen. Er sitzt starr auf dem Stuhl, legt dann langsam den Füller weg und lässt seinen Blick über mich schweifen. „Hey." lächle ich, stelle den Korb auf dem Tisch ab und gehe langsam einige Schritte auf ihn zu. Er steht auf, bindet seinen Morgenmantel etwas enger und mustert mich. „Wie hast du es geschafft, hier herein zu kommen?" möchte er leise wissen, aber im bleichen Moment entdeckt er den Sicherheitsausweis an meinem Shirt.
Er kommt auf mich zu und nimmt ihn ab. „Liam?" Ich nehme ihn ihm aus der Hand, stecke die Karte in meine Hosentasche und winke ab. „Unwichtig." Er nickt nur. „Bekomme ich keinen Kuss?" frage ich dann zögerlich. Er schluckt, sieht an mir vorbei und zuckt dann mit den Schultern. „Was hast du?" - „Wieso willst du mich küssen?" weicht er meiner Frage aus. „Soll ich wieder gehen?" frage ich halb im Scherz, halb ernst gemeint. „Wenn du das möchtest." Seine Stimme zittert ein wenig, aber er versucht gefasst zu wirken. Er hat die Finger locker vor dem Körper verschränkt, gestraffte Schultern und einen neutralen Blick aufgesetzt.
„Genau, deswegen mache ich mir ja auch die Mühe, herzukommen." antworte ich sarkastisch und schüttle den Kopf. „Also, was ist jetzt? Sagst du mir, weswegen du so schlecht gelaunt und abweisend bist?" möchte ich dann fordernd wissen und verschränke die Arme vor der Brust. „Weißt du es noch nicht?" - „Was? Das du nächste Woche heiratest?" entgegne ich und er sieht wieder weg. „Doch, das weiß ich tatsächlich schon." antworte ich trocken und distanziere mich etwas von ihm. „Ich habe es ja wie alle anderen durch deine Ansprache gestern erfahren." erzähle ich ihm dann ohne darüber nachzudenken.
„Aber hey, Missi hat mich danach wieder auf die Siebte versetzt." - „Was?" - „Ja, ein Mitarbeiter der zusammenbricht, ist wohl weniger das, was man als zufriedenstellend betrachten kann." antworte ich sarkastisch und mein Mund war mal wieder schneller, als mein Kopf. Harrys Augen weiten sich ein wenig, besorgt sieht er mich an, aber ich schüttle nur den Kopf. Ich sollte mir angewöhnen, nicht direkt das zu sagen, was ich denke.
„Wahrscheinlich hast du recht, es ist besser, wenn ich gehe." Ich hatte mir unser Zusammentreffen deutlich anders vorgestellt. Ich nehme den Korb nicht wieder an mich, ich lasse ihn wortlos dort stehen und gehe zur Tür. „Ich hoffe, du hast schöne Feiertage, Harry." füge ich dann aber doch hinzu, als ich mich erneut umdrehe und schon merke, wie die Tränen aufsteigen. Er schüttelt leicht den Kopf, aber das sehe ich schon nicht mehr, denn ich habe mich abgewandt und gehe durch den prunkvollen Raum zum Ausgang.
„Louis! Lou, warte!" Bevor ich reagieren kann, steht er schon bei mir, drückt den schmalen Spalt wieder zu und lehnt sich mit einer Hand weiter gegen die Tür, damit sie geschlossen bleibt. Ich schließe kurz die Augen, aber zu spät. Wie gestern schon, fange ich bitterlich an zu weinen, ich kann nichts dagegen tun. Meine Wangen brennen von den Tränen und meine Sicht ist verschwommen, als ich mich zu ihm umdrehe. „Eine Nachricht. Ein Anruf... scheiß egal, Harry. Wieso hast du es mir nicht gesagt?" frage ich leise und sehe zu ihm auf. Er erschaudert, bewegt sich aber nicht weg. An meinem Rücken spüre ich die kalte Tür. Er schließt die Augen, nur für einen Moment. „Es tut mir leid.."
Ich kann nicht mehr. Ich drücke mich an ihn und schluchze ungewollt auf. Er schlinge seine Arme um mich, sagt aber nicht. Es tut so weh, so unglaublich weh, und doch klammere ich mich an die Quelle dieses unerträglichen Gefühls. Die Vorstellung, dass er sie heiraten wird, vor den Augen der gesamten Welt, brennt wie Säure überall in meinem Körper.
Wir stehen an der Tür, lehnen uns dagegen. Es dauert eine Weile, bis ich mich wieder fange, mich von ihm drücke und über meine Wangen wische. „Sechs Tage.." sagt er leise und ich atme zitternd ein. „Sechs Tage, dann werde ich sie heiraten müssen." Nächsten Montag, am 30. Dezember also. Ich sehe nach unten, nicke dann. „Okay." - „Ist es nicht." widerspricht er mir sofort und fährt sich durch die Locken. „Ich will das nicht." flüstert er und sieht an die Decke.
„Haz.." fast schon flehend sehe ich ihn an, sein Blick trifft meinen und ich merke, dass seine Augen glasig und nass sind. Er blinzelt ein paar mal. Dann küsse ich ihn. Ich ziehe ihn an seinem Morgenmantel zu mir herunter und presse verzweifelt meinen Mund auf seinen. Sofort erwidert er den von Schmerz getränkten Kuss. Verloren stehen wir hier, halten uns aneinander und ich spüre etwas nasses an meinem Gesicht. Ich weine nicht mehr. Er tut es. Tränen rennen reine Wangen herab und vermischen sich mit unseren Berührungen. Bittersüß. Das ist wohl der Begriff, der den Kuss am besten beschreibt.
„Es tut mir leid, ich wollte mich bei dir melden, ich wollte bei dir sein." entschuldigt er sich dann und wir gehen zu dem großen Sofa. Ich lasse mich fallen, ziehe ihn mit mir und setze mich danach sofort auf seinen Schoß. Er hat die Beine in den Schneidersitz gezogen und einen Arm um mich gelegt. Mit der anderen Hand streicht er über meine Wange, vorsichtig und zaghaft. „Ich habe kein Handy, kein Tablett, gar nichts. Ich habe versucht abzuhauen, zwei mal, aber ich wurde jedes mal bemerkt." erzählt er und lacht bitter. „Ich hätte als Kind nicht so oft ausreißen dürfen, dann wüssten sie nicht, dass ich die Gänge alle kenne." flucht er.
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Tja, wie das jetzt wohl weiter geht.. Louis ist zwar rein gekommen, aber zwischen ihm und Harry ist die Stimmung mehr als angespannt. Was denkt ihr, was die beiden jetzt machen werden?
Love L
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