36. Kapitel

Ich muss über den jährlichen Weihnachtsball schreiben. Worüber auch sonst? Es gibt ja auch nichts wichtigeres, als reiche Menschen, die überteuerte Kleidung tragen und die Aufmerksamkeit genießen, ein wenig tanzen und das Personal stundenlang hin und her scheuchen. Augenrollend suche ich nach einem Bild in der Internen MiRoyl-Galerie, welches ich für den Artikel benutzen kann.

In dieser Galerie finden sich alle Bilder, deren Rechte das Magazin erworben hat und die wir daher frei benutzen können. Von letztem Jahr gibt es einige Bilder und ich habe das Gefühl, auf jedem zweiten ist Harry zu sehen. Er war dort mit einem Model, dass er aber zwei Wochen später schon nicht mehr wiedergesehen hat; jedenfalls wenn man den Medien glauben schenken darf.

Natürlich wurde schon wieder spekuliert, ob das nicht seine Zukünftige Königin wird, aber eigentlich wusste jeder, dass es sowieso nicht lange halten wird. Wieso auch, der Party-Prinz kann schließlich jede haben, die er will. Party-Prinz. Ich mag diesen Namen für Harry nicht, aber irgendwie ist er nachvollziehbar, wenn man sich die Schlagzeilen der letzten Jahre ansieht. Seit langem aber wurde Harry nicht mehr so genannt.

Ich habe diesen Namen nie benutzt. Die letzten Wochen wurde er genaugenommen von keiner einzigen Zeitschrift so betitelt, aber es war ungewöhnlich still um ihn. Ich frage mich wirklich, wieso das nicht einer einzigen Zeitschrift aufgefallen ist. Aber das soll mich nicht weiter kümmern. Seufzend nehme ich mir meinen Notizblock zur Hand und fange an, mir Notizen zu machen. Natürlich werde ich Spekulationen aufstellen müssen, mit wem er wohl dieses Jahr den Ballsaal betreten wird, was er tragen wird und wer alles eingeladen ist.

Eigentlich sind es jedes Jahr zu 99 Prozent die gleichen Leute, es sollte also nicht wirklich schwierig sein, etwas zu Papier zu bringen. Meine Gedanken schweifen ab, als ich mir vorstelle, wie Harry in einem edlen Anzug mit verschiedenen Abzeichen und sonstigen royalen Ansteckern die mit rotem Teppich ausgelegte Treppe herunter geht. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie die große Flügeltüren geöffnet werden, er kurz vor der ersten Stufe stehen bleibt, über die sich bietende Szene blickt und dann mit gestrafften Schultern und selbstbewusstem Gang, auf die Tanzfläche geht.

Den Eröffnungstanz ist der Königin und dem König vorbehalten, aber direkt danach werden Harry und Prinzessin Gemma mit ihren Partnern tanzen und nach und nach Reihen sich die Gäste ein. Mit wem er wohl alles tanzen wird? Ich bin sicher, er ist ein wunderbarer Tänzer. Schnell schüttle ich den Kopf. Ich werde sowieso nicht mit ihm tanzen. Wieso sollte ich auch? Erstens kann ich nicht einmal richtig tanzen, nicht wie es am Königshof erwartet wird, und die Gelegenheit wird auch nicht mehr kommen.

Im Augenblick kann ich mir zwar schlecht vorstellen, jemals wieder mit irgendjemandem zu tanzen, aber ich zwinge mich, nach vorne zu blicken. Was soll ich auch machen? Es reicht, wenn ich ihm jeden Abend, wenn ich versuche zu schlafen, hinterher weine. Zayn versichert mir immer wieder, dass es besser wird, irgendwann und ich weiß, dass er recht hat, aber noch scheint dieses irgendwann verdammt lang weg zu sein.

Ich komme mehr oder weniger gut voran, weiß aber, dass ich es besser könnte, wenn mein Herz nicht die ganze Zeit schmerzen würde. Die Mittagspause habe ich deswegen sausen lassen und einfach am Schreibtisch gegessen. Vom Abendessen gestern war noch etwas übrig, dass ich mir eingepackt habe und ich bin gerade wirklich dankbar, mir nicht irgendwo anders noch etwas holen zu müssen.

Dann klingelt plötzlich das Telefon auf meinem Schreibtisch. „MiRoyl-Magazin, Tomlinson, was kann ich für sie tun?" frage ich routiniert und nehme mir instinktiv meinen Notizblock und einen Kugelschreiber. „Hey Louis." Mein Atem stockt und mein Herz fängt an auf Hochtouren zu arbeiten. „Ähm.. Eure Hoheit, was kann ich für Euch tun?" frage ich und schlucke, während ich den Stift immer wieder auf und zu klicken lassen.

„Nenn mich Gemma, du musst mich nicht mit meinem Titel anreden." - „Ähm.. okay?" unschlüssig, was ich davon halten soll, blicke ich auf die kleinen Quadrate auf dem Papier, die ich anfange, nachzuzeichnen, bis ein Schachmuster entsteht. Ich weiß gerade nicht wirklich, was ich sagen soll, aber wer rechnet auch damit, dass die Prinzessin von England einen mal eben unangekündigt bei der Arbeit anruft.

„Wie geht es dir, Louis?" fragt sie mich dann mit belegter Stimme und ich seufze. „Wie soll es mir schon gehen." entgegne ich und umgehe eine direkte Antwort. „Also geht es dir genauso schlecht, wie Harry." Ich schließe kurz die Augen, als ich seinen Namen höre. Ihm geht es schlecht. Das wusste ich ja eigentlich vorher schon, aber dennoch ist es etwas anderes, es von jemandem zu erfahren, der ihm nahe steht und ihn persönlich sieht. Ich sehe von ihm nur das, was die Medien einem präsentieren, aber Gemma bekommt jeden Tag mit, wie er mit der Situation umgeht.

„Du weißt, dass es das richtige war." versuche ich an ihren Verstand zu appellieren, weil aber nicht so ganz, ob das wirklich funktioniert. „War es das?" fragt sie mich skeptisch und ich nicke, um mir selbst klarzumachen, dass ich richtig gehandelt habe. „Er wird heiraten. Ich passe in Eure Welt nicht rein, Gemma. Tut mir leid, aber es war doch von Anfang an klar." erkläre ich und sie seufzt. „Weißt du Louis, ich dachte auch, dass du wohl kaum ein zweites Mal in den Palast kommen wirst, als ich dich das erste Mal gesehen habe. Aber ausnahmsweise lag ich falsch und Harry war wirklich glücklich mit dir."

Mein Herz schmerzt immer mehr und ich unterdrücke den Wunsch, aufzustehen und zu ihm zu fahren. „Gemma, er ist jemandem versprochen. Er wird diese Frau früher oder später heiraten. Ich muss daran denken, wenn ich ihn sehe, bei ihm bin, ihn küsse, einfach immer! Ich liebe ihn, aber es tut so weh, zu wissen, dass unsere Beziehung nicht funktionieren kann! Wie stellst du dir das vor? Er muss die Thronfolge sichern, aber das brauche ich dir doch nicht zu erzählen. Du kennst dich viel besser mit den ganzen Regeln aus, als ich."

„Ja und sie sind beschissen." erwidert sie unüberlegt. „Aber das ist meine inoffizielle Meinung." - „Schon klar." versichere ich ihr schnell. Es würde nur den nächsten riesigen Skandal geben, wenn herauskäme, was die Prinzessin von den Vorschriften der Monarchie wirklich hielte. „Meinst du nicht, ihr könntet es nicht doch noch einmal versuchen? Kämpft darum, versucht unseren Vater davon zu überzeugen, dass er die Hochzeit absagt!" antwortet sie aufmunternd.

Ich fahre mir durch die Haare und möchte glauben, dass es wirklich so einfach ist, dass es klappen könnte. „Gemma... wie wahrscheinlich ist das schon? Ich kenne den König nicht, aber es ist ja nicht nur so, dass Harry diese Frau nicht heiraten möchte, ich bin ein Kerl, verdammt, ich kann ihm keine Kinder schenken, ich bin nicht einmal Brite, nicht wohlhabend oder berühmt. Scheiße, ich erfülle doch alle Kriterien, die genau nicht für denjenigen an der Seite des Prinzen gehen!" rege ich mich auf und schaue mich schnell um. Niemand meiner Kollegen beachtet mich und erleichtert atme ich stumm auf.

Gemma bleibt für einen Augenblick leise und das ist Antwort genug. Sie weiß ebenso gut, wie ich, dass es viel zu viele Dinge sind, die verhindern, dass Harry und ich eine gemeinsame Zukunft haben können. „Danke, dass du dich um ihn kümmerst." sage ich leise. Wieso sollte sie sonst bei mir anrufen? Ich bin froh, dass er jemanden an seiner Seite hat, der ihm beisteht. Ganz offensichtlich hat Gemma diese Aufgabe übernommen. Er kann mit ihr reden, ehrlich und ohne Geheimnisse und er kann sich auf sie verlassen.

„Das ist selbstverständlich, Louis. Er ist mein Bruder." - „Trotzdem. Er sollte nicht alleine sein." bekräftige ich. „Du liebst ihn sehr, oder?" fragt sie leise und ich schließe die Augen, zwinge mich, nicht wieder zu weinen. Seit wann bin ich so nah am Wasser gebaut? „Tue ich." erwidere ich leise, denn es entspricht nun einmal der Wahrheit. Noch nie habe ich für jemanden so tiefe und starke Gefühle verspürt, wie für Harry. Ich bin so egoistisch, mir zu Wünschen, er wäre nicht adlig, kein Prinz. Jedenfalls für einen kurzen Moment. Dann denke ich daran, dass er nicht glücklich werden würde, wenn es es wüsste und verdränge den Gedanken wieder.

„Er liebt dich sehr, Louis." sagt Gemma dann. „Er soll mich nicht vergessen, ich möchte nur, dass er sein Herz zurück nimmt." entgegne ich. „Ich möchte einfach nur, dass er ohne mich glücklich wird." erkläre ich ehrlich. Harry hat es verdient glücklich zu sein und ich hoffe so sehr, dass er es irgendwann schaffen wird.

„Okay.. tut mir leid, dass ich angerufen habe." - „Schon okay." winke ich ab. „Wenn etwas ist, kannst du dich immer melden, okay? Steven weiß auch Bescheid, du wirst immer, egal zu welcher Zeit und an welchem Tag in den Palast gelassen." fügt sie hinzu und ich meine etwas Hoffnung in ihrer Stimme hören zu können. „Danke, Gemma, aber ich glaube nicht, dass ich noch einmal den Palast betreten werde." entschuldige ich mich. „Kümmere dich bitte um Harry.." sage ich dann noch, warte einen Moment und lege dann auf. 

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Wie schlecht es Harry wohl geht, dass Gemma schon bei Louis auf der Arbeit anruft? Und wie lange wird Louis wohl noch so stark sein, und sich Harry fernhalten? Was denkt ihr, könnte noch passieren? 

Love L 

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