Zwanzig

Nachdem ich die Nacht bei Noah verbracht hatte, fühlte ich mich direkt besser. Wir hatten uns ausgesprochen und ich hatte ihm Mut gemacht. Das hatte er wohl gebraucht. Nun waren wir bereit. Zumindest glaubten wir das, denn als der Wecker klingelte und wir aufstanden, spürte ich bereits ein mulmiges Gefühl in meinem Bauch.
Langsam zog ich mir den Pulli über den Kopf und sah zu Noah, der es gerade mal geschafft hatte, sich aufzusetzen. Seine dunkelblonden Haare sahen in dem düsteren Morgenlicht beinahe pechschwarz aus. Sie waren total verstrubbelt, als hätten wir eine wilde Nacht hinter aus. Dabei waren wir ganz brav gewesen.

»Komm, ich will nicht zu spät kommen«, meinte ich. Das war es aber nicht. Ich wollte es nur schnell hinter mich bringen, wollte endlich wissen, wie es sich anfühlen würde, Noah vor allen zu küssen und verdammten Spannern den Mittelfinger zu zeigen. Sollten sie sich doch mit dem Video amüsieren. Solange Noah bei mir war und nicht wieder durchdrehte, war alles gut.
»Ich will gar nicht kommen. Folge dessen bin ich schon ziemlich weit«, meinte mein Herzensmensch und ich verdrehte meine Augen leicht.
Verstehen konnte ich es, aber es brachte nichts.

Irgendwie hatte ich es dann doch geschafft, ihn aus der Wohnung zu zerren und wir waren unterwegs in die Schule.
Noah hielt meine Hand, was mich zum glücklichsten Jungen der Welt machte.
Leider löste er unsere Hände wieder, als wir in die Schule betraten.
Die Leute starrten uns sofort an und ein paar tuschelten. Es war wie gestern auch, aber heute fühlte ich mich irgendwie stärker.
Kurz sah ich zu Noah hinüber, dessen Gesicht beinahe geisterhaft wirkte und riss ihn aus seinem Abwärtsstrudel, indem ich ihn anstupste.
Er blickte zu mir runter und die Farbe kehrte langsam zurück. Seine Wangen wurden wieder so süß rot an den Apfelbäckchen, als käme er gerade aus einem Schneesturm. Vorsichtig legte er seine Hände an meine Taille und zog mich zu sich, um mich einfach zu küssen. Er hatte es getan. Er hatte es tatsächlich getan!

Cecilia stand am Rande der kleinen Masse, die sich schon um uns versammelt hatte und legte sich gerührt eine Hand aufs Herz. Als wir uns wieder lösten, kam sie sofort auf uns zu gerannt und schlang ihre Arme um meinen Hals.
»Du machst mich echt neidisch. Noah ist wirklich toll. Ihr seid süß zusammen«, sagte sie ehrlich und blickte zu Noah. Dann wurde ihr Blick aber streng.
»Wehe du tust ihm weh!«
Drohend schwenkte sie den Zeigefinger und Noah sah schuldbewusst zu mir.
»Ich denke dafür ist es schon zu spät. Ich hab ihm schon längst weh getan«, brummte er, doch ich winkte ab.
»Du hattest Angst. Das ist was anderes.«
Cecilia lächelte und drückte nun auch Noah.
»Willkommen in der Familie«, lächelte sie leicht und ging dann davon.

Noah stand da, wirkte noch immer ein wenig schüchtern, was total komisch war, denn als er hier her gekommen war, war er so gar nicht schüchtern gewesen.
Zu gut erinnerte ich mich daran, als er mir beinahe einen Handjob verpasst hatte, weil er früher als ich durchschaut hatte, was ich für eine Sexualität hatte. Er hatte gewusst, was ich wollte und brauchte und hatte es mir gegeben und nun stand genau dieser Junge hier und sah aus, als würde er gleich davon laufen.
Er brauchte mich. Das wurde mir jetzt so richtig klar.

Vorsichtig trat ich an seine Seite. Seine angespannten Schultern erschlafften und es sah aus, als hätte ich ihn nun eine riesige Last von den Schultern genommen.
»Lass uns ins Klassenzimmer gehen«, hauchte ich ihm zu und er nickte knapp.
Schweigend gingen wir in den Raum, wo wir unseren ersten Körperkontakt hatten.
Ich nahm auf meinem Stuhl Platz und Noah daneben.
Hinter uns saßen nur leider die größten Vollidioten auf dem Planeten.
Fynn und seine Freunde. Sie hatten wohl Spaß daran, Noah mit Papierkugeln abzuwerfen. Irgendwann war sein ganzes Haar voll damit und mir reichte es.
»Was soll denn das?«, zischte ich giftig. Fynn grinste nur und am liebsten hätte ich ihm eine reingehauen, aber so war ich nicht.
»Was denn? Ich will die Schwuchtel nur ein bisschen schmücken. Keine Sorge, du kommst schon auch noch dran«, meinte er und lachte.
Ich ballte meine Hände zu Fäusten und kniff die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen.
»Hör mal zu, nur weil du nie ein Mädchen abbekommst, musst du deinen Frust nicht an Menschen auslassen, die wissen, wo sie hingehören. Naja, bei deinem Charakter kann ich schon verstehen, warum du keine abbekommst. Mit einem Steinzeitmenschen will schließlich niemand zusammen sein«, sprach ich und drehte mich um.
Ich sah, wie Noah grinste und musste ebenfalls grinsen. Die Freunde von Fynn grölten und lachten, aber ich ignorierte sie und zupfte die Papierkugeln aus dem engelsgleichen Haar Noahs.

Kurz sah ich zu meiner besten Freundin hinüber, die natürlich alles mitbekommen hatte und mir beide Daumen nach oben zeigte. Fynn war beliebt, weil er gut aussah, aber im Kopf hatte er nicht besonders viel. Sonst würde er wohl nicht dauernd laut lachen, wenn das Wort Penis irgendwo auftauchte.

Noah beugte sich zu mir rüber und küsste sanft meine Wange, die sofort zu kribbeln begann unter seinen weichen Lippen.
»Könnt ihr nicht damit aufhören? Das ist widerlich!«, knurrte Fynn von hinten und ich grinste nur.
»Hör mal, wie neidisch er ist«, sagte ich mit einem leichten Lächeln und Noah lächelte zurück. Vermutlich war das das erste mal, dass er lächelte, wenn jemand ihm eine Beleidigung an den Kopf warf, doch das war gut so.
Solange ich an seiner Seite war, würde ich nicht zulassen, dass ihn jemand beleidigte. Noah war ein wundervoller Junge und er verdiente es, die Welt in all ihren Farben zu sehen und nicht nur im düsteren schwarzweiß.

Ich legte eine Hand auf seine und drückte sanft zu.
»Kommst du nach der Schule noch mit zu mir?«, flüsterte ich ihm zu und Noah lächelte leicht.
»Gern, ich war noch nie bei dir«, hauchte er und ich konnte sehen, wie er sich schon vorstellte, wie mein Zimmer wohl aussehen mochte. Ja, ich war glücklich. Glücklicher, als ich es je zu träumen gewagt hätte.

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