s e v e n t e e n
[Mittwoch, 27. November 1996]
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s e v e n t e e n :
Hey, Tagebuch.
Ich habe dich Professor Sprout heute Morgen zum zweiten Mal vorgelegt, diesmal aber sorgsam darauf bedacht, dass sie nicht sieht, was ich geschrieben habe.
Sonst würde ich wahrscheinlich ziemlich in Erklärungsnot geraten.
Sie ist stolzer als stolz und hat mir erneut zehn Hauspunkte verliehen.
Danach hab ich mich gleich mit Megan vom Acker gemacht, denn sie wollte mich unbedingt zum Treffpunkt mit den anderen drei Champions begleiten.
Ich habe weder Morag, noch Draco und Seamus davon erzählt, dass Megan über alles Bescheid weiß, da ich nicht so recht weiß, ob ich mich damit im Rahmen der Legalität bewege.
Auf jeden Fall haben wir die erste Stunde blau gemacht, um fernab neugieriger Augen unseren Fortschritt zusammenzulegen und weitere Schlüsse daraus ziehen zu können.
Es stellte sich heraus, dass Morag und Seamus über dem gepflasterten Innenhof ein wenig auf dem Dach herumgeklettert waren und dort eine Art Muster in den Bodenplatten des Hofes entdeckt hatten.
Das Interessante war, dass es entfernt an ein Wappen erinnert.
Na, klingelt da was bei dir? Draco und ich haben auch etwas mit einem Wappen ausfindig machen können.
Also zogen wir sofort los, um den Hof in Lokalaugenschein zu nehmen.
"Hier! Seht ihr?", rief Morag und deutete auf die Steinplatten unter uns.
Ich krallte mich an einem Dachgiebel fest, während ich versuchte, mit einem Fuß Halt zu finden.
Krampfhaft drehte ich mich um und sah nach unten. "Also ich erkenne nichts."
Der Hof lag mehr als dreißig Fuß unter uns, und ich hatte keine Lust, diese Höhe am eigenen Leib zu erfahren, weshalb ich mich noch fester an den Giebel klammerte.
Draco neben mir seufzte. "Ich sehe was du meinst, MacDougal. Du sprichst von den parallelen Linien, die senkrecht zu den Mauern verlaufen."
Morag nickte. "Ja, sieh mal. Das Pflaster ist so angeordnet, dass die Rillen zwischen den Steinen nur an diese Stelle eine durchgehende Linie bilden."
"Und der Hof war etwas vom ersten, was die Gründer gebaut haben." Seine Augen leuchteten auf, als sei ihm eine Idee gekommen.
"Können wir bitte wieder runter, bevor du uns deinen Masterplan unterbreitest?", jammerte ich, immer noch mit dem Rücken zum ganzen Geschehen.
Draco seufzte wieder auf und für einen Augenblick spürte ich seine Hand an meinem Rücken. "Ich helf' dir.", sagte er gönnerhaft. "Wenn MacDougal an der Dachrinne runtergeklettert ist, bin ich dran und dann koordiniere ich dich, damit du nicht das Gleichgewicht verlierst."
Ich stöhnte beim Gedanken an den Abstieg. "Warum bin ich nochmal mit aufs Dach gekommen? Während ihr euch so toll über Architektur unterhalten habe, hätte ich unten mit Seamus über das Wetter referieren können oder so."
Ich hörte Draco leise lachen. "Sag nicht, dass du Höhenangst hast, Rosemary. Ich dachte, du spielst Quidditch."
"Tu ich auch.", fauchte ich zurück. "Ich hab übrigens auch keine Höhenangst, sondern bin einfach nicht sonderlich erpicht darauf, als Blutmatsche dort unten auf dem Steinboden zu enden."
Morag war inzwischen auf halber Höhe die Regenrinne hinabgeklettert und ich lugte vorsichtig über den Dachrand.
Dafür, dass Morag so gut wie gar keine sportliche Betätigung praktizierte, war sie ganz schön flink unterwegs.
Ich schluckte. Als sie unten ankam, hob sie beide Daumen, und grinste mich frech an.
Ugh. Sadistin.
Seamus, der Höhen wohl ebenfalls nicht so zuneigt war, schloss zu ihr auf und die beiden legten erwartungsvoll den Kopf in den Nacken, um mich beim Absteigen fürchterlich scheitern zu sehen.
"Malfoy, du zuerst." Ich hörte, wie meine Stimme zitterte.
"Okay, dann mach Platz."
Ich kletterte ein wenig auf dem Vorsprung nach oben, damit Draco unter mir passieren konnte.
"Ich werde einfach aufpassen, dass du, wenn du den Halt verlierst irgendwie weich landest." Er grinste mich an, gerade als eine Brise vom See zu uns heraufdrang und ihm verwegen durch sein helles Haar fuhr. Seine grauen Augen schienen an einem bewölkten Novembertag wie diesem nur noch stürmischer, und ich begann unwillkürlich zu schmollen, dass ich bloß diese langweiligen blauen Augen besaß.
Ich sah, wie meine eigene Aura aufleuchtete, und erwartete, dass ich Dracos Gefühle ebenfalls zu lesen bekam, doch er sah aus wie immer.
Kein grüner Lichtmantel, keine grauen bis schwarzen Gefühlsflecken.
Ich blinzelte verwirrt und versuchte mit aller Macht, seine Aura hervorzuzwingen, doch es war vergebens.
Als Draco meine fruchtlosen Bemühungen erkannte, grinste er schief.
"Ich habe sie versteckt. Du hattest zu viel Macht über mich."
Bevor ich auch nur irgendetwas erwidern konnte, hatte er sich bereits über die Dachkante gestürzt und landete dreißig Fuß unter mir leichtfüßig auf den Steinplatten.
"Arresto Momentum.", murmelte ich leise. "Natürlich. Angeber."
Dass er seine Aura vor mir verstecken konnte, beunruhigte mich ungemein, aber im Augenblick versetzte mich vor allem mein Abstieg in große Panik.
"Hey, kannst du das bei mir auch machen?", rief ich hinab, doch die postwendende Antwort, die der Wind mir hinauftrug war bloß ein bösartiges Lachen.
"Arschloch.", schnaubte ich und schwang meinen Allerwertesten vorsichtig über die Dachkante. Die Regenrinne war zwar von irgendeinem vorsehenden Schüler mit kleinen Quersparren versetzt worden, sodass ich wenigstens dort meine Füße ansetzen konnte, doch die waren mindestens sechs Fuß auseinander.
"Sei vorsichtig beim Runterklettern, Rosie!", rief Morag äußerst hilfsbereit zu mir hinauf, und ich gab ein unwilliges Grunzen von mir.
"Vielen Dank für deine aufbauenden Worte. Wär mir gar nicht in den Sinn gekommen!", brüllte ich zurück und erntete dafür bloß erneutes böses Gelächter.
Himmel, wie verabscheute ich Menschen doch manchmal.
Nach einer gefühlten halben Stunde hatte ich die Hälfte geschafft.
Morag und Seamus hatten sich inzwischen gelangweilt zurückgezogen und machten sich daran, den Pflasterboden des Hofes nach weiteren Indizien zu durchsuchen, aber Draco hielt sein Wort und blieb die gesamte Zeit unter der Dachrinne stehen, bereit, mich aufzufangen.
Als ich nur noch weniger als acht Fuß zurückzulegen hatte, rutschte meine Hand plötzlich ab, und ich verlor den Halt an der Dachrinne.
Kreischend und um mich schlagend, gelang es mir, vier Fuß darunter meine Hand um einen Sparren zu krallen, weshalb ich nun nur noch weniger als drei Fuß über dem Boden hing.
Draco seufzte. "Lass los, Rosie. Den Fall überlebst du locker."
Mit einem Schrei, der jedem Todesschrei Konkurrenz gemacht hätte, fiel ich läppische drei Fuß, und das direkt auf Draco, der das Gleichgewicht verlor und mit mir zu Boden ging.
"Rosemary, ernsthaft?", stöhnte er unter meinem Gewicht und ich rollte mich peinlich berührt von ihm herunter. "Schon mal was von Fallkoordination gehört?"
Er setzte sich auf und mir wurde bewusst, dass wir uns zum zweiten Mal innerhalb von vierundzwanzig Stunden zu nah gewesen waren.
"Wie versteckst du deine Aura vor mir?", knurrte ich, ohne mich lange mit Formalitäten oder Dankesbekundungen aufzuhalten.
Draco grinste, während er gelenkig auf die Beine sprang und mir seine Hand hinhielt, damit ich mich daran hochziehen konnte.
"Ich bin Illusionist, schon vergessen? Abwandlungen und Verzerrungen der Wahrheit gehören zu meinem Berufsgebiet."
Ich nahm seine Hand ließ mich von ihm auf die Beine ziehen, wobei ich mir Mühe gab, mich so schwer wie möglich zu machen.
"Das ist unfair.", jaulte ich. "Du kannst mich immer noch quälen!"
Zu meiner Überraschung ließ er meine Hand nicht los, kaum dass er mich auf die Beine gezogen hatte, sondern er zog mich näher an sich heran.
"Was, wenn ich dir verspreche, es nicht zu tun?", fragte er aufrichtig.
"Ich würde dir nicht glauben.", erwiderte ich heiser, während sein heißer Atem über meine Lippen strich. "Und jetzt lass mich los. Deine Nähe ist mir unangenehm."
Mit einem herausfordernden Heben seiner Augenbraue, ließ er meine Hand los und ich trat einige Schritte zurück.
"Unangenehm im schlechten oder guten Sinn?", fragte er mit einem Grinsen.
"Im schlechtesten Sinne, der nur möglich ist.", entgegnete ich angewidert. "Schon schlimm genug, dass du ständig mit Parkinson in irgendwelche dunklen Nischen kriechst."
Draco lachte, während ich versuchte meinen Schal wieder um meinen Hals zu drapieren. "Eifersüchtig, Hufflepuff?"
"Das hättest du wohl gerne, du widerlicher Schlumpf von einem Slytherin."
"Außerdem", grinste er anzüglich, "wer steckt unserem lieben Spießerkapitän denn andauernd die Zunge in den Hals?"
Schnell versuchte ich so viel Platz wie möglich zwischen ihn und mich zu bringen. "Das war einmal!" Ich überlegte kurz. "Okay, an sich zweimal, wenn man das mal in der Quidditchkabine mitzählt, aber technisch gesehen hat er da mich geküsst und ich habe seinen Kuss nur erwidert."
Draco sah mich mit einer Mischung aus Verwirrung und Irritation an. "Du hast ihn wirklich geküsst?!"
Irrte ich mich, oder schwang in seiner Stimme eine gewisse Kühle mit?
"Ich wüsste nicht, was dich mein Liebesleben angeht.", entgegnete ich würdevoll und er lachte.
"Du und Liebesleben. Sicher."
"EJ, IHR TURTELTÄUBCHEN, HIER SPIELT DIE MUSIK!", schrie Morag in diesem Augenblick und unterbrach unsere 'traute' Zweisamkeit mit einem Mal.
Draco wirkte, als sei er soeben aus einem Traum erwacht. "Ah, ja sicher. KOMME!", brüllte er zurück.
"Wir sind keine Turteltäubchen.", schnaubte ich, wofür ich von Draco bloß einen mitleidigen Blick erntete.
"Da hast du Recht. Du bist ohnehin nicht mein Typ."
Er beeilte sich, zu Morag und Seamus aufzuschließen, die in der Mitte des Hofes standen und offensichtlich auf uns gewartet hatten.
"Danke, Blondie!", schrie ich ihm hinterher. "Du bist erst recht nicht mein Typ!"
Das seltsame hellrosa Leuchten, das nun von meiner plötzlich erwachten Aura ausging, strafte mich dennoch Lügen.
Mit einem letzten mörderischen Blick in seine Richtung setzte ich mich in Bewegung, um gerade rechtzeitig zur Gruppe zu stoßen, als Draco seine neuste Theorie erarbeitete.
"...die einzige, die wir alle gesehen haben. Das muss doch etwas bedeuten."
Seamus und Morag nickten unisono.
"Also vermute ich auch stark, dass der Eingang hier irgendwo liegen muss."
"Worum geht's?", fragte ich mit einem unleidigen Blick auf Draco, der sich nicht die Mühe gemacht hatte, auf mich zu warten.
"Die erste Vision, die wir alle hatten. Von den Gründern auf dem Hügel.", erklärte Morag mir sogleich. "Draco hat herausgefunden, dass der gepflasterte Innenhof die Stelle war, auf der die Gründer damals gelandet sind."
"Hat er das?"
"Problem, Hufflepuff? Willst du mir etwa etwas unterstellen?", erwiderte er kühl.
"Nein, nein. Nicht im Entferntesten." Ich klimperte mit den Wimpern. "Ganz im Gegenteil, ich stimme dir vollkommen zu. Der Hof ist der Schlüssel zu allem. Und das Wappen."
"Welches Wappen?", fragte Morag.
"Dazu wollte ich gerade kommen.", murmelte Draco verärgert. "Winter und ich haben gestern ein Wappen ausfindig gemacht, dass uns eventuell weiterhelfen könnte."
Seamus wirkte interessiert. "Und wie?"
"Die Steinbänke.", sagte ich schnell, bevor Draco auch nur den Mund öffnen konnte. "Die Große Halle ist entgegen aller Vermutungen nicht das ursprüngliche Zentrum von Hogwarts, sondern der gepflasterte Innenhof."
"Von ihm aus gesehen sind die vier Häuser nämlich genau in den vier verschiedenen Himmelsrichtungen.", fiel Draco mir ins Wort. "Gryffindors und Ravenclaws Türme sind dort." Er deutete in zwei entgegengesetzte Richtungen. "Hufflepuffs und Slytherins Räumlichkeiten, die sich beide unter der Erde befinden, sind genau zwischen ihnen. Und das sollen auch die Steinbänke verdeutlichen."
"Sie haben das Wappen des jeweiligen Hauses eingraviert und wurden schon seit Jahren nicht mehr von der Stelle bewegt.", warf ich nun wieder ein.
"Und jetzt wissen wir auch, warum sie so fest im Boden verankert sind." Draco grinste triumphierend. "Wir müssen sie vertauschen."
"Gemäß des Wappens, das Blondie und ich gestern im siebten Stock gefunden haben."
"Nenn mich nicht Blondie, Kürbis.", schnaubte er.
Morag blickte uns komplett konsterniert an. "Woher wisst ihr das alles?!"
Draco und ich sahen uns an und mussten grinsen. "Alles nachzulesen in Eine Geschichte von Hogwarts.", erklärte ich. "Bis auf den Teil mit den versteckten Eingangshallen, natürlich."
Seamus wirkte beeindruckt. "Nicht schlecht. Vielleicht stimmen die Gerüchte doch."
"Welche Gerüchte?", fragte ich neugierig.
"Lass niemals einen Hufflepuff und einen Slytherin gemeinsame Sache machen. Sie werden die Welt übernehmen.", gluckste er und ich fiel in sein Lachen ein.
Morag klatschte begeistert in die Hände. "Wir sollten sofort anfangen!"
Draco verzog das Gesicht. "Es klingelt in weniger als einer Minute und ich für meinen Teil muss dem Unterrichtsgeschehen wirklich mal wieder beiwohnen, und ihr solltest das gleiche machen."
Morag seufzte. "Du hast Recht. Aber ich würde so viel lieber endlich herausfinden, was die Gründer für uns vorgesehen haben."
Ich lachte und legte ihr freundschaftlich einen Arm um die Schulter. "Dass ich das noch einmal erlebe: eine Ravenclaw, die die Schule schwänzen will."
...
"Rosie, hör auf so verheißungsvoll in meine Richtung zu starren!", zischte Megan mir zu. "Was soll das überhaupt?"
Ich blickte die lange Hufflepufftafel hinab, gerade noch rechtzeitig um Waynes Blick einzufangen.
"Ach nichts.", grinste ich.
Megan kannte mich zu gut, um nachzufragen.
Seit ich ahnte, dass Wayne ein Auge auf Megan geworfen hatte, war ich zu einem gerade schon übersinnlichen Radar für lange, gefühlsschwangere Blicke mutiert.
Dass ich Gefühle nun buchstäblich sehen konnte, erleichterte die Sache zudem enorm.
Ich hatte in meiner kurzen Karriere als Gefühlsmedium bereits gelernt, dass die Aura von Verliebten sich schlagartig erhellte, wenn das Objekt seiner Begierde den Raum betrat.
Das erklärte auch die Supernova, die mich jedesmal blendete, wenn ich in der Nähe von Eliza saß und Porter seinen Blick in ihre Richtung wandte.
Apropos Eliza. Ich hatte versucht, die Verliebtheitsflecken an ihrem Hals zu verringern, was mir kurzzeitig auch gelang, doch am nächsten Morgen waren sie zumeist noch größer gewesen, als am Abend zuvor.
Alistair hielt ich mir übrigens grandios vom Leib. Seine romantisch angehauchten Flecken zog ich immer wieder in Hannahs Richtung, von der ich ohnehin wusste, dass sie ein mittleres Maß an Bewunderung für ihn hegte.
Das war nach außen hin in schiefe Grinsen in ihre Richtung ausgeartet.
Langsam ließ ich meinen Blick durch die Halle schweifen, während ich in meinem Gemüseauflauf herumstocherte.
Überall sah ich Auren, gelb, grün, blau, rot, manche sogar orange oder lila. Einige waren von heller Natur, andere eher dunkel.
Ich konnte sogar die Auren unserer Lehrer sehen. Ein Blick auf Snapes Aura hatte mir genügt, um mich in tiefe Depressionen verfallen zu lassen.
Er besaß ein beinahe komplett schwarzes Energiefeld, das bis auf ein paar grüne Flecken von Trostlosigkeit, Trauer und grollendem Zorn sprach.
Dumbledores Aura war ebenfalls äußerst interessant. Sie war von einem so hellen Rot, dass ich beinahe sofort meinen Blick abwenden musste, bis auf eine einzige Stelle. Um seine rechte Hand hatte sich das Energiefeld schwärzlich verfärbt, aber nicht in den Farben von Hass oder Wut, sondern es wirkte kränklich. Irgendwie tot.
Es war seltsam intim, die Auren meiner Mitschüler zu betrachten, so als würde ich in ihre tiefste Privatsphäre einmarschieren.
Einfach die Tür zu ihren Gefühlen eintreten und mich dann an ihnen zu laben.
Und nicht einmal große Zauberer wie Albus Dumbledore waren davor gefeit. Ich konnte sehen, wie seine Aura in der lila Farbe der Freude zu schimmern begann, als er sein Roastbeef in Angriff nahm.
So viel über die Leute um mich herum zu erfahren, erschien mir irgendwie falsch.
Und die einzige Person, deren Innerstes ich nur allzu gerne betrachtet hätte, saß auralos auf seinem Stammplatz am Slytherintisch und schenkte mir ab und an ein anzügliches Grinsen. Er wusste ganz genau, wie wütend es mich machte, die einzige Waffe, die ich gegen ihn gehabt hatte, aus der Hand geben zu müssen.
Ich seufzte, als der Blick seiner grauen Augen zum wiederholten Mal spöttisch auf mir lag.
Lass mich in Frieden, Blondie.
Ich sah, wie er grinste. Sein Blick sagte so etwas wie: Wenn du meinst, Kürbis.
Pansy Parkinson waren seine ständigen Blicke zum Hufflepufftisch offenbar nicht entgangen, denn nun drehte sie sich um, um den Übeltäter ausfindig zu machen.
Ich winkte ihr fröhlich zu und sie verengte ihre Augen zu Schlitzen, während gelbe Eifersucht ihre schlammgrüne Aura verunreinigte.
Megan seufzte, als sie sich ebenfalls umdrehte und Pansys bösen Blick frontal ins Gesicht geklatscht kam.
"Rosie, Rosie. Flirtest du etwa mit dem Feind?" Sie zog vielsagend ihre Augenbrauen hoch, als wollte sie sich für die verheißungsvollen Blicke von vorhin revanchieren.
"Blondie und ich trainieren uns in non-verbaler Kommunikation.", entgegnete ich würdevoll. "Wer weiß, wann uns das einmal das Leben retten wird."
"Wie's aussieht habt ihr in eurem Repertoire bloß Sätze wie: Am liebsten würde ich dir meine Zunge ganz tief in den Hals stecken und wie wär's, wenn wir nachher in eine dunkle Nische abhauen?. Nicht sehr subtil, wenn du mich fragst."
Ich starrte sie entsetzt an. "Ich würde so etwas niemals zu Draco Malfoy sagen, geschweige denn in einen höchst aussagekräftigen Blick legen."
Megan nickte wissend. "Jaja, so fängt's an. Und bevor du schauen kannst, bist du-"
Ich warf ihr einen sehr warnenden Blick zu und sie verstummte.
"Wenn du doch jetzt diese irren Gefühllesetricks drauf hast, könntest du eigentlich eine gehegte Theorie unsererseits überprüfen.", sagte sie nach einer Weile nachdenklich.
Inzwischen hatte ich den Eintopf beiseite geschoben und zu einer Schale Pudding gegriffen.
"Welche meinst du?", fragte ich schmatzend. "Ob Filch und Pince wirklich was am Laufen haben?"
Megan kicherte. "Nein, obwohl das sicherlich auch ganz ergiebig wäre. Ron und Hermine. Sind sie in Wahrheit ineinander verliebt, wollen es sich aber nicht eingestehen?"
Ich fiel in ihr Kichern ein. Oh ja, das wäre eine gute Idee.
"Okay.", erwiderte ich grinsend. "Bei wem soll ich anfangen?"
"Hermine.", entschied Megan.
Ich schloss meine Augen für einen kurzen Moment, um mich geistig zu sammeln, bevor ich sie wieder öffnete und Hermine fixierte.
Sie saß neben Harry und Ginny und las gerade in einem Schulbuch. Ron saß ein paar Plätze von ihr entfernt, Lavender Brown in Arm.
Hermines Aura strahlte Müdigkeit aus, aber auch Hoffnung und viel freundschaftliche Liebe. Sie umschlang vor allem Harry und Ron, aber auch Ginny, Neville und Luna, die am Ravenclawtisch saß. Von allen Seiten wurde diese freundschaftliche Liebe erwidert, und es machte den Eindruck, als seien sie durch wunderschöne, schlanke Bänder miteinander verknüpft.
Aber ja, ihr und Rons Band wurde durch etwas anderes bestimmt. Das hellrosa Funkeln der Verliebtheit.
Eine Weile sah ich zum Gryffindortisch, gefesselt von der Tiefe der Freundschaft, die die drei umgab.
Was solche starken Bande wohl durchhalten konnten?
"Es ist wunderschön, Megs.", murmelte ich. "Ich wünschte, du könntest es sehen."
Sie lächelte. "Irgendwie kann ich das."
...
Es gibt Momente, in denen mit Helgas Gabe wie ein Fluch vorkommt.
Ich meine, warum kann ich nicht auch coole Illusionen erschienen lassen, wann immer ich will? Für unsere Zwecke ist das doch wohl total praktisch!
Stattdessen sehe ich Trauer und Hass, Groll und Hoffnungslosigkeit, wann ich immer ich meinen Blick hebe.
Aber wie mir ein paar gewisse Gryffindors heute gezeigt haben, ist das nicht alles.
Helgas Gabe an mich hat etwas Wunderschönes, wenn man sich erst einmal darauf eingelassen hat.
Ich habe langsam das Gefühl, so ist es oft mit den Dingen im Leben.
Das Leben selbst ist einfach viel zu vielschichtig, zu bunt, um es in zwei simple Kategorien aufteilen zu können.
Irgendwie bin ich Helga dankbar, dass sie mich das gelehrt hat. Letzten Endes zählt doch der emotionale, nicht der materielle Wert einer Sache.
Ich hoffe, ich hab dich mit meinem philosophischen Mist nicht gelangweilt, denn ich bin müde und da scheint mir so etwas aus allen Poren zu strömen.
Ich gehe jetzt schlafen,
Rosie.
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