Before
Ella P. o. V.
So langsam begannen meine Beine weh zu tun von dem ganzen Sitzen und ich musste schon wieder auf die Toilette, doch trotz dieser Unannehmlichkeiten genoss ich die Fahrt in vollen Zügen.
Es gibt Menschen, deren Gesellschaft tut einem gut. Man will sie am liebsten ständig um sich haben, ihre Anwesenheit spüren und sich einfach treiben lassen von dem überrauschendem Gefühl der Freiheit und Überzeugung, das einen dann ergreift.
Amelie war so jemand für mich. Genau genommen war sie sogar die erste und einzige Person in meinem Leben, die mir dieses Gefühl gab.
Wir waren jung und frei, Amelie und ich. Und wir waren gerade auf dem Weg in ein unvergessliches Abenteuer. Schon wieder schlich sich dieses Lächeln auf mein Gesicht und alles andere spielte keine Rolle mehr.
Ja, vielleicht würde ich gerne wieder eine Pause einlegen.
Ja, vielleicht knurrte mein Magen laut und all unsere Müsliriegel waren schon gegessen.
Und ja, alles in mir sehnte sich nach ordentlichem Kaffee.
Aber ich war hier, auf der Autobahn, mit Amelie zu meiner Linken und den Beatles im Ohr. Egal wie dämlich das klang, aber in diesem Moment wollte ich nirgendwo anders sein, ich hätte mich kaum glücklicher fühlen können.
Und das, obwohl ich genau genommen keinen blassen Schimmer hatte, wo wir eigentlich hinfuhren. "Ich zeige dir meine Heimat", hatte Amelie nur verheißungsvoll erwidert und ich war dahingeschmolzen, hatte mit einem Lächeln auf den Lippen allem zugestimmt.
Zack.
Bumm.
Fühlte es sich so an, verliebt zu sein? Ich hatte keine Vergleiche, nie für Jungs gefühlt, aber auch noch nie für Mädchen. Bisher.
Ich glaube, ich verliebte mich nicht in Geschlechter, sondern in Personen. In Personen, die mein Herz berühren, die besonders sind. Besonders interessant und besonders einzigartig und besonders tiefgründig.
Amelie war besonders, auf vielen Ebenen. Sie war besonders Amelie.
Dass sie mir ihre Heimat zeigen wollte, ehrte mich sehr. Das war ebenfalls besonders, besonders aufregend und . . . aussagekräftig. Die Heimat ist ein Ort, an dem wir aufwachsen und den wir irgendwann verlassen, aber nur um immer wieder zurückzukehren. Mit neuen Erfahrungen und neuen Siegen, und auch Niederlagen - und mit neuen Menschen, die uns etwas bedeuten.
Nun wusste ich nicht, wo Amelies Heimat lag, doch das war schon okay. Ich vertraute ihr, voll und ganz.
Etwas mulmig wurde mir jedoch schon, als die letzten blauen Straßenschilder mit Angaben zu den nächstgelegenen großen Städten verschwanden, und nur noch verblichene Warnschilder wie "Vorsicht, Klippe!" oder "Steiler Abhang in 500m" auftauchten.
Wo in Gottes Namen war Amelie denn aufgewachsen?
Ich warf ihr einen prüfenden Seitenblick zu und stellte fest, dass ich etwas Sorge in ihrem Gesicht lesen konnte. Auf der Stirn ihrer hellen, porzellanartigen Haut hatte sich eine schräge Falte gebildet und ihre schokobraunen Augen flackerten nervös hin und her.
Wir fuhren noch eine halbe Stunde so weiter, ohne großartig miteinander zu kommunizieren - Amelie schien tief in Gedanken versunken zu sein und ich traute mich nicht, sie dabei zu unterbrechen.
Schließlich jedoch - ich hatte die Hoffnung bereits aufgegeben - gab es Anzeichen, dass wir unserem Ziel nahe waren. Amelie bog mit ruhigem Blick von der steinigen Straße in einen Sandweg ein, doch ihre Hände am Lenkrad zitterten sehr. Ohne es zu bemerken hielt ich den Atem an und wagte erst, als der Wagen zum Stehen kam, etwas zu sagen: "Verrätst du mir jetzt, wo wir eigentlich sind?"
Obwohl ich gerne trotzig und etwas schnippisch klingen wollte und all meine aufgestaute Ungeduld in meine Stimme legte, klang ich eher unsicher. Wie immer.
Endlich grinste Amelie wieder, doch ihre Antwort auf meine Frage half mir herzlich wenig: "Willkommen in Seetal!"
Seetal? Noch nie davon gehört. In meinen Ohren klang es wie der Name eines pseudo-geheimnisvollen Ortes aus einem niveaulosen Fantasyroman, den man gewöhnlicherweise für wenige Euros an einer Tankstelle oder - noch besser - im Supermarkt erwerben konnte. Doch ich konnte mir bei bestem Willen nicht vorstellen, dass hier Menschen leben sollten.
Doch gerade, als ich entnervt nachfragen wollte, beugte Amelie sich vor und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Es war nur ein ganz kurzer Moment, in dem ihre weichen, vollen Lippen meine Haut streiften. Ich merkte dabei, dass sie lächelte und mir wurde ganz warm, als hätte ich so eben eine ganze Flasche Wein alleine getrunken.
Amelie machte mich betrunken, und - ganz ehrlich - ich wollte nie wieder nüchtern werden.
"Jetzt guck nicht länger so verdutzt, und steig aus. Wir sind in Sicherheit", forderte sie mich beinahe liebevoll auf und öffnete die Fahrertür. Erfüllt von Lebensfreude breitete sie die Arme aus und schloss die Augen. Es sah aus, als würde sie die Bäume anbeten, als hätte sie nie etwas gesehen, was wundervoller war.
Wir sind in Sicherheit.
Der Satz klang in meinem Kopf noch lange nach und ich verbrachte so manche Nacht grübelnd über dessen Bedeutung. Doch das konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. In diesem Moment drehten sich all meine Gedanken um den Kuss auf die Wange und, vor allem, um dessen Bedeutung.
War das ein gutes Zeichen? Empfand sie das Gleiche wie ich? Oder war es eher freundschaftlich gemeint? Oh mein Gott, hatte Amelie mich etwa gerade gefriendzoned?
Komplett verwirrt tat ich es ihr gleich und stieg aus dem Auto aus, wobei ich mir natürlich den Kopf an der Decke der Tür stieß. Amelie hatte die Augen noch immer geschlossen, doch an dem Zucken ihrer Mundwinkel erkannte ich, dass es ihr nicht entgangen war.
Verkrampft darum bemüht, nicht noch eine Dummheit zu begehen, stellte ich mich neben Amelie, die Hände tief in den Taschen meiner blauen Jeans vergraben, wo niemand sehen konnte, wie sich meine Finger zitternd aneinander rieben.
Etwas unschlüssig stand ich nun neben Amelie, die noch immer in der gleichen Position verharrte und keine Anstalten machte, sich vom Fleck zu bewegen.
Nach einer Weile fand ich den Mut, mich zu räuspern. Falls ich je die naive Hoffnung gehegt hatte, Amelie würde mir dadurch endlich sagen, was mir hier eigentlich taten, wurde ich bitter enttäuscht.
Trotzdem musste ich lächeln. Belustigt legte ich den Kopf schräg und beobachtete sie von der Seite. Sie war wirklich der merkwürdigste und eigenartigste und vor allem wundervollste Mensch, der mir je untergekommen war.
Ich genoss diesen Moment, in dem ich sie ungehindert anstarren konnte, in vollen Zügen, bis mich schließlich der Klang ihrer Stimme aus meinen Gedanken riss. "Komm, probier' du es auch einmal." Zuerst war ich mir nicht sicher, ob es wirklich Amelie gewesen war, die diese Worte gesprochen hatte, da sie sich nicht im Ansatz gerührt hatte. Mit geschlossenen Augen und ausgebreiteten Armen stand sie da und - nun, was sie genau tat, wusste ich eigentlich nicht. Ich fragte mich, ob sie es selbst überhaupt wusste oder vielleicht immer nur verrückte Dinge tat, um mich zu verwirren. Denn tatsächlich verwirrte alles an Amelie mich und erschütterte meine Weltsicht wie nie etwas zuvor, gleichzeitig gab sie mich aber auch eine zuvor nie da gewesene Sicherheit.
Scheinbar war sie sich ihres Handelns jedoch sehr sicher, denn sie wiederholte den Satz noch einmal. Dieses Mal sah ich auch, wie sich ihre Lippen bewegten. Ihre vollen, weichen, dunkelroten Lippen . . .
Ertappt richtete ich mich auf, bereit, ihrer Aufforderung nachzukommen. Nur was genau sie von mir erwartete, das wusste ich nicht. Sollte ich mich auch so seltsam wie sie positionieren und . . . dem Klang der Natur lauschen?
Da mir nichts besseres einfiel, schloss ich tatsächlich erst einmal die Augen und ließ meine Arme in einem merkwürdigen Winkel vom Rest meines Körpers abstehen, auch wenn ich mir dabei komplett dämlich vorkam.
Ich traute mich nicht, meine Augen zu öffnen und verharrte, neben Amelie.
Neben Amelie.
Das klang gut, es hörte sich einfach richtig an. Wenn ich ganz ehrlich war, hatte sich nie etwas mehr richtig und mehr selbstverständlich und mehr offensichtlich in meinen Ohren angehört.
Keine Formel im Tafelwerk, keine aufgelöste Gleichung im Taschenrechner, kein Kreuzungsschema in Bio, keine Übersetzung von einer Sprache in eine andere, nicht einmal eine Gedichtanalyse.
Alles bedeutungslos und unwichtig, wenn ich neben Amelie stand.
Ich weiß nicht, ob es an dieser Übung oder der frischen Bergluft lag, die meine Lungen mit neuem Leben füllten und so ganz anders und irgendwie echter als die verbrauchte Stadtluft war, oder einfach daran, dass ich mit Amelie hier war, aber plötzlich fühlte ich mich wieder lebendig.
Ich spürte förmlich, wie ich wuchs und meine Laune stieg und ich hatte das Gefühl, gleich zu platzen vor Kraft und positiver Energie. Gleichzeitig wurde ich auch von einem inneren Frieden ergriffen und von der Zuversicht mitgerissen, dass alles gut war und nur noch besser werden würde.
Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus und meine Mundwinkel wollten sich gar nicht mehr senken, so hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.
Der Moment wurde nur durch das Wispern meines Namens verbessert - einem ganz sanften Wispern, das aus Amelies Mund kam und mich meine Augen öffnen ließ.
Ich fühlte mich, als wäre ich gerade aus einem sehr langen Schlaf aufgewacht. Erholung. Dieses Wort traf es ganz gut. Das war es, was hier gerade geschah. Ich erholte mich von all den Strapazen aus den letzten Jahren, von all dem Übel aus meiner Vergangenheit.
Der Anblick von Amelie, wie sie versonnen lächelnd da stand, den Blick ihrer schokobraunen Augen auf mich gelegt hatte, und mich genauso beobachtete, wie ich sie zuvor, verursachte in mir Bauchkribbeln der schlimmsten Art.
"Ja?", wisperte ich zurück, sobald ich das Gefühl hatte, das meine Stimme nicht zu krächzend klingen würde.
"Nichts", lautete die wie immer verblüffende Antwort. "Ich wollte einfach nur probieren, wie dein Name klingt, wenn ich ihn sage."
Lächelnd biss ich mir auf die Lippe. "Und? Wie klingt er?", wollte ich wissen und stemmte eine Hand in die Seite.
"Ziemlich gut", hauchte Amelie. In diesem Augenblick übertraf ihr Anblick alles, was ich zuvor in meinem ganzen Leben zu Gesicht bekommen hatte und mir blieb der Atem weg.
Anstatt erneut abzuwarten, bis meine Stimme wieder zu gebrauchen war - es wäre so oder so ein sinnloses Unterfangen gewesen - nahm ich Amelies Hand, ohne ein erklärendes Wort von mir zu geben. "Du lernst schnell", kicherte sie und zog mich, bevor ich etwas erwidern konnte, mit sich zurück zum Kofferaum, wo wir unser Gepäck verstaut hatten.
"Hier", sagte sie und warf mir meine Tasche entgegen, die ich nur mit Mühe und Not fangen konnte. Sobald wir all unsere Sachen - was genau genommen nicht allzu viel umfasste - beisammen hatten, setzten wir uns in Bewegung.
"Gehen wir zu deinen Eltern?", fragte ich nach, da es mir nicht möglich war, meine Neugier länger im Zaum zu halten. Ich konnte nicht verhindern, dass sich eine Spur Aufregung und Vorfreude in meine Stimme mischte. Der Gedanke, Amelies Mutter und Vater kennenzulernen, gefiel mir. Ich war gespannt auf die Menschen, die dieses wundervolle Mädchen großgezogen hatten, das ich so sehr mochte.
Doch jegliches freudige Interesse wurde mit dem nächsten Satz zerschlagen, der aus Amelies zusammen gepresstem Kiefer seinen Weg heraus direkt in meine ungläubigen Ohren fand und freudiges Interesse in betroffenes Unbehagen verwandelte.
"Meine Eltern sind tot", antwortete sie knapp. Was mich vermutlich am meisten vewunderte, war die Tatsache, dass sie nicht einmal unwirsch, ungehalten oder abweisend, ja, nicht einmal offen traurig klang. Sie sagte die ernüchternden Worte in einem recht neutralen Ton, doch auch ohne in ihr Gesicht zu sehen war mir bewusst, dass sie innerlich unglaubliche Schmerzen verspüren musste.
Wir hielten uns beim Gehen noch immer an den Händen.
Ich schluckte schwer, bevor ich mich zu einer unbeholfenen Antwort durchringen konnte: "Das tut mir furchtbar leid, Amelie."
Jetzt hob sie den Kopf, ein kaum erkennbares Lächeln zeichnete sich auf ihrem von Trauer erfülltem Gesicht ab. "Ja, mir auch. Sie waren wirklich tolle Eltern."
"Wie lange ist es denn her?", hakte ich nach kurzem Zögern behutsam nach.
"Schon ein paar Jahre", lautete die Antwort. Ich registrierte, dass es ihr nicht direkt etwas ausmachte mit mir darüber zu reden, sie es jedoch vorzog, das Thema zu beenden, daher ging ich nicht weiter darauf ein und nickte nur. Amelie drückte meine Hand und gab mir auf ihre besobdere Art zu verstehen, dass sie das zu schätzen wusste.
"Also, um auf deine Frage zurückzukommen: Nein, wir gehen nicht zu meinen Eltern, sondern zu einer alten Freundin", sagte Amelie aufgesetzt fröhlich und mit einem geheimnisvollen Zwinkern.
Eine alte Freundin?
Etwas an dieser Formulierung versetzte mir einen Stich und all die flatternden Schmetterlinge in meinem Bauch verwandelten sich in stechende Bienen. Mir wurde bewusst, dass ich kaum etwas über Amelies Vergangenheit wusste. Hatte sie vor mir schon andere Freundinnen gehabt? War in andere Mädchen verliebt gewesen?
Ich weiß nicht genau, warum, aber irgendwie machte mir diese Vorstellung mehr zu schaffen, als sie sollte. Ich kannte Amelie noch gar nicht lange und mochte sie schon viel mehr, als ich je geplant hatte. Und das bereitete mir, ehrlich gesagt, etwas Angst.
Während wir durch die Straßen von Seetal wanderten, machte ich mir die ganze Zeit Gedanken darüber, es ließ mich einfach nicht los. Ich hatte mich schon immer zu schnell in Sachen hinein gesteigert. So in meinem Sorgensee versunken und an der Oberfläche treibend nach Luft schnappend nahm ich kaum etwas von dem kleinen Ort wahr, durch den wir gerade händchenhaltend mit unserem Gepäck spazierten.
Wir kamen an einer Weide mit Kühen vorbei und an grünen Hügeln, nur wenige Häuser standen am Wegesrand und keine Menschen waren auf den Straßen zu segen. Mittlerweile war die Dämmerung über uns hereingebrochen, die Grillen zirpten und ganz leise hörte man etwas Vogelgesang in der Ferne. Schließlich kamen wir zu einer Art Zentrum, wenn man es denn so nennen mochte, ich erblickte hier ein paar Geschäfte, darunter eine Schneiderei und eine Fleischerei. Ein alter, schlichter Brunnen stand in der Mitte des gepflasterten Platzes und wenig weiter befand sich ein heruntergekommener Pub aus dem Stimmen und scheußliche Musik zu uns herüberwehten. Ich sah mehrere Paare oder kleine Menschengruppen aus anderen Seitengassen auf das Gebäude zusteuern, scheinbar hatten sie alle dasselbe Ziel.
Es war das erste Mal während wir hier waren, dass ich Zeichen für eine menschliche Existenz an diesem scheinbar verlassenen Ort wahrnahm. Kein Wunder, dass in keinem der wenigen Häuser ein Licht brannte, offensichtlich war jeder Bewohner im Pub. Doch Amelie zog mich rasch weg in die andere Richtung.
Für sie gätte ich vermutlich alles getan, trotz der unklaren Umstände war ich heillos betrunken vor Glück.
Ich hatte viel zu viel Wein getrunken, lediglich einen Schluck zu kosten war mir nicht genug gewesen, doch es war bereits zu spät, um einfach wieder auszunüchtern. Mein Pegel war schlichtweg zu hoch, Amelie war verdammt hochprozentig.
Das mulmige Gefühl in meiner Magengegend blieb bestehen und gerade, als ich fragen wollte, wie lange sie noch gedachte mich hier ziellos herumzuführen, machten wir vor einer Tür Halt.
Bevor sie klopfte, meinte ich Amelie etwas murmeln zu hören wie "Bitte sei da, bitte sei da!", was mich nur noch nervöser werden ließ. Es dauerte ein paar Sekunden, bis die Tür geöffnet wurde und eine bildhübsche, blond gelockte junge Frau mit hellblauen Augen erschien. Ihre feinen Gesichtszüge waren von freudiger Überraschung gekennzeichnet, ihre nahezu perfekten Augenbrauen schossen erstaunt in die Höhe.
Ich hatte das Gefühl, dass uns ein Engel gegenüber stand.
"Amelie!", quietschte der Engel und stürzte überwältigt auf uns zu, bevor sie Amelie in die Arme fiel. Ich kam mir mehr als fehl am Platz vor und rückte nervös meine Brille zurecht, bevor sich die junge Frau löste und auch mich spontan in die Arme schloss. Ihre hellblonden Locken kitzelten mich am Ohr und ich hatte den angenehmen Geruch ihres Parfums in der Nase.
Amelie schmunzelte über meinen perplexen Blick und ich wurde von einer warmen Welle von Gefühlen überflutet, die mich fast mit sich riss.
"Darf ich vorstellen?", fragte Amelie keck und ich ging im Klang ihrer Stimme auf. "Das ist Rosalie - hauptberuflich beste Freundin, Seelsorgerin, Beraterin und Verbündete, nebenberuflich Wirtin im Dorfpub." Rosalie lachte geschmeichelt auf. Es verwunderte mich nicht, dass es hell und schön wie Glockenklänge war und alles um uns herum aufzublühen schien.
"Rosa? Das . . . das ist Ella." Amelie sagte meinen Namen mit einer solchen Zuneigung und Güte, dass mir schon wieder ganz heiß wurde. Der Alkohol war nun im Bauch angekommen und es kribbelte überall so angenehm warm. Ich merkte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg und ich verlegen zu Boden schaute - anders hätte ich einen feurigen, leidenschaftlichen Blick in Amelies Richtung wohl kaum verhindern können.
In diesem Moment tauchte eine weitere Person hinter Rosalie auf. Ein junger Mann mit schwarzem Haar und einem freundlichen Lächeln, das jetzt jedoch auch von Verwunderung geprägt war. Nachdem er Amelie und mich begrüßt und als Joscha vorgestellt hatte - allerdings weniger stürmisch als Rosalie - legte er einen Arm um eben diese.
Scheinbar hatte ich mir umsonst Sorgen wegen der "alten Freundin" gemacht . . . Joscha war mir auf Anhieb sympathisch.
"Mal ehrlich - was machst du hier?", brach es aus Rosalie heraus.
"Was wohl, ich will mal wieder meine Heimat besuchen!", erwiderte Amelie grinsend und tat, als sei das selbstverständlich. Unter normalen Umständen würde ich es auch so betrachten, doch etwas an Rosalies und Joschas Blicken sagte mir, dass da etwas nicht stimmte.
"Ich brauche eure Hilfe. Bitte. Ich will nicht von allzu vielen Leuten gesehen werden, ich will rüber zur Hütte. Aber dafür brauche ich euer Boot, und vielleicht etwas Proviant", fuhr Amelie sogleich fort.
Rosalie stöhnte auf, während Joscha einwarf: "Das halte ich für keine gute Idee, mal ehrlich. Wenn du dich im Geheimen verstecken willst, dann bist du in Seetal definitiv falsch. Ich gebe dir zwei Tage, dann weiß es das ganze Dorf. Spätestens!"
"Nicht, wenn ihr dicht haltet!", flehte Amelie. Die Skepsis in den Augen ihrer Freunde war nicht zu übersehen.
Etwas an der ganzen Situation sagte mir, dass es bei Weitem nicht das erste Mal war, dass Amelie unangekündigt und überaus spontan verrückte Einfälle hatte. Es passte zu ihr und ich konnte mir im Moment nicht erklären, warum jemand das nicht absolut toll finden könnte. Allgemein war es unvorstellbar für mich, dass nicht alle verrückt nach Amelie waren, sie war in meinen Augen absolut bezaubernd.
Die drei kommunizierten nun nur über ihre Mimik, es war wie ein still ausgetragenes Gefecht, von dem ich nichts mitbekam. Das war belastend, zumal ich keinerlei Ahnung hatte, worum es hier überhaupt ging.
Schließlich endete es damit, dass Joscha seiner Freundin beruhigend eine Hand auf die Schulter legte und sie zu sich ranzog, während er Amelie widerwillig, aber bestätigend zunickte.
An Rosalies Gesichtsausdruck war mehr als deutlich abzulesen, dass ihr das ganz und gar nicht passte. "Ich hole euch etwas aus der Küche", meinte sie düster. "Danke", sagte Amelie und es klang aufrichtig.
Joscha führte uns währenddessen einen Weg hinunter, der zu einem Steg mit vielen Booten mündete, von denen er eines für uns fertig machte.
Rosalie brachte uns eine Tasche mit Proviant, Decken und einer Lampe und dann saß ich auch schon, ohne einen Schimmer zu haben, was hier abging, mit Amelie in einem kleinen Zwei-Mann-Boot.
"Ihr meldet euch, ja? Wir bleiben in Kontakt", bat sie zum Abschied. Es dauerte einen Augenblick, bis Rosalie in der Dunkelheit mit einem widerwilligen Nicken ihr Einverständnis bekündete. Begeistert sah sie nicht aus, doch ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass wir ihr vertrauen konnten. Auch wenn ich nicht wusste, warum das überhaupt nötig war und wovor Amelie sich verstecken wollte.
Sobald wir wenige Meter vom Ufer entfernt auf dem Wasser waren, bombardierte ich sie mit meinen Fragen. Amelie lächelte im spärlichen Schein der Lampe und nahm meine beiden Hände in ihre. Sanft fuhr sie mit ihren Fingern über meine Haut, streichelte behutsam über meine Fingerkuppen und küsste schließlich ganz sachte die Oberfläche meiner Hand.
"Ich bin froh, dass du bei mir bist, Ella", sagte sie dann.
Und ich? Ich sagte daraufhin erst mal gar nichts mehr.
Am anderen Ende des Sees wartete am Ufer die kleine Hütte auf uns, von der Amelie gesprochen hatte. Wir machten es uns auf dem Sofa bequem, zum Glück hatten wir Rosalies Decken, denn es schien absolut unbewohnt zu sein.
Neben Amelie einzuschlafen war das Beste überhaupt. Eng aneinander gekuschelt lagen wir da, schauten uns in die Augen, ohne Fragen zu stellen.
Doch egal wie schön es war, am nächsten Morgen waren wir gezwungen, uns der Realität zu stellen.
Joscha hatte Recht gehabt. Gerade mal einen Tag verbrachten wir ungestört am Seeufer, bis wir am Abend die Nachricht erhielten, dass uns wohl ein paar Kinder gesehen und es herum erzählt hatten.
Am zweiten Tag wusste das ganze Dorf, dass Amelie wieder da war und nicht jeder war erfreut angesichts dieser Nachricht.
Am dritten Tag bekamen wir im Dorf die ersten feindlichen Sprüche zu hören.
Am vierten Tag fanden wir die Haustür mit rohen Eiern und Schmierereien vor.
Am fünften Tag besuchte ich Rosalie und als ich zurückkam, brannte die Hütte lichterloh - mit Amelie in sich.
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