After

Selten fuhr ein Bus nach Seetal.

Das Dorf lag recht abgelegen und der Weg dahin war nicht leicht zu bestreiten. Die steinigen Straßen, die so typisch für die Region in den Bergen waren, erschwerten das Fahren mit den üblichen Autoreifen.

Den meisten Touristen war Seetal unbekannt und die Dorfbewohner sahen schlichtweg keinen Reiz darin, ihren geliebten Ort zu verlassen. Warum auch? Sie hatten doch schließlich alles, was sie brauchten. Wieso sich die Mühe machen und den langen, unbequemen Weg auf sich nehmen? Weshalb das unbestreitbare Risiko eingehen, danach zu erkennen, wie viel mehr die Welt die draußen doch zu bieten hatte und wohlmöglich nicht mehr zurückzuwollen?

Das war es einfach nicht wert, fanden die Menschen in Seetal.

Sie sahen doch genau, wie sich von Zeit zu Zeit einer der jüngeren Generation auf Reisen begab und nicht wiederkehrte. Viel zu gefährlich. Für so einen Humbug hatten die Dorfbewohner gar keine Zeit, sie mussten sich schließlich den eintönigen Herausforderungen des Alltags widmen, sich beim Einkaufen dem Dorfklatsch stellen und über den niedrigen Gartenzaun mit Frau Nachbarin über die ungezogene Tochter der Möllers von gegenüber tratschen, um später beim Abendbrot alles haargenau dem Ehemann berichten zu können, der aufgrund des nagenden Hungergefühls in seinem dicken Bierbauch nicht weglaufen konnte. Was für ein Glück!

Kurz gesagt, die Leute in Seetal waren ein starrsinniges Volk, ein ganz eigens Pack, voll mit Vorurteilen über die großen Städte.

Umso mehr wunderte es den übermüdeten Busfahrer, was die junge Frau, die die letzte halbe Stunde schweigend in der hintersten Reihe seines Busses gesessen und zum Fenster hinaus gestarrt hatte, hier draußen wollte.

Einen Moment spielte er mit de Gedanken, sie einfach zu fragen. Sie hätte ihm wahrscheinlich sogar eine Antwort gegeben, aber dann dachte der Mann an seinen bevorstehenden Feierabend und das kaltgestellte Bier zu Hause im Kühlschrank, das auf ihn wartete. Der Tag war anstrengend gewesen, heute waren die Leute besonders schlecht gelaunt und die Schlaglöcher besonders groß gewesen.

Was kümmerte es ihn, wieso diese Frau nach Seetal wollte? Es war nicht seine Angelegenheit, noch hatte er das Bedürfnis, es zu seiner zu machen.

Eigentlich scherte es ihn gar nicht.

Die Türen des Busses schlossen sich mit einem Zischen und Staub wirbelte auf, als die Reifen rollten. Bereits nach der nächsten Biegung hatte er die junge Frau erfolgreich aus seinen Gedanken verdrängt und fieberte nun auf die Wiederholung des Fußballspiels hin, das er gestern Abend leider versäumt hatte zu gucken.

Doch Ella Bielefeld hatte einen Grund, warum sie die zweistündige, holprige Fahrt durch die Berge auf dem mit Kaugummi verklebten Sitz auf sich genommen hatte.

Einen Grund, den die meisten nicht verstehen würden.

Mit einem unergründlichen Gesichtsausdruck starrte sie dem Bus hinterher, dann hob sie ihre leichte Sporttasche an und setzte sich stockend in Bewegung. Ihre abgehackten Schritte waren zu laut auf dem unebenen Schotterweg, die Bewegungen ihrer Beine wirkten ungelenk.

Die grasenden Kühe gaben muhende Laute von sich und folgten Ella mit ihren starrenden Blicken, bis sie den Abschnitt, der an der Wiese grenzte, hinter sich gelassen hatte.

Der Gedanke, tatsächlich wieder hier zu sein, kam Ella unwirklich vor. So lang ersehnt und trotzdem so gefürchtet.

An der Weggabelung machte Ella halt. Kurz warf sie einen Blick nach Westen, wo die Sonne bereits hinter den Bergen verschwand. Heute war es zu spät, um noch zum Bootshaus zu gehen. Es wäre zu gefährlich und es bestand die Gefahr, dass sie sich verlaufen würde. Einen schlechten Orientierungssinn hatte die junge Frau schon immer gehabt. Die Tatsache, dass ihr Ziel gar nicht mehr existierte, erschwerte das Ganze zusätzlich.

Ella Bielefeld wusste das. Und trotzdem hatte sie die weite Reise auf sich genommen.

Gleich morgen früh konnte sie sich auf die Suche machen und in Erinnerungen schwelgen. Doch nicht heute Abend.

Nachdem sie die Biegung nach rechts genommen hatte und ein paar weitere Minuten schweigend in der Dämmerung gelaufen war, klopfte sie verzagt an die breite Holztür des mit Abstand größten Hauses in der Straße.

Die Klinke fühlte sich zu schwer in ihrer zarten Hand an.

Ein paar Sekunden später öffnete sich die Tür einen spaltbreit. Zwei misstrauische, graue Augen ruhten auf Ella, deren Herz wie wild klopfte.

"Ja?", fragte eine ruppige Stimme unwirsch.

Ella zwang sich zur Ruhe, als sie so freundlich wie nur möglich erwiderte: "Ich suche eine Unterkunft." Sie klang zu sanft und zu leise, viel zu leise. So leise, dass ihre zarte Stimme fast vom Wind davon getragen wurde.

Nun wurde der Spalt größer und der Kopf einer skeptisch blickenden Frau erschien. Ihr wirres, aschblondes Haar war von grauen Strähnen durchzogen und auf ihrer Stirn hatten sich mehrere Falten gebildet. Alles an ihr strahlte eine unbestreitbare Feindseligkeit aus.

"Und wie kommst du darauf, dass wir dir eine bieten wollen?", gab die Frau bissig zurück und verschränkte ihre knochigen Arme.

Ella wurde das Herz schwer. "Naja", setzte sie erneut an und wurde rot. "Sie sind doch Frau Senner, nicht wahr? Sie haben ein Gästezimmer, indem die Boten bei Gelegenheit übernachten."

Mit angehaltenem Atem wartete sie die Reaktion der Frau ab.

Einen Moment lang tat sich nichts, dann mischte sich zum Misstrauen in ihrem Blick auch noch die fassungslose Ungläubigkeit, die sie gar nicht erst zu verbergen versuchte.

"Sag bloß, Sie sind - ich meine - wie war noch gleich ihr Name? Edda?", fragte Frau Senner stottern und kämpfte damit, ihre kühle Fassade aufrecht zu erhalten. Sie wusste ganz genau, dass die junge Frau vor ihr eigentlich Ella hieß.

Ella bestätigte es mit einem zögerndem Nicken und machte sich gar nicht erst die Mühe, die Frau zu verbessern, was ihren Namen betraf. Sie hatte sie wieder erkannt, das wusste sie. Doch würde das ausreichen?

Maria Senner war kein Freund von reiner Herzensgüte. Sie hielt nicht viel von freundschaftlicher Hilfsbereitschaft, wenn es keinen Anlass dazu gab. Irgendetwas musste dabei doch wenigstens für sie herausspringen.

Doch etwas in ihr bewegte sie dazu, der jungen Frau vor ihr mit einem ungelenken Nicken zu bedeuten, einzutreten. Sie schuldete ihr nichts, im Gegenteil! In der Ansicht von Maria Senner hatte die Fremde vor deinem Jahr nur Unheil über ihr geliebtes Seetal gebracht.

Was hatte sie also nun dazu bewegt, das Dorf erneut aufzusuchen? Dieses Mal alleine?

Und warum in aller Welt hatte sie ausgerechnet an ihrer Tür klopfen müssen?

Mit einer Mischung aus Abweisung und Neugier sah Maria Senner der jungen Ella dabei zu, wie sie in der Küche etwas von den Resten des Buffets hinunter schlang.

Die Leute würden davon erfahren, das wusste die Teilzeitwirtin. Die Leute würden reden. Doch vielleicht konnte sie das zu ihrem Vorteil nutzen. Eine ganz neue Perspektive nahm vor ihrem inneren Auge Gestalt an. Maria Senner sah sich selber schon, wie sie am nächsten Tag der furchtbar neugierigen Nachbarin davon erzählte, nur um deren neidisches, hässliches Gesicht zu sehen.

"Ja", dachte sie. "Gott hatte es so gewollt, dass Ella Bielefeld bei ihrer Rückkehr an meine Tür geklopft hatte." Ein Geschenk, dem sie nicht abgeneigt war. Im Stillen dankte sie ihrem Herrn und malte sich schon die Reaktionen der anderen Dorfbewohner aus, wenn sie es als Erste erzählen konnte. Das würde ein fabelhafter Spaß werden!

Maria Senner grinste erfüllt von scheinheiliger Vorfreude in sich hinein, als sie für ihren überraschenden Gast die schlechteste Bettwäsche heraussuche, die sie hatte. Mit einem zufriedenem Ausdruck auf ihrem faltigen Gesicht zog sie die Tür des Gästezimmers hinter sich zu.

Ella, die von alldem nichts mitbekommen hatte, lag nun mit dem Händen auf der Brust auf ihrem provisorischem Bett und versuchte, mit geschlossenen Augen einzuschlafen.

Doch immer, wenn sie kurz davor war, in den lang ersehnten Schlaf zu fallen, tauche Amelies Lächeln vor ihrem inneren Auge auf. Das Lächeln, wegen dem sie wieder nach Seetal zurückgekehrt war.


Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top