Kapitel 41
Leukämie? Meine Tochter? Sie ist zwei Jahren alt Herrgott nochmal! "Was? Aber wie kann das sein? Sie kann nicht Leukämie haben, Doktor, Sie müssen da etwas falsch gemacht haben!" Tränen laufen mir über die Wangen, weshalb Elaine mich verwundert ansieht. "Es tut mir sehr leid, Herr Reus, aber die Ergebnisse sind eindeutig. Wir müssen jetzt noch Röntgenaufnahmen machen und anschließend noch Flüssigkeit aus dem Rückenmarkkanal entnehmen, um abzuklären, ob sich die Zellen noch woandershin verbreitet haben. Diese Untersuchungen sind sehr wichtig und dürfen nicht warten, weshalb ich vorschlagen würde, dass wir sofort anfangen." Lia nimmt meine Hand, weshalb ich sie ansehe. Auch ihr laufen Tränen über die Wangen. "Wir schaffen das, Marco. Wir müssen jetzt stark sein. Für sie." Lia deutet auf Elaine, die mich mustert. "Alles gut, Prinzessin.", sage ich zu ihr und drücke sie an mich. "Okay, dann fangen Sie bitte an." Der Doktor nickt und steht auf, damit es jetzt losgehen kann. Ich glaub das alles nicht. Was soll denn das alles? Wieso können meine Tochter und ich nicht einfach mal glücklich sein?
Eine Schwester kommt mit meiner halb schlafenden Tochter auf dem Arm zurück und überreicht sie mir. "Sie ist sehr müde und hat leider sehr viel geweint, weil sie zu Ihnen wollte. Aber wir haben jetzt alle Untersuchungen durchgeführt und der Doktor wird gleich zu Ihnen kommen." Ich nicke dankbar und drücke Ela leicht an mich. "Papa.", wimmert sie leise. "Ich bin da, Schatz, alles wird gut." Mein Blick gleitet zu Lia, die neben mir sitzt und traurig meine Tochter ansieht, dann aber mich. "Wir schaffen das, Marco. Wir müssen ja auch erstmal abwarten was der Arzt überhaupt sagt. Vielleicht hat sie ja noch ein klein wenig Glück." Ja, vielleicht. Aber ich habe das Gefühl, dass uns das Glück längst verlassen hat. "So, also es steht jetzt fest." Der Doktor setzt sich seufzend hinter seinen Schreibtisch. "Elaine hat eine akute lyphoblastische Leukämie." Lia und ich sehen uns ratlos an. "Und was heißt das? Ist es sehr schlimm?" Er lehnt sich zurück und nimmt seine Brille ab. "Nun ja, hierbei handelt es sich um eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems, also Blutkrebs." Bösartig? "Und wie geht es jetzt weiter? Ela wird doch wieder gesund werden, oder?", "Nun ja, in den letzten Jahren sind die Zahlen der geheilten Kinder wegen intensiver Forschungsarbeiten gestiegen, aber ich kann nicht sagen, wie es sich bei Elaine entwickeln wird. Das ist von Patient zu Patient natürlich anders. ALL muss sofort behandelt werden. Gott sei Dank sind Sie zu einem Arzt gegangen, denn ALL kann bereits nach wenigen Wochen zum Tod führen. Wir müssen sofort mit der Behandlung beginnen. Sprich Chemotherapie, nebenbei Bestrahlung und wir müssen natürlich nach einem passenden Stammzellenspender suchen. Die Behandlung wird ambulant erfolgen, anders geht das leider nicht. Es werden schwere Zeiten auf Sie zukommen, doch Sie müssen Ihrer Tochter beistehen und ihr das Gefühl geben, dass alles gut sei. Sie ist noch zu klein, um das zu verstehen. Aber bei uns ist die kleine Maus in den besten Händen. Sollten Sie Beistand benötigen, dann kann ich natürlich dafür sorgen, dass sich jemand um Sie kümmert." Mit Tränen in den Augen greife ich nach Lias Hand. "Danke, Doktor, aber ich glaube wir schaffen das schon irgendwie. Nur bitte sorgen Sie dafür, dass mein kleines Mädchen wieder gesund wird.", "Ich werde alles dafür tun, Herr Reus, das versichere ich Ihnen. Ich habe diesen Beruf für mich ausgewählt, weil ich Kindern ihr Leben zurückgeben möchte. Sie können mir vertrauen." Ich nicke erleichtert. "Ich würde vorschlagen, dass eine Schwester Ihnen jetzt Elaines Zimmer zeigen wird und dass Sie dann alles nötige für sie von zuhause holen, damit die kleine Maus sich hier wohl fühlt." Erneut nicke ich nur. Mehr bringe ich einfach nicht zustande.
"Wir müssen uns beeilen.", murmle ich vor mich hin, als ich eine Reisetasche heraus suche, damit ich Elas Sachen packen kann. "Marco.", sagt Lia vorsichtig, doch ich schüttle den Kopf. "Wir müssen uns beeilen, Lia. Wenn Elaine wach wird, dann müssen wir bei ihr sein, damit sie keine Angst bekommt. Sie war doch noch nie alleine im Krankenhaus.", "Marco!" Ich drehe mich um und sehe Lia an, die mich mit verweinten Augen ansieht. Ich schluchze und lasse die Reisetasche auf den Boden fallen, ehe ich mich selbst auf den Boden sinken lasse und zu weinen beginne. "Sie wird es schaffen. Sie ist doch so ein starkes Mädchen. Wir drei müssen einfach nur zusammenhalten und dann schaffen wir das, hörst du? Wir dürfen nur nicht aufgeben." Lia hockt sich neben mich und nimmt mich in den Arm, während auch sie weinen muss. "Wieso sie, Lia? Warum Ela? Das hat sie nicht verdient. Seit ihrer Geburt leidet sie unter einem Vater wie mir und jetzt hat sie auch noch Krebs? Sie hat doch nichts getan.", "Das Leben spielt nicht fair. Das wissen wir beide doch gut genug. Das einzige was wir jetzt tun können, ist ihr beizustehen und ihr ihr Leben so süß wie möglich zu gestalten. Wir werden ihr Zimmer im Krankenhaus aufpeppen, damit sie sich dort wohlfühlt und ich werde ihr jeden Tag vernünftiges Essen bringen, damit sie durch die Chemotherapie nicht zu doll abnimmt. Ich werde alles dafür tun, dass es ihr gut gehen wird und du wirst mir helfen.", "Ich weiß nicht, ob ich das alles noch aushalte. Ich habe doch noch nicht einmal den Tod meiner Frau komplett verarbeitet und jetzt hat meine zweijährige Tochter Krebs! Wieso passiert mir das alles, Lia? Was habe ich denn nur getan, dass mir die wichtigsten Menschen genommen werden?", "Du musst jetzt stark sein, Marco. Du darfst jetzt nicht aufgeben, denn sonst wird Ela es nicht schaffen. Sie braucht dich jetzt, Marco." Ich wische mir übers Gesicht und nicke. "Ich weiß. Du hast ja recht. Aber es ist einfach so schwer.", "Versuch es. Du hast jetzt mich und ich werde dir helfen. Auch wenn es mir auch sehr schwer fällt die Kleine so leiden zu sehen. Wir müssen zusammenhalten. Also auf mit dir und packen, damit wir ganz schnell wieder bei ihr sind. Und dann rufst du nachher mal bei deiner Mom an und redest mit ihr. Das wird dir auch noch einmal gut tun." Ich stehe auf und nehme mir die Tasche. "Ich packe Sachen und du Spielzeug." Lia nickt und legt ihre Lippen auf meine Wange, was ich kurz genieße, doch dann sind ihre Lippen wieder weg. "Du bist jetzt nicht mehr allein. Vergiss das nicht."
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