Notfallplan
"Ne, will nix essen." meinte ich und Mitch sagte: "Wirklich nicht? Wär schon gut wenn du was essen würdest..." "Ich hab nein gesagt!" fuhr ich ihn an. "Okay, okay. Dann bring ich dich mal in dein Zimmer." Er führte mich in einen Raum. Darin waren zwei Betten, Schränke und ein kleiner Tisch. "Du hast das Bett am Fenstern. Fürs erste bekommst du keinen Zimmernachbarn, aber im Laufe der Zeit kommt sicherlich wer rein. Dein Schrank ist der hier. Badezimmer ist hier hinter der Tür. Ich hol mal schnell deinen Koffer, der wurde vorher vorbeigebracht. Ach ja, hast du dein Handy bei dir?" Ich nickte. "Gut. Das gibst du bitte mir, wir sind hier Handyfrei." "Was? Niemals! Ich geb mein Handy nicht her!" rief ich, doch Mitch meinte: "Das ist hier die Regel. Entweder du gibst es freiwillig her oder ich hol noch ein paar Leute dazu." "Ich hab kein Handy." versuchte ich es, doch Mitch lächelte schwach und meinte: "Zieht nicht. Außerdem hast du gesagt du hast es dabei." "Hab ich doch nicht." "Gib es einfach her, okay?" "Nein!" Mitch ging raus und kam kurze Zeit später mit einem großen Mann wieder. "Das ist Tom." stellte Mitch ihn vor und Tom sagte: "Hey Harley. Gibst du uns dein Handy?" "Keine Chance!" Die beiden Pfleger seufzten und kamen auf mich zu. Tom nahm mich in den Schwitzkasten und meinte: "Ganz ruhig, alles gut." während Mitch mir mein Handy aus der Tasche zog. "Aahhh! Lass mich los! Das dürft ihr nicht!" schrie ich und trat nach ihnen. Tom ließ mich wieder los und sagte: "Beruhige dich. Wenn du wen anrufen willst, dann komm zu uns." Ich war ruhig. Aber auch nur, weil mich der Satz traurig machte. Ich hatte keinen den ich anrufen konnte, niemanden. Die zwei Pfleger gingen, dafür kam Patrick herein: "Harley, gehen wir reden?" Er nahm mich wieder mit in sein Büro. "Keinen Hunger gehabt habe ich gehört." sagte er und ich nickte. "Okay. Ich würde dich gerne etwas kennenlernen. Erzähl doch was über dich." Ich überlegte. Eigentlich wollte ich ihm nichts von mir erzählen, ihn nicht an mich ran lassen... "Ich heiße Harley und bin 15." Er lachte: "Wow! Nicht so viel! Na ja... Dann mach ich mal den Anfang. Also, ich bin Patrick, 34, wohne in Köln, bin verheiratet und habe einen kleinen Sohn. Hobbys, ähm, arbeiten, Fußball, Serien schauen und klettern. Jetzt bist du dran." "Wissen Sie doch eh! Wer ist hier der Psychodoc?" fragte ich und er meinte: "Psychodoc? Okay... Ich weiß nicht viel über dich. Ich kann sagen, dass du Harley Jagger, 15 Jahre, bist. Du warst schon zweimal hier auf ner anderen Station und sonst... Du wirkst auf mich misstrauisch, kannst schlecht Vertrauen aufbauen, verlierst schnell die Kontrolle, man bekommt dich mit dem richtigen Worten aber relativ schnell wieder runter, aber du bist auch depressiv. Vermutlich weil du keine Bezugsperson hast. Ich weiß über deine Kindheit bescheid, genaueres aber nicht, und das wars. Hast du Hobbys?" Überrascht von seiner doch sehr zutreffenden Analyse meinte ich: "Sport, Polizisten ärgern, ab und zu mal was ausrauben, joa..." "Cool, welchen sport machst du denn?" "Gerne mal Parkour, Fußball auch, ich kann Saltos und ich halte mich halt so fit." Patrick nickte: "Man sieht schon dass du gut trainiert bist. Willst du noch was erzählen bevor wir richtig anfangen?" "Ne..." meinte ich und wusste schon, dass unangenehme Fragen auf mich zukamen. Ich spannte mich an, fing an mit meinem Bein zu wippen und starrte in den Boden. "Harley... Entspann dich. Es ist alles gut. Es wird dir nichts passieren. Du musst auf keine meiner Fragen antworten. Ja? Schau mich an." Ich sah langsam auf und sah Patrick an. Er strahlte eine angenehme Ruhe auf mich aus und ich entspannte mich langsam. Er fing an: "Wo bist du aufgewachsen?" "Berlin." "Bei wem hast du gelebt?" Ich überlegte lange. Patrick fuhr fort: "Ich hab gehört, dass dir schlimme Dinge passiert sind, als du klein warst. Erzählst dus mir?" Damit sprach er mein Reizthema Nummer 1 an. Ich explodierte und sprang auf: "Das geht dich n scheiß an! Misch dich nicht in mein Leben ein! Ich will raus hier!" Patrick blieb sitzen und reagierte ganz gelassen: "Okay, schon gut. Wir müssen darüber nicht reden, noch nicht. Beruhige dich." Er wartete, bis ich mich abgeregt hatte und schwer atmend im Raum stand. Langsam stand er auf und meinte: "Komm mit. Wir gehen bisschen an die frische Luft." Er ging voran und ich folgte ihm. Draußen im Garten setzten wir uns auf eine Bank und wir redeten ein bisschen über Fußball und Fitness. Es war echt entspannt und ich fühlte mich wohl dabei. Ich scannte nebenbei das Gelände. Es gab einen Hartplatz, wo Jungs Fußball spielten, Tischtennisplatten und es standen mehrere Bänke herum. Umgeben war alles von einem ca. 3 Meter hohem Maschendrahtzaun. Im Notfall könnte ich vielleicht drüber klettern.
"So, ich würde sagen wir gehen langsam wieder rein und du lernst mal die anderen kennen. Hast du noch ne Frage oder so?" fragte Patrick und ich meinte: "Wann kann ich hier raus?" "Du bist gerade erst gekommen. Ich denke das dauert noch eine Weile." "Kommt nicht in Frage. Ich will späterstens morgen hier raus." "So schnell geht das nicht. Harley, du wirst dich eher auf Monate einstellen müssen." "Was!?! Nein! Niemals!" fing ich an zu schreien und sprang auf. Auch Patrick stand auf und meinte: "Harley. Ganz ruhig. Das bringt nichts." "Ich will hier raus!" schrie ich ihn an und entschloss mich, meinen kurz zuvor beschlossenen Notfallplan umzusetzen. Ich rannte los, auf den Zaun zu. Ich hörte, dass Patrick mir folgte und über sein Handy Verstärkung anforderte. Ich sprang an den Zaun und fing an hochzuklettern. Patrick schaffte es aber, mich am Pulli zu packen und zog mich runter. "Lass mich los! Lass mich los!" schrie ich panisch und versuchte wieder, den Zaun hochzukommen. Patrick drückte mich gewaltsam auf den Boden und redete auf mich ein: "Nicht. Ganz ruhig. Alles gut." Ich wehrte mich so stark ich konnte, doch als Mitch und Tom dazukamen, hatte ich keine Chance mehr.
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