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Journalist. Es hat eine Zeit gegeben, da habe ich tatsächlich geglaubt, Journalistin zu werden. Worte sind faszinierend, sie zu drehen, zu wenden, sie genau zu betrachten. Sie bergen Wunder in sich, und ich, ich!, werde sie entdecken. Deshalb erkundigte ich mich entsprechend, damit mein Traum kein Traum blieb. Ich holte Informationen zur Ausbildung ein, was ich hinterher für Chancen hätte.
Aber dieser Traum ist verflogen wie ein gutriechender Duft im Wind. Ich habe mich von diesem Traum distanziert; ich werde wohl keine Journalistin, nicht in diesem Leben. Es ist fast wie der Abschied von einem lieb gewonnenen Freund, den man in- und auswendig kannte. Ich bin gut in Abschieden geworden, vielleicht zu gut.
Doch da mein Leben nun in eine andere Richtung läuft, komme ich nicht umhin, mir Fragen zu stellen. Journalismus ist eine Ausbildung. Aber kann man Journalist-Sein wirklich lernen? Oder ist es ein Gefühl; ein Gespür für die Sprache, für das Jonglieren mit Worten? Kann man sich jemals wieder davon entfernen?
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Geschichten uns wählen, nicht umgekehrt. Sie wollen erzählt werden von einem der Geschichtenerzähler auf dieser Welt. Aber nur ein bestimmter Geschichtenerzähler schafft es, die Geschichte genauso abzubilden, wie sie verlangt. Sie suchen uns. Und sie finden uns. Wir können uns nicht verstecken, nicht davonlaufen, und bald haben sie uns gepackt. Wir schreiben, um zu finden, was uns die Geschichten zu erzählen versuchen, aber vielleicht suchen wir auch uns selbst in der Geschichte. Vielleicht sind unsere Seelen zersplittert und wir haben sie zwischen den Sternen verloren, und mit jeder Geschichte bekommen wir ein Stück von uns selbst wieder.
Im Journalismus gibt es Regeln, die man lernen muss. Ich kenne sie. Was heißt, ich kenne sie. Ich spüre sie. Das ist etwas anderes, oder? Ähnlich wie ein Geruch, der vorbeischwebt und einem vage bekannt vorkommt, aber nicht zuordenbar ist.
Erste Regel: Nicht persönlich in eine Story involvieren lassen. Das, was ich schreibe, soll möglichst nicht emotional sein. Mitreißend ja, aber die Leser sollen die Emotionen am eigenen Leib durchleben, nicht durch mich.
Wir begleiten die Geschichte, von den Anfängen bis zur Fertigstellung. Wir lernen sie kennen, die Handlung, die Akteure, den Ort des Geschehens. Und wir gewinnen Freunde, erleben Abenteuer, werden zu Entdeckern, schlüpfen in verschiedene Rollen. Wir finden uns selbst wieder beim Schreiben, so flüchtig, dass wir die einer Mirage anmutende Figur nicht zu fassen bekommen, nicht sicher sein können, ob das Gesehene auch wirklich so da war, wie wir uns erinnern. Beim Schreiben machen wir das Unmögliche möglich. Mein Selbst verschwimmt auf einmal in den Wirren der Geschichte, und ich merke, dass es keine Rolle spielt, wer ich im wirklichen Leben bin: Hier und Jetzt kann ich sein, wer ich will, ich bin allmächtig und doch machtlos. Ich bin nicht an physikalische Gesetze gebunden, denn ich mache die Regeln. Ich entscheide, wie sehr ich mich darauf einlasse und wie tief ich eintauche in die Story. Doch dann wird mir bewusst, wie sehr meine Existenz von Bedeutung ist: Ich bin der Geschichtenschreiber, der die Träume wahr werden lässt. Die Fee, die mit dem Wind tanzt, und dann spüre ich die Ketten, die mich am Boden halten. Etwas an diesem Hin und Her ist wie ein riesiges Atmen, das Auf und Ab des Ozeans. Und ich bereue nichts.
Zweite Regel: Benutze Adjektive!, ruft einem jeder im ersten Semester zu. Nein, nicht so viele!, folgt dann prompt die Erwiderung, wenn sich im zweiten Semester in jedem Satz mindestens drei Adjektive verstecken, hoffend, ihm so mehr Bedeutung zu verleihen. So haben wir alle mal angefangen! Ja, es wäre sinnlos, es zu leugnen. Aber das Ganze ist Teil eines größeren Entwicklungsprozesses, den ich selbst noch nicht vollkommen zu verstehen vermag.
Der Umgang mit Worten ist die Grundvoraussetzung, man muss ihn mühelos beherrschen. Man muss aus dem Nichts Bilder zaubern können, die richtigen Worte finden, um Wunden zu heilen oder sie aufzureißen, und vor allem darf man nie, nie genug davon kriegen. Schreiben ist ein Drang, beinahe naturgegeben, so natürlich erscheint er mir.
Dritte Regel: Achte auf Unpersönlichkeit. Der Leser soll dem Geschriebenen keine Person zuordnen können. Nur so kann man die nötige Distanz bewahren.
Wenn ich so darüber nachdenke, ist eine Geschichte zu schreiben ein bisschen so wie eine Kriminalermittlung. Klar, es werden keine Zeugen befragt, keine Verhöre geführt. Aber immer, wenn wir einen Splitter Inspiration auf dem Boden finden und ihn aufheben, wollen wir wissen, wie es dazu kam. Wieso der Splitter zu uns gefunden hat. Dazu müssen wir ihn uns genau zu Gemüte führen, die Spuren ergründen, die er in unserem Kopf hinterlassen hat. Und ehe wir es uns versehen, sind wir mitten drin: in der Story.
Vielleicht ist es ein Stück weit auch unsere Geschichte, die da auf dem Papier Form annimmt. Kann man in diesem Fall überhaupt neutral bleiben? Wenn es um die eigene Geschichte geht, so möchte man diese doch selbst schreiben, nicht von jemandem schreiben lassen, der nicht weiß, wie man fühlt, denkt, ist. Vielleicht ist alles am Schreiben persönlich.
Vierte Regel: Nutze Vergleiche! Und sorge dafür, dass deine Leser sich mit ihnen identifizieren können! Du musst deine Leser kennen. Nicht persönlich, aber du musst sie verstehen, sie lesen lernen wie die Bücher, die du schreibst. Mach' dich mit ihren Vorlieben vertraut, kenne ihren Rhythmus, ihre Lieblingsschuhe und ihre Hobbys. Wer sind die besten Freunde, die engsten Vertrauten, was für Geheimnisse flüstern sie sich wohl im Schutze der Dunkelheit zu? Du musst alles wissen, alles verstehen, versetze dich hinein. Was macht sie besonders?
Hüte dich vor Verurteilungen! Du bist weder Richter noch Henker, du bist ein neutraler Beobachter. Bleibe immer im Licht, bei dem, was du weißt. Dann bekommst du keine Probleme, denn Probleme kannst du als Schreiber nicht gebrauchen. Sei unvorhersehbar! Die Leser lesen nicht dich, sondern deine Story. Schreibe so, dass sie nie wissen, auf was sie sich gefasst machen müssen. Manche werden es hassen, manche werden es lieben. Daran wirst du dich gewöhnen müssen als Geschichtenerzähler. Viele beneiden dich um deine Position, sie sehen nur, wie leicht es dir fällt, die wirklich bedeutsamen Wörter einzufangen. Sie sehen Magie darin, Geschichten aus purer Luft zu pflücken und sie mit einer Inbrunst zu erzählen, die nur einem Besessenen zu eigen ist. Sie sehen nicht die schlaflosen Nächte, die vielen zerknüllten Blätter im Papierkorb oder die ewige Jagd der Geschichten auf uns - oder jagen wir die Geschichten? Sie sehen nicht die Last, die wir mit uns herumschleppen. Sie sehen die Romantik in unserem Leben, hören die Poesie in unseren beschwingten Schritten, nichtsahnend, dass uns nur noch Geschichten die Leichtigkeit geben, die wir suchen.
Fünfte Regel: Achte auf die Details. Details können den Unterschied machen zwischen Tod und Leben. Details sind das, was uns miteinander verbindet.
Beim Schreiben bleibst du am besten bei der Wahrheit, soweit es geht, aber denke daran: Nicht zu viel Persönliches preisgeben! Das ist eine Schwäche, eine Verletzlichkeit, die kein Schreiber, der etwas auf sich hält, preisgeben sollte. Aber achte auf die Details! Hier kannst du so viel ändern, wie du willst, weglassen oder hinzufügen, es sind niemals zu viele Details!, eine kleine Warze am Hals (auf der rechten Seite, sodass man sie gut sehen konnte, wenn sie sich nach links drehte), ein Leberfleck am Rücken (nicht groß genug, um ernsthaft zu stören, aber groß genug, um die Aufmerksamkeit detailliebender Blicke zu erhaschen) oder eine kleine Narbe, die ihre linke Augenbraue teilte, in einen kleineren und einen größeren Teil. Details sind wichtig, sie können für den Leser den Zugang zu der Story ändern, ihn erleichtern oder erschweren.
Sechste Regel: Beschreibe, was du siehst. Erzähle es dem Leser nicht durch wörtliche Rede, sondern lasse es ihn selbst sehen. Beschreibe das Bild, das vor deinen Augen Gestalt annimmt, farbenfroh und blumig duftend, bis das Rauschen der Zitterpappeln all die anderen Geräusche verdrängt. Nutze nicht nur Adjektive, sondern viele verschiedene Verben und Substantive. Baue mit ihnen ein Bild, das dem in deinem Kopf nahekommt. Die dunklen Zaunslatten, die sich an den mondbeschienenen Garten schmiegen; die grüne Tabakdose, die an den Ecken schon abgenutzt war; das Lächeln, das sich verstohlen einen Weg auf seine Lippen bahnt, als er von dem Zufall erfährt. Hauche dem Bild Leben ein.
Wenn man diese Regeln das erste Mal hört, als Student, wenn man noch jung und dumm und ein bisschen grün hinter den Ohren ist, hört man nur blablabla - ein sachtes Stimmgewirr, das im Hintergrund sanft vor sich hinplätschert, wie ein klarer Frühlingsbach. Aber sobald man an seiner ersten Story arbeitet, eintaucht in das echte Leben, da wird einem bewusst, wie viel diese Regeln wert sind. Sie ermöglichen uns das Schreiben von guten Storys, die den Leser mitreißen und fesseln zugleich - die Art von Geschichten, an die man sich erinnert und einen Appell beinhalten - eine tiefere Moral, die zwischen den Zeilen verborgen ist.
Es ist gut, einen Leitfaden zu haben, etwas, woran man sich entlanghangeln kann, zumindest die erste Zeit. Man braucht eine Struktur, um seinen Worten Bedeutung zu verleihen, es kann den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Text ausmachen. Am Anfang musst du für deine ersten Texte mehr Zeit einplanen. Du wirst sie neu schreiben, richtig formatieren, überarbeiten müssen. Nimm es der Welt nicht übel, so ist das nun einmal. Übung macht den Meister.
Was geschehen ist, ist geschehen. Wir sind Geschichtenerzähler, singen sie mal leiser, mal lauter in den Nachthimmel, und der Gesang steigt auf, mischt sich mit dem Rauch des Lagerfeuers. Wir sind die, die die Geschichten auswählen, um erzählt zu werden. Sie wollen zu Menschen werden, zu Leben, zu Wunder und gemeinsam mit tausend anderen als zufriedener Schein wieder gen Himmel steigen. Sie klingen nach wie Lieder, an die man sich erinnert. Und wir, wir bleiben auf der Erde zurück, und wir können nicht fliehen, nirgends Zuflucht finden, denn die Geschichten verstecken sich im Dunkeln, in dem unheimlichen Rosenbusch auf dem Nachhauseweg, unter dem Bett, unter dem sich mit den Jahren schon eine dicke Staubschicht gesammelt hat, und sie erwischen uns, wenn wir es am wenigsten erwarten. Dann können wir nicht schlafen, nicht essen. Es ist fast wie Verliebt-Sein, mit der Zeit geht einem das Herz auf, das, was man zum Schutz verhärtet hat, weicht auf und alle Regeln scheinen nichtig. Und in einem heimlichen Moment stiehlt man den einen oder anderen Blick, versucht, die Essenz der Geschichte zu erhaschen. Dieses Prozesses kann man sich nicht erwehren, man ist hoffnungslos verloren.
Es ist deine Geschichte, etwas Persönliches, so etwas nimmt man nicht auf die leichte Schulter. Nur du kannst deine Geschichte so schreiben, dass sie sich zusammenfügt wie ein längst vergessenes Puzzle auf dem Wohnzimmertisch. Sodass sie ein Bild ergibt, einen Sinn, der sich dir erst erschließt, wenn du das Gesamtbild vor Augen hast. Worte sind magisch. Wenn du sie nur lange genug in den Händen hältst, ihnen Wärme spendest, erwachen sie zum Leben, und wer weiß, wohin sie dich führen? Worte haben ihren eigenen Willen, sie suchen sich ihren Weg. Also fürchte dich nicht, denn sie werden dich auffangen, wenn du fällst. Habe Vertrauen, dass sie wissen, was sie tun.
Bevor ich aufhören kann, muss ich noch einen Bogen, einen thematischen Bezug zum Anfang spannen, das ist eine Regel im Journalismus. Da ist eine Ordnung im Chaos, und ich muss sie erhalten. Dann sieht es weniger nach einem zufälligen Gedankengang aus und mehr nach geplantem Können. Dann erst ergibt sich das Gesamtbild. Sonst könnten die Leute reden, die falschen Schlüsse ziehen, Lügnerin, Manipulateurin! Sonst könnte es aussehen, als wäre ich rein zufällig zur richtigen Zeit an den richtigen Orten gewesen, um die Story ins Rollen zu bringen. Es heißt dann vielleicht: Sie hat geschnüffelt, sie hat die Beweise manipuliert, die Journalistin! Und weswegen? Nur wegen einiger Leser mehr oder weniger.
Die Storys lassen uns nicht los, den geborenen Journalisten, den Geschichtenerzähler. Aber gleichzeitig suchen auch wir sie, die Geschichten, um uns selbst zu finden, um uns selbst erzählen zu können. Sie lassen uns nicht los. Wir lassen sie nicht los. Wir halten die Augen offen, denken nur noch wie Geschichtenerzähler: Eine kleine Kerbe im Tisch, fast genau in der Mitte, ein schwacher Punkt einer Kugelschreibermine. Ein zerknittertes T-Shirt, verschmutzte Scheiben, ein gewaschenes Auto. Die Details, die wir verfolgen, verfolgen in Wirklichkeit uns. Wir glauben, wir hätten die Oberhand, dabei sind wir nur Marionetten in diesem Spiel, von dem wir glauben, wir beherrschen es.
Aber es ist zu spät. Ich bin bereits Teil der Geschichte geworden, mittendrin im Geschehen, und es gibt nun kein Zurück mehr. Ich muss das Ende wissen, es hören, es sehen, es zu Papier bringen.
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