66. Kapitel
Louis:
Liam ist sehr schlecht gelaunt. Ich verüble es ihm nicht. Stumm gehen wir nebeneinanderher, bis wir die Tube-Station erreichen. „Ich habe für Harry und mich eingekauft", sage ich, als wir auf die Bahn warten. „Es wäre unsinnig, die Lebensmittel nicht zu verarbeiten." Liam antwortet darauf hin nicht verbal, allerdings nickt er. Er kommt mit zu mir. Wir wechseln nur wenige Worte, bis wir meine Wohnung betreten. Meine Gedanken überschlagen sich selbst und ich bin nicht sicher, wie ich die Situation betrachten soll. Ich kann nach wie vor nicht richtig glauben, dass Harry etwas derart Egoistisches getan hat. Wenn er sich wenigstens informiert hätte, wem er die Arbeitsgrundlage nimmt. Sollte es mich wundern, dass er so gehandelt hat? Vermutlich nicht. Ich hätte damit rechnen können.
„Was hast du eingekauft?", fragt Liam mich und öffnet meinen Kühlschrank. „Ich wollte mit Harry Pizza selbst belegen", antworte ich schulterzuckend und hole den Teig heraus. Liam nimmt sich die Tomaten, Paprika und Mais. „Wo ist der Käse?" – „Schublade", antworte ich knapp und kurz danach holt er auch den Mozzarella aus dem Kühlschrank. „Möchtest du noch Schicken oder Salami?", fragt er mich. Ich schüttle den Kopf. „Ananas?" – „Oh Gott, nein!" Liam zuckt mit den Schultern. „Ich habe nur gefragt. „Ich habe keine hier", antworte ich ihm. Er schneidet die Paprika klein, ich die Tomaten. Der Ofen heizt bereits vor.
„Ich finde es gut, dass du noch mitgekommen bist", durchbreche ich nach ein paar Minuten die Stille. „Du hättest das Date mit Harry nicht canceln müssen." – „Ich muss nachdenken. Er hatte mir versichert, dass er es nicht war. Das mit dem Gebäude." Liam zuckt mit den Schultern. „Er wusste nicht einmal, dass ich dort Mieter war. Vor dem Brief, dass wir alle unsere Kisten packen sollen, habe ich ihn nie dort gesehen. Erst letztens einmal." – „Er hat mir viel von dem Projekt erzählt. Er meinte immer, dass er eine Bruchbude abreißen lässt, um ein neues effizientes Gebäude dort bauen zu lassen. Ich bin davon ausgegangen, dass es ein leerstehendes Gebäude war. Oder, dass mit den Mietern vorher gesprochen wurde." – „Falsch gedacht", antwortet Liam trocken und nimmt sich den Mozzarella, um ihn klein zu schneiden.
„Mhm, offenbar", murmle ich und fange an, den Pizzateig auszurollen. Harry sollte hier mit mir sein, aber ich weiß gerade nicht, wo mir der Kopf steht. „Theoretisch ist es nur sein Job", fange ich an, laut zu denken." Liam sieht mich überrascht an. „Aber ich dachte nicht, dass er derart egoistisch handelt, dass ihm egal ist, was mit den Leuten ist, die weniger verdienen. Ihm muss doch klar gewesen sein, dass ihr nicht so eine hohe Miete zahlen musstet, oder?" – „Ich schätze mal, er hätte es wissen können", stimmt Liam zu. „Immerhin kennt er sich in der Branche gut aus, oder?" – „Ja, soweit ich weiß, schon."
Mein bester Freund zuckt mit den Schultern. „Es ist dein Freund, es ist normal, dass du ihn verteidigen willst." – „Ich weiß nicht, ob ich das will", antworte ich sofort. „Ich will nur nicht glauben, dass ihm andere Menschen so egal sind. Meinst du, er hätte das auch gemacht, wenn er gewusst hätte, dass du dort dein Studio hast?", will ich von Liam wissen. „Ich glaube, wenn es um seinen Job geht, sind Harry die Folgen für andere egal." – „Er will Partner werden. Er hat mir viel über dieses Projekt erzählt und wie wichtig es für seine Karriere ist." – „Siehst du? Ich denke schon, dass er es auch durchgezogen hätte, wenn er mich und die anderen Mieter gekannt hätte. Es wurde von Anfang an klargestellt, dass es uns nichts bringen wird, gerichtlich gegen die Kündigungen vorzugehen. Wir hätten so oder so gehen müssen." – „Du denkst, das kam von ihm." – „Du etwa nicht?", will er wissen und verteilt die Tomatensauce auf dem Teig.
Ich schweige, bis die Pizza im Ofen ist. Liam seufzt, lehnt sich an die Arbeitsplatte und sieht mich an. „Du willst es nicht glauben, oder? Dass er so ist." – „Er ist zielstrebig." – „Und egoistisch", fügt Liam hinzu. Bei mir ist er nicht egoistisch, will ich antworten, aber mir bleiben die Wörter im Hals hängen. Bei mir ist er es nicht, aber ist er es sonst? „Ich will dir deine Beziehung nicht schlechtreden, aber ich glaube du kannst verstehen, wenn ich ihn ein ganzes Stück weniger leiden kann seit vorhin." – „Klar." Mir würde es in Liams Situation nicht anders gehen.
Die Pizza ist gut geworden. Wir schauen einen Film, weil ich Liam gebeten habe, das Thema Harry für heute ruhen zu lassen. Wenn wir weiter über ihn reden, raucht mir noch der Kopf. Das tut er ja praktisch jetzt schon. Ich versuche mich so gut es geht auf die Handlung des Films zu konzentrieren, aber immer wieder mogelt er sich in meine Gedanken. Für einen kurzen Moment ist mir die Frage in den Sinn gekommen, ob es ein Fehler war, mich auf Harry einzulassen, aber im gleichen Moment hat mein Herz schmerzhaft gezogen. Nein, es war kein Fehler, definitiv nicht. Harry ist... Er ist so viel mehr als sein Job. Immer wieder gehe ich die Situation durch. Kurz habe ich überlegt, ihm zu schreiben, aber das ist inzwischen fast eine Stunde her. Mein Handy liegt unangetastet auf der Arbeitsplatte. Das tut es schon, seitdem wir hier angekommen sind.
Ich trinke einen Schluck Bier. Morgen habe ich wieder Schicht, da werde ich ihn definitiv nicht sehen können. Danach? Mal schauen.
Harry schreibt mir nicht mehr, bis zum nächsten Schichtantritt. Und ich habe ihm auch nicht geschrieben. Der Tag vergeht schnell. Es ist viel zu tun und schon bald haben wir seit mehr als 24 Stunden nicht mehr gesprochen oder geschrieben. Ich merke es kaum, da es von Einsatz zu Einsatz geht. Erst, als wir es zwischendurch etwas zu essen, schaue ich auf mein Handy. Nichts. Ich seufze leise. Matt sieht mich fragend an, aber ich winke ab. Ich habe keine Lust, alles erzählen zu müssen. Zu meinem Glück ertönt der Alarm wieder und Matt hat gar nicht erst die Chance, zu fragen. (Nicht, dass ich sicher wäre, dass er es überhaupt getan hätte.)
Die ganze Nacht arbeiten wir durch und ich bin fix und fertig, als die Kollegen der anderen Schicht übernehmen. „Schlaft euch aus"; sagt Charly, als wir uns umziehen. „Du auch, Captain", antwortet Marah und nimmt sich ihre Jacke. Meine Augen fallen auf dem Weg nach Hause fast zu. Ich kicke die Schuhe zur Seite und lasse die Klamotten unbedacht auf den Boden fallen, bevor ich die Vorhänge zuziehe und endlich schlafen kann.
Es ist früher Nachmittag, als ich wieder aufwache. Die letzte Schicht hat und alle geschlaucht. Ich wette, die anderen liegen auch noch im Bett. Die ganze Nacht lang hat nur wenige Minuten, nachdem wir uns wieder einsatzbereit gemeldet haben, der Alarm ertönt. Wir konnten von Glück reden, dass wir zwischendurch die Zeit hatten auf Toilette zu gehen und uns Tee und Kaffee zu machen. Ich wette, irgendjemand hat gestern gesagt, dass es eine ruhige Schicht wird. Anders kann ich mir das nicht erklären. Es war weder Silvester noch Weihnachten oder Halloween. Die Schichten sind immer stressig, da erwartet man so etwas, aber da haben auch mehr von uns Schicht. Grundsätzlich sind wir in diesen Nächten doppelt besetzt. Als Rookie muss man grundsätzlich mit anpacken. Ich hoffe, dass ich dieses Jahr zumindest Weihnachten oder Silvester freibekommen. Ich würde Harry an Silvester gerne küssen.
Fuck. Wie kann es sein, dass ich kaum fünf Minuten wach bin und schon wieder an ihn denken? Ich seufze und greife nach meinem Handy. Immer noch keine Nachricht. Was solls.
Me: Was machst du heute noch?
Harry ist fast augenblicklich online. Hat er auf eine Nachricht von mir gewartet? Möglich wäre es, immerhin haben wir seit zwei Tagen keinen Kontakt mehr. Er tippt und recht schnell kommt eine Antwort.
Harry: Ich arbeite. Nachher treffe ich mich mit Gemma.
Ich lege mein Handy weg. Er hat also keine Zeit. Morgen habe ich wieder Schicht, also bezweifle ich, dass wir uns davor noch sehen werden. Ich raffe mich auf und klaube die Klamotten zusammen, die ich heute Vormittag einfach auf den Boden hab fallen lassen. Er wird sich melden, wenn er reden möchte. Oder?
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Was haltet ihr von dem Gespräch zwischen Liam und Louis? Und was glaubt ihr, wann die beiden sich wiedersehen werden?
Love, L
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