63. Kapitel
Louis:
„Wie schwierig ist es, eine Immobilie in London zu finden?", frage ich Harry, als wir gemeinsam in der Küche stehen. Irritiert sieht er mich an und hält in seiner Bewegung inne. „Willst du umziehen? Deine Wohnung ist doch schön. Aber ich kann natürlich verstehen, wenn du etwas Eigenes willst. Das ist sowieso viel sinnvoller, als zu mieten, denn selbst wenn du es in ein paar Jahren nicht mehr möchtest, kannst du es wieder verkaufen und den Kredit damit begleichen. Wenn du Glück hast und der Immobilienmarkt sich entsprechend entwickelt, könntest du mit einem Kauf ordentlich Plus machen. Das wäre nicht nur eine Wohnung, sondern direkt eine Anlage. Weißt du schon, was du dir in etwa vorstellst? Ich kenne bestimmt ein paar Leute, die gerade Angebote auf dem Markt haben. Ich schätze mal, du willst nicht zu weit von der Wache weg, oder? Oder möchtest du lieber weiter außerhalb wohnen und dafür ein Haus haben? Hast du schon über das Budget nachgedacht?", fragt er mich ohne Punkt und Komma aus. Irritiert sehe ich ihn an. „Wie kommst du darauf, dass ich ausziehen will?", will ich wissen und denke kurz darüber nach, ob es wirklich auf lange Sicht dumm ist, zu mieten anstatt zu kaufen.
„Naja, du hast gefragt", antwortet er etwas unsicherer und nimmt sich die Paprika, um diese kleinzuschneiden. Wir haben heute eine Gemüsepfanne mit Risotto. Mit Harry zu kochen, macht sehr viel mehr Spaß, als es allein auf der Wache zu tun. Oder mit Matt. „Ich habe nicht für mich gefragt", erwidere ich. „Oh. Also willst du nicht ausziehen?" – „Nein, ich mag es hier." Er nickt verstehend, als ich das antworte und denkt einen Moment nach. „Für wen fragst du dann?" – „Für Liam." – „Wie kommt's?", möchte er wissen und stellt das Wasser für den Reis an.
„Du weißt doch, dass er einen Podcast hat, oder? Ein kleines Start-Up im Prinzip." Harry nickt. „Da, wo du schon zu Gast warst." – „Genau. Vor einiger Zeit wurde ihm der Mietvertrag gekündigt." – „Einfach so?", fragt er verwundert. Ich zucke mit den Schultern. „Liam war ziemlich überrascht, ich schätze ja. Er meinte, er hätte versucht dagegen anzugehen, aber er kann sich nicht leisten, vor Gericht zu ziehen. Deswegen braucht er ein neues, kleines Büro, wo sein Studio sein kann. Von zuhause aus aufzunehmen ist schwierig wegen der Akustik und alldem. Er sucht schon länger, aber er findet nichts. Ich habe keine Ahnung von dieser Branche, also dachte ich, ich frage am besten dich. Vielleicht hast du ja eine Idee."
Harry schweigt einen Moment. Dann zuckt der mit den Schultern und sagt: „Das kann ich dir so pauschal nicht beantworten. Dafür brauche ich mehr Infos. Ich muss wissen, wo in London er sucht, welche Anforderungen er hat und welches Budget. Natürlich könnte ich dir jetzt zehn Büros nennen, die aktuell freistehen, aber ich bezweifle, dass er die bezahlen kann." Er holt ein paar Gewürze aus dem Schrank und wendet sich wieder mir zu. „Ich würde ja helfen, aber um ehrlich zu sein, arbeite ich mit anderen Klienten. Ich kenne mich in der Schicht, in der Liam sich wahrscheinlich bewegt nicht so aus." – „Bedeutet?" – „Meine Projekte sind meistens sechsstellig im Jahr. Mindestens." – „Nur die Miete?" – „Ja. Da ist noch keine Provision oder so mit einberechnet. Keine Auftragsarbeiten oder speziellen Wünsche an die Immobilie, die noch organisiert werden müssen." – „Zum Beispiel?" – „Ein Kunde wollte mal mit dem Auto direkt bis auf die Etage hochfahren können. Das Gebäude wurde entsprechend umgebaut, sodass die Firma auf ihren Etagen ein eigenes Parkhaus hatte." – „Das klingt ziemlich teuer. Und unnötig." – „Man könnte es als Statussymbol ansehen", erwidert er. „Ich kann mich umhören, aber meine Kontakte reichen vermutlich nicht mehr so weit runter, dass ich helfen könnte."
Wie bitte? „So weit runter?" – „In die Mittelschicht. Oder die untere Mittelschicht. Wie gesagt, ich kenne sein Budget nicht." Ich hatte in letzter Zeit vergessen (oder verdrängt), dass wir aus verschiedenen Schichten kommen. Darüber überhaupt nachzudenken, habe ich vermieden. Ich weiß natürlich, dass er mehr verdient als ich – sehr viel mehr – und dass er sich durch seine Arbeit in anderen Kreisen bewegt, aber es derart serviert zu bekommen, versetzt mir einen Stoß. So weit unten. Nein, runter war das Wort, dass er gesagt hat.
„Ist Liam nicht versichert? Er hätte bestimmt Einspruch einlegen können." Ich schüttle den Kopf. „Das ganze Gebäude wurde verkauft und der neue Käufer hat angekündigt, dass er alle Mieter vor Gericht ziehen wird. Bis auf den letzten Pfund. Liam kann sich das nicht leisten und das Risiko war ihm zu hoch, dass er danach wirklich komplett pleite ist. In dem Gebäude waren hauptsächlich Start-Ups. Das ist einfach nicht fair." – „Mhm." – „Mhm? Das ist alles, was du dazu sagt?" – „Die Branche ist nicht fair, Louis. Was soll ich dazu sagen? Ich kenne viele Leute, die schon auf die Schnauze gefallen sind und meistens lag es daran, dass sie nicht ausreichend versichert waren oder den Mietvertrag nicht richtig gelesen haben. Die sind in den meisten Fällen nicht zu hundertprozentig Wasserdicht. Ein kleines Schlupfloch gibt es immer. Ich schätze, auch bei deiner Wohnung wird der Vermieter so etwas eingebaut haben." – „Was?" – „Keine Sorge. Bei Privatmietern wird das sehr selten genutzt. Du wirst nicht gekündigt." – „Darum geht es doch gar nicht", antworte ich und mustere ihn. „Willst du damit sagen, dass Liam selbst schuld ist?" – „Hat er den Mietvertrag damals gegenprüfen lassen?" – „Keine Ahnung." – „Ich schätze nicht. Ich glaube eher, dass er froh war, ein bezahlbares Angebot gefunden zu haben. Das kann gut gehen, versteh mich nicht falsch, aber der Vermieter hat vermutlich einfach wirtschaftlich gehandelt."
„Würdest du das auch tun?" – „Was?" Fragend sieht er mich an und rührt das Gemüse in der Pfanne um. Ich lehne mich gegen die Arbeitsplatte. „Ich frage mich, ob du auch einfach Leute des Profits wegen auf die Straße setzen würdest", spreche ich meine Gedanken aus und natürlich kommt mir Liams Verdacht in den Sinn. Ich habe Harry vehement verteidigt, aber in diesem Augenblick bin ich mir nicht sicher, ob er es wirklich nicht war. Könnte es sein, dass... „Nein, würde ich nicht." Er unterbricht meinen Gedankengang. „Nicht, wenn es nicht wirklich anders geht." – „Und das heißt?" – „Wenn das Gebäude komplett marode ist und abgerissen werden muss, würde ich darüber nachdenken. Es wäre für alle effizienter, in einem moderneren Gebäude zu arbeiten, aber nur fürs Geld setze ich niemanden auf die Straße. Außerdem geht es in den meisten Fällen auch gar nicht so kurzfristig. Eine gewisse Kündigungsfrist hat man immer – auch mit Schlupflöchern."
Mein Herz wird leichter. Ich wusste, dass er es nicht war. Gleichzeitig spüre ich mein Gewissen. Es ermahnt mich, dass ich nie hätte an Harry zweifeln sollen. Mein Bauchgefühl hat mir gesagt, er war es nicht. Ich hätte darauf hören sollen. Unser Essen köchelt vor sich hin, als ich einen Schritt auf ihn zu gehe und meine Finger zwischen seine schiebe. „Okay. Falls du doch eine Idee für Liam hast, sag Bescheid, ja?" – „Mache ich", lächelt er und sein Blick zuckt zwischen meinen Augen und meinen Lippen hin und her. Ich habe ihn nur kurz geküsst heute Abend. Ich habe mir vorgenommen, ihn ein wenig auf die Folter zu spannen und zu reizen. Bisher klappt das ziemlich gut. Jetzt gerade allerdingt, halte ich es selbst nicht mehr aus und stehle mir einen süßen, langen Kuss. Harry seufzt leise auf, als ich ihn zu mir heranziehe und meine Lippen auf seine lege. Er lächelt zufrieden und erwidert den Kuss. Wir stehen neben dem Herd, nicht direkt davor, sodass ich ihn sorglos gegen die Arbeitsplatte drücken kann. Sein Schwanz zuckt, dass spüre ich trotz unserer Kleidung. „Später", verspreche ich und küsse ihn noch einmal.
„Das ist unfair." – „Ich habe dich nur geküsst." – „Du weißt, dass das nicht nur ein Kuss war." – „Du bist zu ungeduldig", erwidere ich amüsiert. Natürlich könnte ich ihn auf der Stelle über den Esstisch legen und dort nehmen, aber im Gegensatz zu ihm, kann ich auch noch ohne Probleme ein bisschen warten. Er küsst mich noch einmal. Ich erwidere, natürlich tue ich das, aber dann hole ich Teller auf der Schrank und stelle den Herd aus. „Louis, bitte." Er steht hinter mir und küsst meinen Hals. Fuck. Ich habe zwar durchaus Selbstbeherrschung, aber wenn er so weitermacht, wird sie irgendwann schwinden. Seine Hände gleiten über meine Brust runter zu meiner Hose. Er möchte sie öffnen. Mit einer Hand macht er sich an dem Knopf zu schaffen, mit der anderen, reibt er über meine Mitte. „Lass uns essen", reiße ich mich los und gehe einen Schritt zur Seite. Er stöhnt frustriert. „Du bist genauso hart wie ich." – „Und ich habe Hunger. Später, okay?", Ich drücke ihm einen süßen, kurzen Kuss auf die Lippen. „Später haben wir viel Zeit. Versprochen. Ich werde mich sehr gut um dich kümmern."
Ihm ist fast schon anzusehen, wie ihn einSchauer der Lust erfasst. Er lächelt ein bisschen und atmet tief durch. „Okay.Aber kein Nachtisch." – „Einverstanden. Den können wir danach essen",beschließe ich, denn das Eis steht so oder so im Tiefkühler. Harry deckt denTisch, als ich die Teller anrichte. Es riecht ziemlich gut und als ich einekleine Kerze auf den Tisch stelle, verziehen sich Harrys Lippen zu einemschiefen Lächeln. Die Kerze ist pastellblau, nicht pink, aber ich hatte imGefühl, dass sie ihm trotzdem gefallen wird.
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Wie fandet ihr das Gespräch?
Love, L
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