62. Kapitel
Louis:
Als wir zurück zur Wache kommen ist bereits aufgeräumt. Ich weiß, dass es Harry war, obwohl ich ihm gesagt habe, er braucht das nicht zu tun. Auf dem Küchentisch liegt ein kleiner Zettel. Er hat ihn von einem der Blöcke der Feuerwehr genommen; oben in der Ecke ist das Logo. Schmunzelnd nehme ich ihn und lasse meine Augen über die Zeilen gleiten.
Ich hoffe, euch hat das Essen geschmeckt. Den Rest habe ich wieder eingepackt und in den Kühlschrank gepackt. Ich weiß, ich sollte nicht aufräumen, aber ich hatte Zeit und wer weiß, wie viele Einsätze heute noch kommen. Sehen wir uns die Tage? :) – Harry
Ich falte den Zettel und bringe ihn in meinen Spint zu meinen Sachen. „Ein Liebesbrief?", fragt Marah, als ich wieder zurück in die Küche komme. Sie reicht mir eine Tasse Tee mit einem Schuss Milch. Hier weiß jeder, wie die anderen ihren Tee oder Kaffee trinken. Das kommt mit der Zeit. „Nur eine Kleinigkeit von Harry", antworte ich und wechsle das Thema. Ich muss nicht schon wieder mit dem Team mein Liebesleben besprechen.
Harry schreibt mir wenig später, dass er schlafen geht. Ich weiß ungefähr, wann sein Wecker klingeln wird und beschließe, ihm kurz vorher zu schreiben, wenn ich nicht gerade in einem Einsatz bin. Es ist verrückt, wie schnell sich allen in so kurzer Zeit verändern konnte. Harry ist... verdammt, dieser Kerl bringt mich um den Verstand. Er macht mich auf eine Art und Weise Wahnsinnig, die ich nicht mehr missen möchte. Ich will ihm all das bieten, dass der sich die letzten Jahre verwehrt hat und wenn dazu Guten-Morgen-Nachrichten gehören, wird er sie bekommen. Und pinke Blumen und Kuschelsocken. Genau wie Dates. Und wenn er sich über alles genauso freut, habe ich mein Ziel erreicht. Arbeit ist nicht alles und ich hoffe, dass er das nach und nach verstehen wird.
Am nächsten Morgen habe ich Glück fünf Minuten, bevor sie Sirene ertönt, schreibe ich Harry. Gerade noch so, dass er es sehen wird, wenn er aufwacht. Ich schnappe mir meine Sachen und folge meinem Team. Eine Kaffeemaschine in einem Café hat angefangen zu qualmen und auch, als die Mitarbeiter den Stecker gezogen haben, hat es nicht aufgehört. Der Einsatz geht schnell und ist unkompliziert. Eine knappe halbe Stunde später kehren wir fürs Frühstück auf die Wache zurück. Gleich kommt die nächste Schicht und wir haben Feierabend. Ich will einfach Schlafen. Ein wenig ausruhen konnten wir uns heute Nacht zwar schon, aber maximal für eine halbe Stunde. Wirklich zur Ruhe kommt man da nur schwer.
Als ich auf dem Weg nach Hause bin, sehe ich, dass Harry mir geantwortet hat.
Harry: Guten Morgen :) Wie war deine Schicht? Bist du schon Zuhause?
Louis: Noch nicht, aber ich bin gerade auf dem Weg dorthin. Viel Spaß bei der Arbeit.
Harry: Danke. Passt es, wenn ich nachher vorbei komme?
Louis: Nachher wie sechs Uhr abends oder eher zehn Uhr?
Harry: Wäre sieben okay? Dann komme ich direkt vom Büro zu dir. Ich könnte Abendessen mitbringen.
Louis: Oder wir kochen zusammen. Ich gehe einkaufen.
Harry: Klingt gut. Bis nachher :)
Kurz möchte ich etwas antworten, aber als ich die Worte in der Chatblase sehe, lösche ich sie wieder. Woher kam das denn jetzt? Ich habe nicht darüber nachgedacht, als ich es eingetippt habe. Ich konnte es nicht abschicken. Scheiße, was wäre passiert, wenn ich es gemacht hätte? Nein, das Risiko ist mir zu hoch. Ich stecke mein Handy weg, bevor ich auf dumme Ideen komme und ziehe stattdessen den Schüssel aus meiner Tasche.
Mittags rufe ich Liam an. Ich sitze noch in meinem Bett, als ich mir mein Handy greife und seinen Kontakt auswähle.
„Hi, wie war die Schicht?", fragt er mich, als er abhebt. „Nichts Besonderes. Ich sollte anrufen?" – „Mhm. Ja. Ich wollte dich mal was fragen", beginnt er. „Was gibt's?", möchte ich wissen. Mir ist immer noch nichts eingefallen, was sein könnte, was nicht mit dem Podcast zu tun hat. „Wie geht es dir mit Harry?" – „Dafür rufst du an?", möchte ich verwundert wissen. „Du weißt doch, dass wir uns ausgesprochen haben. Harry ist ein guter Kerl. Damals war alles anders, als ich dachte. Und ich hätte genauso gehandelt wie er." – „Mhm." – „Du klingst nicht sehr überzeugt. Soll ich dir die Story nochmal erzählen?" – „Nein, brauchst du nicht", widerspricht er. „Ich weiß nur nicht, ob es so sinnvoll ist, von Ich hasse den Kerl zu Ich kann nicht genug von ihm bekommen zu wechseln. Vor allem nicht in so kurzer Zeit." – „Du traust ihm also nicht", verstehe ich und verdrehe die Augen. „Ich bin alt genug, um eigene Entscheidungen zu treffen." Liam seufzt. „Ich weiß. So sollte das gar nicht rüber kommen."
„Sondern?" Es ist einen Moment still zwischen uns. Dann antwortet Liam mir schließlich: „Ich bin nur nicht sicher, was ich von dem Mann halten soll. Hat er dir erzählt, dass wir uns begegnet sind?" Irritiert verneine ich. Wann sollen die beiden sich getroffen haben? „Gestern. Er war vor dem alten Bürogebäude an seinem Wagen. Ich war ein bisschen verwirrt, dass er dort war. Du meintest doch, er ist ständig im Büro." – „Er hat Abendessen für uns geholt. Für die ganze Wache." – „Ich weiß. Ich habe ihm gesagt, dass du keine Pilze magst." Wieso hat Harry mir nichts davon erzählt?
„Du meintest doch, er ist in der Immobilienbrache oder so tätig, oder?" – „Ja. Er arbeitet gerade an einem ziemlich großen Projekt. Wenn es gut läuft, wird er Partner im Unternehmen." – „Ja, ich weiß. Weißt du, worum es in diesem Projekt geht?" – „Irgendein Neubau-Ding", erwidere ich schulterzuckend. „Wieso ist das wichtig?" – „Weil unser Gebäude für ein Prestige-Projekt abgerissen wird."
Ich wiederhole den Satz in meinen Gedanken. Nein, das würde Harry nicht tun. Er würde nicht einfach ein genutztes Gebäude abreißen lassen. „Ich glaube nicht, dass Harry das war", spreche ich es schließlich aus. „Das ist bestimmt nur ein Zufall. Er hat da in der Nähe das Essen gekauft." – „Meinst du wirklich?" – „Harry macht seinen Job sehr gut. Ich bezweifle, dass er so etwas durchziehen muss, um erfolgreich zu sein. Er wirft keine Mieter raus, nur um ein neues Gebäude an die Stelle zu setzen. Und es gibt hunderte Neubauprojekte in London." – „Mhm, vielleicht hast du recht", stimmt Liam mir zu. „Ich fand es nur komisch. Vielleicht bin ich aber auch nur wütend auf die Person, die uns das Gebäude gekostet hat."
„Ja, das glaube ich auch", stimme ich Liam zu. Ich wäre mindestens genauso wütend. „Hast du mittlerweile mal etwas Neues gefunden?" – „In London? Du bist lustig." – „Manchmal hat man Glück." – „Darauf werde ich vermutlich noch warten müssen." Er klingt ein bisschen frustriert, aber ich kenne ihn besser. Liam wird nicht so einfach aufgeben. Er wird die Podcastfolgen irgendwie produzieren können und sich reinhängen. Ich bin sicher, dass er in weniger als einem halben Jahr ein neues Büro findet. Ich würde es ihm wünschen.
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Was haltet ihr davon?
Love, L
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