49. Kapitel
Louis:
Ich lasse ihn erzählen. Er stockt zwischendurch, aber er bricht nicht ab. Dann sitzt er mir schließlich gegenüber und sieht mich schweigend an. Nervös zupft er an einer servierte, sodass schon nach kurzer Zeit viele kleine Fussel vor seinen Fingern liegen.
„Du hast mich direkt angeschaut", sage ich einen Moment später. Ich bin mir nicht sicher, was ich von dieser Situation halten soll. „Ich habe dich wirklich nicht gesehen", beteuert er. „Und wenn wärst du nicht ausgestiegen", antworte ich ihm. Er möchte antworten, aber ich spreche direkt weiter. „Wäre ich auch nicht." – „Was?" Irritiert sieht er mich an. „Du wärst gefahren?" – „Wenn es um meine Schwester gegangen wäre? Auf jeden Fall. Ich wäre gefahren", antworte ich nickend.
„Ich habe niemanden gesagt, dass du Schwul bist oder dass jemand dir etwas antun soll." – „Für mich sah es so aus." Er presst die Lippen zusammen, als ich ihm diese Antwort gebe. Wieder ist es einen Moment still zwischen uns. Ich trinke noch einen Schluck und betrachte ihn. Ich bin mir nicht sicher, welche Gedanken gerade durch seinen Kopf fegen, aber es sind offenbar eine Menge.
„Ich wollte wirklich nicht, dass dir so etwas passiert. Ich denke, ich kann verstehen, dass du dachtest, ich hätte das angezettelt. Vielleicht wäre das anders gewesen, wenn ich mich danach bei dir gemeldet hätte", überlegt er laut. „Du hast nie darüber nachgedacht, oder?", frage ich ihn. „Also dich bei mir zu melden." – „Ich habe nicht mehr über dich nachgedacht", erwidert er und auch, wenn ich weiß, wieso nicht, versetzt es mir einen Stich mitten in die Brust. „Ich habe den Abend damit abgehakt, dass ich einen One-Night-Stand mit irgendeiner Frau auf dieser Hausparty hatte. Ich habe das danach nie hinterfragt. Ich hatte keinen Grund dazu. Und da sich bei mir niemand gemeldet hat, habe ich gedacht, es wäre nur das gewesen: ein One-Night-Stand."
„Ich habe mich nicht gemeldet, weil ich dachte, du wärst Schuld an allem gewesen." – „Ich kann es dir nicht verübeln", erwidert er und lächelt schief. „Ich hätte mich wahrscheinlich auch nicht gemeldet", lenkt er ein. Die Servierte in seinen Händen ist mittlerweile nur halb so groß, wie sie es vorhin noch war. „Also...uhm... was machen wir jetzt?", fragt er mich zögerlich. „Machen?", frage ich, obwohl ich eine Ahnung habe, worauf er hinaus will. Ich hätte darüber nachdenken sollen, was nach diesem Gespräch passiert, habe ich allerdings nicht. Dämlich. „Wir sollten zahlen", weiche ich aus und sehe auf die leeren Teller zwischen uns. Harry nickt und holt sein Portemonnaie raus. Ich möchte gerade nach meinem greifen, als er mich unterbricht. „Darf ich dich einladen? Schließlich habe ich einfach so einen Tisch reserviert", bittet er mich. „Okay", stimme ich zu und kurz darauf kassiert Reginald ab.
Kurz darauf stehen wir wieder auf der Straße. Wir laufen zu seinem Wagen. „Ich schätze, du bist müde, oder? So eine Schicht ist wahrscheinlich sehr anstrengend, oder?" – „Es war okay. Wir waren nicht nur unterwegs", erwidere ich und zucke mit einer Schulter. „Möchtest du nach Hause?", fragt er mich und öffnet den Wagen. Kurz denke ich einen Moment nach. Möchte ich nach Hause? „Ja." – „Okay. Gibst du mir deine Adresse?" Das wollte ich nie tun. Ich wollte ihn nie zu mir nach Hause lassen. Jedenfalls war das vor diesem Vormittag.
„Was passiert jetzt?", fragt er, als er losgefahren ist. An einer roten Ampel sieht er kurz zu mir. „Du kannst auf die Frage nicht ewig ausweichen." – „Ich weiß nicht, was jetzt passiert. Woher soll ich das wissen?" Die Situation, in der ich mit diese Frage stelle, war in meinem Kopf nie eine Option. Es war immer klar, dass Harry ein Arsch ist und ich ihn nicht leiden kann. Wie konnte sich das innerhalb eines Vormittags so drastisch ändern? „Was möchtest du denn, das jetzt passiert?", spiele ich den Ball zurück. Soll er doch antworten, anstatt mich das entscheiden zu lassen.
„Ich?" – „Ja du. Wer sonst?" – „Ich... uhm... also ich dachte eigentlich, ich wäre hetero." – „So weit waren wir schon vor ein paar Wochen", erwidere ich amüsiert und er verzieht nervös den Mund. „Stimmt." – „Und jetzt?" – „Bin ich offensichtlich nicht hetero", gibt er zu und scheint damit besser klarzukommen, als bisher. „Vielleicht bist du auch einfach nur die Ausnahme", fügt er hinzu. „Was?" – „Ich hatte nie etwas mit einem Mann. Nur damals offenbar und das habe ich verdrängt. Und damals warst du es und jetzt... bist du es auch. Vielleicht bist du die Ausnahme. Oder ich bin bei Männern sehr viel wählerischer." – „Ich bleibe als einzige Option übrig?" Er nickt. „Könnte doch sein."
„Du kannst da vorne halten." – „Was?" – „Wir sind da. Du kannst dort halten", erkläre ich und deute auf eine freie Parklücke. „Oh. Okay." Er parkt das Auto und schaltet den Motor ab. Ich öffne die Tür und steige aus. Er tut es mir gleich und geht ums Auto herum zu mir. „Also... danke, dass du mitgekommen bist und mit mir über das alles gesprochen hast. Ich denke, es war ganz gut, dass wir uns ausgesprochen haben." – „Sehe ich aus so", stimme ich zu. Harry sieht mich nervös an. Er nickt leicht und ich greife in meine Hosentasche nach meinem Schlüssel. Harrys Blick huscht zu meiner Hand, dann wieder zu meinen Augen zurück. Fragend sehe ich ihn an. Er muss hier nicht stehen und warten, bis ich reingehe. Er könnte fahren, wenn er möchte.
Das tut er nicht. Stattdessen kommt er einen Schritt näher. Was bitte wird das hier? „Ich möchte nicht, dass es so seltsam zwischen uns ist. Hätte ich das gewusst, hätte ich ziemlich viel anders gemacht." – „Tja, ich schätze, ich auch." Er nickt leicht. „Ich denke, ich sollte fahren."
Er dreht sich um und möchte fahren. Mein Gehirn schaltet in diesem Moment aus. Ich denke nicht länger darüber nach, dass ich Harry nicht leiden kann – konnte – und was damals passiert ist. Es ist wie eine Kurzschlussreaktion. Ich greife seine Hand und ziehe ihn zurück zu mir. Instinktiv fange ich ihn mit dem anderen Arm auf, als er gegen meine Brust fällt. Und ich fange ihn mit einem Kuss auf.
Einen kurzen Moment reagiert er nicht. Dann lehnt er sich mir entgegen und erwidert den Kuss. Mein Arm schließt sich enger um seine Hüfte und ich merke, wie er seine Arme um meinen Nacken legt. Es ist besser als damals, es ist so viel besser als bei dieser Hausparty. Es ist besser als jeder andere Kuss, den ich bisher hatte „Louis", flüstert er, küsst mich aber wieder, bevor er weitersprechen kann. Ich lecke über seine Unterlippe und sofort öffnet er den Mund. Er küsst so gut, er schmeckt so gut. Fuck, der Kerl macht mich wahnsinnig. Ich kann ihn nicht nicht leiden. Das wäre jetzt glatt gelogen. Ich nicht aufhören, ihn zu küssen. Auf einen Schlag hat sich alles geändert. In dem Moment, indem mein Kopf ausgeschaltet hat und ich ihn zu mir gezogen habe, hat sich meine Welt gedreht.
„Komm mit hoch", sage ich und er schmunzelt. Gleichzeitig errötet er etwas. Das kann ich nicht übersehen. „Hast du darauf gewartet, dass ich das frage?" Er wird noch etwas dunkler im Gesicht. Amüsiert sehe ich ihn an. „Du hast darauf gewartet", verstehe ich. „Möglich", gibt er zu. „Möchtest du denn?" – „Was?" Irritiert sieht er mich an. „Mit hoch kommen", antworte ich. „Oh, ja klar... uhm... schon", stottert er überfordert. Ich schließe auf und gehe vor. Er folgt die die Treppe nach oben zu meiner Wohnung. Dass ich mir damals geschworen habe, ihn nie wieder in meine Bude zu lassen, fällt mir jetzt nicht einmal mehr ein. Ich lasse ihm den Vortritt. Schüchtern betritt er meine Wohnung und sieht sich um. „Es ist schön hier. Es passt du dir", sagt er. Ich schließe die Tür. Harry geht einige Schritte. „Möchtest du einen Tee? Kaffee habe ich nicht da", biete ich ihm an und stelle meine Schuhe weg. Er schüttelt den Kopf. „Nein, danke ich..." Er bricht ab. „Du?", frage ich und gehe auf ihn zu. Er sieht an mir vorbei und wird von Sekunde zu Sekunde nervöser. „Harry?", frage ich noch einmal, als er mir nicht antwortet.
„Ich würde gerne noch einen Kuss bekommen", spricht er schließlich aus und errötet sofort wieder. Herr Gott, er ist so süß. „Komm her", antworte ich ihm und er verringert sofort den Abstand zwischen uns. Er bleibt wenige Zentimeter vor mir stehen und sieht mich abwartend an. „Einen Kuss?" – Vielleicht zwei", gibt er zu. „Gierig, findest du nicht?" – „Vielleicht", weicht er aus. Ich mustere ihn, provoziere ihn. Es ist ihm genau anzusehen, was diese Situation mit ihm tut. Es macht ihn nervös, auf eine gute Art und Weise. Meine Fingerspitzen legen sich auf seine Hüfte. Langsam streiche ich hin zu seinem Rücken. Er kommt mir augenblicklich näher. Als meine Hand auf seinem Rücken liegt, küsse ich ihn schließlich. Er seufzt auf und drückt sich sofort an mich.
„Zieh die Schuhe aus", flüstere ich gegen seine Lippen. Er kickt sie weg, ohne den Kuss zu unterbrechen. Sobald er sie ausgezogen hat, gehe ich vorwärts. Er lässt mich einfach machen und geht rückwärts. Er lässt mich ihn führen, ohne sich auch nur einmal umzudrehen. Meine Wohnung kenne ich in und auswendig. Ich brauche nicht aufzusehen, um nirgendwo anzustoßen, als ich uns ins Schlafzimmer bringe.
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They kissed :) Wie fandet ihr es?
Love, L
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