29. Kapitel
Louis:
Angespannt richtet Harry sein Jackett, nachdem er die Tür des Wagens zugemacht hat. Der Parkplatz ist etwas abseits, aber noch so nah, dass man die Musik schon hören kann. „Wie heißts Nicks Frau?", frage ich ihn, als wir zum Eingang laufen. „Was?" – „Wir gehen zu seiner Hochzeit, du solltest wissen, wie sie heißt", sage ich und Harry sieht mich nachdenklich an. Dann sagt er: „Sekunde", und zieht sein Handy aus der Tasche. Wir bleiben einige Meter neben dem Eingang stehen. „Sie heißt Lilian." Er dreht sich Handy und ich sehe, dass er die Einladung abfotografiert hat. „Solltest du so etwas nicht wissen?" – „Normalerweise bin ich nicht derart unvorbereitet", erwidert er.
„Normalerweise?" – „In der Firma. Ich bin immer vorbereitet. So ist das normalerweise nicht." – „Was ist anders?", möchte ich wissen und Harry zögert. Er verzieht nervös den Mund und zuckt unbeholfen mit den Schultern. „Keine Ahnung." Fuck. Er sieht derart unschuldig aus, wenn er mich so anschaut. „Lass uns rein gehen", beschließe ich und hebe meinen Ellenbogen. „Was soll das?", fragt Harry irritiert. Ich verdrehe die Augen und seufze. „Hak dich unter." – „Was? Wieso das?" – „Weil wir zusammen hier sind, oder nicht? Das hast du deinem Chef doch gesagt", antworte ich ihm. Harry sieht skeptisch auf meinen Arm. Dann hakt er sich unter und legt seine Hand auf meinen Unterarm. Er mustert diesen Anblick einen Moment. „So schlimm?", frage ich halb spaßend, halb ernst gemeint.
„Nein... eigentlich nicht", sagt er kopfschüttelnd und strafft die Schultern. Wir betreten den Innenhof. Es ist eine grüne, große Wiese hinter einem Restaurant. Einige Stehtische sind aufgestellt, Kellner gehen mit Sekt und Orangensaft umher und instrumentale Musik rundet das Bild ab. „Du bist tatsächlich gekommen", spricht jemand Harry an. Es ist sein Chef, wenn ich mich richtig erinnere. „Hallo Louis, freut mich, dich zu sehen", begrüßt er mich lächelnd. „Hi", antworte ich gut gelaunt. „Es ist Nicks Hochzeit", sagt Harry nur trocken und sein Griff an meinem Arm wird für einen kurzen Moment fester. „Nick und Lilian kommen in einer halben Stunde von der Kirche. Ihre Familien und Freunde dürften kurz vorher eintreffen", erklärt Oliver uns. Harry nickt knapp und nimmt sich ein Sektglas.
Ich räuspere mich. Er sieht zu mir. Oliver sieht ihn ebenso abwartend an, wie ich. „Oh... uhm... sorry", stottert Harry und winkt den Kellner noch einmal ran. Er gibt mir sein Glas und nimmt sich ein Neues. „Wir sehen uns später", sagt Oliver noch und geht dann weiter, um wen anders zu begrüßen. Ich hebe mein Glas und stoße mit Harry an. „Das wird ein lustiger Tag." – „Das wird ein Albtraum", sagt er und löst seinen Arm aus meinem, um sich mir gegenüberzustellen. Ich trinke einen Schluck Sekt und zucke mit den Schultern. „Bisher finde ich es ziemlich amüsant." – „Ich blamiere mich nicht. Nie. Und schon gar nicht vor meinem Chef, Kollegen oder Mandanten." Ich lache leise.
„Was ist?", fragt er mich missmutig. „Du hast vergessen, mich aufzuzählen." – „Was?" – „Also läuft doch alles, wie es soll. Du hast nicht gesagt, dass du dich nicht vor mir blamierst und da ich die ganze Zeit dabei bin, ist doch alles, wie geplant." – „Ich blamiere mich doch nicht... also... du hättest dir auch selbst einen Sekt neben können." – „Von dem Kellner der gerade neben dir stand?", frage ich ihn provokant und er presst die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen. Ja, hast du selbst gemerkt, oder Harry?
Ich sehe mich um. „Wen hier kennst du noch?", möchte ich von ihm wissen. Er zögert. „Vom sehen ein paar Leute. Meine Kollegen – natürlich. Sonst niemanden." – „Du hast es ja echt nicht so mit sozialen Kontakten." – „Ich habe Freunde, das sind nur dich die gleich, wie Nicks." – „Mhm." – „Was? Glaubst du mir das nicht?" – „Ich frage mich, wie das in dein Arbeitspensum passt", erwidere ich ehrlich. „Wenn du nicht gerade schläft oder auf Geschäftsessen bist, bist du doch immer im Büro oder nicht?"
„Ich verspringe auch Zeit mit meiner Familie", antwortet er mir. „Und mit Niall." – „Niall?" – „Meinem besten Freund." – „Dein einziger Freund", verstehe ich schnell und krame in meinem Gedächtnis. Der Name kommt mir bekannt vor. Bilde ich mir das ein oder könnte es sein, dass ich auch ihm schon einmal begegnet bin? Harry mustert mich skeptisch, allerdings merke ich das erst einen Moment später. „Du hättest ihn mitnehmen können." – „Zu dieser Hochzeit?" Ich nicke. „Er hatte keine Zeit." – „Hast du ihn gefragt?" Harry schweigt. „Hast du nicht", verstehe ich schmunzelnd. „Er wäre so oder so nicht mitgekommen", redet er sich raus. Ich belasse es dabei.
„Sie sind auf dem Weg. Stellt euch da vorne hin!" Eine junge Frau weist alle Gäste an, sich in einem Halbkreis aufzustellen, um das Paar begrüßen zu können. Das Auto fährt vor und Oliver stellt sich zu uns. Nick und Lilian strahlen glücklich, als sie die Location betreten. Sie trägt ein cremeweißes Kleis und er einen dunkelblauen Anzug mit einem zu ihrem Kleid passenden Einstecktuch. Harry hält sich etwas zurück, als viele der Gäste auf das Paar zugehen, um sie zu beglückwünschen.
Harry trinkt seinen Sekt aus, gibt das leere Glas einem Kellner und wir gehen auf Nick und Lilian zu. „Glückwunsch", sagt Harry knapp und reicht Nick die Hand. „Lilian, das ist mein Kollege und sein... äh..." – „Ich bin Louis", helfe ich Nick schnell aus. „Seine Begleitung." Kurz sehe ich zu Harry, der ein wenig rot auf den Wangen geworden ist. Nick sieht ihn verwundert an, sagt dazu aber nichts. „Freut mich, euch kennenzulernen. Nick hat von dir erzählt, von allen seinen Kollegen. Das Team scheint wirklich toll zu sein", sagt Lilian und sieht glücklich zu ihrem Ehemann. „Ist es", stimmt Harry zu. Es wollen noch mehr Leute den beiden gratulieren, also biete ich Harry meinen Arm und zu meinem erstaunen hakt er sich diesmal sofort unter, um sich ein Stück weg führen zu lassen.
„So schlimm war das doch gar nicht", grinse ich belustig. Harry schüttelt den Kopf. „Nick denkt, du bist mein Freund." – „Oh nein." – „Ich bin nicht schwul", sagt er und ich kann nicht anders, als amüsiert zu grinsen. „Ach ja. Du bist total hetero." Harry schnaubt. Dann sieht er auf unsere Arme und seufzt. „Scheiße." – „So schlimm ist es nun wirklich nicht, mit mir hier zu sein", ziehe ich ihn auf und sehe ihn provokant an. „Darum geht es nicht", antwortet er nachdenklich. „Denk nicht zu viel darüber nach", rate ich ihm und wir gehen ins Restaurant, wo gleich das Essen beginnt. Viele Runde Tische sind aufgebaut und schnell finde ich unsere Plätze. Oliver und seine Frau sitzen auch bei uns am Tisch.
„Vielen Dank, dass Ihr alle heute hier seid", ergreift Lilian das Wort. Sie und Nick stehen noch, während wir anderen alle sitzen. „Es bedeutet uns sehr viel, diesen Tag mit euch allen zu teilen." Sie sieht zu Nick. „Ich liebe dich." Er küsst sie sanft und erwidert die Worte leise.
„Möchtest du Wein?", fragt Harry und deutet auf die Flaschen, die auf dem Tisch stehen. „Gerne, den Weißen", antworte ich ihm und er schenkt mir ein. Er selbst nimmt sich Rotwein. „Oliver hat erzählt, du bist bei der Feuerwehr, Louis", spricht seine Frau mich an. Sie stellt sich als Magret vor, sagt aber, dass alle sie Maggie nennen. „Ja. Harry und ich haben uns bei einem Einsatz kennengelernt", erzähle ich. „Ah, der Brand bei euch im Büro, oder? Von dem hat Oli mit erzählt", nickt sie. Harry sieht zu mir. Was hast du etwa Angst, dass ich erzähle, wie du dich benommen hast und dich blamiere? „Genau, ein paar Tage später waren wir zufällig in der gleichen Kneipe und Harry hat uns zum Dank den Abend ausgegeben." – „Gezwungenermaßen", grinst Oliver und Maggie sieht ihn fragend an. „Er hat beim Billard verloren", sage ich amüsiert und lege unterm Tisch eine Hand auf Harrys Oberschenkel. Er spannt sich an und trinkt einen Schluck Wein, um seine Reaktion zu kaschieren.
„Wie geht es dir so?", frage ich Oliver und lasse mir nichts anmerken. „Läuft in der Firma alles gut?" – „Oh, es läuft super. Harry hat gerade ein ziemlich großes Projekt und wie es aussieht, wird es uns ein ganzes Stück voranbringen", sagt er und ich streiche über seinen Oberschenkel. „Ja, davon hat er mir erzählt. Ich bin sicher, er wird es perfekt machen." Als ich das Wort perfekt ausspreche, gleitet meine Hand aus Versehen über seine Mitte und er räuspert sich unbeholfen. „Ja... uhm... also es ist natürlich eine Herausforderung, aber bisher läuft es wirklich gut." Ich nehme meine Hand wieder weg und bilde mir ein, dass er erleichtert aufatmet. Glaub ja nicht, ich habe nicht bemerkt, dass dein Schwanz gezuckt hat. Oliver und er verfallen in ein Gespräch über das Geschäft. Maggie hingegen ist neugierig, was ich bei der Feuerwehr alles so tue.
Als der Hauptgang kommt, ist Harry weiter aufgetaut. Ich provoziere ihn hier und da, aber tue nichts, was ihn vor seinem Chef schlecht dastehen lassen könnte. Inzwischen bin ich jedoch ziemlich sicher, dass Oliver denkt, dass Harry und ich ein Paar sind. Aber garantiert nicht.
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Tja, was wird wohl noch so auf der Hochzeit passieren?
Love, L
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