23. Kapitel

Louis:

Ich wusste, er konnte nicht widerstehen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Harry es ausprobieren würde. Ich dachte, er ignoriert das Paket mindestens eine Woche, aber es waren offenbar nur wenige Tage. Wer hätte das gedacht. Zu gerne wüsste ich, wie sehr es ihn wirklich aus dem Konzept wirft. Ich kann es mir in etwa vorstellen, aber ich weiß nicht mit Sicherheit, ob er heute Vormittag auch noch daran denkt. „Guten Morgen", sage ich in die Runde und steure des Wasserkocher an. Eine gute Schicht beginnt immer mit einem Tee. „Wie war die Nacht", frage ich die Kollegen der anderen Schicht, die noch da sind. „Entspannt", wird mir geantwortet, als ich die Milch aus dem Kühlschrank hole. „Wir müssen einkaufen gehen", stelle ich fest. „Kannst du ja gleich machen", sagt Matt trocken. „Und wieso ich?" – „Immer der, der fragt", erwidert er nur schulterzuckend.

„Ihr geht gleich beide einkaufen", bestimmt Charly plötzlich. Er ist gerade in die Gemeinschaftsküche gekommen. Als ich das erste Mal gehört habe, dass Feuerwehrleute während der Arbeitsschicht einkaufen gehen, dachte ich, das ist ein Witz, aber es hat sich schnell herausgestellt, dass es tatsächlich zu unserem Job gehört. Wir gehen immer zu zweit, damit der Rest des Teams im Fall eines Einsatzes auf der Wache ist. „Echt jetzt?", fragt Matt genervt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass er es nicht leiden kann, einkaufen zu gehen. Schon gar nicht, wenn in der Zeit ein aufregender Einsatz stattfindet. „Bewegt euch, wir haben nichts für das Abendessen", erwidert Charly nur. „Die Liste steht im Teamchat", sagt er noch. Ich nicke und trinke meinen Tee

„Ich fahre", bestimmt Matt gut zehn Minuten später. „Und du meinst, wir überleben das?", frage ich provokant. „Arschloch", antwortet er und nimmt sich den Schlüssel. Es ist eins unserer beiden normalen Autos der Wache. Matt kann Autofahren, so ist es nicht, aber es ist ein sich seit Jahren haltender Witz, dass er es besser lassen sollte. Seitdem er einen Hydranten umgefahren hat, hängt es ihm nach und ich würde lügen, wenn ich sage, dass es wohl irgendwann aufhören wird. Ein Feuerwehrmann, der einen Hydranten umfährt und noch dazu der Wagen danach in die Werkstadt muss – eine gefundene Vorlage.

De nächste Supermarkt ist ein paar Straßen weiter. Ich öffne die Liste und Matt holt einen Wagen. „Zuerst zum Gemüse?", fragt Matt und betritt vor mir den Laden. Ich nicke und wir suchen die Lebensmittel zusammen. Den Funk hören wir auch beim Einkaufen, falls es einen großen Einsatz gibt, bei dem auch wir antreten müssen. In dem Fall müsste der Einkauf stehengelassen werden und wir würden sofort zum Einsatzort fahren. Lieber wäre mir, wenn wir es zügig wieder zurück in die Wache schaffen.

„Na sieh einer an." Fragend sehe ich zu Matt. Er deutet nach links. Harry steht dort vor der Salattheke. „Wehe du sagst etwas", sage ich direkt warnend. „Sonst was?", fragt er grinsend und geht geradewegs auf ihn zu. „Matt!", sage ich etwas zu laut. Harry dreht sich zu uns. „Oh... uhm... hallo", sagt er und wirkt sofort nervös. „Hallo Harry", sage ich und mustere ihn. Er verzieht den Mund, nur ein kleines bisschen. Oh ja, er ist nervös. „Ich gehe schon einmal weiter", sagt Matt und sieht mich amüsiert an. Die Spannung zwischen Harry und mir ist kaum nicht zu bemerken. Es hätte mich gewundert, wenn es Matt nicht aufgefallen ist. Immerhin bleibt er nicht hier stehen, das würde diesen Moment ziemlich seltsam werden lassen.

„Du hier?", frage ich verwundert. „Isst du mittags nicht lieber in einem Restaurant oder bestellst dir etwas?" – „Normalerweise ja, aber... uhm... Ich musste sowieso noch einkaufen", erwidert er und zuckt mit einer Schulter. Dann mustert er mich. „Bist du im Dienst?" – „Wir kaufen für heute Abend ein", erkläre ich ihm knapp. „Dann arbeitest du bis morgen Vormittag?", möchte er wissen. Ich sehe ihn einen Moment lang prüfend an. „Wieso fragst du?" – „Morgen ist Samstag." – „Richtig." – „Uhm... theoretisch muss ich nicht arbeiten." – „Theoretisch?", frage ich nach. Er sieht sich um. Matt ist weitergegangen, er hört uns garantiert nicht mehr. Erst, als Harry das auch gesehen hat, spricht er weiter. „Ich arbeite samstags meistens von zuhause aus. Ich müsste das nicht tun, aber ich bin der Beste im Büro. Das kommt nicht von ungefähr." – „Tja, dann hast du morgen wohl etwas zu tun", erwidere ich scheinheilig. Mir ist durchaus bewusst, dass Harry nicht darauf hinaus wollte, aber wie könnte ich ihn nicht ein wenig provozieren.

„Nein... ja, also eigentlich schon, aber... uhm..." Ich schmunzle. „Du musst morgen also nicht arbeiten, verstehe ich das richtig?" Er nickt knapp. „Und stattdessen möchtest du was machen?", frage ich ihn. „Reden", sagt er. Ich hebe skeptisch eine Augenbraue. „Reden?" – „Ich weiß nicht... uhm... können wir reden?" – „Darüber, dass du..." – „Nicht hier!", unterbricht er mich sofort und sieht ich alarmiert um. „Aber ja. Darüber. Vielleicht. Wenn dir das zu blöd ist, sag es einfach." – „Wieso sollte mir das zu blöd sein?", frage ich ihn. „Weil du mich nicht leiden kannst." – „Ich muss dich nicht mögen, um dich vögeln zu können", sage ich geradeheraus. Seine Augen werden groß. „Du kannst doch nicht – wir sind in der Öffentlichkeit!" – „Und der Laden ist fast leer. Niemand hört, was wir sagen."

Er presst die Lippen zusammen. „Es verwirrt mich. Es sollte so nicht sein", sagt er einen Moment später unzufrieden. „Aber es gefällt dir." – „Vielleicht." – „Vielleicht?" – „Fuck, was soll ich denn sagen?", will er von mir wissen. „Du brauchst nichts zu sagen. Lass dich einfach drauf ein." – „Also morgen... werden wir da... naja..." – „Meinst du, ob wir Sex haben werden?" Er errötet und sieht zur Seite. „Mal schauen", erwidere ich scheinheilig. „Ich muss wieder zu Matt, bis morgen, Harry." Er möchte noch etwas sagen, aber ich gehe weiter. Er sieht mir hinterher, anstatt etwas zu sagen, das weiß ich, auch ohne, dass ich zurücksehe. Ich spüre seinen Blick in meinem Rücken.

„Du flirtest ganz schön mit dem Kerl. Ich dachte du magst ihn nicht?", fragt Matt, als wir an der Kasse sehen. Harry ist schon längst aus dem Supermarkt. „Er lässt sich zu leicht provozieren", erwidere ich ausweichend. „Er schien ziemlich überfordert so sein. Und nicht so arrogant", bemerkt er. „Stimmt." – „Was willst du tun? Ihn vögeln und ihn dann fallen lassen?", fragt Matt und einen Moment schweige ich. Es ist, als wäre ich zusammengezuckt. „Keine Ahnung. Erst einmal haben wir einfach Spaß, daran ist doch nichts verwerflich." – „Und wenn er Gefühle oder so entwickelt?" – „Das wird er nicht tun. Und ich auch nicht", entgegne ich. Das steht überhaupt nicht zur Debatte. Das ist damals nicht passiert, also wird es jetzt auch nicht passieren.

„Mhm." – „Was mhm?" – „Nichts" – „Bullshit", widerspreche ich. „Sag schon." Er lässt nicht locker. Würde mich auch wundern. Matt ist ziemlich neugierig. „Ich mache schon nichts, was er nicht will, okay? Wenn er Gefühle entwickelt, kann ich da nichts für. Ich werde ihm nichts vorgaukelt und ihn auf ein Date ausführen oder so." – „Und wenn du für ihn..." – „Das wird nicht passieren", falle ich ihm ins Wort. Ich werde garantiert keine Gefühle für ihn entwickeln.

Wir kehren zurück in die Wache. „Irgendetwas aufregendes?", fragt Matt, als wir die Einkaufstaschen ausräumen. „Nur ein kleiner Heckenbrand", sagt Marah schulterzuckend. „Nichts Besonderes." – „Habt ihr alles bekommen?", fragt Charly uns und sieht in die Taschen. „Nur keine Spültaps, aber davon haben wir ja noch ein paar", antwortet Matt nickend und mir fällt auf, dass er fast alles allein zusammengesammelt hat. Habe ich wirklich so lange mit Harry gesprochen?

Mittags nach dem nächsten Einsatz, sehe ich auf mein Handy. Es kommt nicht selten vor, dass genau in diesen Momenten der Alarm wieder ertönt, aber jetzt gerade bleibt es ruhig.

Harry: Ich hole dich morgen bei der Wache ab, wann hast du Schluss? Wenn du mir schon so etwas schickst, schuldest du mir antworten.

Ich schreibe ich ihm die Uhrzeit. Dass er doch so fordernd ist, habe ich nicht erwartet, aber es soll mich nicht stören. Es ist heiß, wenn jemand weiß, was er will. Meine Gedanken schweifen ab. Er wusste damals, dass er mich will. Er wusste nur nicht, wie er mich will. Ob es dieses Mal wieder so sein wird? Ich bin mir nicht sicher, wie weit ich morgen gehen kann. Er will reden, über das, was ihm gefällt, über das, was ihn verwirrt. Über früher? Nein, wenn er sich daran erinnern würde, hätte ich das mitbekommen. Dann hätte sein Verhalten sich mir gegenüber garantiert verändert.

Harry: Wir werden Essen gehen. Frühstücken. Und dann reden wir dabei.

Me: Frühstück?

Harry: Oder Brunch. Wie du willst.

Me: Ist doch eh das Gleiche.

Harry: Nicht wirklich, aber das wird sowieso nicht wichtig sein.

Me: Weil du reden möchtest.

Harry: Ja.

Me: Okay. Ich werde unten am Empfang auf dich warten. Sei pünktlich

Harry: Ich bin immer pünktlich.

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Die beiden werden also reden. Wird es dabei bleiben? 

Love, L

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