14. Kapitel
Harry:
„Hier, Stephs Handy. Können Sie ihr sagen, dass ich hier war? Wir würde gleich nach Hausen fahren, wenn das okay ist", sagt Gemma. „Natürlich, du musst sicher auch schlafen", sagt Mrs Brooks sofort. Kurz danach kommt ein Pfleger zu uns. „Mrs Brooks?" – „Wie geht es meiner Tochter?", fragt sie sofort. Er sieht zu Gemma. „Sagen Sie es ruhig, Ich erzähle es ihr sowieso", wirft sie ein und der Pfleger nickt. „Wir haben Stephanies Magen ausgepumpt und sie an einen Tropf gehängt, um sie zu hydrieren und mit Nährstoffen zu versorgen. Sie muss schlafen, aber sonst geht es ihr gut. Sie wird einen Kater haben, wenn sie aufwacht, aber dann kann sie entlassen werden." – „Gott sei Dank", sagt Mrs Brooks sofort und ich sehe auch Gemma an, dass ihr ein Stein vom Herzen fällt.
„Geht nach Hause, Liebes. Ich sage Steph, dass sie dir Bescheid sagen soll, wenn wir Zuhause sind. Sie wird dich anrufen", verspricht Mrs Brooks.
Wir verlassen das Krankenhaus wieder. Gemma gähnt müde. „Nicht einschlafen. Du musst schon noch selbst ins Bett gehen, ich werde dich nicht tragen." – „Du bist gemein." – „Du hast zu viel getrunken, aber du kannst definitiv noch selbst laufen", antworte ich und wir fahren los. „Außerdem musst du gleich zumindest noch eine Scheibe Toast oder so essen." Gemma verdreht die Augen. „Ich will nur ins Bett. Hast du Abschminkzeug?" Ich zucke mit den Schultern. „Ich habe Gesichtsreinigung." – „Besser als nichts", antwortet sie und schließt für einen Moment die Augen. „Keine Sorge, ich schlafe nicht ein", sagt sie direkt. „Ich entspanne nur meine Augen." – „Spürst du den Kater schon?", frage ich amüsiert. „Er kommt mit Vollgas auf mich zu", erwidert sie.
„Ist dir noch schlecht?", frage ich, als wir zuhause ankommen. Sie schüttelt den Kopf. „Erst essen, dann ins Bad und ich mache das Bett fertig", lege ich fest und drücke ihr eine Scheibe Toast in die Hand. Sie setzt sich einfach auf den Küchenboden und fängt an zu essen. „Du weißt, dass ich auch Stühle habe?", frage ich verwundert. „Spießer", meint sie nur und lehnt sich an den Kühlschrank. „Der Boden ist genauso gut." Sehe ich anders, aber was soll's. Darüber werde ich jetzt nicht diskutieren. Ich muss gleich los zur Arbeit und ich auf dem Weg dahin möchte ich mir noch ein Frühstück holen.
Während sie im Bad ist, hole ich mir meine Klamotten für heute aus dem Kleiderschrank – immerhin bin ich nicht in Anzug losgefahren, um sie einzusammeln, und koche Wasser für eine Wärmflasche auf. Sie friert die ganze Zeit schon, inzwischen wohl nur noch wegen der Müdigkeit, die ihr in den Knochen sitzt. In einem meiner Shirts und Boxershorts kommt sie wieder aus dem Bad. „Schlafen?", frage ich amüsiert. Sie nickt. „Ja, bitte." – „Wärmflasche liegt schon im Bett", sage ich und folge ihr. Sie klettert unter die Decke. Ich stehe in der Tür. Wasser steht auf dem Nachtisch, der Eimer auf dem Boden daneben – man weiß ja nie – die Vorhänge sind auch zugezogen und ihr Handy ist am Ladekabel. „Schlaf dich aus. Den Schlüssel kannst du später einfach im Büro vorbeibringen, okay? Er liegt auf dem Wohnzimmertisch."
Sie zieht die Decke höher und kuschelt sich ein. „Danke, Harry. Du bist ein toller Bruder", murmelt sie müde. „Mhm. Sag mir das nochmal, wenn du nüchtern bist", schmunzle ich. „Sag doch einfach, danke, du auch." Selbst im Halbschlaf kann sie mir widersprechen. Ich schätze, das wird sie immer können. „Ich bin weg. Wenn noch etwas ist, ruf mich an, okay?" – „Okay", brummt sie fast schon lautlos. Ich mache das Licht aus und schließe die Tür. So wie ich sie kenne, wird sie jetzt mindestens zehn Stunden schlafen.
Für mich hat er Tag allerdings erst angefangen, vor vier Stunden. Ich springe unter die Dusche und ziehe mich um. Danach lege ich Gemma für später frische Handtücher raus und hoffe inständig, dass sie sich nicht an meiner Siebträgerkaffemaschine versucht, sondern einfach den Orangensaft aus dem Kühlschrank nimmt. Den Kaffee gönne ich ihr, das schon, aber nicht, dass sie mir diese Kaffeemaschine kaputt macht. So leise wie möglich ziehe ich die Tür zu und steige wieder in mein Auto.
Ich komme früher ins Büro als sonst und das, obwohl ich zwischendurch noch beim Bäcker war und mir Frühstück geholt habe. Ich hole mir gerade eine neu Tasse Kaffee, als Oliver das Büro betritt. „Guten Morgen", sagt er laut. „Hi", antworte ich knapp und sehe auf die Uhr. Ich bin schon so lange wach, dass es sich längst nicht mehr wie morgens anfühlt. „Seit wann bist du schon hier?", fragt er verwundert, als er mich an der Kaffeemaschine sieht. „Ich bin doch sonst auch immer als Erster hier", antworte ich irritiert. „Stimmt, aber du trinkt um diese Uhrzeit sonst nie schon deinen zweiten Kaffee", erwidert er. „Sonst wärst du jetzt erst dabei, die Kaffeemaschine vorzuheizen und aufzufüllen."
„Ich bin schon seit fast zwei Stunden hier", antworte ich ihm schulterzuckend. „Es gab... einen Vorfall und ich war wach und bin deswegen schon hergefahren. Es hätte sich nicht gelohnt, noch einmal zu schlafen", fasse ich knapp zusammen. „Aber nichts Schlimmes, oder?" Ich zögere. Ich spreche hier selten bis gar nicht über mein Privatleben, aber gerade, als ich ihn abblitzen lassen will, erinnere ich mich daran, dass Oliver von mir mehr Teamgeist erwartet. Gehört zu so etwas, über sein Privatleben zu sprechen?
„Gemma ging es nicht gut und ich musste sie nachts abholen." – „Deine Schwester, oder?" – „Meine kleine Schwester", nicke ich. „Sie war mit einer Freundin feiern und die beiden haben zu viel getrunken, aber ihnen geht es gut." – „Sehr gut", lächelt Oliver und macht sich ebenfalls einen Kaffee. „Sie werden nur einen heftigen Kater haben", füge ich hinzu und muss bei dem Gedanken schmunzeln. Tja, Gem, selbst schuld. Ich denke, dass das gereicht hat. Ich werde meinem Chef jetzt garantiert nicht noch mehr erzählen, denn ich bin nicht sicher, ob das für Gemma in Ordnung wäre.
Es ist Mittag, kurz nachdem ich eine Kleinigkeit gegessen habe, als ich aus meiner Konzentration gerissen werde. Matt kommt (mal wieder) ohne zu klopfen in mein Büro. „Ich kann gerade nicht", sage ich, ohne aufzusehen. „Vielleicht doch. Hier ist jemand für dich." – „Ich habe für gerade keinen Termin, weil ich keine Zeit habe", stelle ich klar. Matt sieht mich skeptisch an. Wenn er jetzt schon die Tür auflässt, nachdem er gegangen ist, werde ich mir ein System einbauen lassen, dass die Tür automatisch wieder schließt. „Ich bin kein Termin!" Gemma drückt sich an Matt vorbei in mein Büro. Verwundert sehe ich sie an. „Was machst du hier?"
Mich wundert zum einen, dass sie schon wach ist, aber auch, dass sie es vor die Tür geschafft hat. Sie hat sich ihre Haare unordentlich zusammengebunden und trägt einen meiner Hoodies, den ich seit Ewigkeiten nicht mehr getragen habe. Anders gesagt: Sie fällt definitiv zwischen meinen Kollegen und mir auf. „Ich habe dir geschrieben, aber du hast mir nicht geantwortet." Ich sehe auf mein Handy. „Du hast mir vor fünf Minuten geschrieben, dass du unten stehst." – „Du hast nicht geantwortet", wiederholt sie nur und zuckt mit den Schultern, bevor sie sich auf einen der Stühle in der Mitte meines Büros setzt. „Ich lasse euch mal allein", meint Matt nur. „Schließ die Tür", sage ich sofort. Er verdreht die Augen, kommt meiner Anweisung aber ausnahmsweise mal nach. Immerhin.
„Wie geht es deinem Kopf?" Sie zuckt mit den Schultern. „Du willst mir nicht zufällig einen Kaffee machen?", fragt sie. „Du weißt, wo die Küche ist." Sie seufzt. „Mhm. Stimmt. Und meinem Kopf geht es langsam besser. Hab eine Kopfschmerztablette genommen." – „Ich hätte gedacht, du schläfst länger." Sie schüttelt den Kopf. „Ich habe mit Steph telefoniert. Sie ist wieder nüchtern und ist gerade auf dem Weg nach Hause." – „Sehr gut." – „Ich soll dir danke sagen", fügt sie hin. Ich nicke.
„Und ich möchte noch etwas." – „Von mir?", frage ich und komme nicht darauf, was es sein könnte. „Du kennst Louis, oder? Zumindest ist es mir so vorgekommen." Irritiert sehe ich sie an. „Was?" – „Nicht? Du weißt schon, Louis der Feuerwehrmann, der uns gestern gefunden und sich um uns gekümmert hat." – „Ich weiß, wer Louis ist", antworte ich sofort angespannt. „Seine Wache ist nicht weit von ihr, denke ich. Ich weiß allerdings nicht, ob er heute arbeitet." Und vor allem, was habe ich damit zu tun?
„Ich weiß, ich habe da angerufen. Er hat erst morgen wieder Dienst, aber da habe ich Uni und bin abends mit Mum essen. Kannst du ihm vielleicht ein Dankeschön von Steph und mir vorbei bringen? Muss auch nichts großes sein." – „Bitte?" Ich glaube, ich habe mich verhört. „Bitte, Harry?" Sie sieht mich lächelnd an. „Immerhin hat er uns quasi gerettet. Wer weiß, ob Steph sonst an ihrer eigenen Kotze erstickt wäre oder ob wir entführt worden wären oder..." – „Schon klar", unterbreche ich sie schnell. Ich verstehe sehr wohl, worauf sie hinausmöchte. „Mach das doch einfach nächste Woche oder so." – „Aber ihr kennt euch doch und die Wache ist quasi nebenan." – „Ein wenig weiter weg ist sie schon." – „Und die Uni ist auf der anderen Seite der Stadt. Bitte." Ich seufze genervt. „Gemma, ich habe wirklich viel zu tun." – „Hast du immer", argumentiert sie und ich weiß, dass sie recht hat. Das Argument zieht also nicht. „Was soll ich denn machen? Ihm Blumen bringen und Pralinen?" – „Klingt gut", grinst sie und steht auf. „Ich gehe jetzt zu Steph und wir katern zusammen aus. Danke dir. Hab dich lieb!", ruft sie noch, als sie schon aus der Tür ist. Perplex sehe ich ihr hinterher.
Ich soll bitte was tun? Ich soll dem Kerl Blumen und Pralinen bringen? Ganz bestimmt nicht, das kann meine Schwester schön selbst tun.
-- -- -- -- --
Tja, da hat Harry jetzt eine etwas andere Aufgabe bekommen. Meint ihr, das wird was oder wird er kneifen?
Love, L
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top