14
Nadia begann nicht zu sprechen, und der eisige Griff ließ nicht ab von Melissa. Sie fuhr sich mit der Hand über den Nacken, als könnte sie das Gefühl damit vertreiben. Gleichzeitig stellte Melissa sich darauf ein, eine ungeheure Geschichte zu hören zu bekommen.
»Ich ... ehm ...«, fing Nadia stammelnd an. »Mel, ich kann es dir nicht erzählen«, meinte sie dann.
Gedämpft und erleichtert zugleich verstand Melissa. Verschwiegenheit. »Gar nichts?«
»Ich habe so schon zu viel verraten ...«
»Es geht mir nicht darum, dass –« Melissa unterbrach sich selbst. War die Klientin womöglich die Täterin? »Außer ... wie soll ich es sagen ... Ehm. Würdest du deine Klientin belasten?«
»Was? So war das gar nicht gemeint«, erschreckte sich Nadia.
»Dann ist doch gut. Ich wollte sagen, dass es mir nicht um irgendwelche Namen geht, obwohl es natürlich hilfreich wäre, mit ihr zu sprechen, aber ich verstehe die Situation. Kannst du mir denn irgendetwas anonymisiert und streng vertraulich natürlich erzählen, was mir helfen könnte?«
»Vier waren noch am Leben«, sprach Nadia ganz langsam aus. »Das hat sie schon ganz oft gesagt. Wenn sie über Geschehnisse redet, die schon länger zurückliegen, zu ihren damaligen Anfängen hier, dann verfällt sie in eine distanzierte Erzählung.«
»Deckt sich der zeitliche Abstand?«, hakte Melissa nach.
Nadia nickte.
»Zu ihren ›Anfängen‹?«
Erneutes Nicken.
»Meinst du, wir könnten gemeinsam mit der Frau reden?«
»Ich kann sie fragen, aber ich verspreche nichts.«
Melissa merkte deutlich, wie unwohl sich Nadia in ihrer befangenen Rolle fühlte, daher stand sie auf. »Danke dir.«
»Klar doch – auf beiden Seiten vertraulich, richtig?«
»Richtig.«
»Wie geht es jetzt weiter?«
»Keine Ahnung. Ich werde jetzt erst mal schlafen gehen.« Melissa lachte. »Und wenn du oder deine Klientin mit mir reden wollt, hier ist meine Karte.« Sie reichte sie ihr. »Wir sehen uns, okay?«
Ein Lächeln von Nadia erschien, ihre Hände berührten sich kurz zaghaft, dann zog Melissa die Tür auf und ging nach vorne raus. Sie meldete sich aus ihrem Auto kurz im Büro und sagte Bescheid, dass sie zum Mittag mit Essen kommen würde. Nachdem sie aufgelegt hatte, fuhr sie nach Hause und gönnte sich noch eine Runde Schlaf.
Vier waren noch am Leben – es waren demnach mit ziemlicher Sicherheit Frauen gemeint, was die Person zu wissen schien, die ihnen das Rätsel geschickt hatte. Im Büro hielt sie sich bedeckt in Bezug auf das Gespräch heute Morgen, obwohl sie wussten, wo sie war.
»Gibt es irgendwelche Neuigkeiten zu den Garagen?«, fragte sie in die Runde.
»Nein«, antwortete Jonas.
»Irgendwelche anderen News?«
»No«, kam von Florian.
»Alles klar, ich gehe jetzt zu Hase und bringe ihn auf den Stand und hoffe, dass ihm das ausreicht, um die Observierungen aufrechtzuerhalten. Drückt die Daumen.«
Ein letzter Blick in den Raum verriet ihr, dass ihre Chaoten heute schon einiges gemacht hatten. Die neuesten Erkenntnisse hingen an ihren Orten, die Tafel war aktuell. Selbst bei der Vier wurde ›Frauen‹ mit einem Fragezeichen notiert.
Achim bewilligte die Beschattung sofort, nach dem er erfahren hatte, was sie zutage gefördert hatten, doch seine Mimik entsprach nicht seinen Handlungen.
»Was ist denn, Achim?«, fragte Melissa daher zögerlich.
»Wen hast du gerade im Visier?«
»Das ist eine gute Frage.«
»Tja, ich dachte, darum geht es hier.« Verschmitzt blickte er sie an.
»Ich bin dabei es herauszufinden. Der Fall geht tiefer, als wir zu Beginn erahnen konnten. Oder hast du es dir schon gedacht, dass wir es mit Frauenhandel zu tun haben?« Sie beugte sich vor und faltete ihre Hände zwischen den Beinen.
Achim wehrte mit seinen Händen ab.
»Ich finde«, fuhr Melissa fort, »niemand ist bisher raus, aber niemand gleichzeitig total drin. Es könnte ja auch die Person sein, die uns das Rätsel geschickt hat, aber vielleicht wollte die Person dadurch lediglich erreichen, dass endlich mal ermittelt wird. Wer weiß?«
»Daher alle weiterhin auf dem Kieker haben?«
»So ist es, solange ich niemanden ausschließen kann, ... bleiben sie All-In.« Melissa entfaltete ihre Hände, sodass sie über dem kleinen Tisch schwebten, als würden sie etwas präsentieren. »Oder kannst du es – jemanden ausschließen?«
»Nee«, Achim lachte auf, »auf keinen Fall.«
»Gut, dann sind wir ja einer Meinung.«
»Wie so oft«, schloss er und hielt seine Tasse hoch, Melissa tat es ihm gleich. »Sag Bescheid, wenn du mehr Leute brauchst.«
»Das mache ich.«
»Dann lass uns nun eine Weile hier entspannen, bevor du wieder ins Getümmel entschwindest.«
Wie aufs Stichwort lockerte sie ihre Haltung und ließ ihren Rücken gegen das weiche Polster sinken. Ein wohltuender Seufzer entkam ihr. Ja, dieses Büro schenkte ihr eine beruhigende Atmosphäre. Das durfte nicht außer Acht gelassen werden – sich Zeit zum Durchatmen zu nehmen.
Zurück im Konferenzraum überbrachte sie die guten Nachrichten ihrem Team, die ebenso erleichtert aufatmeten. Auch von ihrer Seite gab es etwas zu berichten. »Es hat jemand für dich angerufen. Die vom Empfang haben den Anruf direkt hier nach oben durchgestellt. Da du nicht erreichbar warst, bin ich rangegangen. Eine Nadia wollte dich sprechen«, unterrichtete Jonas sie.
»Oh, vielen Dank, Jonas.«
Melissa nahm aus einem Impuls heraus ihr privates Handy zur Hand, auf dem eine Nachricht aufpoppte. Von Nadia, sie hatte ihr getextet, dass sie versucht hatte, sie zu erreichen, es dringend sei. Mit kribbelnden Fingern tauschte Knopf ihr privates gegen das dienstliche Handy aus und rief in der Einrichtung an.
»Soll ich dir noch die Nummer geben?«, fragte Jonas sie gerade, da ging Nadia bereits ans Telefon.
Melissa deutete ihrem Kollegen mit ihrer freien Hand zum Handy und hoffte, dass er verstand, dann widmete sie sich dem Telefonat. »Melissa hier. Sorry, ich war in einem Meeting. Du hast angerufen.« Es wäre ihr schräg vorgekommen, sie plötzlich zu siezen, nur weil ihre Kollegen in der Nähe waren.
Aufmerksam hörte sie Nadia zu, fragte nach, vergewisserte sich dadurch, ob sie sie richtig verstanden hatte. Als sie eine Uhrzeit abgemacht hatten, begriff sie, dass sie tatsächlich eine von den Vieren – eine Zeugin von damals – treffen würde. Evelina.
Sie packte ihr Handy weg und spürte im nächsten Moment die Blicke ihrer beiden Kollegen. Florian, der sich denken konnte, warum sie die Nummer hatte, aber sich gerade versuchte, einen Reim daraus zu machen, wieso sie die Mitarbeiterin dort duzte. Und die glühenden Augen von Jonas, der noch am Lernen war und der noch nicht einmal wusste, dass sie auf Frauen stand.
Lange hätte sie das merkwürdige Aufeinandertreffen sowieso nicht unter Verschluss halten können, also sollte sie nun direkt für Klarheit sorgen. Innerlich aufgeregt, äußerlich sich nicht anmerken lassend, drehte sie sich um.
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