8. Hey
Heute ist Donnerstag und heute habe ich frei. Was aber wiederum bedeutet, dass ich Jennys Sklavin auf Zeit bin. Zuerst lässt sie mich die ganze Wohnung putzen und später schickt sie mich auch noch mittags, mit einer gefühlt meterlangen Einkaufsliste, zum Einkaufen. Was überhaupt nicht einfach ist, denn sie wollen alles, aber Geld ausgeben wollen sie nicht. So muss ich immer penibel auf die Preise und das billigste Angebot achten. Aber bevor ich mich durch die unzähligen Angebote im Supermarkt quäle schlage ich noch den Weg zum Strand ein.
Die Worte von Lucas lassen mich nicht los. Ich muss es einfach ausprobieren, ob ich ins Wasser komme oder nicht. Ich hatte noch nie Angst vor dem Meer. Respekt schon, aber keine Angst.
Der Strand ist schon ziemlich voll, aber ich lege meine Tasche trotzdem etwas Abseits in den Sand. Langsam Schritt für Schritt gehe ich auf das Wasser zu. Siehst du Mia, das geht doch ganz leicht!
Es fehlen nur noch wenige Schritte und ich stehe im Wasser. Das Wasser schwappt über meine Zehen bis hin zu meinen Knöcheln. Ich spüre den groben Sand unter meinen Fußsohlen und vereinzelte scharfkantige Steinchen, die sich schmerzhaft in meine Haut bohren. Aber ich bleibe ich stehen. Ich weiß nicht mal genau warum, ich tue es einfach. Das Wasser schwemmt etwas Sand unter meinen Füßen hinweg aber ich kann nicht weiter. Von einem auf den anderen Moment beginnt mein Herz viel schneller zu schlagen und meine Hände fangen an zu schwitzen. Obwohl mir nicht mal warm ist, eher im Gegenteil ich friere. Und dann tauchen die Bilder in meinem Kopf auf und ich fühle wie dieselbe Panik zu ertrinken in mir aufsteigt, wie an dem Tag als ich Lucas das Leben gerettet habe. Jeder einzelne Moment von dieser Rettungsaktion kommt mir wieder in den Sinn. Das Meeres Rauschen ist plötzlich so laut und der salzige Geruch ist so wiederwertig, dass ich fast schon beginne zu würgen.
Ich kann es nicht. Diese Erkenntnis brennt sich in mein Gehirn. Ich kann es nicht. Ich kann einfach nicht weiter gehen, in das Meer hinein. Ich kann's nicht. Wie von alleine beginne ich rückwärts zu gehen, den Blick fest auf den Horizont vor mir gerichtet, ich taumle, falle, rapple mich wieder auf und schaffe es endlich mich umzudrehen. So schnell ich kann ziehe ich mich wieder an und renne schon fast durch den Sand. Einige skeptische Blicke von Urlaubern treffen mich, doch ich habe nur die Treppe zur Straße hinauf und somit das Ende des Strandes, im Blick, Langsamer werde ich erst wenn ich den Asphalt unter meinen Füßen spüre und der Geruch und Klang des Meeres leiser werden.
Was war das denn bitte? Was stimmt mit mir nicht? Das ist doch nicht normal. Vor zwei Wochen war es für mich noch normal regelmäßig die Woche im Meer schwimmen zu gehen und jetzt? Jetzt schaffe ich es nicht mal bis zu den Knien ins Wasser zu gehen. Okay Mia beruhig dich jetzt, vielleicht ist heute einfach nicht der richtige Tag dazu, vielleicht ist alles noch zu frisch und in ein paar Tagen ist alles wie vorher und ich kann diesen Tag endlich vergessen. Dieser Gedanke ist dumm, dumm und naiv. Aber ich werde mir nicht eigenstehen, dass ich ein Problem habe, von denen habe ich schon genug.
Weil mir nichts anderes übrigbleibt und mir die Ablenkung ganz gelegen kommt, steuere ich auf den nächsten Supermarkt zu und ziehe die lange Einkaufsliste hervor. Ganz oben steht natürlich die wöchentliche Dosis von Toms Zigaretten und Bier. Ich schnappe mir einen Einkaufwagen und versuche ihn so unfallfrei wie möglich durch die schmalen Gänge zwischen den Regalen zu manövrieren.
Nach fünfzehn Minuten Preisvergleichen, Schnäppchen und Sonderangeboten suchen habe ich den Großteil der Liste abgearbeitet. Der Einkaufswagen ist schon gut gefüllt und mir ist schleierhaft wie sich Jenny vorgestellt hat, wie ich das ganze Zeug in die Wohnung bekommen soll. Irgendwo im hinteren Teil des Ladens bricht ein kleiner Tumult aus, wenn man es als Tumult bezeichnen kann, wenn ein paar übermütige Jungs sich über die Regale hinweg zubrüllen welche Alkohol Vorräte sie noch aufstocken müssen und wer, denn jetzt als erstes den Wodka findet.
Im Gedanken kann ich da nur meinen Kopf schütteln, doch eigentlich haben es diese Jungs, die jetzt, so dass es der Rest des Ladens nicht überhören kann, über die verschiedenen Alkoholprozente diversen Getränken fachsimpeln, so gut.
Früher wollte ich immer zu ihnen gehören, zu den „Coolen" aber irgendwann und irgendwo habe ich wohl die falsche Abzweigung genommen und bin jetzt hier. Ohne Party Exzesse, Kater und auch ohne Freunde.
Seufzend lenke ich meine Aufmerksamkeit wieder vor mir auf das Regal mit den Billigweinen. Na super, Jennys Lieblingswein ist ausverkauft, aber wenn ich ohne einen Wein in die Wohnung zurück gehe, kann ich mir wieder eine Standpauke von ihr anhören. Also stehe ich jetzt hier und rätsle welchen Pappkarton mit Wein ich jetzt nehmen soll. Ich wette diese Discounterweine schmecken alle gleich, aber für Jenny ganz sicher nicht. Egal welchen ich nehme, sie wird daran etwas auszusetzten haben, sogar wenn er besser, als der von ihr bevorzugte, schmecken würde.
Im Hintergrund höre ich wie Einkaufswagen mit einer halsbrecherischen Geschwindigkeit umher geschoben werden. Den blauen oder grünen Karton? Oder doch dieses leicht rosafarbenen...?
„Hey, ist das nicht die Kleine?", höre ich eine Stimme keine drei Meter von mir entfernt. Instinktiv dreht sich mein Kopf in die Richtung, aus der ich diesen Satz gehört habe und da stehen sie. Der blonde Surfer Boy mit den blauen Augen, natürlich oben ohne, damit jeder seine gut dezent definierten Bauchmuskeln und den braun gebrannten Oberkörper betrachten kann. Dass die Stellen an den Schultern und Rücken wo sich die verbrannte Haut, nach einem starken Sonnenbrand, schon abschält auch zu sehen ist und diese gar nicht so attraktiv sind, weiß er nicht oder es ist ihm egal.
Ja das ist der Typ, der mich vor nicht allzu langer Zeit im Sunny's an geflirtet hat. Er, ist aber nicht der Grund warum ich mein Schicksal verfluche und mich frage warum ich nicht einfach gleich in den Supermarket gegangen bin, anstatt noch ans Meer zu gehen. Denn, diese Wünsche kommen in mir beim Anblick der Person die neben ihm steht auf. Zwar trägt diese ein Shirt, doch ist die Marken Sonnenbrille ganz cool im dunkelbraunen Haar hochgeschoben. Lucas . Lucas, der mich jetzt einfach nur anstarrt und dessen Blick ich nicht deuten kann.
„Hey", ist alles was er nach ein paar Sekunden herausbringt. Ich weiß nicht was ich erwartet habe, eigentlich habe ich ja gehofft ich würde ihn nicht mehr sehen, aber ein einfaches Hey, wäre, wenn ich mich über eine potentielle nächste Begegnung Gedanken gemacht hätte, nicht meine Wunschwahl gewesen. Wie gesagt, wenn ich mir Gedanken gemacht hätte, was ich nicht habe. Aber vielleicht ist dieses Hey. ja auch ganz angebracht.
Ich greife nach dem erstbesten Wein und lege ihn in den Einkaufswagen, nebenbei wiederhole ich noch schnell seine Begrüßung: „Hey. Ich..," etwas unbeholfen deute ich in die Richtung in der ich den Ausgang vermute, „Ich muss jetzt los." Ohne auf eine Reaktion von ihnen zu warten, gehe ich schnellen Schrittes auf die Kassa zu. Plötzlich ist es mir gar nicht mehr so wichtig die komplette Einkaufsliste abzuarbeiten, ich will einfach nur raus von hier. Den Großteil hab ich doch eh schon gefunden.
Aber wieder macht mir der Zufall, oder eher das Pech, einen Strich durch die Rechnung, denn vor der einzigen Kassa die geöffnet hat, hat sich eine lange Schlange gebildet und das bedeutet warten. Zu allem Übel kommt nach ein paar Minuten, sobald nur noch zwei Kunden vor mir sind, Lucas und der Surfer Boy, Max wenn ich mich richtig erinnere, mit zwei Einkaufswagen, in dem sich vor allem diverse Flaschen mit bunten und klaren Flüssigkeiten befinden um das letzte Regal gebogen.
Warum?
Angestrengt starre ich gerade aus und bin glücklich, dass die Jungs hinter mir mich ignorieren. Soweit ich das mitbekomme diskutieren sie über verschiedene Caterings, die Partyhäppchen liefern und nach ein paar Sätzen zu diesem Thema, schwenkt das Gespräch plötzlich in Richtung One Night Stands. Spätestens ab da, versuche ich wegzuhören, was mir auch gut gelingt, denn jetzt bin ich zum Glück endlich dran. So schnell es geht stelle ich die Sachen aus dem Waagen auf das Band zur Kassa und warte darauf, dass die Kassiererin endlich alles eingescannt hat, mir sagt was ich zahlen muss und ich dann endlich verschwinden kann. Die Anwesenheit von Lucas macht mich nervös. Um mich über diese Tatsache zu ärgern, dafür fehlt mir die Zeit. Im Moment ist der einzige Gedanke: Flucht! So schnell wie möglich weg von hier.
„Das wären dann 61,78", nennt die Kassiererin den Betrag. Hecktisch ziehe ich den Reisverschluss der Brieftasche auf und suche den Geldbetrag heraus. Es ist zu viel, die Zahl zu hoch. Ich habe nicht mal alles gekauft und trotzdem mehr bezahlt, als Jennys vorgegebenes Limit. Aber im Moment ist mir das fast schon egal. Ich möchte einfach nur, aus dieser unangenehmen Situation verschwinden. Warum sie mir so unangenehm ist, bleibt mir selbst ein Rätsel. Aber ich bin mir sicher, dass es an ihm liegt. Lucas .
Zügig packe ich meinen Einkauf, in die mitgebrachten Stofftaschen und habe, fast zu wenig Platz in den zwei Taschen. Schnell schnappe ich mir noch das Restgeld, stecke es achtlos in meine Hosentasche, greife nach den Trageschlaufen der Taschen und verschwinde durch die Tür ins Freie. Jetzt rächt sich die Tatsache, dass ich über die Mittagszeit diesen Einkauf machen musste, denn die Hitze erschlägt mich förmlich. Ich bin hohe Temperaturen gewohnt, aber ich hasse dieses Gefühl, wenn man von einem schön klimatisierten Raum in die Sommerhitze Mallorcas, hinausgehen muss. Die Stoffhenkel schneiden jetzt schon in meine Handfläche, und ein Ziehen, das von dem schweren Gewicht kommt, macht sich langsam in meinem Rücken bemerkbar. Ich schaue nach rechts, dann nach links und überquere als kein Auto mehr an mir vorrüberfährt, die Straße. 15 Minuten Fußmarsch, das habe ich jetzt noch vor mir. Aber egal wie sehr ich versuche mich auf die schweren Taschen zu konzentrieren, das unwohle Gefühl verschwindet nicht. Gerade als ich in eine schmale Gasse einbiegen möchte höre ich wie jemand meinen Namen ruft: „Mia." Ich brauch mir nichts vormachen, die Stimme erkenne ich sofort. Auch wenn ich nicht besonders oft mit Lucas gesprochen habe, bin ich mir doch zu 100 Prozent sicher, dass er es ist, der mich ruft. Sofort ergreift mich wieder dieses schlechte Gefühl.
Ich mache das Beste, oder vielleicht dümmste, was ich in dieser Situation hätte tun können, ich ignorieren ihn. Mein Herzschlag beschleunigt sich, aber ich bin der Überzeugung, dass es so richtig ist. Aber wirklich etwas bringen tut es mir nichts, denn ich höre wie hinter mir jemand beginnt zu rennen und als ich nochmal von Lucas ein: „Mia warte", höre, jetzt aber um einiges näher, halte ich an. Sonst beginne ich am Ende noch loszulaufen und blamiere mich völlig. Unsicher drehe ich mich um und beobachte wie er die letzten Meter locker auf mich zu joggt.
„Hey", da ist es wieder dieses Hey, kann er nicht auch mal was anderes sagen? Und warum klingt er so überhaupt nicht außer Atem? Wenn ich bei den Temperaturen einen Kurzspringt hingelegt hätte, würde meine Stimme sicher nicht so ruhig klingen. Aber ich geh ja auch nicht der Mal die Woche ins Fitnessstudio, so wie es mein gegenüber wahrscheinlich macht.
„Hey", gebe ich zurück. Er starrt mich an, so als ob er warten würde, dass ich noch was sagen. Da kann er aber lange warten. Schließlich hat er ja mich aufgehalten. Da muss er doch auch etwas sagen, oder?
„Ähm.. Ich wollte eigentlich...", ist er etwas verlegen? Ein kleines Bisschen schon oder? „Ja...", versuche ich ihn etwas zu helfen. „Ja, ähm... Wir schmeißen Heute eine Party. Vielleicht hast du ja Lust vorbei zukommen. Wir haben einen ganz guten DJ, es gibt essen und es wird bestimmt ganz cool." Eine Party und ich? Das passt nicht so wirklich zusammen. Gerade will ich mir auch irgendeine Ausrede einfallen lassen, da meint er aber: „Ich würde mich wirklich freuen, wenn du kommt. Irgendwie hab ich ja auch noch was gutzumachen, wegen der Katastrophe beim Abendessen." Es ist nicht, das was er sagt, dass mich davon abhält sofort abzusagen, vielmehr ist es sein Blick, seine Augen, die mich dazu bringen ernsthaft darüber nachzudenken, die Einladung anzunehmen. „Komm schon", lächelt er mich ermutigend an. Ich könnte doch hingehen, vielleicht schaffe ich es ja loszulassen und Spaß zu haben.... Ja kurz denke ich wirklich darüber nach, auf diese Party zu gehen. Dann schüttle ich aber wieder den Kopf und vorsichtige Mia macht einen Rückzug. „Tut mir leid ... keine Zeit", stammle ich.
Mit einem skeptischen Blick mustert er mich, er glaubt mir nicht. „Falls du es dir anders überlegst, das Haus liegt etwas außerhalb. Einfach die Straße wo wir uns vor ein paar Tagen gesehen haben, weiter und dann die erste Abfahrt links." „Danke, aber ich habe wirklich keine Zeit", wiederhole ich mich. „Kein Problem, aber wie gesagt, die Einladung steht." Meint er das wirklich ernst, dass er mich gerne dabei hätte? Oder ist er einfach nur höflich. „Gut...Ich muss dann auch", ich blicke auf die Taschen in meinen Händen hinunter, die ich mitleerweile auf dem Boden abgestellt habe.
„Ja klar natürlich. Dann ... bis heute Abend vielleicht oder ein andern Mal."
„Okay", ich greife nach meinen Taschen, hebe sie hoch und drehe mich nach einem kurzen Blick zu Lucas um, und mache mich, endlich, auf den Weg in die Wohnung Nummer 7. Ich spüre die Hitze nicht mehr so stark, die Schmerzen meine Hände und Schultern sind auch nicht mehr so schlimm, denn vor mir sehe ich immer noch diese braun-grünen Augen.
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