16. Interpretations-Sache
Nur noch ein paar Sekunden dann kann ich mich unter den kalten Wasserstrahl stellen und zumindest versuchen all meine Probleme, Bedenken und Sorgen abzuwaschen. Ich ziehe den Duschvorgang beiseite und stelle mich unter den Duschkopf. Die Stufe stelle ich genau auf die Mitte ein, da ich weder einen Kälte Schock bekommen möchte noch ungern verbrannt werde. Im ersten Moment klemmt der Hebel, aber noch einem kräftigen Ruck prasselt das Wasser auf meine nackten Schultern. Die Temperatur ist nicht unbedingt optimal, deswegen stelle ich sie noch einen Tick kälter. Langsam weckt mich das kalte Wasser auf. Genüsslich strecke ich mich und halte meinen Kopf in den Wasserstrahl und „Scheiße!", fluche ich laut und springe aus der Dusche. Verzweifelt reibe ich meinen brennenden Augen und auch als ich das Wasser am Wasserhahn aufdrehe und sie auswasche, wird es nur noch schlimmer.
Salzwasser! Überall nur Salzwasser.
Laut fluche ich und reibe mit einem Handtuch über meine brennenden Augen.
„Mia? Alles okay?", fragt Lucas durch die Tür.
„Nein! Die Dusche ist kaputt, da kommt nur Salzwasser raus", beklage ich mich und wage es vorsichtig meine Augenlider zu heben. Es brennt zwar immer noch, aber langsam wird es besser. Ich streiche mir die nassen Haare hinter Ohr und spüre, wie das Salzwasser auf meiner Haut zu trocknen beginnt.
„Ähm.. nein, die ist nicht kaputt. Ich habe dir vergessen zu sagen, dass es hier nur ne Stunde am Tag Süßwasser gibt", höre ich seine gedämpfte Stimme.
Das ist doch ein schlechter Scherz, oder? Aber ich kann weder lachen noch die Hoffnung auf eine normale Dusche aufrechterhalten, denn das einzige, was Lucas noch sagt, ist: „Mit Shampoo ist es nur halb so schlimm. Für Zähneputzen hab ich noch etwas Wasser von gestern übrig. Ich erklär's dir später."
Also heißt es Zähne und Augen zusammenkneifen und einfach nicht drüber nachdenken, wie schön jetzt normales Wasser wäre. Wie eine Bruchbude hat das Zimmer ganz und gar nicht ausgeschaut. Es ist zwar nicht sonderlich luxuriös, aber es hat auf mich einen gepflegten und sauberen Eindruck gemacht. Schneller als gedacht, finde ich das salzige Wasser gar nicht mehr so schlimm und genieße die kühle Flüssigkeit auf meiner Haut. Das Hotel-Shampoo, das in einer kleinen orangen Flasche mit einer liebevoll gebundenen Schleife versehen ist, duftet wunderbar nach Orangen und so kann ich es mir nicht verkneifen ein zweites Mal meine Haare einzuschäumen.
Passend zum Orangen-Shampoo sind alle Handtücher in einem hellen orange Ton gehalten. Ich wickle mich in den weichen Stoff ein und versuche mit meinen Fingern die Knoten aus meinen Haaren zu kämmen.
Tja und jetzt stehe ich vor der Wahl. Entweder ziehe ich wieder meine durchgeschwitzten und vom Schlaf zerknitterten Sachen vom Flug an oder ich verlasse das Badezimmer, nur in ein Handtuch gekleidet, und hohle mir frische Klamotten aus meinem Rucksack. Nach einigem hin und her überlegen siegt doch mein Wunsch nach sauberem Stoff auf meiner Haut und ich öffne die Badezimmertür. Lucas sitzt auf dem hellgrünen Sofa, auf seinem Schoß eine Karte, über die er sich beugt. Kurz schaut er nur auf und sagt mir wo ich die fast leere Wasserflasche finde.
Kurz blicke ich mich suchend im Raum um und entdecke meinen Blümchenrucksack samt Tasche am Bettende.
Vorsichtig, sodass es ja zu keinem peinlichen Malör kommt, gehe ich in die Hocke, halte mit meiner linken Hand die zwei Handtuchenden fest umklammert und wühle mit meiner rechten nach den Dingen, die ich brauche.
Sobald die Badezimmertür hinter mir ins Schloss fällt lasse ich alles auf ein trockenes Flecken Boden fallen und ziehe mich an.
Flink flechte ich meine, noch immer, nassen Haare zu einem Zopf. Wir sind also in Sizilien und wenn mich meine Geografie Kenntnisse nicht völlig im Stich lassen und das tun sie nur sehr selten, befinden wir uns im äußersten Süden Italiens, auf der Insel, die der Stiefel wie einen Ball auf der Fußspitze balanciert.
Kurz werfe ich noch ein letztes Mal einen prüfenden Blick in den Spiegel und mustere mich skeptisch. Man sieht mir die Strapazen der letzten Tage und Stunden an. Zwar hat mir der Schlaf gutgetan, doch meine Haut wirkt unnatürlich dünn und blass, meine Augen stechen seltsam stark hervor und drei fiese Pickel habe sich auf meinem Kinn zu den anderen Mitessern eingenistet.
Wenn ich Make-up eingepackt hätte, dann hätte ich die braune Paste jetzt sicher auf mein Gesicht aufgetragen. Doch in meiner Eile hatte ich andere Prioritäten und mehr als eine einfache Wimperntusche hat es nicht bis in mein Gepäck geschafft.
Lucas Karte liegt, als ich das Zimmer betrete, geschlossen auf dem Tisch vor ihm und er faltet gerade einen Zettel zusammen und steckt ihn ein.
„Na, fühlst du dich schön salzig?", fragt er mit einem, für ihn so typischen, Grinsen.
„Hah ha ha", verdrehe ich die Augen, „Die Dusche hat aber trotzdem gutgetan."
„Na dann. Was hältst du davon, wenn wir einen kleinen Stadtrundgang machen? Ich war gestern schon mal draußen und hab mich kurz umgeschaut und ich muss sagen, es rentiert sich", schlägt er vor. Die Situation ist zugegeben etwas seltsam. Wir sind praktisch Fremde und jetzt befinden wir uns zusammen in einem kleinen Hotelzimmer in Sizilien und werden die nächste Zeit zusammen verbringen.
„Klar", antworte ich und greife nach meiner Tasche, die ich noch schnell, bis auf die notwendigen Dinge, ausräume. Ich denke die beste Methode, um peinliche Situationen zu vermeiden ist im Moment, zu ignorieren wie verrückt es eigentlich ist was wir hier gerade machen.
Lucas greift noch nach seiner Kamera und geht voran. Unser Hotel liegt in der Altstadt Catanias und ist weder heruntergekommen noch schäbig.
Das Salzwasser aus den Hähnen kommt, hat einen anderen Grund, wie mir Lucas beim Frühstück in einem naheliegenden Café erklärt. In Sizilien herrscht eine große Wasserknappheit, da es praktisch nie regnet. Aber im Winter fallen auf dem Ätna – dem gigantischen Vulkan den man in der Stadt von überall aus sehen kann – bis zu fünf Meter Schnee. Wenn die weiße Pracht im Frühling dann schmilzt, wird so viel wie möglich aufgefangen und über das ganze Jahr hinweg rationiert. So gibt es nur eine Stunde am Tag, und zwar von 06.00 Uhr bis 07.00 Uhr Süßwasser. Um den Touristen das Leben aber nicht schwerzumachen haben viele Hotels große Wassertanks auf dem Dach, sodass die zahlenden Gäste wann immer sie wollen duschen können. Da unser Hotel aber ziemlich klein ist, fehlt so ein Tank.
Catania, die Stadt unter dem Berg, stellt sich als ein wahres Juwel heraus. Am Fuße der Südhänge des Ätna breitet sie sich bis an die Küste des Ionischen Meeres aus. Catania sei eine Perle, heißt es, geboren aus Feuer und Wasser, zwischen Mittelmeer und dem Ätna, so zumindest die Worte des kleinen Reiseführers, den sich Lucas während meines Dornröschenschlafs gekauft hat.
Unser Rundgang beginnt im Zentrum der historischen Altstadt, der Piazza Duomo. Das Wahrzeichen der Stadt, der Elefantenbrunnen, ist vor der Kathedrale zu sehen. Ein schwarzer Lava-Elefant trägt einen Obelisken aus hellem Granit. Allgemein scheint man sich hier den Fluch des Vulkans zunutze zu machen. Überall, in Palästen, Wohnhäusern, Kirchen, als Straßenpflaster oder am Hafen, wird das Lavagestein verarbeitet. Auch das römische Amphitheater, das wir später noch besichtigen wollen, soll aus dem schwarzen Stein gebaut sein. So ist es nicht verwunderlich das Catania, auch den Spitznamen „die schwarze Stadt" trägt.
Nachdem wir durch die belebten Straßen gesteift sind landen wir im Park der Villa Bellini, die inmitten der turbulenten Stadt eine Oase der Ruhe bietet. Springbrunnen, ein Musikpavillon und verwinkelte Plätze im Grünen kreieren einen Platz Entspannung und Erholung.
Dutzende Spazierwege durchqueren das Gelände, umgeben von riesigen Platanen, Palmen und Bäumen tropischer Herkunft.
Wir suchen uns ein kleines schattiges Plätzchen unter einem großen Baum und blättern den Reiseführer durch. Immer mal wieder wird ein Eselsohr als provisorisches Lesezeichen in die schmalen Seiten gebogen und schon bald steht unser Plan für die nächsten Tage.
Der Hunger lockt uns zu unserem nächsten Ziel, dem großen Wochenmarkt auf der Piazza Carlo Alberto.
Dicht gedrängt stehen die Stände zusammen und kreieren enge Gassen. Hier trifft man ein vielfältiges Angebot von Handtaschen, Haushaltswaren, Schmuck, Vogelkäfigen bis hin zu Stoffballen an. Aus kleinen Musikboxen dudeln die neuesten Schlager, die hier anscheinend sehr beliebt sind. Auf Tischen türmen sich frisches Obst und Gemüse aus der Region.
„Sizilien ist ein trockenes Land, kein Wasser, kein Regen. Aber der Wind, der Schirokko Wind, unserer Rettung. Bringt Wasser für die Pflanzen und schwarze Erde von Ätna macht Rest", preist ein fast zahnloser Bauer aus der Umgebung, mit gebrochenem Englisch, seine Ware an.
Vor ihm leuchten die großen Orangen und Zitronen, neben ihnen in braunen Schalen eingelegte Oliven. Schon wird der Zahnlose von seinem gegenüberliegenden Nachbarn übertönt, der seine feuerrote Peperoncini an den Mann bringen will.
Ich bin wie elektrisiert und meine Sinne sind völlig überfordert mit den ganzen Eindrücken. Die Luft ist erfüllt von den unterschiedlichsten Gerüchen Gewürze, Käse und frischem Fisch. Doch je näher der Zeiger der großen Sonnenuhr des Turms näher der Zahl 12 rückt, desto ruhiger wird es und fast zeitgleich sind alle Stände verpackt, die Restwaren in den klapprigen Autos oder Rollen verstaut und der Platz ist leer. Lucas und ich haben uns durch das halbe Sortiment probiert daher können wir uns ein Mittagessen sparen stattdessen setzten wir uns in eine klimatisierte Gelateria und bestellen ein Sorbet, das eine kulinarische Spezialität Catanias sein soll.
Da ansonsten keine Kunden im Laden sind, setzt sich der junge Besitzer einfach zu uns an den Tisch und so lernen wir die Offenheit der Süditaliener hautnah kennen. Zu Lucas Freude spricht er gutes Englisch und so müssen wir uns nicht mit Händen und Füßen verständigen. Obwohl ich herausgefunden habe, dass von den zwei Jahren Wahlpflichtfach Italienisch, das ich in der Schule belegt habe noch einiges hängen geblieben ist.
Lucas erkundigt sich bei Andrea gerade nach dem Verkehr und wo man sich am besten ein Auto leihen kann, da lacht der Italiener auf. „Ihr braucht euch nur eines zu merken. In Sizilien hält man sich genau an ein Gesetzt und das ist das Bau-Gesetzt. Man baut mit Beton und Stahl. Der Rest", er winkt ab und lehnt sich zurück, „ist Interpretation Sache."
„Wie sieht's eigentlich mit dem Vulkan aus? Wir haben nämlich überlegt ob wir rauf fahren sollen", lenkt Lucas das Thema, bevor Andrea noch beginnt uns die Plätze zu verraten wo man am leichtesten an Drogen kommt.
„Der Vesuv ist unberechenbar, aber der Ätna ist wie eine schlafenden Katze, die von Zeit zu Zeit aufwacht und bei schlechter Laune ausrastete, so lernt das jedes italienische Schulkind. Der letzte größere Ausbruch ist schon ein Jahr fast her. Vor zwei Wochen hat er mal breve....ähm", kurz sucht er nach dem richtigen englischen Wort, „kurz geraucht aber soweit ich weiß kann man im Moment mit einem Führer ziemlich weit rauf gehen. Wenn ihr unbedingt rauf wollt, würde ich euch empfehlen auf der Straße bis zur Gondelbahn zu fahren, dort sind die Krater vom Ausbruch von 2001. Da sieht man eigentlich schon alles, so kann man sich auch sparen ganz rauf zu fahren."
Nach einer etwas sehr ausführlichen Geschichtsstunde verlassen wir den Laden und machen uns auf den Weg zum berühmten Römisches Amphitheater. Der Großteil des Theaters liegt noch begraben unter den Häusern und da die Wärme in der Stadt langsam unerträglich wird flüchten wir an den Hafen. Ein kleineres Kreuzfahrtschiff legt gerade an und es herrscht eine träge Geschäftigkeit auf den Straßen. Langsam geht der Tag zu Ende. Wir haben es uns auf einer Mauer bequem gemacht und beobachten den Trubel auf dem Meer. Die Boote der Ausflügler legen nach und nach an. Touristengruppen kommen an Land und lassen begeistert aber müde die Geschehnisse des Tages Revue passieren. Die Steine unter uns strahlen eine angenehme Wärme aus und mit jeder Minute verliert die Sonne etwas von ihrer erbarmungslosen Intensität und das erste Mal seit langem fühle ich mich komplett gelassen und entspannt.
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