Flashback 6
Harry:
Mum kommt spät nach Hause. Es ist nichts Ungewöhnliches. Ich stehe wie so oft in der Küche am Herd. Sie stellt ihre Sachen ab, wäscht sich die Hände und kommt zu mir. „Hallo Großer, wie war dein Tag?" Sie küsst meine Haare und nimmt sich ein Glas Wasser. „Ganz gut", sage ich knapp. Ganz gut, sage ich jeden Tag. Immer war es ganz gut. Sie nickt und stellt sich zu mir. „Es gibt eine Gemüsepfanne mit Reis", sage ich und nehme mir ein paar Gewürze. „Wenn das so weitergeht, kannst du bald besser kochen als ich", witzelt sie. Ich lächle kurz. Sie sagt das nur, um die Stimmung zu lockern. Ich weiß, dass sie es nicht mag, dass ich so viel Koche. Es ist bereits kurz vor acht. Sie hatte gerade erst Feierabend. Ich bin zuhause und kann kochen, wieso sollte ich dann nicht auch tun? Ich sage ihr nicht, dass ich auch schon einkaufen war. Ich glaube, dann bekommt sie das Gefühl, dass sie sich nicht um mich kümmern würde.
Sie sagt es natürlich nicht, würde sie nie, aber ich habe immer mal wieder das Gefühl, dass sie sich genau deswegen Vorwürfe macht. Dad macht sich auch Vorwürfe, aber sowohl Mum als auch ich nehmen es ihm nicht übel. Er kann gar nicht so lange in der Küche stehen. Wir wissen, dass er sich das nicht ausgesucht hat. Keiner von uns hat das. Jeden Tag darüber zu sprechen ist schwierig. Es geht nicht. Deswegen versucht Mum es mit Humor zu kompensieren. Ich spiele mit. Ich hoffe, dass es ihr dann ein kleines bisschen besser geht.
Sie deckt den Tisch, als ich den Herd ausstelle und das Wasser aus dem Reistopf abkippe. Beim Essen erzählt sie von der Arbeit. Ein Kollege hat verkündet, dass er bald Vater wird. Sie freut sich für ihn. Ich hingegen fühle mich schlecht, weil mein erster Gedanke ist, dass er dann bald eine ganze Zeit lang ausfällt und Mum nach mehr zu tun haben wird. So sollte ich nicht denken, aber ich kann es nicht verhindern.
Ich zögere eine Weile, aber schließlich sage ich: „Wäre es okay, also wenn das mit deiner Arbeit geht..." Ich sehe Mum an. „Wenn ich Freitagnachmittag nicht hier bin?" Dad sieht mich verwundert an. „Nicht hier?" – „Bist du verabredet?", fragt Mum zeitglich. Ich nicke leicht. „Ja, also Niall und ein paar andere wollten ins Kino und ich dachte, ich könnte vielleicht mitgehen. Also nur, wenn das mit deiner Arbeit geht, Mum. Sonst ist das nicht schlimm", füge ich sofort hinzu und ein drückendes Gefühl macht sich in mir breit. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Ich weiß, dass sie Hilfe brauchen. Sie beide. Mum seufzt. „Natürlich kannst du mit deinen Freunden ins Kino gehen, Harry." Sie lächelt ein bisschen, aber es ist bittersüß. „Du bist noch ein Teenie, du solltest sogar mit deinen Freunden Zeit verbringen." – „Sicher? Ich kann auch absagen und..."
„Harry, hör auf!"
Ich sehe Dad mit großen Augen an. Er wird selten laut. Jetzt sieht er mich mit ernstem Blick an. „Wir sind deine Eltern, wir kümmern uns um dich. Du macht schon viel zu viel in diesem Haushalt. Das ist viel mehr, als dein Anteil sein sollte." Ich presse die Lippen zusammen und widerspreche nicht. Wir alle wissen, dass Dad recht hat. Er atmet tief durch. Das muss er leider, weil er sonst keine Luft mehr bekommt. „Du gehst dahin und hast Spaß. Du bist gut in der Schule, du bist immer zuverlässig! Wenn du mit deinen Freunden etwas machen möchtest, dann tu das. Wir kümmern uns um dich und nicht andersherum!"
Ich nicke stumm. Und wie spreche ich jetzt an, dass ich das Ticket noch bezahlen muss? Mum bleibt still und isst weiter. Ich sage eine ganze Weile auch nichts mehr. Erst als Mum und ich abräumen und in der Küche stehen, spricht sie mit mir. „Hast du das Gefühl, du hast zu wenig Zeit für dich? Also richtige Freizeit?" Es tut mir weh, dass sie mich so etwas fragt. Es ist nicht so, als hätte ich da nie drüber nachgedacht, aber unterm Strich gab es nie eine realistische Alternative. Ich habe also aufgehört darüber nachzudenken, was ich alles verpassen könnte. Ich schüttle den Kopf. „Nein, das nicht. Ich dachte nur, dass es vielleicht zu spontan ist. Darum ging es", lüge ich. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich meine Mum schon angelogen habe. Sie lächelt und nickt. „Okay. Gut."
„Ich könnte nach dem Kino noch einkaufen gehen. Wir haben Ticket für die Nachmittagsvorstellung. Der Supermarkt liegt sowieso auf dem Weg", schlage ich vor. „Wollt ihr danach nichts mehr machen?" Ich schüttle den Kopf. „Ich glaube nicht. Sonst kann ich ja anrufen und Samstagvormittag eben einkaufen gehen. Das dauert ja nicht lange", antworte ich. Ich weiß, dass ich nach dem Kino nach Hause kommen werde. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass sie anderen noch etwas zusammen machen, aber ich wäre da so oder so nicht mitgegangen. Auch das verschweige ich.
„Okay. Also habt ihr schon die Tickets?" Oh Shit. „Äh... ja, also die haben wir in der Pause bestellt." Ich muss Niall am Freitag das Geld mitbringen. Er meinte, das würde reichen und dass er es dann sowieso für Popcorn oder Nachos ausgeben würde. Daher wäre es wohl nicht schlecht, wenn ich es ihm Freitag mitbringe. „Okay, gut. Nimm dir das Geld dafür aus meinem Portemonnaie, okay?" – „Mum, das ist nicht nötig. Das passt schon", antworte ich sofort. Es ist wie ein Reflex. Als ich ihren Blick jedoch sehe, bemerke ich schnell, dass es die falsche Antwort war. Sie möchte nicht, dass ich es selbst bezahle. „Okay, mache ich." – „Und auch für einen kleinen Snack, ja?" – „Ja. Danke", stimme ich zu, wissend, dass ich mir nichts kaufen und das Geld für den Einkauf verwenden werde.
Sie glaubt mir. Wir räumen die Küche auf und Mum geht zu Dad ins Wohnzimmer. Ich wünsche beiden eine gute Nacht und verziehe mich in mein Zimmer. Ich muss noch Hausaufgaben machen und für die nächste Klausur lernen. Ich habe gute Noten. Ich habe sehr gute Noten, zumindest schriftlich. Meine mündlichen Noten lassen in ein paar Fächern zu wünschen übrig. Nur in Englisch bin ich gut. Mrs Willow hat Anfang des Schuljahres gefragt, ob ich eine zusätzliche schriftliche Ausarbeitung über eines der Unterrichtsthemen abgeben möchte, um meine mündliche Note auszugleichen. Sie weiß, dass ich ungerne vor so vielen Menschen spreche. Ich mag es nicht, wenn mich die anderen des Kurses ansehen. Ich habe natürlich zugestimmt. Niemand der anderen Lehrer hat mir das angeboten. Ich bemühe mich, gut zu sein, mitzumachen und so, aber es fällt mir schwer.
Gerade in Mathe. Ich kann Mathe, also schriftlich. Ich bin ein guter Schüler, aber inzwischen? Ich sage kaum noch einen Ton im Unterricht. Meine Gedanken schweifen ab, als ich das Mathebuch anstarre. Ich könnte längst fertig mit den Aufgaben sein, aber ich schreibe nichts auf. Stattdessen denke ich an Louis, der wohl Freitag mitkommen wird. Er wird auch da sein. Wir sind quasi in einer Freundesgruppe. Er ist wohl inzwischen mehr in dieser Gruppe involviert als ich. Das ist kein Kunststück, ich dachte nur nicht, dass es so schnell gehen wird. Er sitzt immer noch neben mir, also in Mathe. Er ist jedes Mal da und jedes Mal kann ich mich nur mit Mühe auf den Unterricht konzentrieren. Es ist bescheuert. Er redet nicht einmal mit mir. Es ist nicht so, als würden wir quatschen und deswegen nicht aufpassen. Nur ich passe nicht auf. Er beachtet mich kaum.
Ich seufze. Louis ist nicht einmal hier und lenkt mich schon wieder von Mathe ab. Das ist doch in keinem anderen der Fächer so? Gut, in Geschichte sitzt er auch in meinem Kurs und ab und zu passe ich nicht auf, aber der Unterricht ist langweilig. Früher hat mir dieses Fach gefallen, aber seitdem wir diesen langweiligen Lehrer haben? Es fällt wohl nicht nur mir schwer, dem Unterricht zu folgen. Louis sitzt auf der anderen Seite des Raumes. Der sitzt mir praktisch gegenüber. Ich kann also gar nicht übersehen, dass es ihn auch langweilt. Er sitzt in meinem Blickfeld, also bemerkt man so etwas automatisch, schätze ich.
Eine halbe Stunde später habe ich immer noch nichts geschrieben. „Verdammt", murmle ich und lese mir die Aufgabe erneut durch. So schwierig ist es überhaupt nicht. Ich fange an zu arbeiten. Louis muss aus meinen Gedanken verschwinden. Ich sollte nicht ständig über ihn nachdenken, ich habe nichts mit ihm zu tun. Außer, dass er in ein paar Tagen mit ins Kino kommt. Das ist Zufall, mehr nicht. Oder besser gesagt: Es ist Nialls Schuld, denn er schleppt mich schließlich mit. Ohne Niall hätte ich jetzt nie ein Ticket. Und ohne das Ticket würde ich auch nicht darüber nachdenken, Louis nach der Schule im Kino zu sehen. Es ist also nur Nialls Schuld. Also Quasi. Irgendwie. Schätze ich.
-- -- -- -- --
Quasi irgendwie Nialls Schuld. Oder? Was denkt ihr darüber? Und was denkt ihr, wird im Kino passieren? :)
Love, L
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top