Flashback 1
Harry:
Ich bezweifle ganz stark, dass es noch jemanden hier gibt, der froh ist, dieses Gebäude zu betreten. Die allermeisten sind wahrscheinlich eher froh, wenn sie wieder nach Hause gehen können. Das war bei mir vor einigen Wochen auch noch so. Inzwischen ist das anders und ab und an meldet sich deswegen mein schlechtes Gewissen. Ab und an. Mehrfach am Tag trifft es wohl eher. Spätestens dann, wenn ich meinen Rucksack schließe ich mir ins Gedächtnis rufe, was Zuhause auf mich wartet. Manchmal frage ich mich, was wohl passiert wäre, wenn Dad nie zum Arzt gegangen wäre. Dann hätten wir vielleicht ein paar weitere Wochen unsere Normalität beibehalten können. So ein Quatsch. Es hätte nichts verändert. Er ist krank, ganz egal, ob ein Arzt das bestätigt oder nicht. Mein erstes Ziel ist mein Spint, um meinen Rucksack um ein paar Bücher zu erleichtern.
„Guten Morgen!"
Ich zucke zusammen und sehe zur Seite. „Wieso bist du zu so einer Uhrzeit so gut gelaunt?", frage ich ihn und schließe die Tür meines Spints wieder. „Weil es nichts bringt, schlecht gelaunt zu sein", antwortet er mir schulterzuckend und trinkt einen Schluck seines Energie-Drinks. „Und du glaubst, der ganze Zucker da drin hat nichts damit zu tun, dass du so überdreht bist?" – „Das bin ich auch ohne", meint er und bietet mir das Zucker-Zeug an. Ich schüttle leicht den Kopf. „Nein, danke. Ich mag das nicht. Weißt du doch." – „Du hast nur die richtige Sorte noch nicht gefunden." – „Das ist alles viel zu süß", antworte ich und verziehe das Gesicht. Dank Niall habe ich schon dutzende Sorten probiert und das Ergebnis war immer das Gleiche. Er hat sie am Ende getrunken. Nicht ich. Wieso er immer noch der Meinung ist, irgendetwas davon würde mir schmecken, ist mir fraglich.
„Ich glaube, ich frage sie heute." – „Was?" – „Meinst du das ist eine gute Idee?" Irritiert sehe ich ihn an. „Oder soll ich es lassen? Scheiße, am Ende bin ich ein totaler Idiot und stelle mich dumm an!" – „Seit wann hast du sowas wie Schamgefühl?", will ich von ihm wissen. Sonst denkt er doch auch nicht darüber nach, was er sagt oder tut. Er macht es einfach und ihm ist ziemlich egal, was alle anderen davon halten. Ich kann das leider nicht von mir sagen. Mir macht im Gegensatz zu ihm fast alles etwas aus. Ich kann es nicht abstellen, egal, wie sehr ich es versuche.
„Weiß ich nicht", antwortet Niall auf meine Frage und holt mich dadurch aus meinen Gedanken zurück in die Realität. „Sonst ist es mir auch egal, aber bei ihr? Was wenn sie mich dann für lächerlich hält?" – „Wieso ist das so wichtig? Du willst doch nur mit ihr ein Eis essen gehen." – „Ein Eis essen gehen." – „Ja, das habe ich doch gerade gesagt", antworte ich ihm. Ich verstehe immer noch nicht, worauf er hinaus will. Um die Ecke gibt es eine schöne Eisdiele. Viele der Schülerinnen und Schüler gehen im Sommer nach der Schule oder in der Pause dorthin. Das ist doch keine große Sache. „Amber und du seit befreundet, wieso sollte sie die Idee, Eis essen zu gehen, lächerlich finden?", will ich von ihm wissen. Niall verdreht die Augen. „Weil wir das noch nie so gemacht haben. Nur wir beide." – „Und das Problem ist...? Hast du verlernt, Eis zu essen?" Niall seufzt theatralisch und tut so, als würde er die Hände überm Kopf zusammenschlagen. „Muss ich es dir wirklich sagen? Hast du es immer noch nicht verstanden?" – „Dass du seit vier Wochen zu schissig bist, eine Frage zu stellen?" – „Idiot." – „Was denn? Ist doch so. Soll ich sie für dich fragen?" – „Auf keinen Fall!", antwortet er sofort. „Dann stehe ich wie ein Feigling dar!" - „Du solltest dich entscheiden", meine ich schulterzuckend und wir betreten das Klassenzimmer.
Als wir uns gesetzt haben, schaut Niall sich um. Keine Amber ins Sicht. „Ein Date, Harry. D-A-T-E." – „Was?" – „Das Eiscafé. Amber. Checkst du es endlich?" – „Deswegen machst du seit Wochen so ein Theater darum", antworte ich ihm und komme mir ein wenig dumm vor, dass ich es nicht schon längst geschnallt ha. Niall ist verliebt. Er hat einen Crush auf Amber. Wieso hat er das nicht direkt gesagt?
„Du hast es wirklich nicht gewusst", sagt er nach einem Moment und mustert mich. Ich schüttle leicht den Kopf. „Nein, aber du hättest dich auch deutlicher ausdrücken können." – „Mhm." – „Frag sie doch einfach. Was soll passieren?" – „Sie könnte nein sagen." – „Und dann?" – „Wie, und dann?" – „Was ändert sich dadurch?", will ich von ihm wissen. „Dann sagt sie nein.", antwortet Niall mir und schielt zur Tür. Amber kommt in den Raum und setzt sich zu ihren Freunden. Niall gehört auch zu dieser Gruppe. Ob ich noch dazugehöre, weiß ich nicht. In den letzten Wochen habe ich kaum Zeit mit ihnen verbracht. Die Pausen verbringe ich damit, meine Hausaufgaben zu machen und zu lernen.
Hätte mir jemanden vor einigen Wochen gesagt, dass so mein Alltag aussehen wird, hätte ich ihn ausgelacht. Hausaufgaben in der Pause. Ne, ist klar. Inzwischen ist das anders. Niall weiß nicht, wieso ich mich jeden Tag in die kleine Bib der Schule setze und nachdem ich ihn mehrfach abgeblockt habe, als er es wissen wollte, hat er aufgehört zu fragen. Mir ist es ganz recht, dass er dieses Thema nicht mehr anspricht. Ich möchte nicht, dass es jemand hier weiß. Ich will nicht anders behandelt oder komisch angeschaut werden. Es ist noch ein Jahr bis zu meinem Abschluss. Ich will dass es ein gutes Jahr wird und nicht die Zeit, in der ich der bemitleidenswerte Junge bin, der es so schwer zuhause hat. Nein, das muss nicht sein. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Lehrer es wissen. Wenn ja, hat Mum in der Schule Bescheid gesagt. Ich glaube aber nicht wirklich, dass sie daran gedacht hat.
Amber sieht immer wieder kurz zu Niall. Fällt es ihm nicht auf? Ich wette, sie wartet nur darauf, dass er sie nach einem Date fragt. Kurz vor Unterrichtsbeginn kommt der Rest des Kurses. Als Mick und Angeline reinkommen, stutze ich. Die beiden halten sich an den Händen. Er bringt sie zu ihren Platz. Als ob sie den nicht selbst finden würde. Dann küsst er sie. „Seit wann sind die zwei zusammen?", frage ich irritiert. „Hör auf zu starren", antwortet Niall sofort leise und ich wende meinen Blick ab. Es war nicht meine Absicht, sie so lange anzuschauen, ich bin nur überrascht. Ich wusste nicht einmal, dass sie befreundet sind.
„Das ist am Samstag auf der Party passiert, zu der du nicht gekommen bist." Ich weiß, dass er das nicht böse meint, aber das verhindert nicht, dass ich mich kurz schlecht fühle. Ich war eingeladen. Beziehungsweise wollte Niall mich als +1 mitnehmen. Ich werde selten direkt eingeladen. Er nimmt mich einfach immer mit. Das ist schon seit gut zwei Jahren so. Inzwischen sage ich fast immer ab. Ich kann mich nicht abends auf eine Party verziehen, wenn zuhause zu so viel tun ist. „Es lief Musik und es gab Alkohol. Den Rest kannst du dir denken." – „Mhm." – „Außerdem ist Ben verknallt." Wieso ist das wichtig? „In Emma. Aber Emma ist seit zwei Wochen mit Lenny zusammen. Auf jeden Fall hat Lenny das rausgefunden und Ben war ja auch auf der Party. Die beiden haben sich geprügelt. Draußen, natürlich." Klar, wo sonst. „Emma stand daneben und hat sich das angeschaut. Sie hat Lenny versprochen, dass sie Ben nur als einen Freund mag. Das hat Ben nicht gefallen und er sich abgehauen. Seitdem reden die beiden nicht mehr miteinander." – „Ben und Emma?" – „Nein. Ben und Lenny. Hörst du eigentlich zu?" – „Ich blick nicht ganz durch", gebe ich zu. Niall winkt ab. „Halb so schlimm. Die kriegen sich schon wieder ein." – „Wenn du meinst."
Wen interessiert dieser ganze Kram eigentlich? Seit wann ist es so wichtig, wer wen mag und wer mit dem zusammen ist? Das ist in den letzten Wochen ganz klar an mir vorbei gegangen. Ich sehe mich um. Jeder hier scheint irgendeinen Crush zu haben. Ich habe keinen. Ist das falsch? Sollte ich inzwischen jemanden...mögen? Niall sieht schon wieder zu Amber. Wenn er bis Ende der Woche nicht diese blöde Frage stellt, werde ich es für ihn tun.
„Ist hier noch frei?"
Ich zucke zusammen und sehe nach rechts. Fragend werde ich angeschaut. Wer ist das? Was will der hier? Ich nicke leicht und der Junge setzt sich. „Was ist?", fragt er mich irritiert und erst da bemerke ich, dass ich ihn angestarrt habe. „Sorry. Nichts. Ja, da war noch frei." Er mustert mich kurz und ihm steht auf der Stirn geschrieben, dass er mich seltsam findet. Ich wende meinen Blick ab. Als er kurz danach von unserem Lehrer als ein neuer Schüler vorgestellt wird, schlage ich mir innerlich vor die Stirn. Auf die Idee hätte ich auch kommen können.
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Es wird wider Flashbacks geben. Was haltet ihr davon? Und was meint ihr wohl, was da noch so passiert?
Love, L
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