5. Kapitel
Harry:
Ich bin nicht krank. Theoretisch. Praktisch? Darüber denke ich nicht nach. Ich bin nicht krank. Ende. Krank sein bedeutet nicht arbeiten zu können. Krank sein bedeutet auch, nur zuhause zu sein. Das bringt mir nichts. Und durchdrehen werde ich dabei wahrscheinlich auch noch. Ich nehme mir die nächste Packung Taschentücher aus dem Pausenraum. Bei dem Gedanken daran, dass ich noch vier Stunden arbeiten muss, wird mir flau im Magen. Und wenn ich dann daran denke, dass mir danach och eine Schicht im Supermarkt bevorsteht, glaube ich, ich übergebe mich gleich. Ich atme tief durch. Noch habe ich Pause. Zwölf Minuten habe ich noch Zeit, um wieder etwas Kraft zu tanken. Dabei ignoriere ich die stechenden Kopfschmerzen und das Druckgefühl hinter den Augen und an der Schläfe. Bei der Müdigkeit bin ich mir nicht einmal sicher, woher sie genau kommt. Sie ist grundsätzlich ein treuer Begleiter meines Alltags.
„Styles. Gleich arbeitest du wieder zügiger, alles klar?" Ich sehe zur Seite. Mein Chef ist durch die Tür getreten. Ich nicke knapp und blende den Schwindel aus, der mich für einen kurzen Moment überrennt. „Sonst bist du verlässlicher. Schon gestern hat deine Arbeit zu wünschen übrig gelassen", merkt er an. „Das tut mir leid. Ich ändere das, sobald ich weiterarbeite." – „Reiz deine Pause nicht zu sehr aus." Ein Wink mit dem Zaunpfahl. Ich soll meinen Arsch von dem Stuhl heben und weitermachen. Am Hafen ist immer viel zu tun. Die Pause ist ein Luxus, die ich nicht zu sehr ausreizen darf.
Meine Kraft schwindet immer weiter. Wenn es die Möglichkeit gibt, lehne ich mich irgendwo an oder setze mich kurz. Nicht zu oft. Mein Chef ist sowieso schon nicht gut auf meine Leistung zu sprechen, zumindest nicht seit gestern. Ich glaube nicht, dass sich das die nächsten Tage ändern wird. Doch. Wird es, ich bin nicht krank.
„Morgen bist du hoffentlich wieder fit. Es ist einiges liegengeblieben", wird mir gesagt, als ich meine Sachen holen und Feierabend machen will. „Ich weiß. Das bleibt eine Ausnahme." – „Ruh dich aus, dann bist du morgen wieder fit." – „Mach ich. Bis morgen."
Ruh dich aus. Das mache ich in einigen Stunden. Ich schleppe mich zum Supermarkt und atme tief durch, bevor ich den Laden betrete. Sitzen. Einfach nur sitzen und kassieren. Das kann ich. Das ist machbar. Ich habe Glück, es ist nicht allzu viel los. Ich habe durchaus zu tun, aber ich muss mich nicht stressen und es reicht, wenn ich ein wenig langsamer arbeite. Außerdem sind meine Kollegen hier netter, entspannter. Ich kann nebenbei einen Tee trinken und es ist nicht so laut wie am Hafen.
„Guten Tag", begrüße ich den nächsten Kunden routiniert und desinfiziere mir zum bestimmt zwanzigsten Mal die Hände. Ich möchte niemanden anstecken, indem ich mir erste die Nase putze und dann den Einkauf der Leute anfasse. Meine Haut ist zwar dadurch trocken, aber noch ist sie nicht eingerissen. Ich gebe dem ganzen noch eine halbe Stunde, bis es brennen wird, sobald ich wieder das Desinfektionsmittel benutze.
„Hi. Noch zweimal Orangensaft, bitte." Ich sehe auf. Im Einkaufswagen befinden sind zwei Sixpack der teuren O-Saft Marke. Ich nicke knapp und tippe es ins System ein. Generell liegen viele der teureren Produkte auf dem Band. Fast alles ist Bio oder Marke. So einen Einkauf könnte ich mir nie leisten. Normalerweise ist mir relativ egal, was die Leute einkaufen aber in dem Moment, in dem ich seine Stimme gehört habe, war mein Verstand wieder wach. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen. Louis ist ein normaler Kunde. Er ist niemand Besonderes. Lüge.
„Wie war das Buch?"
Ich sehe ihn irritiert an. „Was?" Er packt seinen Einkauf ein. Ich merke erst, dass ich aufgehört habe, ihn abzukassieren, als er aufhört, die Produkte einzupacken. Zum Glück wartet hinter ihm gerade niemand anders.
„Das Buch. Sie haben es doch gekauft, oder?", fragt er mich. Er erinnert sich an mich? „Äh, ja. Es war toll", bringe ich heraus. „Ich habe es am gleichen Abend noch zu Ende gelesen", erzähle ich ihm. Wieso tue ich das? Das interessiert ihn doch bestimmt nicht.
„Also haben Sie es trocken nach Hause geschafft? Oh. Und mit Karte bitte", sagt er dann. Ich lasse ihn erst bezahlen und antworte dann. Ich glaube, beides gleichzeitig würde mein Gehirn nicht verarbeitet bekommen. „Ja. Ich habe es in meinen Schal eingewickelt. Das hat erstaunlich gut geklappt. Das Buch hat tatsächlich nicht einen Tropfen Regen abbekommen." Er lächelt kurz. „Das klingt doch gut. Es wäre auch schade um das Buch gewesen. Ich hoffe, Sie waren vor dem richtig schlimmen Regen zuhause." – „Äh... ja. Knapp." Lüge. Ich reiche ihm den Kassenbon. „Danke. Bis dann", antwortet er daraufhin und schiebt den Wagen mit seinen Einkäufen weg. Ich sehe ihm hinterher. Er hat mich gerade wirklich auf das Buch angesprochen? Einen Moment lang glaube ich nicht, dass das hier gerade wirklich passiert ist. Dann sehe ich durch die großen Fenster, wie er in sein Auto steigt und fährt. Doch, das ist wirklich passiert. Louis war hier und Louis hat mit mir gesprochen. Und Louis wusste, dass ich ein Buch gekauft habe. Nur weiß er nicht, wer ich bin. Besser als nichts, oder?
Der Plan, am nächsten Tag in die Buchhandlung zurückzukehren scheitert an meiner Gesundheit. Ich quäle mich durch die Schicht und bin froh, als ich wieder zuhause bin. Erst in ein paar Tagen habe ich wieder Dienst im Supermarkt. Es dauert noch vier Tage, bis es mir besser geht. Vier Tage, in denen ich den kritischen Blick meines Chefs ganz genau in meinem Rücken spüre. Meine Muskeln brennen den ganzen Tag. Ich schlafe so viel es geht und bete, dass mir die Ibuprofentabletten nicht ausgehen. Ich sollte mir neue besorgen. Dieser Punkt steht auf meiner To-Do-Liste ziemlich weit oben, die ich angehen will, sobald ich nicht mehr nach fünf Minuten gehen außer Atem bin.
Genauso steht auf der Liste ein Abstecher in die Buchhandlung. Wobei Abstecher eine Belohnung für mich ist. Einfach so, weil ich wieder gesund bin. Von der Apotheke gehe ich weiter zu meinem Ziel. Der rote Ohrensessel mit einem guten Buch und zweieinhalb Stunden Zeit. Oh bitte, lass niemanden in diesem Sessel sitzen. Ist das egoistisch? Vielleicht. Aber es ist ein öffentlicher Ort, oder nicht? Doch, bestimmt. Ich betrete den Laden und gehe zielstrebig nach oben.
An Louis denke ich tatsächlich nicht. Ich denke an die Bücher, die hier stehen und von denen ich mir vorsichtig eins nehme. Der zweite Teil zu dem Buch, dass ich nicht kaufen wollte und doch getan habe. Der Sessel ist nicht frei, als ich dort ankomme. Ich laufe durch die Gänge und sehe mir die Neuerscheinungen an, damit es nicht den Eindruck macht, ich warte nur darauf, dass die junge Frau geht, die dort aktuell noch sitzt. Genau das tue ich. Zwanzig Minuten lang warte ich und schnappe mir den begehrten Platz am großen Fenster. Das Buch für heute habe ich schon längst in der Hand. Um nicht zu sagen, ich habe es mit mir herumgetragen.
Heute ist ein guter Tag. Ich kann wieder ohne Probleme atmen, meine Kopfschmerzen sind weg und ich bin fast gar nicht müde. Ich strecke die Beine aus und schlage die erste Seite auf.
„Hi."
Ich zucke zusammen. Louis steht neben mir. „Hallo...", bringe ich heraus. Heute trägt er einen dunkelgrünen Anzug. Wie der andere auch schon, sitzt dieser perfekt, wie angegossen.
„Tee?"
„Was?" Irritiert sehe ich ihn an. Er stellt eine dampfende Tasse neben mir auf dem kleinen Tisch ab. Ich sehe auf die Tasse und wieder zu ihm. Wieso Tee? Hä?
„Sie waren offensichtlich krank vor einigen Tagen." – „Äh, ja... war ich", stottere ich. Ich muss ziemlich schlimm ausgesehen haben, dass er das innerhalb von so wenigen Augenblicken gesehen hat. Ich streiche mir die Haare nach hinten und der Duft von Ingwer und Zitrone steigt mir in die Nase. „Danke. Das... also..." – „Schon gut. Ich hoffe, der Tee schmeckt Ihnen. Die Sorte habe ich auf gut Glück ausgewählt", sagt er, lächelt kurz und geht. Ich sehe ihm hinterher. Er hat mir Tee gebracht? Einfach so? Das muss ein Traum sein.
Ich nehme die Tasse vorsichtig und nippe daran. Es ist noch sehr heiß, aber es schmeckt gut. Ich seufze leise. Der Tee tut gut, sehr. Mir ist nicht aufgefallen, dass mir ein wenig kalt war, bis jetzt zumindest. Ich lege das Buch weg, nehme die warme Tasse in beide Hände und sehe nach draußen. Die Sonne taucht kurz vor dem Untergang die Stadt in ein sattes gold-gelb. Die Möwen kreischen am Himmel und die Menschen laufen umher, um die letzten Erledigungen und Besorgungen für heute zu machen. Mir geht es wieder gut. Ich habe ein gutes Buch und einen heißen Tee. Ich sitze im warmen und fühle mich wohl. Das Leben könnte schlimmer sein.
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Sie reden etwas mehr miteinander. Und Louis hat sogar Tee gemacht. Was haltet ihr davon? :)
Love, L
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