5. Flashback

Harry:

Ich habe das Gefühl, es tut Dad gut, dass der Winter langsam vorbei ist. Immer öfter fühlen sich die Tage tatsächlich nach Frühling an. Auch Mum ist besser gelaunt. Manchmal zumindest. Spätestens, wenn ich vorsichtig anspreche, dass ich mir doch einen Job suchen könnte, ist diese gute Laune wieder verschwunden. Mein Sparkonto wird langsam aber sicher knapp und ich weiß, dass Mum sich überlegt, einen zweiten Job abzufangen. Ich könnte ein paar Stunden die Woche in einem Supermarkt aushelfen oder Zeitungen austragen. Das könnte ich schaffen. Meine Noten sind gut und die Zeit bringe ich schon irgendwie auf.

Dad hält nicht viel von der Idee, aber er verbietet es mir nicht. Mum schon. Sie meint, ich müsste nicht arbeiten, solange ich noch zur Schule gehe. Meine Aufgabe ist es, einen guten Abschluss zu machen und nicht Geld nach Hause zu bringen. Ich habe seit einer Woche nicht mehr mit ihm darüber gesprochen. Und mit Mum sowieso nicht. Stattdessen versuche ich herauszufinden, ob es einen Weg gibt, einen Job zu kriegen, ohne, dass sie es herausfinden. Bisher bin ich zu keiner Lösung gekommen. Dadurch, dass Dad fast immer zuhause ist, würde er mitbekommen, wenn ich plötzlich ein paar Mal die Woche später wieder da wäre.

Zehn Minten vor Unterrichtsstart betrete ich das Schulgelände. Niall höre ich, bevor ich ihn sehe, Er lacht über irgendetwas. Ich gehe zu ihm. Er steht bei seinen Freunden. Unsere Freunde kann ich sie nun wirklich nicht mehr nennen. Sein Arm liegt locker um Amber. Er hat mich letzte Woche angerufen, völlig überdreht und aufgeregt, und mir erzählt, dass er endlich geschafft hat, sie zu küssen. Natürlich hat sie erwidert. Niemanden an dieser Schule hätte das wohl gewundert. Sie hat ihn daraufhin gefragt, ob sie denn nun endlich zusammen sind und er hat es irgendwie geschafft, ein ja herauszubringen. Endlich. Hat ja nur knapp zwei Monate gedauert. Jetzt ist es nicht mehr seltsam zwischen den beiden. Stattdessen ist es so kitschig, dass nur noch rosa Schmetterlinge fehlen, die um die beiden herumschwirren, damit man denken könnte, man sei in einem Disney-Film.

„Guten Morgen", sage ich in die Runde und lächle kurz. Ich fühle mich nicht sonderlich wohl, hier zu stehen, aber Niall zuliebe tue ich es. Er ist sowieso der Meinung, dass ich viel zu wenig Zeit mit unseren (seinen) Freunden verbringe. „Wie war dein Wochenende?", fragt er gut gelaunt. Ich zucke mit den Schultern. „Ganz okay, und bei euch?" – „Wir waren doch auf Lennys Geburtstag", erinnert er mich und ich sehe kurz zu Lenny. „Stimmt. Alles Gute nachträglich." Ich hatte gehört, dass er feiert. Mich hat es allerdings nicht gewundert, dass er mich nicht eingeladen hat. Ich hätte es wahrscheinlich auch nicht getan. Er wusste vermutlich, dass ich so oder so nicht gekommen wäre. Ich hatte zu viel zu tun. Haushalt. Lernen. Mich um Dad kümmern. Einkaufen. Kochen. Alles, was so ansteht. Abends bin ich zu müde, um feiern zu gehen. Diese ganzen Details weiß er nicht. Niemand hier. Immer wieder denke ich darüber nach, mit Niall zu sprechen, es ihm zu erzählen, aber dann überkommt mich ein Gefühl, dass ich am liebsten augenblicklich abschütteln würde. Ich kann es ihm nicht erzählen. Ich kann nicht zugeben, wie schlecht es meiner Familie wirklich geht. Ich will kein Mitleid. In diesem Punkt bin ich kein Stück besser als Mum und Dad. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihre Freunde es auch nicht wissen. Geschweige denn, Mums Kollegen.

Louis tritt zu uns. Ich rede nicht viel mit ihm. Ich rede generell fast nur noch mit Niall. Das liegt vielleicht auch daran, dass er mich einfach nicht in Ruhe lässt, ganz egal, wie oft ich nicht dabei bin. Sobald ich in die Schule komme, quatscht er mich voll. Eigentlich ist das ganz schön. Ich möchte meine Freunde theoretisch nicht von mir stoßen, aber irgendwie habe ich das wohl längst schon getan. Nur ihn eben nicht. Dafür ist er zum einen zu anhänglich und zum anderen zu stur. Das würde er nicht zulassen.

„Morgen", sagt Louis gut gelaunt. Er hat seine Sporttasche dabei und stellt sie neben sich ab. „Wie geht's dir?", will Amber wissen und die Stimmung ist auf einmal seltsam gedrückt. Er zuckt mit den Schultern. „Passt schon." Irritiert sehe ich durch die Runde. Was habe ich verpasst? „Hast du noch einmal mit Mary gesprochen?", fragt Niall ihn. Mary und Louis sind kurz nachdem er auf diese Schule gewechselt ist, zusammengekommen. Hat sich das am Wochenende geändert?

Louis zuckt mit einer Schulter. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm abkaufen soll, dass er so entspannt ist. Er wirkte immer ziemlich glücklich mit Mary. „Wir sehen uns nachher, wenn die Schule vorbei ist. Dann sprechen wir in Ruhe." – „Mehr nicht?", hakt Emma neugierig nach. „Das wird sich dann zeigen", antwortet er knapp. Merken die anderen nicht, dass er nicht darüber reden will? Er bekommt es nicht gut hin, das zu überspielen, man merkt es ihm deutlich an.

So gerne ich auch wissen würde, was passiert ist – ich frage nicht nach. Es geht mich genaugenommen nichts an. Wir sind ja nicht befreundet. Um ganz ehrlich zu sein, bin ich mir nicht einmal sicher, ob er meinen Namen kennt. Ich mustere Louis. Er ist hübsch. Und freundlich. Und sportlich. Und schlau. Kein Wunder, dass sich sofort eins der Mädchen ihn als Freund gekrallt hat. Wäre ich ein Mädchen hätte ich es vielleicht auch getan. Für einen kurzen Moment spanne ich mich an und presse die Lippen zusammen. Wäre ich ein Mädchen. So ein non-sense. Ich kann auch so zugeben, dass Louis attraktiv ist. Ich finde schließlich auch Kleidung schön. Dass ich mich komisch bei dem Gedanken fühle, dass wieder alles gut zwischen Louis und Mary ist, sobald sie nachher miteinander sprechen, schiebe ich bei Seite. Irrelevant. Das ist nur, weil ich im Augenblick grundsätzlich gestresst und überarbeitet bin.

Louis wechselt das Thema. Er spricht von einem Film, der in den nächsten Wochen anlaufen soll. Alle haben den Trailer scheinbar schon gesehen. Ich nicht. Ich glaube, es ist irgendetwas mit Action. Soweit ich es mitbekommen habe, mag Louis Action. Und Fußball natürlich. Und er raucht nicht. Als Ben letztens eine in der Pause geraucht hat, hat er Louis eine Zigarette angeboten. Er hat abgelehnt. Das heißt doch, dass er nicht raucht, oder?

„Freitagnachmittag?", fragt Lenny. „Klingt gut", meint Louis und auch die anderen stimmen zu. „Bringst du Mary mit?", will Niall wissen und Louis zuckt mit den Schultern. „Ich kann sie fragen." Ich denke, er möchte sie gerne mitbringen. Ich kann ich genau sagen, woran ich es festmache, aber irgendetwas in seinem Gesichtsausdruck verrät mir, dass er sie gerne fragen möchte. Ich bleibe stumm. Ich bin der Einzige der Runde, der nicht zugesagt hat, aber das wundert niemanden. Ich denke, die anderen gehen inzwischen davon aus, dass ich sowieso keine Zeit habe. In Gedanken gehe ich meine To-Dos durch. Wenn ich nach der Schule Freitag direkt einkaufen gehe, könnte ich es tatsächlich zum Kino schaffen. Vielleicht bekomme ich es sogar hin, davor noch zu kochen. Das könnten Mum und Dad sich das Essen einfach warm machen und müssten nicht auf mich warten. Die nächsten Tests und Klausuren stehen zwar in ein paar Wochen an, aber bisher komme ich gut mit dem Stoff hinterher. Ob ich mir Freitag einen Nachmittag Pause erlauben kann? Vielleicht. Ich zögere. Sie haben bereits das Thema gewechselt. Ich presse die Lippen zusammen und bleibe stumm. Vielleicht ist es doch besser, wenn ich nicht mitkomme.

Niall fängt mich in der Pause auf dem Weg zur Mensa ab. Er stellt sich mir einfach in den Weg. „Hi?", frage ich irritiert. „Was war das vorhin?" – „Was meinst du?" – „Du warst schon wieder so abwesend. Heute Morgen." Ich zucke mit den Schultern. „Ich war müde."

„Du bist nach wie vor ein miserabler Lügner." Er sieht mich erwartungsvoll an. „Ich... uhm..." Wie soll ich es ihm sagen, ohne wie ein Idiot zu erscheinen? „Ich musste nur nachdenken. Wegen Freitag. Ich war mir nicht sicher, ob ich da Zeit habe und dann habt ihr plötzlich über etwas anderes gesprochen und... ja", bringe ich zusammen. „Keine große Sache."

„Du hast nicht zugesagt?"

Ich schüttle den Kopf. „Doch, du hat genickt, als wir das beschlossen haben", widerspricht Niall. Habe ich das? „Nicht wirklich", antworte ich ihm. „Aber das ist nicht schlimm. Das passt schon", füge ich schnell hinzu. „Was ein Quatsch", widerspricht Niall mir. Du kommst mit. Die Tickets bestellen wir jetzt in der Pause. Du kriegst auch eins." Scheiße, die Ticketpreise. Wie teuer ist Kino nochmal? „Okay. Klar." Jetzt kann ich nicht mehr zurück rundern, es würde auffallen. Also gehe ich mit Niall in die Mensa und setze mich mit ihm zu seiner Freundesgruppe.


„Harry kommt mit", verkündet er sofort. Lenny sieht mich überrascht an. „Echt?" – „Ja." Ich bin nicht sicher, ob er es gut findet, oder nicht. „Cool. Du warst lange nicht mehr dabei", sagt Amber aber dann und ich lächle kurz. Zumindest sie scheint es nicht zu stören. Louis sagt dazu nichts. Als ich kurz zu ihm sehe, weiß ich wieso. Er sieht quer durch die Mensa Mary an. „Geh hin", ermutigt Emma ihn. „Bevor wir jetzt die Tickets kaufen." Louis nickt und steht auf. Er strafft die Schultern und geht auf sie zu. Ich sollte ihn nicht beobachten, aber ich kann nicht wegsehen. Er spricht mit ihr, sie lächelt und nickt dann. Sie kommt also mit. Und Louis scheint begeistert zu sein.

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Harry geht tatsächlich mit ins Kino. Hättet ihr damit gerechnet? Was glaubt ihr, wird da passieren?

Love, L

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