4. Flashback
Harry:
„Mum? Ich bin wieder zuhause!", sage ich laut und stelle meine Schuhe weg. Keine Antwort. Mum ist also noch nicht hier. Ich hänge meine Jacke an die Garderobe und gehe ins Bad, um mir die Hände zu waschen. Mir blickt mein sehr müdes Ich entgegen, dass gute 12 Stunden Schlaf vertragen könnte. Das kann ich mir nicht leisten. Das ist zu viel Luxus aktuell. Nächster Weg führt in die Küche. Ich muss noch einkaufen und das mache ich am liebsten, solange es noch hell draußen ist. Das klappt nicht immer, also sollte ich die Zeit heute nutzen. Ein halb fertiger Einkaufszettel liegt auf der Arbeitsplatte. Ich nehme mir den Stift und öffne den Kühlschrank. Viel ist hier nicht mehr drin. Ich schreibe noch einiges auf und überlege mir, was ich die nächsten Tage kochen könnte. Mum ist der Meinung, dass wir ruhig mehr fertiges Essen kaufen sollten, aber ich weiß, dass sie das nur sagt, um nicht zugeben zu müssen, dass sie keine Zeit mehr hat, frisch zu kochen. Ich versuche so gut es geht, ihr diese Arbeit abzunehmen, aber ich brauche deutlich länger in der Küche, als sie.
Wenn sie heute wieder lange arbeitet, ist sie frühstens in vier Stunden zuhause. Dad ist beim Arzt, er müsste in einer halben Stunde wieder hier sein. Ich schnappe mir eine Einkaufstasche und mein Portemonnaie. Ich werde es Mum nicht sagen, aber sie hat vergessen, mir Geld zum Einkaufen hinzulegen. Ich hoffe nur, es wird heute nicht allzu teuer. Ich könnte in den Supermarkt um die Ecke gehen. Dort sind wir früher hingegangen. Bevor Dad nicht mehr arbeiten konnte. Bevor uns offenbart wurde, wie teuer die Medikamente sind. Jetzt laufe ich eine Viertelstunde länger, um zum Discounter zu kommen. Hier ist es ein bisschen günstiger. Weder Mum noch Dad sprechen es aus, aber ich weiß, dass wir uns den guten Supermarkt nicht mehr leisten können. Sie versuchen es, so gut es geht, vor mir zu verbergen, aber ich kenne unsere Finanzen. Seitdem ich deutlich mehr im Haushalt tue, habe ich ein besseres Verständnis dafür bekommen, was unser Alltag kostet. Von den Rechnungen für Dads Medikamente abgesehen. Ich habe sie gegoogelt. Sie sind teuer. Sie sind viel teurer, als gut für uns ist.
Den Discounter kenne ich mittlerweile so gut, dass ich nur knapp zwanzig Minuten brauche, bis ich zur Kasse gehen kann. Bitte lass meine Karte noch gedeckt sein. Die Zahlung geht durch. Ich versuche, nicht allzu erleichtert auszusehen und mache mich auf den Rückweg. Theoretisch muss ich noch etwas für die Schule machen. Ich habe in der Mittagspause nicht alles geschafft. Das kann ich vielleicht nach dem Abendessen noch machen. Ich will nicht schon wieder meine Hausaufgaben nicht haben. Ich wusste, dass wir etwas auf haben. Ich wollte sie eigentlich gestern noch gemacht haben, aber dann habe ich zuerst die Wäsche gemacht und es schließlich vergessen. Es stand auf meiner To-Do-Liste. Diese Liste bringt nur dann nichts, wenn man nicht drauf schaut. Ich sehe auf mein Handy. Dad müsste zuhause sein.
„Dad?", frage ich laut, als ich die Tür geschlossen habe und kicke die Schuhe zur Seite. „Harry. Wie war die Schule?", fragt er mit kratziger, leiser Stimme. Er sitzt am Küchentisch und atmet schwer. „Ganz gut. Kommst du gerade erst vom Arzt?", frage ich, obwohl ich die Antwort ganz genau kenne. „Ja. Es hat ein bisschen länger gedauert als geplant." Ich nicke und stelle die Einkaufstüten auf die Arbeitsplatte. „Ich hätte gleich auch einkaufen gehen können", sagt er, als ich anfange, die Lebensmittel wegzuräumen. Nein, hättest du nicht. Wir wissen es beide. „Schon gut. Ich hatte heute nicht lange Schule." – „Hat deine Mum Geld ausgelegt?" – „Ja, natürlich", lüge ich. Auch hier kennen wir beide die Antwort. Mein Taschengeld wird langsam dünn. Es ist nicht das erste Mal, dass ich die Einkäufe bezahle. Theoretisch habe ich noch etwas Geld auf meinem Sparkonto, aber das ist für meinen Führerschein. Falls ich ihn machen kann. Realistisch gesehen, dauert es noch zwei oder drei Wochen, bis ich an mein Sparkonto gehen werde.
„Gut. Das ist gut", sagt Dad leise. Sprechen strengt ihn manchmal an. Heute ist kein guter Tag. Ich denke, es liegt daran, dass er heute Mittag allein raus musste. Ich hatte angeboten, dass ich ihm helfe, aber für meine Eltern kommt nicht in Frage, dass ich Schule schwänze. Ich bin gut in der Schule. Eine Stunde nicht dazu sein, wäre nicht schlimm gewesen, aber davon wollten sie nichts hören. Ich wette, er wollte sich kein Taxi nehmen und ist stattdessen mit dem Bus gefahren.
„Ich hatte überlegt, dass ich gleich eine Gemüsepfanne mache. Was hältst du davon?" – „Mit Reis?" – „Oder Nudeln", schlage ich vor. „Musst nicht noch Schulaufgaben machen?" – „Wir haben heute keine Hausaufgaben aufbekommen", lüge ich. Ich kann inzwischen viel zu gut meinen Dad anlügen. Bei Mum klappt das nicht immer. Ich mag diese Fähigkeit nicht besonders.
Ich sehe auf die Uhr. Ich mache erst die Wäsche und dann das Essen. Mit etwas Glück ist die Wäsche dann heute Abend schon trocken, wenn ich sie im Wohnzimmer hinters Fenster in die Sonne stelle. „Harry, du musst doch nicht...", sagt Dad sofort, aber ich unterbreche ich. „Schon gut. Das dauert doch nicht lange." Er seufzt leise und nickt. Er weiß genau, dass er mich nicht davon abhalten kann. Mum überlasse ich die Arbeit ganz bestimmt nicht.
Einen kurzen Moment lang überlege ich, ob ich fragen soll, was der Arzt gesagt hat. Dann verkneife ich mir dieses Thema allerdings. Dad geht es schon schlecht genug. Ich sollte nicht schon wieder mit ihm darüber sprechen. Es ist oft genug Thema. Schnell ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche. Läuft heute etwas im Fernsehen? Eigentlich muss ich lernen und Hausaufgaben machen. Egal. Vielleicht gibt es etwas, das... ah. Perfekt. „Heute Abend kommt diese Quizshow..." – „Celebrity Mastermind?" – „Ja. Was hältst du davon, wenn wir mal wieder einen Fernsehabend machen? Ich glaube wir haben auch noch Schokolade im Schrank." Weil ich sie heute gekauft habe, weil ich weiß, dass Dad sie gerne isst. Die Waschmaschine ist an und ich kehre zurück in die Küche. Dad sieht lächelnd von seiner Zeitung auf und nickt. „Das klingt gut, Harry."
Ich fange an zu kochen. Mit einem Blick auf die Uhr weiß ich, dass ich gut in der Zeit bin. Das Essen ist fertig, wenn Mum nach Hause kommt. Die ganze Zeit versuche ich das Gefühl zu ignorieren, dass ich Dad fragen sollte, ob er helfen will. Ich weiß, dass er es will. Aber ich weiß auch, dass er es nicht mehr kann, wie früher und es ihn nur frustriert, wenn irgendetwas nicht klappt. „Das riecht sehr gut." – „Grannys Rezept", antworte ich ihm und er sieht mich überrascht an. „Wo hast du das denn ausgegraben." Verdammt. „Ich hab letztens ein bisschen aufgeräumt und da ist es mir in die Hände gefallen." Ein bisschen ist ziemlich untertrieben. Ich habe es vor einiger Zeit gefunden, als ich die Küche geputzt und dabei die Schränke ausgeräumt habe. Es ist ihr altes Notizbuch, in das sie – ziemlich unleserlich – ihre Rezepte geschrieben hat, bevor sie gestorben ist. Dad meinte mal, sie hatte Angst dass ich sonst nie kochen lernen würde.
„Es ist doch okay, dass ich es mir genommen habe, oder?" – „Natürlich. Wir haben ja alle etwas davon", antwortet Dad und ich Besteck und Teller auf den Tisch. Er legt die Zeitung weg und deckt den Tisch zu Ende. Das kann er ohne Probleme und so habe ich nicht das Gefühl, ihn vollkommen zu bevormunden.
„Ihr habt schon gekocht?" Mum betritt die Küche und sieht Dad und mich überrascht an. „Harry hat..." – „Ja, haben wir", unterbreche ich Dad schnell. „Ich hoffe, du hast Hunger." – „Auf jeden Fall", antwortet sie und geht zurück in den Flur, um die Jacke wegzuhängen. Dad sieht kurz zu mir, aber ich tue so, als würde ich den Blick nicht mitbekommen. Ich weiß genau, wie er mich gerade anschaut.
Sie begrüßt erst mich und dann Dad. „Wie war die Arbeit.? – „Ach, alles gut. So anstrengend war es heute nicht." Sie verschweigt natürlich, dass sie mal wieder Überstunden gemacht hat. Ich stelle das Essen auf den Tisch. „Fertig. Ich hoffe es schmeckt . Mum, wir haben extra ein bisschen mehr gemacht, damit du für die Arbeit morgen noch was hast." – „Danke, Spatz."
Es schmeckt ihnen. Ich habe gut gekocht. Für einen kurzen Moment ist alles wieder normal. Wir sind eine normale Familie mit einem normalen Alltag, die zusammen zu Abend isst. Diese Normalität hält genauso lange an, bis wir ins Wohnzimmer wechseln. Dad strengt jeder Schritt an. Ich hasse es, ihn so zu sehen. Früher war das anders. Für Mum ist es noch schwerer. Sie räumt den Tisch ab, um nicht hinsehen zu müssen. Dad ist das, glaube ich, ganz recht. Er hat Mum auf Händen getragen, seit ich denken konnte. Das ist nicht mehr so. E sagt es nicht, aber es frustriert ihn. Ich hoffe nur, dass er dadurch nicht verbittert. Das kann passieren, habe ich gelesen. Ich möchte nicht, dass das passiert.
Während der Werbepause hänge ich zusammen mit Mum die Wäsche auf. Vorher habe ich es nicht geschafft. „Ich habe dir kein Geld hingelegt, oder? Zum Einkaufen." – „Schon gut. Ich hatte diese Woche noch was übrig", winke ich ab und nehme mir das nächste T-Shirt. Sie seufzt. „Harry, du sollst unseren Einkauf nicht von deinem Taschengeld bezahlen." – „Ich esse doch auch davon. Alles gut, Mum. Wirklich." – „Du solltest das Geld für andere Sachen nutzen. Kino oder Eis oder so." – „Ich habe noch genug Geld. Und außerdem hat im Moment sowieso keiner meiner Freunde für so etwas Zeit. Du weißt schon, die Prüfungen und so", flunkere ich. Die Prüfungen sind erst in ein paar Wochen. Ich bin sicher, Niall und die anderen unternehmen sehr wohl etwas am Wochenende.
„Hast du schon angefangen zu lernen?", wechselt Mum daraufhin das Thema. Ich nicke. „Klar. Du kennst mich doch. Ich bin gut in der Zeit." Sie lächelt kurz. „Ich bin froh, dass du so ehrgeizig bist. Du kannst stolz auf dich sein." Für einen kurzen Moment bin ich das. Genau so lange, bis sich die To-Do-Liste, die auf meinem Schreibtisch liegt, wieder in meine Gedanken schiebt. Ich bleibe trotzdem im Wohnzimmer, bis um kurz nach elf die Sendung vorbei ist. Erst danach gehe ich in mein Zimmer und setze mich an die Hausaufgaben, die ich heute Mittag nicht geschafft habe zu machen. Mum wünscht mit eine gute Nacht. Ich tue, wie so oft, dabei so, als würde ich meine Tasche für den nächsten Tag packen. Und sie tut, wie so oft, so, als würde sie es mir glauben.
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So sieht also Harrys Alltag an Teenager aus. Habt ihr damit gerechnet? Was meint ihr, wird noch kommen?
Love, L
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