18 - Ein eigener Stern?

Jahr 6 (Teil 3):

Ein paar Tage später bestätigte sich meine Befürchtung auch schon. Marlene und Dorcas, deren Beziehungsstatus seit dem Ball alles andere als geheim war, bekamen viele Reaktionen darauf. Die meisten fielen gut aus. Aber nicht alle.

Ich war gerade auf dem Weg zum Frühstück, als ich Dorcas ein Stück hinter mir erbost aufschreien hörte. Ich fuhr herum und erblickte ein paar mir unbekannte Schüler, die hämisch grinsten und etwas unglaublich komisch zu finden schienen. Dann fiel mein Blick auf Marlene, die kopfüber in der Luft hing. Sie war knallrot im Gesicht, ob das jetzt an ihrer offensichtlichen Wut oder der Kopfüberlage lag, konnte ich beim besten Willen nicht sagen. Dorcas, die offenbar versucht hatte sich auf denjenigen zu stürzen, der den Zauber ausgeführt hatte, wurde von drei anderen zurückgehalten.

Ich setzte mich in Bewegung, um ihnen gehörig die Meinung zu geigen, aber Pandora war schneller. Schon stand sie vor den Angreifern und funkelte sie wütend an. Was gleich doppelt erschreckend war, wenn man Pandora kannte und wusste, dass sie normalerweise der reine Sonnenschein war.

"Lasst sie auf der Stelle in Ruhe", sagte sie mit einer gefährlichen Ruhe in der Stimme und blickte zu der Gruppe auf, die meisten waren um mindestens einen Kopf größer als sie.

Ich war mittlerweile neben Pandora angekommen und wäre am liebsten jemanden angefallen, aber sie waren klar in der Überzahl. Mehrere Jungs und Mädchen aus verschiedenen Häusern hatten sich offenbar zusammengetan, um Dorcas und Marlene das Leben schwer zu machen. Und das ging ja wohl gar nicht, niemand behandelte meine Freunde so.

"Sonst was?", spottete derjenige, der gezaubert hatte, "Starrst du uns weiter so böse an?"

Sie lachten. Und das machte mich wütend. Blitzschnell zog ich meinen Zauberstab, aber noch bevor ich ihn benutzen konnte, sprang Pandora vor und verpasste ihm einen Kinnhaken, der sich sehen lassen konnte. Erschrocken stolperte er zurück während sich seine Kumpanen auf Pandora stürzen wollten. Ich schob mich vor Pandora, aber dennoch sah ich uns schon im Krankenflügel. Doch dann kam alles ganz anders.

"Das würde ich mir an deiner Stelle sehr gut überlegen", sagte Evan und seine Stimme klang so ruhig, dass es schon wieder angsteinflößend war, als er sich vor Pandora und mich schob.

Barty und Regulus stellten sich neben ihn und verschränkten mit blitzenden Augen die Hände vor der Brust.

"Lass sie runter. Aber dalli. Sonst fehlen dir neben Hauspunkten demnächst auch noch ein paar Zähne", ertönte da eine Stimme.

Ich drehte mich zu der Sprecherin um und erblickte Lily und Mary, die mit gezogenen Zauberstäben auf uns zu marschierten. Von rechts kamen nun auch die Rumtreiber dazu und die paar Angreifer, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Flucht ergriffen hatten, nahmen spätestens jetzt die Beine in die Hand. Ich konnte es ihnen nicht verübeln, wäre ich an ihrer Stelle, würde ich es anhand dieses Aufgebots auch mit der Angst zu tun bekommen.

"Geht's dir gut, Marls?!", erkundigte sich Dorcas sogleich bei ihrer Freundin.

Diese nickte, die blanke Wut stand ihr ins Gesicht geschrieben.

"Ich bring sie um", murmelte Dorcas, sobald sie sicher war, dass ihrer Liebsten nichts fehlte, "Ich bring sie alle um."

Von dieser Idee ließ sie sich vorerst zum Glück abbringen, aber ich zweifelte keine Sekunde daran, dass sie es tun würde, wenn es hart auf hart käme. Das ging uns allen so.

~~~~~

Ein paar Tage später saß ich mit Barty, Evan, Regulus, Pandora und Dorcas in der Bibliothek. Wir waren damit beschäftigt unsere Astronomiehausaufgaben zu machen und dazu Sternkarten zu vergleichen, als Pandora sich räusperte. Erleichtert über alles, was nichts mit Astronomie zu tun hatte, sahen wir natürlich sofort auf.

"Wir sind ja jetzt schon ewig befreundet, Jungs", begann Pandora und hielt ihnen die Armbänder hin, "Und weil ich finde, dass man das auch sichtbar machen sollte, habe ich für euch auch solche Freundschaftsarmbänder gemacht wie die, die Cassy, Cas und ich tragen. Also ihr müsst sie natürlich nicht tragen, wenn ihr sie nicht wollt, dann sagt es einfach, das ist auch total okay, und-"

"Panda?", unterbrach Evan sie lächelnd, "Die sind echt hübsch geworden. Danke"

Schon schnappten sich die drei Jungs je ein Armband und legten es sich um. Viel Schmuck trugen wir ja alle miteinander nicht, aber wenn man jetzt unsere Hände betrachtete sah man, dass wir zusammengehörten. Für immer.

Aber es gab noch etwas, das mir in diesem Moment auffiel. Barty trug einen silbernen Ring, der ein Puzzleteil zeigte. Und Evan, Evan trug einen Ring, bei dem eben dieses Puzzleteil zu fehlen schien. In meinem Gehirn begann es zu rattern. Die beiden hatten uns so oft versichert, dass sie nur als Freunde zusammen zum Ball gingen, dass es fast schon verdächtig gewirkt hatte. Womöglich war zwischen ihnen ja auch mehr, als sie vorgaben. Mit einem leisen Grinsen wandte ich meinen Blick von den Ringen ab. Es war nicht mein Job, im Liebesleben meines Bruders herumzustochern. Stattdessen fiel mein Blick auf die Sternkarte, die vor mir aufgeschlagen war.

"Ich hasse Sterne!", seufzte ich theatralisch.

"Hey!", beschwerte sich Regulus, "Dir ist aber klar, dass ich einen eigenen Stern habe, oder?"

Überrascht zog ich die Augenbrauen hoch.

"Einen eigenen Stern?", hakte ich nach.

"Allerdings", meinte Regulus, "Wenn du ihn sehen willst, komm doch heute Nacht zum Astronomieturm."

"Okay", sagte ich, dann wandte ich mich endgültig wieder den Hausaufgaben zu.

~~~~~

Als ich mich in der Dunkelheit auf den Astronomieturm schlich dachte ich zuerst, dass Regulus gar nicht da war, doch dann trat er aus den Schatten auf mich zu.

"Ich hätte nicht gedacht, dass du tatsächlich kommst", meinte er.

Das wiederum irritierte mich jetzt. Warum hatte er mich dann denn überhaupt gefragt?

"Warum bist du dann hier? Wenn du eh nicht mit mir gerechnet hast?", gab ich patziger als beabsichtigt zurück.

"Ich mag die Ruhe hier. Und ich schaue mir gern die Sterne an", antwortete Regulus, "Noch viel lieber mit dir natürlich."

"Wo wir schon von Sternen reden... Was ist denn jetzt mit DEINEM Stern?", hakte ich nach und als ich den Kopf hob, stockte mir der Atem.

Solange ich Sterne nicht in Karten eintragen musste, liebte ich sie ja eigentlich auch. Und heute schienen sie besonders schön zu funkeln, wie sie da so unnahbar den Nachthimmel schmückten.

"Naja, mein Stern ist er ja eigentlich nicht. Aber wir teilen uns immerhin einen Namen", erklärte Regulus und deutete gen Himmel, "Siehst du den Stern dort? Das ist der Stern Regulus."

Ich folgte seinem Finger mit meinem Blick, aber, naja, da waren ganz schön viele Sterne am Himmel. Fragend sah ich ihn an. Regulus nahm meine Hand und deutete sie in die richtige Richtung. Ich blickte erneut nach oben, und diesmal war ich mir ziemlich sicher, den richtigen Stern gefunden zu haben. 

"Er ist wunderschön", flüsterte ich, "Ich verstehe, warum du gern hierher kommst."

Langsam senkte ich meinen Blick wieder und blickte Regulus an. Jetzt erst wurde mir bewusst, wie nahe wir uns eigentlich waren. Ihm offenbar auch, denn er ließ meine Hand wieder los und trat einen Schritt zurück.

"Wärst du mit mir zum Ball gegangen wenn ich dich gefragt hätte?", fragte Regulus plötzlich wie aus dem Nichts, "Bevor du beschlossen hattest mit Lupin hinzugehen, meine ich?"

Überrumpelt starrte ich ihn an. Aber die Antwort fiel mir dennoch nicht schwer.

"Liebend gern", sagte ich, "Aber so war es nun mal nicht."

"Dann hab ich meine Chance wohl verpasst", murmelte Regulus.

"Wieso?", flüsterte ich, "Ich bin doch hier."

Ich konnte es wegen der Dunkelheit zwar nicht besonders gut erkennen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass Regulus lächelte. Ich zumindest tat es. Regulus machte wieder einen Schritt auf mich zu. Sein Blick wanderte zu meinen Lippen.

"Darf ich...", fragte er.

"Ja!", quiekte ich.

Und dann überwand er auch noch die letzte Distanz zwischen uns und drückte seine Lippen auf meine. Mir war gar nicht klar geworden, wie sehr ich diesen Moment herbeigesehnt hatte, bis ich spürte, wie die Schmetterlinge in meinem Bauch eine Party feierten, während ich den Kuss erwiderte. Ich hatte zwar keinen eigenen Stern am Nachthimmel, aber Regulus war mir da auch tausendmal lieber...

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