Prolog
Als ich die kleine Eins neben dem weiß roten Briefumschlag erblicke, verdoppelt sich mein Herzschlag in weniger als einer Sekunde. Das Einzige, das sonst in der Lage wäre, eine solche Reaktion in mir auszulösen wäre, der Anblick eines unangekündigten Latein Test.
Eine ungelesene Mail.
Kann es ...?
Nein bestimmt nicht, das ist doch viel zu früh.
Aber vielleicht.....
Das Klassenzimmer leert sich zügig hinter mir, jede Minute der Mittagspause ist ja schließlich Gold wert und viel zu schade, um sie im stickigem Klassenzimmer zu verschwenden. Alle außer mir sind schon in ihre dicken Winterjacken geschlüpft und mummen sich mit ihren Schals ein. Der Winter zieht sich dieses Jahr unglaublich in die Länge und jeder wartet nur noch sehnsüchtig auf die Erlösung durch den Frühling.
Diejenigen, die die Schulkantine besuchen, sind schon vor zwei Minuten aus der Tür gesprintet, einen Arm im Ärmel der Jacke, das Handy in der linken Hand und die Magnetkarte der Mensa zwischen die Zähne geklemmt. Man will ja schließlich nicht Ewigkeiten in einer Schlange anstehen, nur um sich dann an die ungemütlichen Plätze gegenüber der Eingangstür setzten zu müssen. Besonders im Winter friert man sich dann auf den Plastikstühlen den Arsch ab.
Zugegeben der Hauptgrund für diesen Mittäglichen Sprint ist dann doch eher der Nachtisch, denn komischerweise gibt es immer genug Salat und alles andere was aus den gigantischen Töpfen und Gefriertruhe der Kantinenküche kommt, aber der Nachtisch ist immer viel zu schnell alle. Und sind wir ehrlich: So ein Stück Karottenkuchen – auch wenn es nur eine billige Backmischung ist, die ein unangenehmes Gefühl auf den Zähnen hinterlässt– oder auch nur ein Schoko Pudding, können einem den Nachmittagsunterricht um einiges versüßen.
Warum ich die Situation so gut kenne? Weil ich normalerweise selbst Teil dieses Teams bin, dass sich mutig in den Kampf stürzt und sich strategisch in die Schlacht im flachen grauem Gebäude sechs Geh- und 4 Laufminuten runter die Straße begibt. Kann sich schließlich nicht jeder leisten, zweimal die Woche mittags Essen zu gehen und Pizza und Döner hängen einem nach einem Jahr aus dem Hals raus.
Jeder in unserem Trio hat seine Aufgabe und wir sind mittlerweile ein richtig eingespieltes Team. Lissy – die Sportliche von uns – läuft und reserviert einen Platz in der Schlange, ich lösen sie ab, damit sie sich auf die Toilette verdrücken kann. Seit neustem versucht sie mindestens vier Liter Wasser am Tag zu trinken, da das angeblich gut für die Haut sein soll, ein kleiner Nebeneffekt dabei ist, dass die es nie lange ohne das stille Örtchen aushält.
Ro, die wegen ihrem Asthma nicht besonders gut im Laufen ist, aber es irgendwie immer, schafft sich die guten Plätze neben der Heizung zu angeln, holt schon mal Getränke, Besteck sowie Salat.
Da ich seit drei Jahren regelmäßig in der Gastronomie jobbe und zudem jede momentane Ernährungspräferenz unserer Dreiergruppe in- und auswendig kenne, ist es auch meine Aufgabe unser aller Mittagessen zu unserem Tisch zu manövrieren.
Doch heute habe ich es nicht aus der Tür hinausgeschafft. Lara, die irgendwie immer die letzte ist, zieht sich gerade noch ihre Pinke Mütze über die schwarze Lockenmähne und winkt mir kurz verträumt zu, bevor sie noch vor unserem Lehrer durch die Tür in den Flur verschwindet. Letzterer muss eine kleine Vollbremsung einlegen, wobei der Bücherstapel, den er in seinen Händen hält, gefährlich ins Wanken kommt.
Jetzt bin ich alleine. In meiner linken Hand, meine dunkelblaue Jacke. Mütze und Schal sind immer noch in einen der Ärmel gestopft, so wie ich es schon seit dem Kindergarten machen. Es ist einfach die effizienteste Methode überhaupt für mich, nichts von beidem zu verlieren, da ich gefühlt immer alles verliere. Okay, nicht wirklich verliere, ich finde die Sachen ja wieder. Zwar in den unmöglichsten Situationen, aber ich finde sie wieder. Also würde verlegen wohl besser meine Unfähigkeit den Überblick über meine Sachen zu haben, beschreiben.
Wie jeden Montag und Mittwoch habe ich exakt fünf Minuten vor Stundenschluss, zeitgleich mit Ro – Kurzform für Ronja, ihre Mutter war ein riesiger Astrid Lindgren Fan – die neben mir sitzt, angefangen mich unauffällig auffällig bereitzumachen. Zuerst habe ich meine Brieftasche mit der Magnetkarte aus den Tiefen meiner gigantischen Handtasche, die in solchen Situationen immer zum schwarzen Loch mutiert, gekramt, schon mal nach meinem Handy zu suchen und nebenbei schon mal nach meiner Jacke gegriffen, die über meinem Stuhl hängt. Und genauso wie jedem Mittwoch kann sich unser Lehrer die Standpauke, der Unterricht würde erst enden, wenn die Klingel läutet, nicht verkneifen. Der soll sich doch bitte mal entspannen, können wir ja schließlich nichts für, dass er grad Stress mit seiner dritten Ehefrau hat.
Automatisch habe ich meinen Finger auf dem Homebtton gepresst und wie immer meine mobile Daten eingeschalten. Die nächsten zwei Minuten dürfen wir uns jetzt nicht mehr großartig bewegen. Den Fischer jetzt noch zu reizen, würde ziemlich nach hinten losgehen. Dann können wir es uns abschminken auf die Sekunde genau zum Klingeln aus der Tür zu stürmen. So bleibt noch genug Zeit um unter dem Tisch die aktuellsten Neuigkeiten auf Instagram abzuchecken und auf Macie's Snap von vor 40 Minuten zu antworten.
Aber bis zum gelben Kasten mit dem weißen Geist schaffe ich es gar nicht. Mein Blick bleibt wie gebannt an der kleinen Eins neben der Gmail-App kleben. Eine neue Mail, nichts ungewöhnliches, oder?
Ist doch bestimmt nur Spam.
Doch mit dem Wissen, dass ich erst Sonntag, alles was auch nur irgendwie Spam ist oder Dinge die ich vor Ewigkeiten mal abonniert hab zu blocken, weiß ich dass, es irgendwas Wichtiges sein muss. Ich hatte Langeweile, okay? Was sollte ich auch sonst machen, wenn ich schon 37 Minuten auf Macie warten musste und mein Handyspeicher wiedermal so überlastet war, dass ich mir Zuhause nicht mal ein paar Folgen Lucifer auf meinen Netflix-Account herunterladen konnte. Macie musste ja mal wieder erst auf dem letzten Drücker zum Bus rennen, da sie bis zur letzte Minute gepokert hat, dass ihre Mutter das Auto doch nicht braucht, um zum Frisör zu fahren. Die Unpünktlichkeit hat sie definitiv von unserem Vater. Tja. Am Ende hat der Sprint nichts gebracht und der Bus ist vor ihrer Nase weggefahren.
Also muss diese eine neue Mail was Wichtiges sein und vielleicht ganz vielleicht ist es diese eine Mail.
Auf Ros gestresstes: „Komm schon", habe ich nur damit geantwortet, dass ich nachkommen würde. Sie konnten ihren Ohren nicht trauen, heute war Karottenkuchen-Mittwoch, dass mein persönliches Highlight, das leider nur alle zwei Wochen vorkommt. Nichts und niemand kann mir diesen Karottenkuchen streitig machen. Normalerweise, aber normalerweise ist nicht heute. Lissy hat nur mit ihren Schultern gezuckt, aber ich weiß, dass sie es sein wird, die ein Stück Kuchen für mich auf ihren Teller schmuggelt, obwohl sie gerade allem Süßen den Rücken gekehrt hat.
Aber heute gab es diese eine Mail, die es zu öffnen galt. Als das Trio, das in diesem Moment viel mehr ein Duo ist, schon aus dem Klassenzimmer gestürmt ist und jetzt gerade bestimmt mit zügigen und federnden Schritten, die zwei Treppen runter zum Ausgang eilt, da bin ich gerade mal so weit gekommen die App zu öffnen und spätestens jetzt bahnt sich ein Jubelschrei langsam seinen Weg meine Kehle nach oben. Die Mail ist vor 10 Minuten in meinem Postfach eingetrudelt. Der Name meiner Agentur stand groß und fettgedruckt ganz oben und ohne noch groß irgendwelche Betreffe zu lesen, öffne ich die Mail.
Hallo Ella,
leider erreiche ich dich gerade telefonisch nicht, deswegen jetzt der Versuch per Mail.
Die Familie Regan hat dir ein Job-Angebot geschickt und hätte dich gerne als ihr Au Pair. Ich wollte jetzt einfach mal mit dir besprechen, wie das weitere Vorgehen wäre. Deswegen wäre es super, wenn du mich zurückrufen würdest.
Die Familie hätte dich gern für einen Flug am 25. Juli für eine Dauer von 9 Monaten.
Viele Grüße aus München
Kamilla Schardt
Program Coordinator Au Pair
Jetzt kann ich das schrille Kreischen nicht mehr zurückhalten. Gestern erst hatte ich endlich die Gelegenheit mit dieser Familie zu skypen. Ihre erste Mail kam schon vor zehn Tagen. Mein Profil auf der Agenturseite hat ihr Interesse geweckt, aber diverse Termine auf beiden Seiten haben das persönliche Gespräch um Tage hinausgezögert.
Von Anfang an waren die Regans meine absoluten Favoriten. Die Art wie ihr hostfamilly letter – ein Brief den jede Familie über sich an das zukünftige Au Pair schreiben muss, um sich vorzustellen – geschrieben war, die sympathischen Fotos, der E-Mail Wechsel und das Skype Gespräch gestern haben diesen Eindruck nur noch bestätigt. Alleine die Tatsache, dass wir uns über zwei Stunden unterhalten haben, sagt schon viel aus. Sie waren einfach die perfekte Familie, drei süße Kinder, sie leben in Melbourne in einem Haus mit Pool und zum Meer waren es nur fünf Gehminuten. Das ist quasi ein Jackpot.
Doch so ein Jackpot heißt auch Konkurrenz und als sie gestern meinten, dass sie bis jetzt mit insgesamt acht Kandidatinnen gesprochen hätten, sank meine Hoffnung gleich gegen null. Ich hatte keine schlechten Referenzen, von denen aber ehrlich gesagt über die Hälfte erlogen waren – wie soll man es auch sonst schaffen auf über 200 Stunde Kinderbetreuung zu kommen, wenn man Wochenendes und in den Ferien schon mit einem deutlich lukrativerem Job in einem Café beschäftigt ist? Mein Profil war okay, glaub ich, aber nichts Besonderes. Und jetzt lese ich hier, dass sie wirklich mich wollen! Mich!!
Mit klopfendem Herzen rufe ich die Nummer zurück, deren Anruf ich vor einer halben Stunde verpasst hab, warum rufen die mich auch jetzt an? Die wissen doch, dass ich noch in der Schule bin.
Nach dem dritten Klingeln geht Kamilla Schardt endlich ran und eine Frau, mit der ich bisher noch nie in meinem Leben gesprochen hatte, macht mich zum glücklichsten Menschen der Welt.
Das ganze Gespräch über gebe ich nur ein aufgeregtes „Ja!", nach dem anderen von mir und als sie sich von mir mit einem: „Herzlichen Glückwunsch", verabschiedet und ich das Handy von meinem Ohr wegnehme, kann ich gar nicht anders als vor Freude in die Luft zu springen und einen kleinen Siegestanz aufzuführen.
Erst als ich den Knall einer zugeschlagenen Tür auf dem Flur höre, halte ich abrupt inne und schaue mich um, ob irgendjemand Zeuge meiner kleinen Show war. Aber das Klassenzimmer ist, bis auf die Taschen und Rucksäcke, den Ordnern und Büchern, die sich auf den Tischen stapeln und die Kugelschreiber und Markierstifte, die wild über die Unterrichtsmaterialien zu Bertholt Brechts Mutter Courage verteilt sind, leer.
Auch wenn ich könnte und es nur zu gerne tun würde, gebe ich keine Zugabe, ziehe stattdessen meinen Schal und meine Mütze aus dem Ärmel meiner Jacke, schnappe mir mein Handy und schiebe die Magnetkarte in meine Jackentasche. Reißverschluss nicht vergessen, sonst fällt sie mir wieder raus, und dann auf zum Mittagessen.
Was ich heute aber anders mache als an all den anderen Tagen mit den gleichen Bewegungsabläufen: Ich grinse wie ein Honigkuchenpferd, nicht dass ich schon mal so ein Honigkuchenpferd gesehen, geschweige denn gegessen, hätte, aber genau so muss sein Grinsen ausgesehen haben.
Im Takt mit meinem, vor Aufregung rasendem Herz springe, hopse und renne zur Kantine. Als ich mich gegen die schwere Tür lehne, kommt mit der dampfend warmer Schwall Luft entgegen, der den Geruch von Essen, vermischt mit den Geräuschen unzähliger Gespräche, transportiert. Ich brauche nur wenige Momente um Lissy und Ro auszumachen. Wie immer an einem der kleinen runden Tische neben einen der Heizkörper, ein Stuhl ist leer. Zwei Karaffen Wasser und eine Karaffe Himbeersaft stehen gemeinsam mit dem Essen schon auf dem Tisch. So schnell es die ausgestreckten Füßen in den Gängen zwischen den Tischen zulassen, stürme ich auf den Tisch zu und ohne Rücksicht auf das laufende Gespräch der zwei, das sich, wie ich am Namen Rainer höre, wie so oft um Latein dreht, unterbreche ich sie schwer atmend mit: „25. Juli. Ich fliege am 25. Juli!"
Zwei Augenpaare starren mich an, gut vielleicht sind es mehr als zwei, wenn man bedenkt, dass mein Ankommen bestimmt nicht unbeobachtet geblieben ist. Es passiert nicht gerade so oft, dass ein Mädchen aus der Abschlussstufe wie eine Irre in die Schulkantine rein stürmt, fast eine der Köchinnen mit einem gefährlich hohem Stapel Tellern umrennt, auf einem am Boden liegenden Schal ausrutscht und sich erst in letzter Sekunde fangen kann, indem sie sich an der Stuhllehne eines Erstklässlers festhält, der dadurch aber geschubst wird und so seine Brille im Kartoffelbrei landet.
Aber nur die zwei Augenpaare vor mir zählen.
„25. Juli", flüstere ich noch mal leise vor mich hin, während ich mich auf den freien Stuhl fallen lasse. Ich kann's nicht fassen.
25. Juli, der Tag an dem ich nach Australien fliegen werde.
(17.08.19)
So noch mal ein herzliches Willkommen an alle zu Somewhere Down Under.
Ich hoffe der Prolog hat euch gefallen. Ein kleiner Vorgeschmack auf das was euch hier erwarten wird. Ich konnte einfach nicht länger warten. Das erste richtige Kapitel wird voraussichtlich in der 1. September Woche gepostet.
Eure StellaLuna
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