Kapitel 117 - Sheila

Teil 3

Sheila betrachtete Mona, die zwischen ihr und Jonathan im Bett lag und schlief. Es war ihre erste Nacht wieder zu Hause und Mona war um kurz nach Mitternacht aufgewacht und zu ihnen ins Bett gekrochen. 

Jonathan hatte im Halbschlaf den Arm um sie gelegt und so hatte es keine fünf Minuten gedauert, bis Mona wieder eingeschlafen war. 

Sheila hingegen hatte nach Monas Auftauchen nicht mehr einschlafen können und nun kreisten ihre Gedanken unaufhörlich. 

Hier, in ihrer vertrauten Umgebung kam ihr das alles nur noch absurd vor, was im Urlaub passiert war und sie konnte sich im Nachhinein nicht mehr erklären, wie sie das alles hatte zulassen können. 

Der Kuss mit Leonard, oder besser gesagt: die Küsse waren falsch und absolut dämlich gewesen, auch wenn Jonathan ihr zu verzeihen schien. 

Allein der Gedanke daran brachte ihre Wangen zum glühen und eine Welle der Emotionen durchfuhr sie. Zwar liebte sie Jonathan und wollte nie mehr in eine solche Situation geraten, in der er sich von ihr trennte, aber ihre Gefühle für Leonard waren noch immer da. 

Jonathan war offensichtlich der Meinung, dass sie einfach wieder verschwanden, wenn sie Leonard ein paar Tage nicht sah, aber sie war sich da nicht ganz so sicher. 

Leonard hatte sie aufgefangen, als Jonathan sie nur angeschrien und verletzt hatte. 

Auch wenn manche das vielleicht als einen Freundschaftsdienst sehen würden, empfand sie es anders. Vielleicht, weil sie schon einmal in einer vergleichbaren Situation gewesen war, als Jonathan sie von ihrem gewalttätigen Ex befreit hatte. 

Nicht, dass Jonathan annähernd mit Ville vergleichbar war, aber anscheinend sprang sie darauf an, von einem Helden aus aussichtslosen Situationen gerettet zu werden und sich dann in ihn zu verlieben. 

Natürlich nur im übertragenen Sinne, aber an dieser märchenhaften Vorstellung war doch etwas Wahres dran. 

Sheila seufzte, um die Gedanken loszuwerden und sah stattdessen noch einmal zu ihrer Tochter und Jonathan, die beide friedlich schliefen. Wieder schloss sie die Augen, aber sofort rannten ihre Gedanken zu Leonard, sodass sie beschloss, ins Wohnzimmer zu gehen, bis sie wieder müde wurde. 

Möglichst leise erhob sie sich aus dem Bett, schnappte sich noch ihr Handy vom Nachttisch und schlich die Treppe nach unten. 

Als sie mit nackten Füßen über die Fliesen im Flur ging, fing sie unwillkürlich an zu frösteln und sie beeilte sich, ins Wohnzimmer und unter die warme Wolldecke auf der Couch zu kommen. Sie knipste die kleine Lampe in der Ecke zwischen Sofa und Regal an, dann sah sie auf ihr Handy. 

Zu ihrer Überraschung hatte sie eine neue Nachricht, die noch nicht dagewesen war, als sie vor ein paar Stunden ins Bett gegangen war. Ihr erster Gedanke war Leonard und ihr Herzschlag beschleunigte sich. 

Tatsächlich war die Nachricht von ihm und mit zitternden Fingern rief sie sie auf. 

„Bitte ruf mich an, wenn du ungestört bist. Egal um wie viel Uhr", schrieb er und sofort wusste Sheila, dass es dringend war. 

Gleichzeitig wanderte ihr Blick zur Wohnzimmertür, als erwartete sie Jonathan, der auf einmal auftauchte und wieder eifersüchtig wurde. 

Sheila schluckte schwer. Sie hatte Jonathan versprochen, Leonard in Ruhe zu lassen, dennoch wollte sie wissen, was er ihr sagen wollte. 

Seufzend erhob sie sich, ging zurück zur Wohnzimmertür und schloss sie leise, damit Jonathan nicht aufwachte. Anschließend setzte sie sich wieder aufs Sofa und klickte auf Leonards Namen. Ihr Finger schwebte über dem grünen Hörer, doch auf einmal machte sich ein schlechtes Gewissen in ihr breit. 

Sie hatte nun schon den zweiten Fehler mit Leonard begangen, wie viele sollten noch folgen? Und vor allem: Wie viele würde Jonathan ihr verzeihen? 

Ihr Herz hämmerte unangenehm gegen ihre Brust, dann entschied sie sich um. Anstatt Leonard anzurufen schrieb sie eine Nachricht an ihn. 

„Ich kann nicht", schrieb sie und schickte die Nachricht ab. Sie wusste einfach nicht, was sie ihm sonst hätte schreiben sollen, alles fühlte sich auf einmal so anstrengend an. Die quälenden Gedanken, die Last der Schuld, einen anderen Mann geküsst zu haben und die Gewissheit, dass ihre Tochter unter den ganzen Streits litt. 

Keine zehn Sekunden später traf eine weitere Nachricht von Leonard ein, der offensichtlich noch wach war. 

„Okay, aber... wie ist denn jetzt der Stand? Habt ihr euch wieder versöhnt?", schrieb er und Sheila spürte seinen verbitterten Ton nur allzu deutlich. Es fiel ihr schwer, ihm die Wahrheit zu sagen, aber dennoch sollte sie ihn wissen lassen, dass diese ganze Sache im Urlaub ein Ausrutscher war, der nicht noch einmal passieren durfte. 

„Wir haben über alles geredet und wir haben uns entschieden, dass wir das alles vergessen und uns zusammenraufen, auch für Mona", antwortete sie ihm und beinahe sofort schrieb Leonard eine Antwort zurück. Gespannt wartete Sheila, doch immer wieder unterbrach Leonard das Eingeben seiner Nachricht. 

Sheila fing an, nervös auf ihrer Lippe herumzukauen, denn er schien eine wirklich lange Nachricht einzugeben, er schrieb schon beinahe eine Minute. Sie spürte, wie sie nervös wurde und es tat ihr weh, Leonards Gefühle so verletzt haben, aber sie hatte das alles nicht absichtlich getan. Es war einfach so passiert und hatte sich in dem Moment richtig angefühlt. 

Sheila schloss für einen Moment die Augen und zählte langsam bis zehn, dann schlug sie sie wieder auf und hoffte, dass Leonard ihr inzwischen geantwortet hatte. Tatsächlich war eine Nachricht von ihm angekommen, aber da stand nur ein einziges Wort. 

„Okay", hatte er geschrieben. 

Ungläubig starrte Sheila auf das Wort, denn er hatte sich offensichtlich einen langen Text überlegt, nur um ihn wieder zu löschen. 

Gleichzeitig spürte sie einen Schmerz in sich, der nur schwer zu beschreiben war. Leonard war verletzt, das wusste sie und ihr war auch klar, dass er sich vielleicht insgeheim Hoffnungen gemacht hatte. 

Sheila spürte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten, denn sie allein war Schuld an seinem Schmerz und sie wollte es wieder gut machen. Allerdings wusste sie, dass alles, was sie tat, das Ganze für ihn nur noch schlimmer machen würde. 

Fieberhaft überlegte sie, was sie ihm antworten sollte, doch bevor sie irgendetwas eingeben konnte, hörte sie Schritte auf der Treppe. 

Panisch legte sie ihr Handy weg, wischte sich mit den Händen übers Gesicht und erhob sich. Genau in diesem Moment kam Jonathan herein, der sich verschlafen umblickte. 

„Hier bist du. Ist alles okay?", fragte er und kam langsam auf sie zu. Viel zu schnell nickte sie. 

„Ja, ich... wollte gerade wieder hochkommen. Nachdem Mona zu uns gekommen ist, konnte ich nicht mehr einschlafen", erklärte sie, aber Jonathan beäugte sie missmutig. Sein Blick lag eindringlich auf ihr und am liebsten wäre sie ihm ausgewichen, aber sie schaffte es nicht. 

„Du hast geweint", stellte er fest, schloss die Lücke zwischen ihnen und legte ihr eine Hand an die Wange. 

„Nein, ich...", stammelte sie, beendete den Satz aber mit einem Seufzen. Es wäre sinnlos, ihn anzulügen. 

„Leonard hat geschrieben und gefragt, ob wir wieder zusammen sind", sagte sie schließlich, griff nach ihrem Handy und zeigte ihm den kurzen Nachrichtenverlauf. 

Als Jonathan ihn las, zogen sich seine Augenbrauen skeptisch zusammen und sie konnte sehen, wie seine Augen immer und immer wieder den Text überflogen. Nach einer gefühlten Ewigkeit reichte er ihr das Handy zurück und setzte eine zufriedene Miene auf. 

„Mach dir darüber keine Gedanken, natürlich ist er verletzt. Das wird schon wieder, glaub mir", sprach er ihr gut zu und griff nach ihrer Hand. 

„Na komm, gehen wir wieder schlafen", sagte er und zog an ihr. Sheila blieb jedoch stehen, denn sie konnte es nicht so locker sehen wie er. 

„Ich bin Schuld daran, dass er leidet", sagte sie, was Jonathan über die Schulter zu ihr zurücksehen ließ.

„Er wird es überleben. Schlaf erst einmal in Ruhe eine Nacht darüber und dann kannst du immer noch mal mit ihm reden, wenn du unbedingt willst", sagte er bemüht einfühlsam, aber es gelang ihm nicht wirklich. 

Er klang eher genervt, was Sheila ernüchterte. Anscheinend machte es Jonathan nichts aus, dass Leonard verletzt war und das nur wegen ihr. 

„Komm schon. Du machst dir zu viele Gedanken wegen ihm", drängte Jonathan und zog nun etwas kräftiger an ihrer Hand. Mit einem Seufzen gab sie nach und folgte ihm zurück ins Schlafzimmer. 

Allerdings wusste sie, dass sie noch einige Zeit wachliegen und sich Vorwürfe machen würde. 

Jonathan führte sie ins Bett, wo Mona noch immer in der Mitte lag und schlief. Vorsichtig legte Sheila sich neben sie und blickte zu Jonathan, der sie genau in diesem Moment auch ansah. 

„Versuch zu schlafen. Morgen sieht alles schon viel besser aus", sagte er, schlang den Arm um Mona und schloss die Augen. Sheila tat es ihm gleich, aber an Schlaf war noch lange nicht zu denken. 

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