Déjà-vu
Keuchend kam ich im Blumenladen an. Ich war spät dran und habe mich wie eine irre abgestrampelt, um noch pünktlich zu Arbeitsbeginn da zu sein. Ich war 15 min zu Spät. Sogar Lizzy war schon eingetrudelt und rannte mit einer Gießkanne durch den Laden. "Entschuldigung. Hab verschlafen." rief ich durch das Geschäft und band mir eilig meine Schürze um. Ich trug heute einen hellbraunen Pullover mit einem rot karierten Faltenrock, schwarzen Kniestrümpfen und meinen schwarzen Ballerinas. "Was hast du denn gestern gemacht, das du deinen Wecker nicht gehört hast? Sowas ist dir doch bisher noch nie passiert." fragte mich Lizzy. Sie trug ein oranges Shirt mit einer beige dreiviertel Hose und Turnschuhen. Saskia saß wieder an der Kasse und tippte auf ihr Handy. Heute trug sie nur ein graues Shirt, das aussah, wie ein Sport BH. Dazu trug sie einem eng anliegenden Leder Leggins und schwarze Lackschuhe, dessen Sohle 5 cm dick war. "Ich habe einfach zu lange gelesen." beantwortete ich Lizzys Frage und trug einen großen Kasten mit Blumentöpfen nach draußen, um sie dort aufzustellen. Saskia schnaubte "Wie bescheuert. Wer liest schon freiwillig..." sagte sie mehr zu sich selbst, als zu mir. Ich ignorierte diesen Kommentar und fing an die Blumen für die Kunden herzurichten. Ich stellte sie alle auf einen großen Wagen, welcher mehrere Etagen hatte. Für jede Etage eine andere Farbe. Während ich die Blumen sorgsam nebeneinander aufreihte schweiften meine Gedanken zu Jack und seinem Albtraum. Bisher hatte er offensichtlich ruhige Nächte gehabt. Warum bekam er also jetzt auf einmal diese Träume? Lag es womöglich an den Männern in schwarz, die nach ihm suchen? War es die richtige Entscheidung gewesen ihm davon zu erzählen? Was denke ich denn da? Natürlich war es richtig gewesen. Ich konnte ihm doch keine Informationen vorenthalten, bei denen es um ihn ging. Vielleicht hatte er auch einfach nur Bauchschmerzen gehabt und deswegen so schlecht geschlafen. Rote Blumen fertig. Jetzt Lila. Und was war, wenn es nun doch meine Schuld war? Ich biss mir auf die Lippe. Hör auf so viel Nachzudenken! Er hat einmal schlecht geträumt. Na und? Das hat doch nicht gezwungenermaßen etwas mit diesem Vorfall zu tun. Obwohl... Als ich diese Männer erwähnt habe, hat er Panik bekommen. Ich muss herausfinden, wer das war und was sie von ihm wollten. Ein schwarzer Sportwagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite erregte meine Aufmerksamkeit. Durch die getönten Scheiben konnte ich unscharf die Umrisse von zwei Personen ausmachen. An sich nicht ungewöhnliches. Allerdings stand der Wagen dort schon, seit ich hergekommen war. Was taten die denn da? Niemand stieg aus oder ein. Die beiden saßen einfach da. Ich stellte die letzten Blumen auf und ging wieder in den Laden. Am besten behalte ich das Auto im Auge.
Mittagspause. Lizzy und Saskia sind wie immer hinten. Ich kombinierte wieder Blumen. Ein Mann in rotem Poloshirt und weißer Hose betratt den Laden. Ich lege den Strauß beiseite und begrüße ihn lächelnd. "Guten Tag. Kann ich ihnen behilflich sein?" Er schaute sich etwas im Laden um, bevor er an den Tresen tratt. "Ja, das könnten sie. Ich suche ein paar schnieke Blumen für meine Frau als Geburtstags Geschenk." "Natürli-" erschrocken halte ich inne. Mörder. Blutrot, schwarz, dunkel, blutig. Mit vor entsetzten weit aufgerissenen Augen starre ich in diese Farben. Ein Kloß in meinem Hals hinderte mich am Weitersprechen. Ich verschränkrmte meine zitternden Hände ineinander, schluckte ein paar Mal und räusperte mich nervös. "Natürlich. Haben sie schon irgendeine Vorstellung davon, welche Blumen sie haben möchten? Rote Rosen? Tulpen? Ein paar Schwertlilien?" fragte ich mit leicht zitternder Stimme. Er beugte sich etwas nach vorne. "Ich lasse ihnen da freie Hand." Ein grinsen umspielte seine Lippen. Mein Magen zog sich zusammen. Mit etwas wackeligen Beinen trat ich hinter meinem einzigen Schutz, dem Kassentisch, hervor. Während ich von Vase zu Vase ging und einen Blumenstrauß für den Mann zusammenstellte, folgte er mir auf Stritt und tritt. Wenn ich einmal stehen blieb, stand er so nah hinter mir, dass ich seinen Atem in meinem Nacken spüren konnte.
Ich steckte gerade die letzte Rose im den Strauß, da strich seine Hand plötzlich über meine Wange. Erschrocken zuckte ich zusammen und wich einige Stritte zurück. "Du hast eine so schöne Haut..." murmelte er und trat mit ausgestreckter Hand auf mich zu. "Sie ist so hell... so rein..." Wie ein Schutzschild umklammerte ich den Strauß in meinen Händen und drückte ihn an meine Brust. Der Mann kam noch einen Schritt näher. Ich wich wieder zurück und spürte nun die Vasen in meinem Rücken.
Ich saß in der Falle. Erneut streckte der Mann seine Hand aus, griff sich eine meiner Haarsträhnen und zwirbelte sie etwas. "Diese dunklen Haare..." Er packte die Strähne fester und zog einmal kräftig daran. Mein Kopf ruckte nach vorne und war nur noch wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Seine blutgetränkte Seele starrte mich an. "Du bist wahrlich etwas ganz Besonderes." hauchte er und fuhr plötzlich mit seiner Zunge über mein Gesicht. Entsetzt hielt ich die Luft an und kniff meine Augen zusammen. Der leckt mich ab! Der Typ schleckt mir allen Ernstes übers Gesicht! Ich versuchte mein Gesicht wegzudrehen, aber er packte daraufhin mein Kinn und hielt mich fest. Sein raue Zunge strich meine linke Wange hinauf über meinem immer noch fest geschlossenem Auge und noch ein Stück über die Stirn. Ekel stieg in mir hoch. Sein Speichel brannte heiß auf meiner Haut. Ich fing an zu zittern und umklammerte die Rosen noch fester. Die spitzen Dornen bohrten sich in meine Handfläche und ich konnte etwas Warmes Blut spüren. Moment... Rosen!
Ich hob meinen Arm, holte weit aus und klatschte ihm die mit Dornen bespickten Blumen ins Gesicht.
Mit einem gellenden Aufschrei, ließ er mich los und betastete vorsichtig dir roten Kratzer auf seiner Wange. Die zerrupften Blumen fielen zu Boden und die Blütenblätter rieselten wie Schneeflocken umher. "Du Miststück!" fauchte er und griff nach meinem Arm. Ich wich aus, schnappte mir eine der Vasen und warf sie ihm an den Kopf.
Headshoot~
Er taumelte etwas umher und hielt sich mit Schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf. Blut sickerte zwischen seinen Fingern hindurch und tropfte zu den Blüten auf den Boden. Mein Herz raste und mein Atem ging flach und schnell. Hastig lief ich an ihn vorbei zur Kasse, um die Polizei zu informieren. "Na warte du..." hörte ich ihn knurren. Ein stechender Schmerz durchzuckte meinen Kopf und alles fing an sich zu drehen. Ich stützte mich an dem Kassentisch ab und versuchte mich wieder zu beruhigen. Was war das? Was zur Hölle passiert hier? Ich atmete tief ein und aus, aber der Laden drehte sich immer schneller und schneller. Schwarze Punkte fingen an vor meinen Augen zu tanzen, bevor die Bewusstlosigkeit seine kalten Hände nach mir ausstreckte und mich in die tiefe Dunkelheit zog.
"Nanami? Hey! Nanami!" Langsam öffnete ich meine Augen. Mein Kopf dröhnte und meine Augen brannten. Ich brauchte einen Moment, um mich an das grelle Licht zu gewöhnen. Orange, Gelb, glitzernd... Lizzy's Augen musterten mich besorgt. "Ist alles in Ordnung? Tut dir etwas weh?" erklang wieder ihre sanfte Stimme. "W-was ist passiert?" fragte ich sie, statt auf ihre Frage einzugehen und richtete mich etwas auf. Es war, als würden tausend nadeln mein Hirn durchbohren. Ich stöhnte vor Schmerz auf und ließ mich wieder zurück fallen. "Nicht Bewegen! Du bist im Laden umgekippt und hast dir dabei vermutlich den Kopf gestoßen. Wir haben dich bewusstlos auf dem Boden gefunden." klärte Lizzy mich auf und schob mir währenddessen vorsichtig ein Kissen unter den Kopf. Nun registrierte ich, dass ich auf dem Sofa im Pausenraum lag. Meine Gedanken waren in dicken Nebel gehüllt und es fiel mir schwer einen klaren Gedanken zu fassen. Ich sah wieder zu Lizzy hinüber, da mich eine Sache, trotz meiner gelähmten Gedanken, sehr beschäftigte. "Was ist mit dem Mann?" "Was für ein Mann?" Lizzy's Augen sahen mich fragend an. "Der im roten Polo-shirt. Er wollte einen Strauß haben und hat dann angefangen mich anzulecken." "Sag mal Nanami... bist du dir sicher, dass alles in Ordnung ist? Hast du vielleicht eine Gehirnerschütterung?" Der Raum fing an sich zu drehen. Ich blinzelte mehrere Male, in der Hoffnung wieder eine klare Sicht zu bekommen. "Nanami? Hey! Ich rufe am besten einen Arzt." Irgendwie schaffte ich es ihren Ärmel zu packen, bevor sie aufsprang, um zum Telefon zu laufen. "Bitte..." kam es leise über meine Lippen. "Keinen Eisaugen-Doktor." "Eisaugen...Doktor?" wiederholte sie. Meine Augen waren nur noch halb geöffnet und dass einzige, dass ich noch sah, war ein Strudel aus bunten Farben. "Ich mag ihre Farbe nicht. Sie sind so hell... so grell... so kalt..." Meine Stimme verlor sich und ich driftete wieder in das Schwarze Meer der Nichts.
Der Geruch von Desinfektionsmittel stieg mir in die Nase. Bitte nicht. Vorsichtig öffnete ich ein Auge. Rationale, eisblaue Seele. Leider doch. "Ich kann es mir selbst nicht erklären. Es ist mit Sicherheit keine Gehirnerschütterung." Der Arzt mit seinem Klemmbrett dreht sich auf seinem Drehstuhl zu Lizzy, welche einige Stritte entfernt von mir stand und sorgenvoll ihre Hände knetete. "Sie meinten, dass sie bewusstlos auf dem Boden lag und nachdem sie aufgewacht war wirres zeig erzählt hat." Sie nickte. "Das war kein wirres Zeug." murmelte ich mehr zu mir selbst, als zum Doktor oder Lizzy. Beide drehten sich überrascht zu mir um. "Wie bitte?" fragte der Arzt. "Das war kein wirres Zeug." wiederholte ich. "Ein Mörder mit einem roten Polo-shirt kam in den Laden, um seiner Frau einen Geburtstagsstrauß zu kaufen. Er hat mir übers Gesicht geleckt und dann bin ich umgekippt." Ich hielt einen Moment inne. "Hab ich grad gesagt, dass ein Mörder mit rotem Polo-shirt in den Laden kam?" Beide nickten. "Ups. Das muss ich korrigieren. Es war ein Mann in rotem Polo-shirt." Zwar war dieser ein Mörder, aber das mussten sie nicht wissen. Auch, wenn es dafür wahrscheinlich zu spät war. Gesagtes kann man nicht mehr zurücknehmen. Vermutlich halten sie mich jetzt für komplett bescheuert. "Vielleicht ist es doch eine Gehirnerschütterung." meinte nun der Eisaugen-Doktor und kritzelte etwas auf sein Brettchen. Was hab ich gesagt? Er stand auf, holte ein Döschen Tabletten aus dem Schrank und gab sie Lizzy. "Wenn ihr wieder schlecht oder schwindelig werden sollte, geben Sie ihr eine davon." sagte der Arzt mit fachmännisch neutraler Stimme. "Ich glaube, ich habe gerade ein Déjà-vu." murmelte ich und setzte mich vorsichtig auf.
Lizzy hat mich genau wie Jack damals bis vor meine Haustür gebracht. "Wenn etwas ist, ruf mich sofort an, ja?" sagte sie schon zum 1.000-mal. "Ja doch." erwiderte ich und schloss die Tür auf. "Entschuldige mich bitte, falls ich morgen nicht zur Arbeit komme." rief ich noch, bevor ich die Treppen zu meiner Wohnung hinauf stieg. Seufzend schloss ich die Wohnungstür auf und wurden mauzend von Nemesis begrüßt. "Ich freu mich auch dich wiederzusehen." sagte ich, hockte mich hin und strich ihr über das kleine Köpfchen. Überrascht sah ich, dass sie jetzt ein rotes Halsband mit einem kleinen goldenen Glöckchen trug, welches bei jeder Bewegung leise klingelte. Schick. "Nana! Wo warst du?" Ich sah hoch und entdeckte einen aufgewühlten Jack in seinem natürlichen Lebensraum. Ha ha... Man war der schlecht. "Ich hatte einen kleinen... Unfall." sagte ich und erhob mich vorsichtig. "Einen Unfall?" Ich zog die Tabletten hervor und gab sie ihm. Während er das Etikett begutachtete ging ich an ihm vorbei und warf mich seufzend aufs Sofa. Man war ich fertig. Was es wohl zu essen gab? "Hast du dir wieder den Kopf gestoßen?" Jacks Gesicht tauchte in meinem Blickfeld auf. Seine goldene Seele schimmerte wie immer wundervoll. "Mehr oder weniger." antwortete ich. "Geht es dir gut?" Ich tat so, als müsste ich überlegen. "Ich spüre so einen Druck. Fast ein stechen." sagte ich schließlich mit gespielt schwacher Stimme. In Jacks Augen spiegelte sich Sorge wieder. "Ist es sehr schlimm? Wo genau tut es weh?" Ich zeigte auf meinen Bauch, welcher nun ein knurren von sich gab. Einen Augenblick lang bewegte Jack sich überhaupt nicht, bevor er in schallendes Gelächter ausbrach. "Dagegen kann ich etwas tun. Komm Nana. Lass uns was essen." "Nana?" fragte ich, während er mich vom Sofa hochzog und in die Küche führte. "Ein Spitzname." erklärte er. "Nanami ist mir zu lang und irgendwie zu unpersönlich." Er warf mir einen unsicheren Blick zu. "Das ist doch für dich in Ordnung, oder?" "Ist mir ziemlich egal." sagte ich und ließ mich auf einen der Stühle fallen. Nemesis sprang auf den Tisch und bat mauzend um Essen. "Nene! Was soll das denn?" rief Jack aufgebracht und setzte sie wieder auch den Boden. Überrascht schaute ich ihn an. "Was denn? Ihr Name ist fast genauso lang wie deiner." rechtfertigte er sich. "Außerdem kann ich euch dann mit Nana und Nene rufen. Ist doch irgendwie lustig." fügte er noch kichernd hinzu und stellte ein herrlich duftendes Curry auf den Tisch. "Aber dann brachst du auch einen Kosenamen." meinte ich. "Ach was. Das ist nicht nötig." winkte er ab. Ich legte überlegend meinen Zeigefinger an mein Kinn und lehnte mich auf meinem Stuhl zurück. "Ich nenne dich... Goldi." Schockiert schnappte Jack nach Luft und ließ den Teller, den er gerade in der Hand gehabt hatte, los, welcher daraufhin laut klirrend auf dem Boden zersprang.
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