Chapter 6

Irgendwann musste ich eingeschlafen sein, denn ich wurde von hellem Licht wieder wach. Anstatt immer noch in der Höhle zu sitzen, lag ich in einem Bett. Es war hell, zumindest kam genug Licht durch die Gardinen, dass ich feststellen konnte, dass es Tag war. Langsam drehte ich meinen Kopf nach rechts und hätte fast laut geschrien. Neben mir lag eine Leiche. Eine weibliche Leiche. Aber nicht so alt wie das Skelett. Es war eine alte Frau mit grauen Haaren und sie hatte die Augen geöffnet. Ich war mit einem Satz aus dem Bett und stolperte rückwärts zur Tür, während ich meine Augen immer noch auf die Frau gerichtet hielt. Wo mein Rucksack war war mir egal, ich wollte nur hier raus. Die Tür war zum Glück nicht abgeschlossen und ich stürmte hinaus durch die Diele. Überall waren die Gardinen zugezogen und ich hatte panische Angst auch sonst überall im Haus Leichen zu finden. Wo war Raynard? Wo war ich überhaupt? Eigentlich hätte ich diesen Moment zur Flucht nutzen können. Stattdessen suchte ich Raynard. Ich wusste, dass er das angerichtet hatte, dass er auch mich so aussehen lassen konnte. Ich wusste alles in meinem Kopf, aber der Rest wollte das nicht begreifen. Er fand mich kostbar. Im Gegensatz zu all den anderen Menschen, die mich verletzten oder ersetzten. Die mich auf die Straße geschickt hatten. Er hatte mich zu sich nach Hause geholt. Das war auch Vertrauen. Und ich missbrauchte das Vertrauen anderer Menschen nicht, weil ich wusste wie sich das anfühlte.
Der Mann war in der Küche. Er blickte auf, als ich hinein kam und ich konnte nicht erkennen was er gerade gemacht hatte. Vielleicht hatte er die Zeitung gelesen, Kaffee getrunken, etwas gegessen; was mein Magen auch vertragen würde, aber ehrlich gesagt interessierte es mich auch nicht was er gemacht hatte. Es interessierte mich nur, dass er jetzt zu mir blickte. Zwar ausdruckslos, aber trotzdem fragend. Ich konnte nicht sagen, ob das kleine Lächeln Einbildung war. "Was.. ähm.. was machst du?", konnte ich herausbringen. Vorher hatte ich nicht darüber nachgedacht was ich sagen sollte, wenn ich ihm wieder gegenüber stand. "Mh, sehr tapfer." Jetzt war ich mir sicher, dass er lächelte. Aber kein krankes Lächeln, wie man das Serienkiller zuschrieb. Es war ein schönes Lächeln, ich mochte es. Viel zu schnell wandte er sich wieder dem zu, was er gerade gemacht hatte. "Es war nicht meine erste Leiche, wenn du das meinst", flüsterte ich. Ich wusste gar nicht mehr was ich sagte, ich wollte nur, dass seine Aufmerksamkeit wieder mir galt. Dass er mich wieder ansah. Mich wieder anlächelte. "Ach ja?" Er sah mich nicht an und ich hielt es fast nicht aus. Wahrscheinlich glaubte er mir nicht. Oder er dachte ich meinte die Leiche von gestern Nacht in seiner Höhle. "Meine Freundin. Sie wurde erwürgt." "Deine Freundin?" Endlich lagen seine braunen Augen wieder auf mir, aber sein Ton hatte sich scharf angehört. Fand er es schwach, wenn man Freunde hatte? War es das? Schnell redete ich weiter. "Ich hatte sie schon einige Tage nicht mehr gesehen und habe sie gesucht. Sie lag im Wald. Schon etwas länger. Ich habe es nie jemanden gesagt, aber sie wurde von der Polizei gefunden." Raynard musterte mich andächtig und ich wollte nur, dass er etwas sagte, was mich beruhigte. "War sie auch obdachlos?" Meine erste Reaktion wäre es gewesen sofort zu widersprechen, aber er wusste bestimmt schon alles über mich. "Nein, sie lebte in einem Heim." Raynard sah nachdenklich aus. "Du auch?", fragte ich deshalb vorsichtig und sein Gesichtausdruck veränderte sich schlagartig.

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