Chapter 26

"Nie im Leben, das glaube ich nicht! Hast du ihn dir mal angesehen?" "Natürlich habe ich das! Aber ich kenne mich gut genug aus, dass ich weiß, dass er sich sehr wohl frei entschieden hat!" Schon seit längerem ging das so. Wie lange konnte ich nicht genau sagen. Die Polizisten hatten mich auf das Revier gebracht und stritten sich jetzt offensichtlich um mich. Der mit den grauen Haaren, der Raynard ermordet hatte, war sich sicher, dass ich mich ihm aus freien Stücken angeschlossen hatte und nicht gezwungen wurde. Der andere, dunkelhäutige, war vom Gegenteil überzeugt und begründete das mit meinem Aussehen und meinem Alter. Ich passte anscheinend perfekt in das Bild einer von seinen sonstigen Opfern und je länger sie sich darüber unterhielten, desto mehr entfachte ein Streit. Langsam konnte ich es nicht mehr ertragen. "Wer von ihnen ist Harry Bosch?", rief ich dazwischen und die beiden Männer sahen mich sofort an. Bislang hatte ich mich geweigert den Mund aufzumachen und das aus gutem Grund, aber ich hatte jetzt halbwegs die Zeit gehabt meine Gedanken zu sortieren und war zu dem Schluss gekommen es wäre schlau bei Harry Bosch anzufangen - dem Mann, den Raynard anscheinend gekannt hatte und der die Ermittlungen geleitet hatte. "Ich bin das", sagte der Grauhaarige bestimmt und schritt auf mich zu. Ich seufzte, denn ich hatte es erwartet. Bestimmt hätte Raynard sich von Harry Bosch umbringen lassen wollen, nicht von einem unbekannten Beamten. Jetzt, wo ich wusste, dass es sein Plan gewesen war zu sterben, fand ich das Ganze irgendwie weniger schlimm. Raynard hatte jetzt was er wollte, Frieden. Gerne wäre ich ihm gefolgt, gerne hätte ich den Frieden mit ihm geteilt, anstatt hier zu sitzen und alles mitzubekommen was er hinterlassen hatte. Jeder hier redete über ihn als wäre er krank gewesen, ein Psychopath, jemand der nicht ganz richtig im Kopf war und alle waren froh ihn los zu sein. Bislang hatte ich niemanden gesehen, der irgendwie traurig aussah. Warum sollten sie auch, sie verstanden es nicht. "Woher kennst du meinen Namen?", fragte Bosch. "Er hat ihn erwähnt", flüsterte ich und spielte nervös mit dem Reißverschluss meiner Jacke herum, weil ich Raynards Bild wieder so deutlich vor mir sah. "Er hat gesagt sie leiten die Ermittlungen. Und er hat ihnen ein Geschenk gemacht. Vor ein paar Tagen", setzte ich noch leiser hinzu. Bosch schien ganz offensichtlich empört und immer noch wütend, so wie schon die ganze Zeit. "Ein Geschenk? Und das hast du ihm abgekauft?" Ich wusste ganz genau, dass es sein Plan war mich herauszufordern. Er wollte, dass ich redete, dass ich erzählte warum ich da gewesen war, was ich wusste, wer ich überhaupt war. Und ich musste zugeben, dass er gut darin war andere Menschen wütend zu machen. Es kostete mich ein paar Sekunden mich wieder zu fassen. Ich schüttelte kaum merklich den Kopf. "Es war wohl ein nicht sehr tolles Geschenk, wenn sie so reagieren." Bosch schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, er schien es nicht mehr auszuhalten. Ich konnte es ihm nicht verübeln. Er hatte gedacht die Sache jetzt endgültig gelöst zu haben und in der tiefsten Nacht die es war, endlich Ruhe zu finden und nach Hause zu gehen. Ja, nach Hause. Das was jeder hier tun würde, wenn sie fertig waren. Jeden Tag aufs neue. "Raynard Waits hat eine Frau ermordet! Er hat es so aussehen lassen wie der Mord an meiner Mutter, er hat diese Frau, diese unschuldige Frau, umgebracht wegen mir! Er wollte mir eins auswischen, er wollte mich klein kriegen und gleichzeitig herausfordern! Und sogar an diesem Abend hat er es schon wieder geschafft seinen Willen durchzusetzen!" Frustiert raufte Bosch sich die Haare, ich hatte das Gefühl er war einem Nervenzusammenbruch nahe und ich bekam plötzlich Mitleid. Mitleid war hier so fehl am Platz, vorallem nachdem was passiert war. Ich versuchte Bosch anzusehen und darin den Mörder meines Freundes zu sehen, aber ich sah nur einen verzweifelten Mann. Genauso verzweifelt wie ich es war.

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top