Chapter 15

Es schmerzte ein wenig, dass Raynard mir nichts erklärt hatte. Aber er hatte bestimmt seine Gründe. Jeder hatte für alles immer Gründe. Oder sagte das zumindest. Denn manche Gründe waren so falsch oder ganz und gar nicht gerechtfertigt. War Raynard auch so jemand? Einer, der zwar Gründe hatte, aber wessen Gründe nicht gerechtfertigt waren? Weil sie zu leicht waren im Gegensatz zu dem Gewicht seiner Taten? Es mochte sein. Aber ich konnte ihn verstehen. Und darauf kam es für mich an. Nur hatte er mit seinen ausweichenden Antworten und Gegenfragen nur noch mehr Fragen bei mir ausgelöst. Wer war Raynard Waits wirklich? Und woher kannte er mich? Er musste mich doch kennen, oder? Oder hatte er das nur so gesagt? Ich versuchte mir sein Gesicht wieder vorzustellen und dann an früher zu denken. Kannte ich ihn vom Heim? Nein, völlig ausgeschlossen. Von der Straße? Woher denn? Vielleicht von irgendwann vor dem Heim? Hielt ich ihn überhaupt für so alt? Naja, ich war erst siebzehn. Er vielleicht so um die vierzig, also könnte das sogar noch hinhauen. Aber wer war er dann? Und wenn er mich als Baby gekannt hatte, dann hatte er mich doch gar nicht wirklich gekannt. Oder vertraute er vielleicht meinen Eltern so sehr, dass er mir auch direkt vertraute? Hatte er also meine Eltern gekannt? Ich stand schließlich auf und lief in die Küche, wo frischer Kaffee mich erwartete. Wo hatte Raynard denn geschlafen? Bestimmt nicht in dem Schlafzimmer bei der Leiche. Sie musste schon mindestens seit vorgestern dort liegen, bestimmt sah sie nun nicht mehr so normal aus. Bald würde sie verwesen, verfaulen, und es würde hier im Haus anfangen zu stinken. Sehr schlimm zu stinken. Auch mein Verstand meldete sich zu Wort. Dort lag eine Leiche in diesem Haus. Wie konnte ich noch so ruhig sein? Wie konnte ich hier bleiben und nicht panisch davon rennen? Ja, berechtigte Fragen. Vielleicht lag es an einer meiner anderen Gaben neben dem "kühlen Kopf" berechtigte Fragen gekonnt auszuweichen. Mit einer Tasse mit Kaffee in der Hand trat ich hinaus, um zu schauen, ob der Van noch da war und kurz von der Sonne angeschienen zu werden. Die ganze Zeit drinnen hocken tat Menschen nicht gut. Vorallem mir nicht. Zu meiner Überraschung war der Van da und Raynard war nicht damit weggefahren. Direkt fragte ich mich wo er dann sein könnte und ich lief schnell die Treppe, die zur Vordertür hinauf führte, hinunter, um in die Garage zu gehen. Die Garage war auch so ein gruseliger Ort. Hier drin schien auch keine Sonne, nur LED Lichter erleuchteten den Raum mit all den Geräten an den Wänden. Das Loch zum Tunnel war sorgfältig mit dem Tuch abgedeckt und ich entdeckte Raynard, wie er an einem Tisch saß und an irgendwas bastelte. Diesmal hatte er mich nicht bemerkt, denn als ich fragte was er machte zuckte er leicht zusammen. "Ich bin beschäftigt", murmelte er dann. Anstatt auf diese Aussage hin wieder zu verschwinden, weil er mich anscheinend nicht dabei haben wollte, fragte ich: "Kann ich denn nicht helfen?" Ich war nicht hier geblieben, um den ganzen Tag im Haus zu hocken mit dem Wissen, dass Raynard mit irgendwas Geheimnisvollem beschäftigt war und mich nicht dabei haben wollte. Er seufzte nur. "Das war der Grund warum ich sie umgebracht habe." Obwohl er es so leicht und einfach sagte und mich dabei immer noch nicht ansah, sondern in seine Arbeit vertieft war, bekam ich eine Gänsehaut und klopfte mein Herz plötzlich deutlich schneller. Wer war sie? Die alte Frau im Haus? Und hatte ich recht gehabt mit eine meiner Vermutungen vom Vortag? Hasste er es wenn man ihm widersprach? "Tut... tut mir leid", flüsterte ich schuldbewusst. Ich wollte nicht, dass er mich umbrachte. Natürlich wollte ich das nicht. Aber ich wollte sogar noch weniger, dass er sauer auf mich war.

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