Jetzt oder nie
Immer noch auf die Kopfgeldjägerin starrend stand Hicks wie gelähmt am Eingang des Saloons. Sie hatte er hier am wenigsten erwartet. Was machte sie hier? Und warum verlangte sie ausgerechnet von einem Pfarrer Geld, wobei sie doch bestimmt als Kopfgeldjägerin genug verdiente. Das machte alles keinen Sinn.
Finn war sicherlich ein Bekannter von ihr, wenn nicht sogar Familie. Das würde erklären, warum sie den weiten Weg durch die Ödnis zu diesem unbedeutenden Fleck gemacht hatte. Und anscheinend wurde der Job immer unbeliebter, weshalb sie keine Aufträge hatte und deshalb auch kein Geld besaß. Langsam fügte sich so einiges in Hicks Kopf zusammen, während er noch vor dem Saloon stand und die wenigen Leute, die da drinnen saßen langsam ihre Blicke zu ihm richteten.
Er erwachte aus seiner Starre und bemerkte die Aufmerksamkeit, die er bekam, und entschloss sich reinzugehen und dieses Mal zu versuchen, Informationen zu bekommen.
Der Saloon sah wie jeder andere aus, nur viel leerer und trostloser. Das Klavier in der Ecke sah aus, als wäre es Jahrelang nicht mehr benutzt worden. Staubige Tische mit dreckigen alten Stühlen standen im ganzen Raum herum, leer. Nur ein paar von ihnen wurden von wenigen Bewohnern genutzt, die lustlos aus ihren Getränken schlurften und in die Leere starren, als ob sie einander nichts zu erzählen hatten. Das eine oder andere Paar von Männern spielten Kartenspiele, aber sie scheinen sich keines Wegs zu amüsieren. Es war das komplette Gegenteil von dem Saloon in seinem Dorf. Es fehlte ihnen einfach an Gesellschaft.
Die Sonne stand schon etwas tief am Horizont und ließ noch den einen oder anderen Sonnenstrahl durch die staubigen und verdreckten Fenster. Hicks machte sich langsam auf den Weg durch den Saloon und ließ dabei seinen Blick unsicher durch die Gegend streifen. Warum machte er das hier? Es war hier doch überhaupt nicht sicher. Hicks sah kurz zu den Männern herüber, die grimmig ausschauten und auch noch finster dreinblickten, als würden sie nur darauf warten, dass der fremde Bursche einen Fehler machte und sie etwas mehr Aktion hatten. Er kniff seine Lippen zusammen und sah zum Tresen, den er gerade erreichte. Schweigsam setzte er sich hin, sich wohl bewusst, nichts bestellen zu wollen.
Während er sich noch fieberhaft überlegte, wie er die Kopfgeldjägerin ansprach und ihr ein Geschäft anbot, zumal er nicht so viel Geld bei sich hatte, leerte das wohl geldlose Mädchen ein Glas nach dem anderen. Sie war noch viel zu jung für eine ausgewachsene Frau und doch viel zu alt für ein Mädchen. Es war schwer ihr genaues Alter abzuschätzen, jetzt wo Hicks sie von nahem Betrachten konnte. Und bei den vielen Drinks, die sie trank wunderte er sich auch nicht, warum sie nach Geld bettelte.
„Was kann ich dir bringen?" fragte ein älterer Mann hinter dem Tresen, der gerade ein sauberes Glas in der Hand hielt und es weiterhin säuberte.
„Ich möchte nichts." Meinte Hicks und schüttelte kurz seinen Kopf. Der Mann fragte nicht weiter nach und begab sich zu der Kopfgeldjägerin, die nur ein paar Stühle weiter saß. Nervös sah Hicks auf seine Hände, die langsam anfingen unangenehm zu schwitzen. Wie sollte er sie dazu überreden ihn Informationen zu geben ohne gleicht wieder von ihr abgewiesen zu werden? Noch dazu war sie bewaffnet und gefährlich.
„So, das war's. Letzter Drink für heute" Sagte der Barkeeper und stellte der Kopfgeldjägerin ein weiteres Glas voll Alkohol hin. Der Kopfgeldjägerin schien das gar nicht zu passen und blickte den Besitzer funkelnd an.
„Das kann ich doch wohl selber entscheiden." Murmelte sie gereizt, sodass das Gespräch nur zwischen den beiden blieb.
„Ja, aber da du mir die halbe Flasche leer getrunken hast, sage ich, dass das der letzte Drink für heute ist."
„Pass auf Freundchen", knurrte sie angetrunken und stand dabei auf, wobei sie dem Barkeeper bedrohlich nah kam, „Ich nehme mir so viele Drinks wie ich möchte, und so jemand wie du kann mich nicht davon abhalten!" Der Barkeeper sah sie nur unbeeindruckt an.
„Verlass meine Bar."
Die Kopfgeldjägerin verzog ihren Mund, „Wie bitte?"
„Bezahl und verlass meine Bar. So jemanden wie dich brauche ich hier nicht."
Alle Gäste des Saloons sahen angespannt zu den beiden hin. Es herrschte totenstille. Es war sogar noch stiller als Hicks den Saloon betreten hatte.
Die Kopfgeldjägerin sah den Barkeeper weiter in die Augen, ehe sie den Stuhl mit ihrem fuß umschmiss, sich umdrehte und gerade gehen wollte, als der Barkeeper von irgendwoher ein Gewehr nahm und es auf sie richtete. Hicks starrte zum Gewehr und dann zur Kopfgeldjägerin, die stehen geblieben ist.
„Du hast vergessen zu bezahlen. Oder soll ich besser den Sheriff rufen lassen." Drohte der Barkeeper. Dieses Dorf hatte einen Sheriff?
Die Kopfgeldjägerin Antwortete, indem sie auch ihre Waffe zog und auf den Mann zielte. Wie aufgeschreckte Pferde sprangen die Männer von ihren Plätzen und wichen zurück. Hicks aber saß starr auf seinem Platz.
Die Anspannung knisterte zwischen den beiden, während sie mit der geladenen Waffe aufeinander zielten. Hicks musste etwas tun, denn sonst würde der Barkeeper die Kopfgeldjägerin erschießen ... oder sie ihn. Hicks blickte runter zu dem kleinen Beutel mit dem wenigen Geld, das er hatte. Es würde bestimmt reichen um ihre Drinks zu bezahlen. Zumindest hoffte er das.
Er holte das Geld raus und sah wieder zu den beiden, die sich kein bisschen gerührt haben.
„Ich sage das nur noch ein einziges Mal. Bezahl mit Geld, oder du bezahlst mit deinem Leben." Sagte der Mann ernst. Hicks zögerte, noch immer unsicher, ob er sich da wirklich mit einmischen wollte. Doch da die Kopfgeldjägerin angetrunken war, war nicht sicher, was sie genau tun wird, denn der Barkeeper schien nicht locker zu lassen.
Hicks griff nach dem Beutel, stand auf und warf ihn auf den Tresen vor den Mann, der perplex auf das Säckchen sah und dann den Blick auf Hicks richtete.
„Geht auf mich." Sagte Hicks. Der Mann senkte die Waffe und sah mit seiner nun freien Hand nach, ob es auch genug war, um die halbe Flasche zu bezahlen. Zufrieden nickte er und steckte das Geld weg und nahm dabei ganz die Waffe runter.
„Glück gehabt" meinte er dann nur noch zur Kopfgeldjägerin und wendete sich dann von ihr ab. Diese knurrte nur etwas Unverständliches vor sich her, steckte auch ihre Waffe ein und verließ den Saloon. Hicks folgte ihr nach draußen. Sie schwankte etwas auf ihren Beinen, aber hielt dann nach kurzer Zeit die Balance. Wie nun sollte Hicks sie darauf ansprechen, dass sie ihm Informationen geben soll, vor allem jetzt, da sie ihm etwas schuldet ... zumindest dachte er das.
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