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Schon am nächsten Tag sitze ich mit Eva im Wagen, bin auf dem Weg zu einem Studio, in dem die Promo-Bilder für die Show gemacht werden sollen. Meine Laune ist grundlos schlecht, vielleicht weil die Schnitte an meinen Armen offen sind und brennen wie Feuer.
Heute morgen habe ich mir nicht einmal die Mühe gemacht, sie abzudecken, weil sie so verdammt wehgetan haben. Meine Arme sind größtenteils unbrauchbar, ich laufe wie eine steife Schaufensterpuppe herum, deren Gliedmaßen man nicht richtig montiert hat.
Eva hat nur gelacht, als ich wimmernd und die Welt verfluchend den Sitzgurt angelegt habe. Bitch.
Die Hand, in der ich mein Handy halte, zittert, aber ich kann die vielen Bilder von Jimin dennoch gut erkennen. Die letzte Nacht habe ich praktisch nicht geschlafen, weil ich tausend verschiedene Videos von Jimin und den Bangtan Boys angeschaut habe.
Jetzt sind mir die Inside-Jokes geläufig und ich kenne die Namen von allen sieben Members. Irgendwie gruselig, wie viel ich jetzt über sie weiß, wie viel ich im Internet über sie gefunden habe.
Wäre ich jetzt ein paar Jahre jünger, ein etwas fröhlicher Mensch, dann wäre ich dem Zauber dieser Jungs wohl vollkommen erlegen. Dann wäre ich jetzt auf Twitter gegangen und hätte meine neu gefundene Liebe für BTS der Welt verkündet.
Aber das will ich nicht.
Da ist wieder dieses rebellierende Kind in mir, das nicht einfach nach Eva's Nase tanzen will und öffentlich zugeben, dass es jetzt gerne mit BTS arbeiten würde.
Das wäre zwar gut für die Show, aber die Show kann mich im Moment mal kreuzweise. Genauso wie Eva.
Also ist es kein Wunder, dass ich einfach still bleibe, als sie versucht, ein Gespräch mit mir anzufangen. Die Straße ist viel interessanter.
"Hast du den Sonnenaufgang heute morgen gesehen?", will sie vorsichtig wissen, schätzt die Situation ab. Das hat sie mich vorhin, kurz bevor wir losgefahren sind, auch schon gefragt, hat auch vorhin keine Antwort bekommen.
Schon den ganzen Tag sind wir einander aus dem Weg gegangen. Eva hat inzwischen ein Gespür für meine guten und schlechten Tage entwickelt, hält Abstand, wenn sie es für richtig erachtet.
Normalerweise vergrabe ich mich an solchen Tagen (oder Wochen) in meinem Bett und verlasse es nur, um die Toilette zu benutzen oder um mich bei Eva zu beschweren, weil das WLAN wegen ihr zu langsam ist.
Nur heute kann ich mich nicht vor der Öffentlichkeit, vor sozialen Interaktionen verstecken. Besonders schwer wird es dann werden, wenn ich von lächelnden Personen umgeben bin und selbst nicht einmal ein halbherziges Grinsen auf die Reihe bekomme.
Seufzend lehne ich meinen Kopf gegen das Fenster, lehne mich aber sofort wieder zurück, weil das Auto über eine Erhebung auf der Straße fährt, hüpft und ich mir ziemlich heftig den Kopf anstoße.
Für mich erklingt der Aufschlag mit der Scheibe nur dumpf, aber Eva scheint ihn dennoch gehört zu haben, gibt ein leises Kichern von sich.
Am liebsten würde ich einfach aussteigen und die wer weiß wie vielen Kilometer zurück zu unserem Apartment laufen. Dort würde ich mir dann eine Schüssel Ramen machen, auf meinem Laptop Netflix ansehen und mich ganz tief zwischen zahllosen Kissen und Decken verstecken.
Grummelnd reibe ich mir die Seite meines Kopfes, die unangenehm pocht. Ist ja nicht so, als hätte mein armer Kopf schon genug durchgemacht.
Ich sehe wieder auf mein Handy, reblogge abwesend ein Bild von Jimin, das ihn auf der Bühne, voller Energie, sein Gesicht von glänzendem Schweiß überzogen, Haare an seiner Stirn klebend, zeigt.
Das Bild gefällt mir, da er so froh, so frei aussieht. Klar, bis jetzt habe ich ihn auch schon lächeln gesehen, aber das Lächeln auf diesem Bild ist etwas anderes. Etwas tieferes.
Man sieht die Leidenschaft, das Feuer hinter seinen Augen, seine Liebe zum Rampenlicht und diese wilde Ausdruckskraft, die man auf vielen Bildern der Jungs sieht, nicht nur auf denen von Jimin.
Obwohl ich versuche, solche Gedanken im Zaum zu halten, kriecht einer von ihnen an die Oberfläche, dringt in mein Bewusstsein vor.
Ob die Leute auch schon solche Bilder von dir gemacht haben?
Sofort schalte ich den Handybildschirm aus und schüttle den Kopf, möchte mir selbst eine Ohrfeige geben.
Vor ein paar Jahren, als Eva und ich auf YouTube angefangen haben, da habe ich meinen Namen noch regelmäßig auf Social-Media gesucht, Kommentare und Bilder von Fans betrachtet.
Als wir dann 2014 mit unserem ersten Song, Your Body Belongs To Me, diesen plötzlichen Abonnenten-Schub erfahren haben, kamen auch mehr Leute dazu, die unseren Content nicht mochten.
Nicht, dass es davor diese Leute nicht auch schon gegeben hatte, aber Your Body Belongs To Me war und ist für mich der Song, den ich nicht veröffentlichen hätte sollen, der viel zu persönlich für mich ist.
Jedes schlechte Wort über den Song, selbst wenn es als konstruktive Kritik gemeint war, hat mir wehgetan.
Natürlich, Eva und meine Eltern haben mich dazu gedrängt, ihn nicht wieder zu löschen, weil er so emotional vollgepackt war, doch ich hätte sie einfach ignorieren sollen.
Diese eine Nacht, in der ich den Song wie einen Parasit zusammen mit meinen Gefühlen für ihn (Das habe ich zumindest versucht) von meiner Seele gekratzt habe, ist trotz zu viel Alkohol in meine Erinnerung gebrannt und kehrt manchmal in meinen Träumen zu mir zurück.
Der Song ist, bis heute, noch unverändert, quasi die erste Fassung, das Orginal. Das zerknitterte Hotelnotizblatt, auf das ich ihn gekritzelt habe, auf dem sich mein Schmerz in Worten manifestiert hat, hat Eva vor mir versteckt, damit ich es nicht wegwerfe oder verbrenne oder ähnliches.
Es ist zu wertvoll, argumentiert sie immer, wenn ich es von ihr haben möchte.
Gleich am Tag nachdem ich den Song geschrieben hatte, habe ich Eva meine Gitarre in die Hand gedrückt, ihr die Akkorde gegeben und mich zusammen mit ihr vor die Kamera gesetzt, gesungen.
Heute weiß ich, dass das voreilig, naiv und dumm gewesen ist, aber damals hatte ich nichts lieber tun wollen, als mein blutendes, zertretenes Herz der Welt zu präsentieren.
Und ihm zu zeigen, dass er mich vielleicht gebrochen hatte, aber mir nicht alles nehmen konnte (fast alles, aber trotzdem).
Ich wollte zeigen, dass da noch die Musik war und die Musik konnte nicht einmal er mir nehmen.
Und damit hatte ich recht.
Fast zumindest.
Denn, obwohl viele den Song mochten, waren viele der Kommentare unter dem Video negativ, kritisierten meine an manchen Stellen fast schon schreiende Stimme oder die anstößigen Lyrics.
Hinzu kamen dann auch noch die typischen, besonders fiesen Internet-Trolls, die mir den letzten Tritt gegen meinen sowieso schon verletztes Selbstbewusstsein gaben.
Damals habe ich mir geschworen, dass ich nie wieder etwas über mich lesen oder ansehen würde. Diesen Schwur habe ich bis jetzt zwar nur so halbwegs eingehalten, habe ein paar Kritiken unseres Albums gelesen, aber jetzt gerade will ich noch einen Schritt weiter gehen.
Ich will meinen Namen in die Tumblr-Suchleiste eingeben.
Meine Finger sind schneller als mein Kopf, tippen, und ehe ich mich versehen kann, habe ich schon auf den Suchen-Knopf geklickt.
Mein Herz springt mir fast aus der Brust, als tatsächlich Bilder und Blogs vor meinen Augen aufgelistet werden. Kurz muss ich wegsehen, Mut sammeln, ehe ich wieder hinsehe.
Unser YouTube-Channel, den größtenteils Eva betreibt, ist die Quelle von vielen der Bilder, aber ein paar sind tatsächlich von Konzerten, die wir gegeben haben.
Gleich das erste zeigt mich mit einem angewiderten Ausdruck im Gesicht, als ich einen lila Dildo von der Bühne kicke. Daran kann ich mich noch erinnern. Das war bei einem Festival in Miami, bei dem alle Anwesenden quasi dauerbesoffen waren und alles drunter und drüber gegangen ist.
Es war lustig, ist noch nicht einmal so lange her. Zwei Monate, vielleicht drei. Das war kurz nachdem unser Album erschienen ist.
Zum ersten Mal heute muss ich grinsen, als ich an den chaotischen Abend zurückdenke.
Auch das nächste Bild stammt von dem Festival. Eva und ich stehen Hand in Hand vor der Menge, winken und sehen so, so glücklich aus.
Dabei war ich an diesem Tag nicht einmal so glücklich. Eigentlich war ich an diesem Tag überhaupt nicht glücklich.
Es war arschheiß, die Leute waren alle verschwitzt und die Luft hat nach Erbrochenem gerochen. Ich war an diesem Tag nicht gut aufgelegt.
Kurz halte ich Inne. Dann drehe ich mich zu Eva, die gestresst den Anweisungen des Navis folgt, das versucht, uns durch den dichten Verkehr in Seoul zu führen.
"Eva, kann man Fröhlichkeit unbewusst vortäuschen?"
Verdattert blinzelt sie mich für einen Moment an, schüttelt dann den Kopf. "Nein, ich glaube nicht, Asha."
"Warum nicht?"
"Weil man Fröhlichkeit einfach nicht vorspielen kann. Das müsstest du doch am besten wissen."
"Aber unterbewusst."
Sie zuckt mit den Schultern, ihre Augen auf der Straße. "Nein, auch nicht unterbewusst. Was soll die plötzliche Fragerei? Die ganze Zeit ignorierst du mich und jetzt fragst du mich danach, ob man Fröhlicheit vortäuschen kann?"
Von ihrer Antwort enttäuscht drehe ich mich wortlos wieder von ihr weg, sehe zurück auf meinen Handybildschirm. Mit ein paar schnellen Berührungen habe ich meine Tumblr-Seite geladen und kann direkt auf das erste Bild blicken.
Das Bild von Jimin.
Er lächelt noch so, wie er es vorhin schon getan hat, aber jetzt frage ich mich, ob auch er manchmal einfach nur vortäuscht.
N O T E :
Ich weiß, dass dieses Kapitel ein Filler ist, aber ich hatte dieses Kribbeln in den Fingern, ich wollte ein bisschen sinnloses Zeug schreiben.
Für Kapitel 10 steht eigentlich etwas ganz anderes in meinen Notizen hELP. Jetzt wird meine ganze Planung über den Haufen geworfen.
But, whatever.
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- Nadja
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