15 - überarbeitet
Es kostete endlos viel Kraft das Zimmer zu verlassen, die Treppe herunter zu gehen, mich in den Speisesaal zu setzen und auf Rosalie und Lena zu warten, aber ich tat es. Ich musste zu Abwechslung mal für die beiden da sein. War Armand zu mir gekommen, um mir zu sagen, dass er mir Rosalie nehmen würde?
Die beiden schlichen fast, als sie endlich den Saal betraten.
„El, was ist passiert?" Lena hätte sich am liebsten auf meinen Schoß gesetzt, so nah zog sie ihren Stuhl an meinen.
„Prinz Armand..." Rosalie rückte genauso nah. „Er war bei dir, richtig?" Ich regte mich nicht, wartete, das sie mir erzählen würden, woher sie das schon wieder wussten.
„Ich habe ihn im Flur gesehen. Er hat getobt, wie ein wütender Stier."
„Und ich bin ihm in der Eingangshalle begegnet, er hat eine dieser historischen Rüstungen von der Brüstung gestoßen." Rosalie zuckte bei dem Gedanken zusammen.
„Wie war euer Date?", wollte ich von ihr wissen, ohne eine Antwort zu geben.
Sie lehnte sich zurück, strich ihr Haar verlegen hinters Ohr. „Er wird mich nicht rausschmeißen." Sie war zögerlich. „Ellie." Etwas brannte ihr auf der Seele. „Du musst uns sagen, was hier los ist. Die anderen Mädchen bekommen es vielleicht nicht mit, aber wir sind nicht blind." Was sollte ich darauf antworten? Schweigend starrte ich in die Runde.
„Wir sehen vielleicht nicht so viel wie du, aber wir sind gute Schülerinnen, weißt du?" Lena rückte mir noch mehr auf die Pelle. „Ich habe mit Narvik gesprochen." So schnell konnte man meine Aufmerksamkeit gewinnen. Lena genoss es sichtlich, mich auf die Folter zu spannen. Ihr Gesicht war so nah an meinem Ohr, dass ihr Atem auf meiner Haut kitzelte.
„Er sagt, dass Prinz Armand dich entweder abgrundtief hasst, oder -" Ihre dramatische Pause kostete sie fast den Kopf, denn ich war bis zum Zerreißen angespannt. „Oder du bist die Liebe seines Lebens."
Die Anspannung befreite sich in Form eines hässlichen, bitteren Lachens. Rosalie legte genervt ihren Finger an die Lippen.
„Ellie, was glaubst du, warum er bei dir war?"
Es war eine Frage, von der sie dachte, die Antwort zu kennen, doch ich versaute ihr ihre romantische Pointe. „Um mich in meinem eigenen Blut liegen zu lassen." Ich deutete auf meine Wange. Die blauen Flecken waren zwar meisterlich überschminkt, aber die leichte Schwellung konnte man auch mit Kühlen und Kräutercremes nicht vertuschen. Ein Thronfolger, der Frauen so zurückließ, welch vortreffliche Wahl. Beide sogen scharf die Luft ein.
„Er hält mich für einen Royalisten." Ich spuckte die Worte wie übelschmeckendes Gift.
Die Augen meiner Freundinnen waren unnachgiebig auf mich gerichtet. „Und? Bist du eine?"
Wir hatten kein einziges Mal ehrlich darüber gesprochen. Zwar waren wir gemeinsam meinen Eltern auf die Schliche gekommen, aber wie es um mich stand, hatte ich ihnen nie aufrichtig Preis gegeben. War jetzt der richtige Zeitpunkt?
Die Gruppe an Bewerberinnen war so schnell ausgedünnt worden, dass niemand mehr in unserer Hörweite saß. Wir konnten uns also ungestört beim Essen unterhalten – natürlich nur im Rahmen der guten Sitten, da Rosalie uns sonst noch vor jedem Ordner tadelte. Ich musste meinen Mut zusammen nehmen, wenn ich es jetzt nicht tat, würde ich es nie tun, egal ob es der ‚richtige Zeitpunkt' war. Wahrscheinlich gab es sowas gar nicht für diese Art der Information.
„Ich bin genau das Gegenteil", flüsterte ich. „Der Grund, warum ich keinen der Prinzen heiraten werde, ist, dass ich Teil einer aufständischen Gruppe bin." Keine der beiden war annähernd so erschüttert, wie ich es erwartet hatte.
„Also daher deine Talente." Rosalie lehnte sich zurück, aß für einen Moment still und nachdenklich.
Wir hatten eine ganze Weile ohne weitere Unterhaltung gegessen, als Rosalie sich unerwartet zu mir umdrehte. „Sind wir im Krieg?"
Lenas Gabel fiel klappernd auf den Teller. Die beiden hatten ein Recht, es zu erfahren.
„Ich denke ja", gestand ich trocken. Hätte Lena ihre Gabel in der Hand gehabt, sie hätte sie wieder fallen gelassen.
„Prinz Armand hat mir angeboten, dass ich nach Hause gehen dürfte. Er wollte wissen, ob ich mich fürchte."
Langsam nickte ich. Ein Gedanke drängte sich mir auf. War er deshalb in meinem Zimmer gewesen?
„Was hast du gesagt?" Lena lehnte wieder halb auf meinem Schoß.
„Natürlich habe ich Angst, aber ich kann doch jetzt nicht gehen!" Rosalie war entschlossen. Wir tauschten Blicke und ich entdeckte etwas, dass ich vorher nicht beachtet hatte. Rosalie hatte ebenso viel Krieg in sich, wie ich.
„Prinz Narvik hat mich etwas Ähnliches gefragt", gestand Lena schließlich. Wir drehten uns zu ihr. Das Feuer in ihren Augen brannte. „Wisst ihr, was unser Date war?" Sie schien begeistert und ich war völlig perplex über ihren Themenwechsel. „Wir waren Bogenschießen." Sie grinste übers ganze Gesicht. „Bogen." Sie lachte, als hätte sie einen Witz gemacht. „Wusstet ihr, dass Narvik ein schnellerer Schütze, als beide seine Brüder ist?" Es klickte. Offiziell waren sie Bogenschießen gewesen. Natürlich. Lena war ja in einer militärisch-orientierten Familie aufgewachsen, sie würde sich nicht mit mittelalterlichen Waffen zu Frieden geben.
Ein Plan nahm Form in mir an.
„Rosalie." Ich warf scheinbar beiläufig einen Blick durch den Raum. „Wie hast du uns den Archivschlüssel besorgt?" Es fiel ihr nicht leicht es mir zu sagen, aber hier vor den Augen aller –und doch völlig unsichtbar- bildete sich gerade ein Bündnis, das ich nicht erwartet hatte.
„Ich habe jemanden verführt." Ich nickte. Natürlich. Dieses Sexappeal, das sie hatte, obwohl alles an ihr so rein und unnahbar wirkte. Sie hasste ihre Eltern, sie wollte unter keinen Umständen Königin werden – weil sie es ihren Eltern nicht gönnte, so eine Verbindung zu haben. Rosalie nickte, ohne dass ich es sagen musste. „Ich wurde darin geschult." Am liebsten hätte ich mich bei dem Gedanken daran übergeben, aber ihr zu liebe reagierte ich nur flüchtig. Nach dem Essen war aus meinem Plan unser Plan geworden.
Wir trafen uns in meinem Zimmer und zum ersten Mal erzählte ich den beiden alles – fast alles, denn ich ließ Azrael, der in Wirklichkeit Armand war aus. Ich erzählte ihnen, was ich am Nachmittag gemacht hatte, von der Begebenheit des Grundstücks, von den möglichen Fluchtrouten.
„Ist es wirklich so gefährlich?", wollte Lena wissen.
„Ich weiß es nicht." Wir hatten kaum Licht in meinem Zimmer gemacht. Warum, wusste ich nicht, aber es passte zu dem geheimniskrämerischen Charakter unserer Unterhaltung.
„Ich verstehe es jetzt." Es waren mehr meine Gedanken, als wirklich für die anderen bestimmt. „Wenn man in so einem goldenen Käfig lebt, dann weiß man gar nicht, dass es ein Käfig ist."
Ich dachte an die Zeitung von Ismael. Die Berichterstattung war so einseitig. Wenn ich mir vorstellte, was da draußen tatsächlich passierte, brannte unkontrollierter Hass in mir hoch.
„Wir denken, dass wir euch egal sind, aber unser Schicksal dringt einfach nicht zu euch durch." Ich distanzierte mich nicht bewusst von den beiden, aber sie verstanden mich und nahmen es mir nicht übel. Es stimmte ja. Sie hatten nicht geahnt, wie es bei uns zuging. Ich hatte mich abgeschminkt und festgestellt, dass mein Veilchen nicht so schlimm war, wie ich erwartet hatte.
Meine Gedanken ordneten sich zum ersten Mal.
„Vielleicht war Armand deshalb bei mir." Rosalie und Lena hatten fast verdrängt, dass er da gewesen war, bis sie den blauen Fleck gesehen hatten, der sich über meine Gesichtshälfte zog - die schlimmeren Wunden hatte ich für mich behalten.
„Ich kann annähernd erahnen, was da draußen vor sich geht. Wenn er weiß, dass ich kämpfen kann" – und das wusste er - „war er vielleicht hier, um mich zu warnen." Die beiden konnten meinen Gedanken nicht wirklich folgen, wollten mir aber auch nicht widersprechen.
„Ellie..." Rosalie rückte näher zu mir, legte ihre Finger an mein geschwollenes Gesicht. „Du weißt, dass er dir hätte helfen müssen?" Ich senkte den Blick. Natürlich wusste ich das. Kein anderer Mann auf diesem Planeten würde sich je trauen, mich so zu behandeln. „Und..." Jetzt schlug sie verlegen die Augen nieder. „Armand ist niemand, der..."
„Auch wenn er der Kronprinz ist, wenn du willst, polier ich ihm so richtig..." unterbrach Lena Rosalie grob. Erschöpft ließ ich mich auf mein Bett fallen. Die beiden meinten es nur gut und in jeder anderen Situation hätten sie ja Recht gehabt, aber Armand und ich...
„Ist das nur dein Hass auf die Königsfamilie?" Rosalie machte sich weitaus mehr Gedanken, als ich. Nach außen musste es tatsächlich so aussehen, als wäre ich ein Miststück, das mit der Obrigkeit nicht klar kam.
Langsam schob ich mich auf den Ellbogen hoch. Lena verstand genauso gut wie Rosalie, was hier passierte, aber sie machte sich nicht halb so viele Gedanken dazu.
„Ist es etwas Persönliches?" Ihr Schuss ins Blaue war ein Volltreffer und ich konnte die Scham nicht verbergen. Ich wusste, dass ich mich wie ein kleines Kind verhielt.
„Ich kann es nicht lassen. Nichts auf dieser Welt bereitet mir so viel Befriedigung, wie ihn leiden zu sehen."
Wir verbrachten die nächsten Abende nicht mehr in dem Archiv, sondern in diversen Räumen, die ich während meiner nächtlichen Erkundungen entdeckt hatte. Sie waren allesamt geräumig genug, um den beiden die Grundlagen der Selbstverteidigung beizubringen, ohne das Mobiliar zu beschädigen.
„Scheiße El, bist du stark!", keuchte Lena erschöpft. Ich machte ein spöttisches Geräusch.
„Was hast du erwartet?" Wir lachten, obwohl die Situation von Tag zu Tag ernster wurde.
„El." Lena setzte sich auf den Fußboden. „Kann es nicht sein, dass das alles nur ein Test ist?"
Ich setzte mich zu ihr, gönnte den beiden eine Pause.
„Zuerst habe ich das auch gedacht."
Lena war ein Naturtalent, aber Rosalie tat sich schwerer. Sie vergaß sogar ihre guten Manieren und ließ sich neben Lena auf den Fußboden fallen. Arme und Beine von sich gestreckt. „Sie haben bei vorherigen Wahlen tatsächlich ähnliche Tests gemacht, aber nie in diesem Ausmaß."
Ich wartete, bis beide sich genug erholt hatten, um mir aufmerksam zuzuhören. „Die Prinzen riskieren gerade, keine Frau zu finden, indem sie systematisch alle Mädchen warnen. Es ist nicht nur eine dezente Warnung, manche Mädchen wurden von ihren Eltern aus dem Wettbewerb geholt, weil sie fürchten, dass sie Ziel eines Anschlags werden können."
Rosalie stützte sich auf die Ellbogen.
„Ist das realistisch?" Schulterzucken.
„Sollte ein Anschlag auf das Schloss Erfolg haben und einige der Mädchen getötet werden, wäre das ein gefundenes Fressen für die Anti-Monarchie-Fraktion. Wie soll jemand ein Land regieren, wenn er nicht mal eine Handvoll Mädchen beschützen kann?" Es beruhigte und beunruhigte mich gleichermaßen, dass die beiden verstanden. Übertrieb ich vielleicht wirklich? Würden die beiden mich für lächerlich halten, falls nichts geschah?
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